Montag, 7. März 2022
-Es gilt das gesprochene Wort-
Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Frauen!
Am Vorabend des Internationalen Frauentages heiße ich Sie auf das Allerherzlichste Willkommen – hier im Großen Redouten Saal der Hofburg.
Die Vorfreude auf den heutigen Abend war groß. Ich war fast ein wenig aufgeregt: so, als stünde ein Wiedersehen mit einem Menschen bevor, den ich sehr lange – zu lange – nicht mehr gesehen habe.
Eigentlich kein Wunder: die letzte Frauentagsveranstaltung im Parlament, bei der es möglich war, die geballte Energie physisch anwesender Frauen zu spüren, liegt auf den Tag genau drei Jahre zurück. Dazwischen gab es virtuelle Zusammenkünfte. Aber ich denke, Sie werden mir recht geben: beides probiert – kein Vergleich!
Als wir das letzte Mal hier, am 7. März 2019, also vor drei Jahren, den Frauentag im Großen Redoutensaal feierten und an die ersten acht weiblichen Abgeordneten des Nationalrats erinnerten, da wussten wir noch nichts über Corona. Damals war übrigens auch Burgschauspielerin Dorothee Hartinger in unserer Mitte, sie lieh ihre Stimme den Pionierinnen Emmy Freundlich und Hildegard Burjan.
Bei dieser Zusammenkunft war es das Selbstverständlichste der Welt, einander zu begegnen, Hände zu schütteln und Umarmungen auszutauschen. Abstandsregeln und Lockdowns waren uns ebenso unbekannt wie Home-Schooling oder 3-G-Regeln.
Das Virus trat einige Monate später in unser aller Leben und veränderte es nachhaltig. Es war der Beginn eines gesundheits- und gesellschaftspolitischen Ausnahmezustandes mit Eingriffen in die Grund- und Freiheitsrechte.
Und gleichzeitig gerieten wir Frauen ganz besonders unter Druck. Denn die Aufteilung neuer Aufgaben folgte alten Rollenbildern: z.B. das unbezahlte Homeschooling war ganz schnell – und scheinbar selbstverständlich – Sache der Mütter.
Wie ein Brennglas hat die Pandemie Probleme verstärkt, mit denen wir schon lange zu kämpfen haben: prekäre Arbeitsverhältnisse, die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern und die ungerechte Entlohnung in den sog. systemrelevanten Frauenberufen - vom Pflegeheim über den Kindergarten bis zum Supermarkt.
Leider hat dieser “Verstärker-Effekt“ auch bei dem Thema zugeschlagen, mit dem wir uns heute Abend beschäftigen wollen. Während der Corona-Pandemie ist es weltweit zu einem Anstieg von Gewalt gegen Frauen gekommen. UN Women spricht von einer Schattenpandemie.
Während der Lockdowns wurden wir vom öffentlichen Raum in die eigenen vier Wände gedrängt. Spätestens seit Johanna Dohnal wissen wir, dass gerade für Frauen, die eigenen vier Wände, der gefährlichste Ort sind.
Allein in Österreich wurden im Vorjahr 31 Frauen ermordet. 31 Frauen. 31 Schicksale. Sie waren Mütter, Großmütter, Töchter, Schwestern, Freundinnen oder Kolleginnen. Sie wurden brutal aus dem Leben gerissen. In fast allen Fällen vom Partner oder Ex-Partner. Die Jüngste war 13, die Älteste 86 Jahre alt.
Wir wissen nichts von ihren Träumen und auch nichts darüber, was sie in ihrem Leben noch vor hatten.Wir können nur erahnen, was sie bereits hinter sich hatten. Denn: Frauenmorde sind oft das furchtbare Ende einer langen Gewaltgeschichte. Einer Gewaltgeschichte, die irgendwann als Liebesgeschichte begonnen hat.
Femizide sind die furchtbarste Spitze eines Eisberges von tagtäglicher Gewalt. Ein Blick in die polizeiliche Statistik macht es deutlich:
13.600 Mal wurde im Vorjahr ein Betretungs- und Annährungsverbot über einen Gefährder verhängt. Das sind 37 Betretungsverbote pro Tag. 37 – Tag für Tag. Ein Anstieg von 55% seit Beginn der Pandemie.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Wir wissen – Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Ob psychische, körperliche, sexualisierte oder ökonomische Gewalt: Immer geht es dabei um die Ausübung von männlicher Macht und Kontrolle. Täter setzen Gewalt ein, um ein Machtgefälle aufrecht zu erhalten. Gewalt gegen Frauen ist daher auch immer Ausdruck patriarchaler Verhältnisse. Wenn es um den Schutz von Frauen geht, sind: die schützenden Wände von Frauenhäusern, die hohe Expertise von Gewaltschutzexpertinnen, ein starkes Gewaltschutzgesetz und die Sicherheit durch Justiz und Polizei unverzichtbare Säulen.
Um das Problem jedoch bei der Wurzel zu packen, braucht es noch mehr: nämlich eine proaktive Frauenpolitik, um Frauen gleiche Chancen, gerechte Einkommen und damit ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
Der morgige Weltfrauentag ist ein guter Anlass, um dies abermals und mit Nachdruck einzufordern!!!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Die Stimmen der betroffenen Frauen sind meist sehr leise. Sie sind leise aus Angst und manchmal auch leise vor Scham. Die heutige Lesung soll von Gewalt betroffenen Frauen eine laute Stimme verleihen. Und sie soll unseren Blick für die Wunden und Narben schärfen, die die Gewalt an Körpern und Seelen – und letztlich auch in unserer Gesellschaft hinterlässt.
Ich danke Julya Rabinowich, für die künstlerische Leitung des Abends und die hohe Sensibilität, mit der sie die Texte ausgewählt hat. Das Schöne an den Texten ist, dass sie uns auch Hoffnung geben, denn Hoffnung gibt uns Kraft und Mut. Und die brauchen wir!
Ich danke den drei großartigen Burgschauspielerinnen Dorothee Hartinger, Dörte Lyssewski und Sabine Haupt, die die Texte für uns lesen werden. Danke, dass Sie bei uns sind.
Bevor ich den Künstlerinnen das Wort übergebe, möchte ich aus aktuellem Anlass, einen weiteren wesentlichen Aspekt des Weltfrauentages ansprechen.
In seiner über 100jährigen Geschichte ist der Frauentag immer auch ein Tag der Internationalen Solidarität und des Friedens! Deshalb lasse ich den Krieg in der Ukraine nicht unerwähnt. Millionen Menschen kämpfen um ihr Überleben oder fliehen vor dem Krieg. Krieg – die schlimmste und verheerendste Form von Gewalt.
Ich denke, Österreich ist auch in der Ukraine-Krise gut beraten, weiterhin an der Neutralität und ihrem friedensstiftenden Charakter festzuhalten.
Und wir sind auch gut beraten, keinen Zweifel an unserer identitätsstiftenden Neutralität aufkommen zu lassen. Aktive Neutralitätspolitik bedeutet, wir beteiligen uns nicht an militärischen Auseinandersetzungen. Die Neutralität verpflichtet uns umso mehr zur Solidarität.
Auch daran erinnert uns der Weltfrauentag, als Tag der Internationalen Solidarität.
Ich wünsche Ihnen und allen Frauen, einen friedlichen und glücklichen Weltfrauentag 2022.