Transkript der Veranstaltung:

„Aus Widerstand und Solidarität“ – 75 Jahre Volkshilfe

Eva Pölzl (Moderatorin): Schönen Nachmittag, sehr verehrte Damen und Herren, herzlich willkommen! Wahnsinn, jetzt muss ich gleich wirklich Danke sagen für Ihre Disziplin, wir alle sitzen hier nämlich schon seit 10 Minuten – weil ich kurz einen Aufruf gemacht habe, man möge langsam Platz nehmen; aber Sie machen das so toll, danke schön!

Wir freuen uns sehr, Sie hier, in diesem schönen Rahmen, an diesem schönen Ort begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Eva Pölzl, und ich habe bis zum Schluss mit Erwin Berger und den Kollegen und Vertretern der Volkshilfe hier geschaut: Wer kann denn eigentlich heute kommen? – Sie können sich vorstellen, wir haben hier eigentlich eine überbuchte Veranstaltung geplant, und krankheitsbedingt, coronabedingt, pandemiebedingt ist es so, dass doch einige absagen mussten. Denen schicken wir ganz liebe Grüße, und da darf ich jetzt auch gleich: Hallo, guten Nachmittag!, zu allen sagen, die uns heute via Livestream auf Facebook begleiten.

Wir haben etwas zu feiern: nicht nur 75 Jahre Volkshilfe – tolles Jubiläum, das eigentlich schon am 21. März war und jetzt hier, in diesem würdigen Rahmen, gefeiert wird –, sondern wir dürfen Ihnen heute ein Buch vorstellen, das sich mit der Geschichte der Volkshilfe auseinandergesetzt hat und das tut: „Aus Widerstand und Solidarität“ – 75 Jahre Volkshilfe. Heute wird es präsentiert, und wir möchten es Ihnen vorstellen.

Das erste große Dankeschön darf ich jetzt gleich in Richtung Doris Bures, Zweite Präsidentin des Nationalrats im Parlament, aussprechen, weil wir dank Ihnen heute hier sein dürfen. Sie haben diese Feier ermöglicht, und das ist wunderbar. – Herzlich willkommen und danke schön! (Beifall.)

Eine besondere Freude ist es uns auch, dass Herr Bundespräsident Alexander Van der Bellen Zeit gefunden hat und heute hier ist. – Danke schön. (Beifall.)

Wir freuen uns sehr über die früheren, ehemaligen Bundesminister und -ministerinnen, das ist zum einen Dr. Ines Stilling – herzlich willkommen; da ist sie, Entschuldigung! (Beifall) – und Alois Stöger – schön, dass Sie da sind, grüß Gott! (Beifall.)

Der langjährige Präsident der Volkshilfe Österreich und frühere EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer ist heute auch unter uns. – Schön, dass Sie da sind, grüß Gott! (Beifall.)

Wir freuen uns heute über viele interessante Gesprächspartner, Vortragende, und da sind mit dabei: der Präsident der Volkshilfe Österreich Dr. Ewald Sacher – einen schönen Nachmittag! (Beifall) –, der Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich Erich Fenninger – herzlich willkommen! (Beifall) –, und der Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Alexander Emanuely. Sie sind der Autor des Buches – wir freuen uns, dass Sie da sind! (Beifall.)

Stellvertretend für alle aktiven und ehemaligen Abgeordneten zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates dürfen wir Korinna Schumann von der Bundesratsfraktion der SPÖ ganz herzlich begrüßen. (Beifall.)

So viele sind auch aus den Bundesländern gekommen: die Vertreter der Landesorganisationen, ehemalige Präsidentinnen und Präsidenten. – Schön, dass Sie da sind, herzlich willkommen! (Beifall.)

Last, but not least darf ich natürlich alle Vertreterinnen und Vertreter der Interessengemeinschaften beziehungsweise Interessenvertretungen in den Bereichen Wirtschaft und Verwaltung und Soziales ganz herzlich zu unserer Feier begrüßen. – Schön, dass Sie da sind! (Beifall.)

Liebe Frau Gastgeberin Doris Bures, Frau Präsidentin, sind Sie bereit? – Dann freuen wir uns auf Ihre einführenden Worte. – Danke schön. (Beifall.)

Doris Bures (Zweite Präsidentin des Nationalrates): Vielen herzlichen Dank, liebe Eva Pölzl! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Sehr geschätzter Herr Bundespräsident! Liebe Freundinnen und Freunde der Volkshilfe! Ich freue mich wirklich sehr, dass wir das Jubiläum zum 75-jährigen Bestehen der Volkshilfe heute auch hier im Parlament feiern können. Im Zentrum steht das schon erwähnte Buch „Aus Widerstand und Solidarität“. Herr Emanuely, ich finde: ein wirklich schöner Titel, den Sie diesem Buch da gegeben haben.

Dieses Buch lenkt den Blick auf die stolze Geschichte einer traditionsreichen und von tief greifenden politischen Erfahrungen geprägten Wohlfahrtsorganisation aus dem Herzen der österreichischen Arbeiterbewegung, und mein Blick fiel auch gleich am Anfang auf die Widmung in diesem Buch: Dieses Buch wurde der ehemaligen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer gewidmet, jener Barbara Prammer – und alle, die sie kannten, wissen es –, die sich immer für soziale Gerechtigkeit, für Chancengleichheit und gegen Ausgrenzung eingesetzt hat, und ich werte diese Widmung als aufrichtige Geste der Wertschätzung von euch an sie.

Auch die Geschichte eurer großartigen Organisation wurde stets von mutigen und von unbeugsamen und aufrechten Frauen geprägt. Deshalb war es sicher auch kein Zufall, dass 1947 Luise Renner, sozusagen die First Lady, die erste Präsidentin der neuen Volkshilfe wurde.

Die Grundsätze sowohl der Societas der Ersten Republik sowie der Sozialistischen Arbeiterhilfe im antifaschistischen Widerstand und der neu gegründeten Volkshilfe eben nach dem Zweiten Weltkrieg sind vom Leitmotiv der Solidarität geprägt: Solidarität mit allen Menschen, ganz unabhängig von ihrer Religion, ihrer Herkunft, der Nation oder auch ihrer Weltanschauung. Im antifaschistischen Widerstand sowohl gegen den Austrofaschismus wie auch gegen den grausamen Naziterror spielte die SAH eine entscheidende Rolle, von der Unterstützung von Opfern des faschistischen Regimes und deren Angehörigen bis hin zur Flüchtlingshilfe. So wurde auch das lebensrettende Flugticket für Bruno Kreisky 1938 von der Sozialistischen Arbeiterhilfe organisiert.

Besonders wichtig waren dabei auch immer internationale Hilfswerke der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung. Der internationale Matteottifonds half finanziell, entsprechende Logistik aufzubauen. Viele Funktionäre und Vertrauensleute landeten deshalb in Gestapohaft und im KZ und mussten ihre antifaschistische Haltung und ihre Solidarität mit ihrem Leben bezahlen. Diese opferreiche Geschichte eurer/Ihrer Organisation, diese tief greifende Tradition an Humanität, an Solidarität, an Freiheitswillen lebt bis heute fort, und die Volkshilfe hat auch nie vergessen, woher sie kommt.

Seit 75 Jahren, einem Dreivierteljahrhundert, ist die Volkshilfe immer dort, wo sie gebraucht wird: ganz nah an den Menschen, die Unterstützung benötigen. In unzähligen Einrichtungen und an ganz unterschiedlichen Orten helft ihr all jenen, die auf Hilfe angewesen sind. Die Volkshilfe kümmert sich – also ihr kümmert euch – um die Sicherstellung von Pflege und Betreuung, um Armutsbekämpfung – im Besonderen um die Bekämpfung der Kinderarmut –, um Integration und Asylarbeit und um internationale Entwicklungszusammenarbeit. Gelebte internationale Solidarität gehört, wie ich auch schon gesagt habe, aus ihrer langen Tradition zur sozusagen historischen DNA der Volkshilfe.

Liebe Freunde! In zweifelsohne schwierigen, manchmal auch als düster zu beschreibenden und teilweise auch sehr beklemmenden Zeiten, in denen in Europa ein völkerrechtsverletzender blutiger Krieg von Putin vom Zaun gebrochen wurde, steht die Volkshilfe natürlich wieder bereit, um den von Flucht und Krieg erschütterten Menschen zur Seite zu stehen. Dieser furchtbare Ukrainekrieg erschüttert uns alle. Viele bemühen jetzt die sogenannte militärische Logik, fordern Waffen und reden ausschließlich der Aufrüstung das Wort. Manche wollen die Neutralität kleinreden und spekulieren auch insgeheim mit Nato-Beitritt oder einer Nato-Involvierung.

Gerade in diesen Tagen, in denen wir mit diesen grausamen Kriegsberichten konfrontiert sind, gilt es, denke ich, jedoch festzuhalten: Die österreichische Neutralität hat niemals Gesinnungslosigkeit bedeutet, die österreichische Neutralität schreibt im Wesentlichen jedoch fest, dass wir eben an keinen kriegerischen Handlungen teilnehmen. Österreich muss daher als neutrales Land Friedenspolitik und ernsthafte Vermittlungstätigkeit betreiben, also keine Atommacht und keine Kriegsmacht, sondern eine Dialogmacht sein, sodass wir mit unserem großen humanistischen Engagement einen wesentlichen Beitrag leisten – und das ist ein Engagement, das die Volkshilfe immer – auch unter schwierigsten Bedingungen – leistet.

Die Volkshilfe ist und bleibt aber auch eine kräftige und laute Stimme für Humanität, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, wenn es um die entsprechenden politischen und gesetzgeberischen Rahmensetzungen geht, und daher ist es auch richtig, dass dieses heutige Jubiläum hier im Parlament begangen wird und genau an diesem Ort stattfindet: an jenem Ort, in dem mittels demokratischer Verhandlung um sozialen und politischen Fortschritt gerungen wird. Ich verstehe Ihren Besuch daher auch als Unterstützung und Rückenwind für diese politische Auseinandersetzung um soziale Gerechtigkeit in unserem Land, und würde meinen: damit sind wir so etwas wie untrennbare Partner.

Ich möchte euch ganz, ganz herzlich zu eurem Jubiläum gratulieren. Ich möchte euch und Ihnen für Ihr Engagement und Ihre Tätigkeit von ganzem Herzen danken, und ich bin mir ganz sicher, dass Sie alle mit voller Kraft und mit großer Zuversicht anpacken, wenn es in Zukunft wieder darum gehen wird, einer gerechten, einer fairen, einer freien Gesellschaft ein Stück an Wirklichkeit zurückzuerobern. Ich wünsche Ihnen alles Gute, und: Herzlich willkommen im österreichischen Parlament! (Beifall.)

Eva Pölzl: Frau Präsidentin, vielen Dank! Diese ersten Glückwünsche nimmt jetzt der Präsident der Volkshilfe entgegen, würde ich sagen, oder? Sind Sie bereit, Herr Dr. Sacher? Als langjähriger Mitarbeiter oder jemand, der in Verbundenheit mit der Volkshilfe in Niederösterreich dort schon tätig war, haben Sie dann 2019 die Präsidentschaft der Volkshilfe Österreich übernommen. Sie haben schon viel erlebt mit der Volkshilfe, oder? Kann man das so sagen? (Sacher: Ich glaube wohl!) – Bitte sehr.

Ewald Sacher (Präsident der Volkshilfe Österreich): Hochgeschätzter Herr Bundespräsident! Liebe Frau Präsidentin des Nationalrates! Sehr geehrte Ministerinnen und Minister außer Dienst! Geschätzte Mandatarinnen und Mandatare! Sehr geehrte Festgäste! Liebe Freundinnen und Freunde der Volkshilfe aus allen Bundesländern! Geschätzte Damen und Herren! Ist uns eigentlich zum Feiern zumute? Ist festliche Stimmung angebracht? Wer hätte gedacht, dass wir diese seit Langem festgesetzte Jubiläumsveranstaltung der Volkshilfe anlässlich ihres 75-jährigen Bestehens unter solchen Umständen begehen müssen?

Ja, die Covid-Pandemie setzt allen öffentlichen Aktivitäten enge Grenzen, an die man sich mittlerweile schon fast gewöhnt hat, aber wer hätte gedacht, dass diese Feierstunde von viel Schlimmerem überschattet wird: überschattet von diesem Krieg, der nur einige wenige Hundert Kilometer von uns entfernt tobt und die Menschen in schwerste Bedrängnis versetzt, Tod, Leid, Not, Flucht für Millionen Menschen bringt, der, um mit Olaf Scholz zu sprechen, eine „Zeitenwende“ in Europa bedeutet – eine Zeitenwende, die von Generationen vor uns schon mehrmals bewältigt werden musste, eine Krisensituation, die nach Jahrzehnten des Friedens in Europa als nicht mehr möglich erschien?

Die Folgen solch einer Katastrophe, nämlich jener des Zweiten Weltkrieges, waren noch allgegenwärtig, als 1947 die Volkshilfe gegründet wurde – ich meine, gegründet werden musste, um den Menschen auf dem Weg in eine bessere Welt zur Seite zu stehen. Die Idee der Solidarität und der Hilfe für Notleidende waren der Antrieb, der unsere Gründerinnen und Gründer beflügelte, die Volkshilfe wieder zu errichten – ja, wieder zu errichten –, unter neuem Namen, in dem zum Ausdruck kommt, dass wir für das ganze Volk – im Sinne von: allen, und nicht nur für einen Teil der Gesellschaft – da sind, also Volkshilfe, wieder da sind, mit den gleichen alten hohen Werten, die schon unserer Vorläuferorganisation, der Societas, zugrunde lagen, die ebenfalls in Zeiten höchster Not und massenhaften Elends – nach dem Ersten Weltkrieg – ins Leben gerufen worden war, um Hilfe und Fürsorge zu leisten: Fürsorge für die hungernden Kinder, die leidenden Mütter, die Kriegsinvaliden, die Arbeitslosen.

Wir begehen also heute 75 Jahre Volkshilfe, aber die Ideen unserer Organisation sind viel älter. Für uns gelten sie noch heute, sie sind die Wertebasis für unser Handeln. Fürsorge kann nicht ausschließlich behördlich organisiert werden, sagte Marie Bock, eine der Gründerinnen der Societas, 1921, und sie definierte Fürsorge als öffentliche Leistung sowie Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber jenen, die hilfsbedürftig sind – Marie Bock 1921. Sie war der Überzeugung, dass individuelle Wohltätigkeit zu wenig ist und erst eine Wohlfahrt für alle die strukturellen Benachteiligungen beseitigen kann.

Armut ist ein vom Menschen selbst produziertes Unrecht. Sie ist nicht individuell verschuldet, sondern politisch gewollt, in den gesellschaftlichen Strukturen verankert. Arme brauchen daher auch keine gnadenhafte Mildtätigkeit oder Almosen, sondern gesicherte Rechte. – Josef Weidenholzer: ein Zitat von dir, unserem langjährigen Präsidenten, aus dem Jahre 2010.

In diesem Sinne ist der Kampf gegen Armut eine der wesentlichen Säulen unseres Tuns. Das galt für unsere Gründerinnen nach dem Ersten Weltkrieg und gilt für uns heute nach wie vor. Die Societas wurde 1921 als Dachverband für diverse Fürsorgevereine, die sich in Wien und auch in den Bundesländern vor allem in den industriellen Regionen gebildet hatten, gegründet. Die handelnden Personen, vorwiegend Frauen – Marie Bock, Amalie Seidel, Amalie Pölzer, Leopoldine Glöckel –, wurden für ihren Einsatz nicht belohnt. Sie wurden unterstützt von den Exponenten des Roten Wien, wie zum Beispiel Julius Tandler oder Ferdinand Hanusch. Im austrofaschistischen Ständestaat wurde ihre Tätigkeit verboten, die Societas aufgelöst, das Vermögen niemals rückerstattet. Im Nationalsozialismus wurden die maßgeblichen Vertreterinnen und Vertreter bedroht, mit Haftstrafen belegt, verfolgt, vertrieben, in den Konzentrationslagern ermordet, weil sie politische Gegner waren, weil viele jüdischer Herkunft waren.

Die Idee der Solidarität und der Hilfe für Notleidende, der Einsatz für mehr Gerechtigkeit und bessere politische Rahmenbedingungen, die konnten aber nicht dauerhaft verboten werden, und so wurde am 21.3.1947 die Volkshilfe gegründet – aber die Geschichte der Volkshilfe ist ohne die der Societas und jene der Sozialistischen Arbeiterhilfe in der NS-Zeit nicht umfassend erzählbar. Deshalb habe ich vor einiger Zeit angeregt, diese Geschichte der Societas und somit die Geschichte der Volkshilfe, aufarbeiten zu lassen. Dafür konnte Alexander Emanuely gewonnen werden, dem es gelungen ist, in einem umfangreichen und spannend zu lesenden Buch diesen Auftrag exzellent zu erfüllen. – Vielen Dank dafür. (Beifall.)

Es werden die Lebenswege der wichtigsten Protagonistinnen ebenso dargestellt wie die große Not. Es wird von mutigen und engagierten Frauen erzählt, ihre Leistungen werden gewürdigt – ihre Namen sollen nicht in Vergessenheit geraten –, und es wird dargestellt, welche Überlegungen später, 1947, zur Gründung der Volkshilfe geführt haben und wer dabei die handelnden Personen gewesen sind.

Die ersten Präsidentinnen, du hast es schon gesagt, waren die beiden First Ladies der Zweiten Republik beziehungsweise der Sozialdemokratie Luise Renner und Hilda Schärf. Nationalrätin Ferdinanda Flossmann zum Beispiel und der Wiener Stadtrat Josef Afritsch, der geschäftsführender Präsident gewesen ist, waren die führenden Persönlichkeiten der ersten Jahre, unterstützt von namhaften Mandataren wie ÖGB-Präsident Johann Böhm, Bürgermeister Theodor Körner, Josef Holaubek – damals noch Feuerwehrchef, später Polizeipräsident – und wie erwähnt Bruno Kreisky, damals Sozialattaché in Schweden. Interessant: auch Kulturschaffende wie die Schauspielerin Marte Harell oder der Filmemacher Willi Forst konnten für die Sache gewonnen werden. Erster Generalsekretär der Volkshilfe war Bundesrat Leopold Millwisch, der mit diesem Team bald auch in den Bundesländern Tochterverbände der Volkshilfe begründen konnte. Ich habe – und er ist heute hier anwesend – seinen Sohn heute kennengelernt. – Herzlich willkommen, Herr Millwisch. (Beifall.)

Im Zuge der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte ist uns noch klarer geworden, dass unser Einsatz für Menschenrechte und gegen Armut, unser strikter Antifaschismus und unser Engagement für Menschen, die Schutz suchen, in unserer Geschichte verwurzelt sind. Nochmals darf ich dich, lieber Joe Weidenholzer, zitieren. Du schriebst damals, 2010, in einem Vortrag oder in einem Essay: Volkshilfe bedeutet, Menschen zu helfen, bedingungslos und ohne Rücksicht – ohne Rücksicht darauf, wer sie sind. Das Bekenntnis zu unseren Werten bedeutet, sich für politisch Verfolgte einzusetzen, das Bekenntnis zu diesen Werten bedeutet, sich für Flüchtlinge einzusetzen und sie dabei zu unterstützen, Asyl zu finden. Unsere Werte bedeuten, die Idee der internationalen Solidarität ernst zu nehmen.

Gerade jetzt, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, müssen diese Werte hochgehalten werden, und wir tun das, zum Beispiel in Ungarn, während der Ungarn- und Tschechienkrise – damals bewiesen die Menschen, dass sie das nicht vergessen haben –, und auch später, beim Kriegsrecht in Polen und bei den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien. Damals wurde im Rahmen der Volkshilfe Tausenden, Hunderttausenden Flüchtlingen geholfen. Bis heute – und gerade jetzt, angesichts dieses Ukrainekrieges – ist der Einsatz für Schutz suchende Menschen eine wichtige Aufgabe.

Eine weitere Aufgabe, der wir stets nachgekommen sind, ist die Katastrophenhilfe – international: Ich erinnere an die Tsunamikatastrophe, ich erinnere an das Erdbeben in Friaul, an das Erdbeben in Haiti und so weiter.

Jetzt sind wir laufend bemüht, Flüchtlinge aus der Ukraine zu unterstützen und ihnen Schutz und Hilfe zu gewähren. In allen Bundesländern sind unsere ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helferinnen und Helfer tätig und zur Stunde intensiv damit beschäftigt. Die zahlreichen Hilfstransporte, die wir laufend zum Beispiel von Traiskirchen aus direkt nach Czernowitz führen, wo die von uns vor 20 Jahren gegründete Volkshilfe Ukraine tätig ist, und die nicht ohne Sicherheitsrisiko für die Begleiter sind, bringen die große Hilfsbereitschaft der Österreicherinnen und Österreicher zum Ausdruck.

Dank gilt dir, lieber Erich Fenninger, unserem Direktor der Volkshilfe, der du mit nicht geringem persönlichen Risiko den ersten Großtransport begleitet hast. Du konntest dich davon überzeugen, dass unsere Hilfe punktgenau ankommt. – Vielen Dank dafür. (Beifall.)

Mit Großveranstaltungen wie Voices for Refugees auf dem Heldenplatz und jüngst mit 40 000 begeisterten Menschen im Ernst-Happel-Stadion wurde Solidarität mit den Betroffenen bewiesen und zugleich eine Riesensumme für unsere Ukrainehilfe und für Nachbar in Not aufgestellt. Zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen in allen Bundesländern dienen ebenso diesem Zweck. Ich darf an dieser Stelle auch Ihnen, Herr Bundespräsident, herzlich danken, und auch dir, liebe Frau Nationalratspräsidentin, dass ihr uns dabei unterstützt habt. (Beifall.)

Wenn ich jetzt nicht mein Handy meiner Gattin übergeben hätte, würde ich es herausnehmen und Ihnen ein SMS vorlesen – aber ich habe sie mir eh aufgeschrieben –: Hallo Ewald, das Ehepaar, das wir im Haus aufgenommen haben, ist so was von dankbar und sympathisch. Hut ab vor solchen Leuten, die ihr komplettes Leben, das sie sich aufgebaut haben, verloren haben. Nichts mehr davon existiert, und sie wollen sich nun hier für behinderte Kinder einsetzen. Dafür wollen sie so rasch wie möglich Deutsch lernen. Kannst du uns da weiterhelfen?

Dieses SMS eines Bekannten aus dem Bezirk Krems ist mir vor wenigen Tagen zugegangen und hat mich sehr berührt. Viele von uns können solche Rückmeldungen wahrscheinlich bestätigen. – Danke, das ist Volkshilfe.

In den vergangenen 75 Jahren ist die Volkshilfe in der Tradition der Societas zu einer der größten sozialen Hilfsorganisationen in Österreich geworden und auch im internationalen Bereich der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe mit zahllosen Projekten aktiv. Auch dieses Engagement ist in der Geschichte begründet, ebenso wie der Kampf für ein Altern in Würde und die Organisation professioneller Pflege und Betreuung. In den Bundesländern ist die Volkshilfe ein unverzichtbarer Anbieter sozialer Dienste – sowohl stationär als auch mobil – geworden, gepaart mit zahlreichen ergänzenden Angeboten, wie mobilen Therapien, Beratung bei Demenz und finanzieller Unterstützung Betroffener durch unseren Demenzhilfefonds. Unser Einsatz für arbeitssuchende Menschen, vor allem für Junge – in zahlreichen Projekten vielfach gemeinsam mit staatlichen Institutionen wie mit dem AMS –, ergänzt das Leistungsspektrum der Volkshilfe.

Der Kampf gegen Armut und Ausgrenzung ist auch in unserer Wohlstandsgesellschaft leider ein notwendiger geblieben. Nochmals Weidenholzer: Das Bekenntnis zu unseren Werten bedeutet vor allem aber auch, die Probleme der Menschen im eigenen Land aufzugreifen.

Eine herausragende Stellung – fast möchte ich sagen: eine Alleinstellung – hat sich die Volkshilfe im Kampf gegen die Kinderarmut erarbeitet. Kinderarmut ist eine Schande, Kinderarmut gehört abgeschafft! (Beifall.) In diesem Sinne hat die Volkshilfe das Modell einer künftigen Kindergrundsicherung erarbeitet. Wir haben viel Engagement und Wissen darin investiert. Wir messen diesem Projekt sehr große Bedeutung zu. Wir haben es in den letzten beiden Jahren exemplarisch an Familien in allen Bundesländern angewandt, die positiven Auswirkungen auf die Entwicklung und die Chancen der geförderten Kinder sozialwissenschaftlich begleitet und die Erfolge dokumentiert.

Übrigens, sehr geehrte Damen und Herren: Alle drei Parteien der neuen deutschen Bundesregierung haben das Modell einer Kindergrundsicherung, wie es auch unsere Schwesterorganisation, die Arbeiterwohlfahrt, in der Bundesrepublik vertritt, in ihr Regierungsprogramm aufgenommen – etwas, was wir als Volkshilfe in Österreich durch eine breite Kampagne, eine Petition erarbeiten wollen, um es in Zukunft umsetzen zu können.

Wir fördern für die Kinder, für die Jugendlichen Bildungschancen, wir fördern Kindergesundheit, wir unterstützen armutsgefährdete Familien bei Anschaffungen im Wohnbereich für menschenwürdiges Wohnen, helfen mit unserem Fonds Kinderzukunft, wir bieten professionelle Kinderbetreuung in unseren Kinderhäusern, Horten und in den schulischen Nachmittagsbetreuungen an. Die Liste der Angebote ließe sich noch endlos länger fortsetzen, und ich sage Ihnen, sie wird unermüdlich ausgebaut, daran arbeiten wir.

Abschließend: Stellen wir uns vor, die Volkshilfe Österreich sei ein Mosaik, so könnte ich aus jedem Bundesland ungezählte bunte Steine dafür einsetzen. Exemplarisch möchte ich einige Schwerpunkte unserer Länderorganisationen in dieses Mosaik einfügen, zum Beispiel im kleinen Vorarlberg die Schulstartaktion – finanzielle Unterstützung und Sachspenden wie Schultaschen für einkommensschwache Familien –, Ferienaktionen für ältere Menschen, die sich kaum ein paar Tage Urlaub oder Erholung leisten können.

Ein Mosaikstein ist die Volkshilfe Tirol: Schon zu Zeiten der Societas gab es in Tirol in Häring eine Volkshilfe. Mit einem Neuaufbau, solider Entwicklung und Wachstum hat die Volkshilfe Tirol in den letzten zehn Jahren ihre Aktivitäten verdreifacht.

Salzburg: Salzburg trägt konsequent zur Vielfalt bei, es vertritt intensiv auf allen Ebenen das Modell der Kindergrundsicherung, und wertvolle Mosaiksteine sind die Seniorenklubs in vielen Orten des Landes.

Kärnten bereichert das Bild: Gute Kinderzukunft ist eine Herzenssache, sagen sie, und sie haben mit Breakfastclubs in elf neuen Mittelschulen und in acht Volksschulen Kindern ein gesundes Frühstück gereicht.

Im Burgenland ist die Volkshilfe durch konsequente Arbeit und hohe Qualität zur Marktführerin in der mobilen Pflege geworden.

Ein gewichtiger Beitrag zum beeindruckenden Bild kommt aus der Steiermark. Sie ist unter den neun Bundesländer-Volkshilfen der größte Arbeitgeber mit fast 3 500 Beschäftigten in den Pflegeheimen und in der mobilen Betreuung, sie hat gemeinsam mit der Fachhochschule Joanneum in Graz das wissenschaftliche Projekt Kinderarmut – Die unsichtbaren Mädchen? entwickelt und durchgeführt und setzt diese wissenschaftliche Arbeit fort, und sie hat jüngst mit einem Benefizkonzert von Rolando Villazón zugunsten der Volkshilfe Spenden gesammelt.

Die Volkshilfe Oberösterreich wurde dank ihrer Kompetenz vom Land beauftragt, die Koordinierung der Sachspenden durchzuführen, und durch die Medien ging ihre Aktion Herz über Hass als Antwort auf die beleidigenden Angriffe auf eine Mitarbeiterin des Pflegepersonals in Braunau – Dialog statt Spaltung. Und noch etwas: In Oberösterreich kümmern sie sich ganz intensiv um Menschen mit Demenz und um Menschen mit besonderen Bedürfnissen – Stichwort: Nacht der Vielfalt in Linz.

Niederösterreichs Beitrag: Die Volkshilfe ist mit 1 700 Angestellten und Hunderten ehrenamtlichen Sozialombudsleuten in allen 21 Bezirken und vier Statutarstädten tätig. Eine Zahl: Fast eine Million Einsatzstunden in der mobilen Pflege wurden 2021 trotz Corona in Niederösterreich geleistet.

Nicht zuletzt erwähne ich die Volkshilfe Wien. Eines der Schwerpunktthemen ist die Wohnungssicherung und die Delogierungsprävention, mit der das Sozialministerium die Volkshilfe Wien beauftragt hat. Zu den zentralen Maßnahmen der Wohnungslosenhilfe-Strategie 2022 zählt der Ausbau mobiler Wohnbetreuungsangebote in dieser Millionenstadt.

Welch ein buntes Bild, das die Volkshilfe gestaltet!

Sehr geehrte Damen und Herren! Vor wenigen Tagen erreichte mich ein persönlicher Anruf – ich zitiere –: Als ich sieben, acht Jahre alt war, das war 1946/47, war die Not noch groß. Meine Mutter wusste: Drüben im Afritsch-Heim gibt es Sackerl für die Kinder. Dort gingen wir hin. Sie wurden von der Volkshilfe verteilt. Das ist meine erste Erinnerung an die Volkshilfe. – Der Anrufer war niemand anderer als der langjährige Bürgermeister von Graz Alfred Stingl. Er hat sich bei mir für die Ehrung bedankt, die ihm Barbara Gross namens der Volkshilfe Steiermark kurz zuvor überreicht hatte – ein Zeitzeuge, der die Anfänge der Volkshilfe miterlebt hat.

75 Jahre Volkshilfe: ein Grund, darauf stolz zu sein, was in dieser Zeit geleistet wurde, und ein Anlass, für die Zukunft mit voller Kraft weiterzuarbeiten.

Sehr geehrte Damen und Herren, vielen Dank für Ihr Kommen, vielen Dank für Ihre Unterstützung! (Beifall.)

Eva Pölzl: Danke, Herr Präsident Dr. Sacher, danke für Ihre Worte.

Herr Bundespräsident, Sie sind an der Reihe, und ich habe mir jetzt kurz überlegt, ob es angemessen ist, Sie als echten Volkshelfer zu bezeichnen. Für mich persönlich sind Sie das schon. Ich glaube, Sie haben uns allen im Laufe Ihrer Amtszeit oft Mut zugesprochen und vieles erklärt. Schön, dass Sie heute mit uns feiern, danke schön. (Beifall.)

Alexander Van der Bellen (Bundespräsident): Danke schön. – Sehr geehrte Frau Nationalratspräsidentin Bures! Herr Präsident Sacher! Lieber Erich Fenninger! Meine Damen und Herren! Ich glaube, im Wesentlichen kann ich Sie ansprechen als das Team der Volkshilfe hier in Österreich – und vielleicht auch von woanders her.

75 Jahre – das ist ein schöner Geburtstag. Nach 75 Jahren schaut man ein bisschen zurück, und wir haben eben einen sehr interessanten geschichtlichen Rückblick gehört – wobei mir persönlich jetzt gar nicht so bewusst war, auf welcher Tradition die Volkshilfe ab 1947 schon aufbauen konnte, aber in diesen Tagen des März 1947 hat eben die neue, wenn man so will, Volkshilfe ihr Leben sozusagen begonnen, wurde gegründet als gemeinnützige Organisation von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, engagierten Menschen, die helfen wollten: helfen wollten damals vor allem im Kampf gegen Arbeitslosigkeit, gegen Hunger, gegen Verzweiflung – gerade einmal zwei Jahre nach Kriegsende war ja die Situation alles andere als schon beruhigt und in ruhigen Fahrwassern.

Heute ist die Volkshilfe eine der größten Sozialorganisationen Österreichs, aber im Mittelpunkt stehen ja immer noch Menschen: die, die helfen – helfen wollen, helfen können –, und die, die Hilfe brauchen, und wie wir alle wissen: Von denen gibt es momentan genug, seit jetzt ungefähr fünf Wochen – ich kann schon nicht mehr zählen, sind es sechs Wochen oder fünf seit dem 24. Februar? – Fünf Wochen. Das ist eine kurze und gleichzeitig lange Zeit: der Krieg in der Ukraine.

Vor wenigen Tagen war ich im sogenannten Erstankunftszentrum – so, glaube ich, heißt das hier in Wien –, und es war berührend zu sehen: Im Wesentlichen waren dort fast nur Frauen und Kinder, kleine Kinder, einige wenige ältere Menschen, und drei, vier Hunde sind auch herumspaziert. Man muss sich in diese Situation versetzen, wenn man flüchten muss, das Nötigste in einen Koffer oder in einen Rucksack packt – aber was ist mit dem Hund? Ich persönlich kann das gut nachvollziehen, dass man da einmal auf etwas verzichtet und den in den Rucksack steckt – da habe ich schon Fotos gesehen.

Aber es ist ja nicht nur das! Man lässt mehr zurück als Eigentum – so wichtig das ist –: Man lässt Träume zurück, man lässt Geborgenheit zurück, man weiß nicht, ob und wann man wieder dorthin zurückkehren kann, und diese Menschen innerhalb der Ukraine, diese Vertriebenen innerhalb der Ukraine, und die, die schon draußen sind, verdienen unsere, verdienen Ihre Hilfe. Sie brauchen schnelle und unkomplizierte Hilfe, und Sie leisten mit der Volkshilfe genau das mit Notfallpaketen, sozialer Unterstützung, Unterkünften nicht nur hier, sondern auch dort in der Ukraine selbst.

Ich war sehr beeindruckt davon – es wurde schon erwähnt –, wie Erich Fenninger dann mit dem ersten Lkw-Konvoi, glaube ich, nach Czernowitz gefahren ist: ein Sattelschlepper voller Lebensmittel, Medikamente, Schlafsäcke, Hygieneartikel. So rettet man Leben! So werden Leben von der Volkshilfe gerettet.

Ich kann und will jetzt nicht alles aufzählen – Sie wissen ja besser als ich, was die Volkshilfe alles leistet, von der Kinderbetreuung und der Jugendbetreuung bis zur Betreuung pflegebedürftiger Menschen, Katastropheneinsätze und so weiter –, ich kann nur sagen: Ohne diese Unterstützung, ohne diese Projekte wäre unsere Gesellschaft nicht dieselbe – es wäre eine kalte Gesellschaft –, und ohne dieses zum allergrößten Teil ja ehrenamtliche Engagement wären viele gesellschaftliche Aufgaben nicht zu bewältigen.

Wenn ich Ihnen heute zum 75-jährigen Jubiläum herzlich gratuliere, dann gratuliere ich natürlich all jenen Menschen, die die Volkshilfe ausmachen. Das sind die, die sich in den Lkw setzen und losfahren, das sind die, die sich in andere Krisengebiete im Inland und Ausland begeben, allenfalls Übersetzungsdienste anbieten, wo notwendig, Spenden einsammeln und so weiter und so weiter – aber nicht zu vergessen all die, die mit Engagement, Sachverstand, gutem Management eine große Organisation wie diese erst zum Funktionieren – und zwar zum langfristigen Funktionieren! – bringen.

Noch einmal: Ich habe größten Respekt vor Ihrer Tätigkeit – Sie können stolz sein auf das, was Sie schon geleistet haben und was Sie gerade leisten –, Respekt vor Ihrer Menschlichkeit und Solidarität. Ich wollte jetzt sagen: Wir brauchen Sie!, man könnte ja auch sagen: Leider brauchen wir sie!, aber so ist es nun einmal.

Und noch einmal an die, die schon Jahre dabei sind, die, die erst kurz dabei sind, die, die das beruflich machen, und die, die das ehrenamtlich machen: Sie leisten etwas Großartiges nicht nur für Österreich, sondern für die ganze Welt! Ein herzliches Danke und alles Gute. (Beifall.)

Eva Pölzl: Vielen Dank, Herr Bundespräsident. Danke für Ihre schönen Worte.

Unsere Künstlerin, unser Künstler heute Nachmittag sind ja beide sehr kurzfristig zu uns gestoßen, deswegen bitte ich Sie um ein noch herzlicheres Willkommen. Liebe Angelika Sacher, schön dass Sie da sind, und am Piano Klaus Bergmaier. Sie haben gemeinsam schon mindestens sechs CDs produziert, und wir freuen uns jetzt auf Inhalte, die, glaube ich, auch sehr gut zum heutigen Thema passen: Ihre Lieder beschäftigen sich großteils mit den Themen Revolution, Frauen, Arbeiter, Arbeiterinnen, und ich glaube, das passt ganz gut. – Schön, dass Sie da sind. Danke schön. (Beifall.)

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(Es folgt ein Musikstück.)

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(Beifall.)

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(Es folgt ein Musikstück.)

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(Beifall.)

Eva Pölzl: Angelika Sacher, Klaus Bergmaier, danke für diese musikalische Untermalung.

Alexander Emanuely hat mir im Vorfeld erzählt, er hat circa ein Jahr lang am Buch gearbeitet, hat ungemein viel recherchiert, ist natürlich auch tief in die Geschichte der Volkshilfe eingetaucht, und jetzt ist es so weit, heute präsentieren wir: „Aus Widerstand und Solidarität“. Ich darf den Autor, den Kulturwissenschaftler und Autor, zu uns bitten: Alexander Emanuely.  Grüß Gott, bitte sehr. (Beifall.)

Alexander Emanuely (Schriftsteller und Kulturwissenschaftler): Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Festgäste! Ich bin sehr glücklich, heute hier stehen zu dürfen und dieses Buch über diese großartige Geschichte mitvorstellen zu dürfen. Wenn mich nichts täuscht, war gerade Jura Soyfer zu hören, der ja 1912 in einer Stadt geboren wurde, die gerade in Schutt und Asche gelegt wurde, als Flüchtlingskind 1920 nach Wien kam – und für mich einer der größten österreichischen Autoren ist; 1939 in Buchenwald ermordet.

Seine Geschichte spiegelt die Geschichte auch der Societas wider, die von Menschen gegründet und geschaffen wurde, die wie Jura Soyfer sich sehr engagiert der Arbeiterbewegung angeschlossen haben, teilweise selbst aus der Arbeiterbewegung kommend oder wie Jura Soyfer aus einer eher bürgerlichen Familie, und als am 21. März 1947 hier im Rathaus in Wien die Volkshilfe gegründet wurde, blickten die Gründerinnen und Gründer auf eine lange, intensive Geschichte und Tätigkeit zurück – so wie viele von euch hier –, quasi dem Helfen und der Fürsorge für andere, die in noch größerer Not stecken, verpflichtet.

Vieles, was in dem Buch drinsteht, ist heute schon gesagt worden, deswegen werde ich mich jetzt kurz auf ein paar Aspekte oder Details beziehen.

Als ich mit der Arbeit begonnen habe, hat mir Erwin Berger mehrere Dossiers mit der Korrespondenz von Josef Afritsch in die Hand gedrückt, der quasi der Hauptorganisator oder einer der Hauptorganisatoren und -organisatorinnen der Gründung der Volkshilfe war, Korrespondenzen mit Österreicherinnen und Österreichern, die 1938 und teilweise auch schon 1934 dieses Land verlassen mussten. Von diesen ungefähr 100 000 Menschen, die in der ganzen Welt verstreut lebten und ihr Leben retten konnten und teilweise gerade erst eine neue Existenz aufgebaut hatten, kamen 1945/46/47 Briefe nach Wien mit der Frage: Wie können wir helfen, was können wir tun? Wir haben Geld gesammelt, wo soll das hin?

Eigentlich ist die Gründung der Volkshilfe auch von dieser Seite der Internationalität zu betrachten, denn sie wurde quasi mitgegründet aus dem Widerstand, in dem Österreicher wie Josef Afritsch oder Wilhelmine Moik oder Frieda Nödl oder noch viele, viele andere aktiv waren, aber auch von vielen Österreicherinnen und Österreichern, die sich im Exil quasi schon die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen haben, wie es nach der Befreiung weitergeht, und sich dann auch 1945 den Kopf darüber zerbrochen haben, wie man diese ganzen internationalen Hilfsgüter überhaupt nach Wien bringen kann, weil das ja gar nicht so leicht war. Einer der wichtigsten quasi Akteure in diesem Zusammenhang war der Flüchtling und nun mehr oder minder Angestellte der Botschaft in Schweden Bruno Kreisky, der über das neutrale Land Schweden, das Beziehungen mit Österreich aufnehmen durfte, hier die ersten riesigen Transporte organisiert hat.

Josef Afritsch aus Wien hat die Organisation gestemmt und auch die Listen derer zusammengestellt, die diese Hilfe brauchen, und das waren ganz am Anfang in erster Linie die, die nach elf Jahren Faschismus und Nazismus am meisten gelitten hatten, nämlich die Verfolgten und deren Angehörige und die Waisenkinder und die Witwen, die vor einer Nichtexistenz standen, in dieser ganzen Zeit natürlich auch oft keine Arbeit gefunden haben et cetera et cetera. Viele waren in Haft und die Kinder waren Außenseiter und Außenseiterinnen.

Für sie waren die ersten Carepakete und die ersten Zuwendungen in den Jahren vor der Gründung der Volkshilfe gedacht, aber da hat sich schon die Struktur gebildet, die dann 1947 zu dieser Gründung geführt hat, und es wurde etwas neu gegründet, das eigentlich 1946 gegründet wurde, nämlich die Sozialistische Arbeiterhilfe, die sich ja während der Nazizeit und des Austrofaschismus offiziell nicht so nennen durfte, weil das ja alles verboten war, sondern die sich quasi im Nachhinein mehr oder minder so genannt hat.

Die Leute haben sich damals nicht den Kopf zerbrochen, wie man sich nennt, sondern haben einfach getan, und 1946 hat Josef Afritsch halt die Sozialistische Arbeiterhilfe wieder gegründet, nur hat man diskutiert im folgenden Jahr auch all jene, die dann bei der Gründung dabei waren : Wir wollen ja allen helfen. Wenn wir so heißen, dann glauben die einen, wir helfen nur Sozialisten und Sozialistinnen oder nur ArbeiterInnen, und eigentlich ist das ja so nicht der Sinn der Sache.

So kam man auf die Volkshilfe, auf den Namen. Und da ist auch interessant, wo der herkommt, nämlich: Bruno Kreisky, Schweden, Exil, und ein anderer, sehr großer, wichtiger Politiker des 20. Jahrhunderts, anderer Flüchtling, ein Deutscher, auch dann später Kanzler, Willy Brandt, der auch sehr viel im Exil, in Norwegen und in Schweden, gegen den Faschismus gekämpft hat und damit schon früher begonnen hat, weil halt schon früher geflüchtet aus Deutschland. Der war in Norwegen bei einer Gründung dabei, die sich schon Norwegische - ‑ Die gibt es noch, die Norwegische Volkshilfe, die wurde 1938 gegründet, und die war auch gedacht, um alle Flüchtlinge, die es in die skandinavischen Länder geschafft haben, zu unterstützen, aber auch quasi in die Länder, wo der Faschismus regiert, auch dorthin irgendwie auf eine Art und Weise Finanzen et cetera, Hilfsmittel zu bringen im Untergrund.

Und Willy Brandt und Bruno Kreisky haben natürlich in Stockholm nicht nur zusammengearbeitet, sondern sich auch kennengelernt und angefreundet, und diese Freundschaft, glaube ich, war dann eine lebenslange. Und so kam die Idee wahrscheinlich in Diskussionen, die man - -, wo es keine Protokolle gibt, ungefähr so muss das aber gewesen sein: Nennen wir es doch Volkshilfe!

Obwohl natürlich der Hinweis, dass es in Tirol schon eine Volkshilfe gab in den Zwanzigerjahren, auch spannend ist. Eigentlich hieß die Dachorganisation in Tirol nicht Societas in den Zwanzigerjahren, sondern Hilfsbereitschaft. Und ein Grüppchen davon, in Häring – ich meine, es waren wirklich sehr engagierte Leute, es waren ein paar Dutzend Leute in dieser von Bergleuten bewohnten Gemeinde mit einer sehr starken Arbeitertradition –, hat halt quasi das versucht zu tun in einer krisengeschüttelten Zeit, was im größeren Stil halt in größeren Gemeinden und Bezirken gemacht wurde.

Noch ein Aspekt vielleicht, wenn wir schon hier in diesem Haus sind, der einem auch irgendwie Hoffnung, was die gesellschaftliche Entwicklung betrifft, gibt: Heute sind wir hier, weil hier das Parlament ist – zwar nur provisorisch, aber doch –, also die Basis unserer Demokratie und auch unseres Sozialstaates, quasi Garant, dass das weitergeht und wir als Bevölkerung eine Stimme haben. Aber das ganz große Unheil hat auch in diesem Haus begonnen, nämlich 1914, der Erste Weltkrieg.

Auf diesen Ersten Weltkrieg, von den Leuten, die hier beschlossen haben, halt irgendwie einen Krieg zu beginnen, folgte dann sehr bald eine tiefgreifende Katastrophe für die Menschen in diesem Land, die sehr viel Unheil gebracht hat. In diesem Unheil, wo die Leute vor dem Nichts standen, vor allem in den Städten, haben sich halt viele, viele Leute zusammengetan – auch in der Sozialdemokratie, auch die sozialdemokratischen Frauen, weil die Männer ja an der Front waren – und haben begonnen, Nachbarschaftshilfe zu betreiben. Das hört sich jetzt so gering an, Nachbarschaftshilfe, aber es war viel mehr, und es war eine Not, wo jeder kleine Hilfsschritt eigentlich schon fast unmöglich war, denn wie kann man Essen teilen, wenn man selbst kein Essen hat. Aber irgendwie hat das alles funktioniert.

1918, als es dann erlaubt war in der Republik, Vereine zu gründen, wurden die ersten Fürsorgevereine gegründet und dann daraus der Dachverband gebildet – für Julius Tandler das Rückgrat der staatlichen oder städtischen Wohlfahrt. Und 1919 war hier auch etwas ganz Zentrales, wo eigentlich die Societas und andere Hilfsorganisationen angeschlossen haben und wo Julius Tandler natürlich damals als Organisator des Menschenrettenprogramms in Wien die Hungerkatastrophe war offenkundigst – - -, da kam eine Hilfe nach Österreich, wie auch nach 1945, eine internationale Hilfe unglaublichen Ausmaßes; also die DNA wurde uns da geimpft, die historische DNA der Internationalität.

Zum Beispiel – weil ich gerade über den Josefsplatz hier hereingekommen bin –: Hier in diesem Gebäude war die American Relief Administration untergebracht, die hier ihre Lager hatte für Nahrung und für die Versorgung und die täglich ungefähr zwei Jahre lang auf Wunsch von Präsident Wilson an die rund 100 000 bis 200 000 Kinder in ganz Österreich versorgt hat also von Wien aus in Wien und Niederösterreich. Es gibt Fotos vom Josefsplatz mit lauter Lastwägen voll Essen, die da aufbrechen in die Schulen und in die Kinder- und Sommerkolonien auch der Societas, am Anfang.

Es gibt noch viel zu erzählen, vieles ist schon gesagt worden. Ein wichtiger Aspekt von Anfang an war, dass die Kinder immer im Zentrum standen, also die, die nichts dafür können, was die Erwachsenen so treiben, sondern auch die Ersten sind, die Opfer sind halt dieser Tätigkeiten und die auch dann den Schaden oft – wenn man an Typhus, Rachitis oder Tuberkulose denkt, das waren ganz normale Phänomene in Wien, an denen sehr viele gestorben sind – ewig mittragen müssen und darunter leiden.

Und da hat die Societas so, wie dann auch nach 1945 die Vorläuferstrukturen der Volkshilfe und dann vor allem die Volkshilfe, Sommerkolonien am Land organisiert, auch im Pötzleinsdorfer Park; und sie hat natürlich die Kindertransporte organisiert – und da ist wieder die Internationalität da. Also Kindertransporte kamen dann 1938/39, um Kinder aus Wien zu retten. Da haben auch viele aus der Societas mitgeholfen: Butterkinder-Verschickungen, die Kinderverschickungen nach Holland, nach Großbritannien, in die Schweiz, nach Dänemark, auch nach Italien. Die Societas hatte eigene Ferienkolonien ja, Ferienkolonien, das war für viele Kinder das erste Mal, dass sie so etwas wie Ferien kennengelernt haben, die also das Wort, den Namen auch wirklich verdient haben, sie hatte dort ihre Heime, wo einige Monate lang die Kinder quasi aufgepäppelt wurden und, als sie zurückkamen, nicht mehr wie Skelette ausgesehen haben. Die Fotos, die man da kennt, oder die Berichte von Max Winter und vielen anderen aus der „Arbeiter-Zeitung“, aus anderen Berichten, aus der Literatur sind so erschreckend, dass man sich das gar nicht vorstellen kann, dass es hier jemals so ausgesehen hat.

Vieles ist noch in dem Buch drinnen. Ich wünsche euch allen eine spannende Lektüre und möchte mich bei all jenen bedanken, die mir geholfen haben: Erwin Berger mit den Gesprächen und mit dem Archivmaterial, diesem unfassbaren, tollen Archivmaterial; Erich Fenninger, Martin Binder-Blumenthal, und allen, allen, die da immer wieder für Fragen, für Ideen AnsprechpartnerInnen waren; für weiteren Rat und Unterstützung Lisa und (phonetisch) Klara, meinen Liebsten, die auch hier sitzen heute – es ist nicht immer einfach, zu schreiben, und oft braucht man da sehr schnell viel guten Rat –, und vor allem bei den MitarbeiterInnen der Volkshilfe, die ihr da seid; dafür dass, wie in den letzten Wochen zu sehen war, diese Tradition, die mich so begeistert hat diese ganzen Geschichten, die ich da zusammengefunden habe, die Leute, die Menschen, die das alles ermöglicht hatten, die diese vielen Leben gerettet haben über Generationen hinweg, kann man sagen so großartig fortgesetzt wird und dass es aber – und das ist Einzige, das vielleicht dem Julius Tandler missfallen hätte – noch immer notwendig ist, dass wir so helfen müssen und dass es nicht selbstverständlich ist nach so vielen Jahrzehnten und so vielen Mondflügen und was weiß ich, was wir alles schaffen, dass es nicht möglich ist, es irgendwie auch zu schaffen, dass alle Menschen ein gutes Leben führen können. Herzlichen Dank. (Beifall.)

Eva Pölzl: Danke schön. Alexander Emanuely, „Aus Widerstand und Solidarität“, im Echomedia-Verlag erschienen. Ich habe mir auch den Preis aufgeschrieben: 24,90 Euro – heute Schnäppchen. Sie können es gerne mit nach Hause nehmen, wir würden uns freuen. Die Buchhandlung Kuppitsch hat auch einen Stand errichtet, und vielleicht würden Sie auch signieren, glaube ich, und Widmungen schreiben, oder? Es wäre schön, wenn das möglich wäre heute.

Erich Fenninger, du leitest nicht nur die Geschicke der Volkshilfe Österreich, sondern das vor allem mit persönlichem Einsatz und Engagement. Vieles haben wir heute schon gehört, zuletzt über dein Engagement und die Mitorganisation beim Konzert für die Ukraine im Happel-Stadion, dein Engagement für die Grundsicherung für Kinder, gegen Kinderarmut. Wir freuen uns, dich zu kennen, mit dir arbeiten zu dürfen und freuen uns jetzt auf deine Ausführungen anlässlich „75 Jahre Volkshilfe“. – Danke schön. (Beifall.)

Erich Fenninger (Direktor der Volkshilfe Österreich): Sehr geehrter Herr Präsident, danke! Vielleicht gleich vorweg, du warst zweimal bei uns – am Heldenplatz und gleichzeitig im Stadion – und hast vielen aus der Seele gesprochen, und du warst dort wie ein Rockstar, der aber Wärme und Solidarität versprüht hat. – Danke vielmals.

Danke unserer Präsidentin des Hohen Hauses. Für uns ist es wichtig, hier zu sein ich glaube, du hast gut beschrieben, warum. Und danke für dein politisches Engagement für Solidarität. Danke vielmals!

Ich möchte mich auch bedanken bei allen Partnern und Partnerinnen, die wir hier heute versammeln durften – etliche sind coronabedingt entschuldigt, wenn ich jetzt sagen darf, Maria Moser, stellvertretend für viele andere soziale Organisationen, Chefin, Direktorin der Diakonie, es freut mich sehr, dass du dir Zeit genommen hast. Und vor allem: Liebe Volkshelfer und Volkshelferinnen! Ich glaube, es ist so gelungen, dieses Buch, und auch jetzt schon die Kurzvorstellung. Das, was da an Energie ist in dieser Organisation, das seid ihr und jeder Einzelne von uns, der enorm etwas beiträgt, dass diese Welt ein wenig menschlicher wird. – Danke vielmals.

Die Frage war, wie man sich heute noch annähern kann nach dem Gehörten, und ich denke, Nationalratspräsidentin Bures hat auch beim Reingehen gesagt: Ich bin eigentlich immer optimistisch, aber es verlangt einem die Zeit momentan viel ab. Und deshalb, glaube ich, ist es wichtig, zu sagen und darüber zu sprechen, über die Kraft der sozialen Zusammenarbeit, das, was in uns steckt. Wir kommen – wir wissen, woher; wir gehen – wir wissen, wohin; und wir werden ein gutes Leben für alle ermöglichen. So könnte man die Identität der Societas, aber der Volkshilfe durchaus beschreiben.

Marie Bock definierte Fürsorge als öffentliche Leistung der Gesellschaft gegenüber jenen, die hilfsbedürftig sind. Die individuelle Wohltätigkeit ist zu wenig für eine Wohlfahrt. Eine Wohlfahrt muss sich an alle adressieren, um strukturelle Benachteiligungen zu beseitigen. Und wer will, dass Menschen ein gelingendes, gutes Leben führen können, muss die ungerechten sozialen Verhältnisse verändern und nicht die Menschen. Not wird nicht als individueller Zustand identifiziert, sondern als Resultat sozioökonomischer Verhältnisse, ganz im Unterschied zu einem paternalistischen, karitativen, mildtätigen Verständnis, wo die Ursache von sozialer Not – mit Ausnahme von Krankheit – gerne als charakterliche Schwäche gesehen wird. Unser Kampf für soziale Gerechtigkeit und gegen Armut stand damals schon der herrschenden Ordnung im Wege, und deshalb gibt es auch unsere Vorgeschichte, die dann beendet wurde – und die wir nachlesen können, um den Menschen, die sich engagiert haben, wieder ein Gesicht zu geben und sie in uns weiterleben zu lassen.

Die negative Entwicklung könnte man zusammenfassen: Die neoliberale Ideologie führt zu einer Art Entdemokratisierung, das Sozialrecht, welches die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben sichern soll und dem Privatrecht gegenübersteht, wird immer weiter geschwächt. Während die demokratischen Gesellschaftsformen dem Ideal entspringen, dass sie auf einer politischen Gleichheit aller beruhen, ist die ökonomische Ungleichheit strukturell in diese kapitalistische Gesellschaft miteingeschrieben.

One guy, one vote, die große grundlegende Idee, jeder hat eine Stimme und zählt gleich viel, ist nicht wirklich operationalisiert. Wir sehen deutlich, dass Menschen, die über viel Kapital verfügen, viele, viele Stimmen haben, weil sie massiven Einfluss auf Gesellschaften haben. Einfache Bürger/Bürgerinnen haben eine Stimme und die Armutsbetroffenen gar keine, denn, wie wir im Volkshilfe Sozialbarometer sehen, gehen sie nicht mehr wählen, weil sie sich nicht mehr so vertreten fühlen.

Der Kampf gegen Armut und soziale Ungerechtigkeit – Präsident Weidenholzer und auch Präsident Sacher haben das immer wieder betont – ist sozusagen die Genese, die Wurzel unserer Organisation. Und wenn man da rückgreift auf unsere Geschichte, dann könnte man sagen: Die Liebe zu den Unglücklichen ist keineswegs genug, aber sie ist eine Vorbedingung für Professionalität und wirksame Hilfe. Die Liebe zu den Unglücklichen ist keine selbstlose Liebe, es ist die Liebe zur Menschheit an sich. Armutsbetroffene Menschen werden aber gerne abgewertet – auch in der Gegenwart, nicht nur in der Vergangenheit – und für ihre Situation gerne schuldig geschrieben. Man kann aber Armut als Diebstahl an einem guten, gelingenden Leben begreifen. Deshalb können wir niemals neutral gegen Armut sein, wir müssen die Ursachen der Armut bekämpfen. Und wer sich mit Armut beschäftigt und vor allem mit den Menschen, die arm gemacht werden, der muss deutlich Stellung beziehen und Partei für die Betroffenen ergreifen.

Volkshilfe bedeutet also: ein Kampf gegen Armut, ein Kampf gegen Kinderarmut, ein Kampf für die Menschenrechte, Kampf für menschenwürdige Pflege und Betreuung und Kampf für eine freie und selbstbestimmte Arbeit. Und unser Wertekanon – ähnlich wie der unserer Schwesterorganisation, der AWO – ist eben soziale Freiheit, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Respekt. Die soziale Arbeit wird definiert, weltweit, im Verband der sozial Arbeitenden und bedeutet: Wir fördern gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen, sozialen Zusammenhang, ermächtigen und befreien. Wir befähigen Menschen dazu, den Herausforderungen des Lebens selbstbestimmt zu begegnen, um letztendlich ein gelingendes Leben zu ermöglichen.

Wir haben Prinzipien, und diese Prinzipien sind: soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, gemeinsame, gemeinschaftliche Verantwortung und bedingungslose Anerkennung auch der Diversität. Und wir haben Ziele: Unsere Ziele sind soziale Gerechtigkeit und das Wohlergehen aller Menschen.

Aber es gibt auch Fallstricke der sozialen Arbeit. Ein neoliberaler gesellschaftlicher Hintergrund produziert auch neosoziale Arbeit. Staub-Bernasconi gehört zu den großen Persönlichkeiten der sozialen Arbeit; eine Schweizerin, die als Erste beschrieben hat, dass soziale Arbeit eine Menschenrechtsdisziplin ist. Sie hat gesagt, dass natürlich unsere Theorien mit dem Entwicklungsstand der Gesellschaft kommunizieren – ist er fortschrittlich, sind auch die Theorien der Sozialarbeit fortschrittlicher; ist er reaktionär, werden auch die Theorien und die Praxis zurückgedrängt.

Das scheint aber immer wieder auch dem Neoliberalismus gelungen zu sein. Tatsächlich spiegelt sich leider in der sozialen Arbeit auch so ein Denken wider – denken wir an die Symptomorientierung, an den Reparaturansatz, an dem die soziale Arbeit fallweise teilnimmt, sowie an Tendenzen in der Kontrolle, Anpassung, Normierung oder Pathologisierung. Und nachdem sich dieser Neoliberalismus ausbreitet, erfasst er auch uns, die sozial Arbeitenden.

Aber wir haben Kraft, uns auch dagegen zu stellen, weil soziale Arbeit im weitesten Sinn eine Handlungswissenschaft und eine Handlungsdisziplin ist – und wir suchen nicht nur das Handeln, sondern die Veränderung zum Besseren. Damit bedeutet das für uns, dass es uns nicht nur darum geht, Probleme aufzuzeigen, sondern klar und unmissverständlich Partei zu ergreifen, und das eng in Abstimmung mit den betroffenen Menschen.

Nur wenn wir eng mit ihnen arbeiten, verstehen wir sie, ihre Gefühle, ihre Emotionen, ihren Wertekanon, und können auch mit ihren Sichtweisen an einer Veränderung arbeiten. Die Verbundenheit, Empathie und Solidarität nicht nur mit finanziell benachteiligten Menschen, sondern auch mit pflegebedürftigen, behinderten Menschen ist wichtig und das Fundament unserer sozialen Arbeit. Das heißt, unser Engagement ist nie bemitleidend, sondern entwickelt Empörung und Widerstand gegen die Armutsmacher und -macherinnen.

Partizipative soziale Arbeit bedeutet das Miteinbeziehen der Betroffenen und die Überwindung von diesen Benachteiligungen. Deshalb hat sich die Volkshilfe letztlich immer als Teil der Zivilgesellschaft gesehen, zum Teil sogar ein Teil zu sein, aber auch als eigene Kraft eine zivilgesellschaftliche Bewegung zu sein, die ermächtigt, die versucht, die Zukunft politisch mitzugestalten.

Und sie ist parteiisch. Sie ist parteiisch immer auf der Seite jener, denen es nicht gut geht. Wir verstehen soziale Arbeit auch als Bündnis, wo wir uns nicht trennen lassen, wo der Mensch nicht zum Fall wird, sondern die Ungerechtigkeit der Fall ist, den wir verhindern sollen.

Wir suchen Befreiung und Ermächtigung mit den Menschen und versuchen, aus diesem Solidaritätsverständnis in ganz Österreich Menschen zu unterstützen, zu begleiten und zu informieren. Und wir suchen natürlich auch die Kooperation mit den Institutionen in Österreich, mit den Regierungen, mit den Administrationen, und ich glaube, wir können historisch auch zeigen, dass viel gelungen ist, weil wir, Kolleginnen und Kollegen, sind immer handlungsfähig, wir kennen die Probleme der Menschen, und es ist wichtig, dass wir diese Probleme auch weiterleiten, um die Politik einzuladen, in die richtige Richtung zu entscheiden.

Denn es ist Aufgabe der Politik, letztlich die Ordnungsrahmen zu erlassen, aber es ist auch wichtig, dort, wo wir das Gefühl haben, auch mit Regierungen konfrontiert sind oder mit Teilen, die nicht das Verständnis aufbringen, einfach auch einmal in Konflikt zu gehen. Das Risiko müssen wir eingehen, wenn wir im Sinne der Menschen handeln, wenn wir die Glaubwürdigkeit nicht verlieren wollen, wenn wir nicht das Mandat verlieren wollen, das uns die Betroffenen geben.

Soziale Arbeit ist nämlich keine Ware, sondern sie ist ein Prozess mit Menschen. Sie ist kein Produkt, das man kaufen kann, sondern sie entsteht immer in der Interaktion; und wir müssen auch innerhalb der Volkshilfe sowie in allen Trägern schauen, dass wir die richtigen Rahmenbedingungen organisieren, dass gute soziale Arbeit möglich ist, und wir stehen alle in den Leitungen unter Druck, weil der Druck, der ökonomische, enorm ist.

Der ist brutal, und es ist wirklich schwierig, in dieser Zeit soziale Arbeit zu organisieren, aber wir müssen die soziale Arbeit ins Zentrum stellen und deshalb auch dafür eintreten, dass soziale Zusammenarbeit auch mehr Cash braucht, vor allem für jene, die die soziale Arbeit in dem Land leisten (Beifall): die Pflegerinnen und Pfleger, die ElementarpädagogInnen und alle ich brauche ja nicht alle Berufsgruppen aufzuzählen.

Und ich glaube, der Präsident hat es so eindringlich gesagt, und das hat mich sehr fasziniert, dass wir alle wichtig sind und dass Österreich ohne die tägliche Arbeit einfach ärmer wäre. Und wir appellieren an die Politik, und da möchte ich mich auch bei Ines Stilling bedanken wir haben erst gestern ein Gespräch gehabt. Ich weiß, dass gerade euer Haus uns immer unterstützt, aber es ist wichtig, dass wir jetzt etwas erreichen. Jeder in dem Land hat erlebt, dass die Pandemie etwas gezeigt hat, nämlich dass unsere KollegInnen alle systemrelevant sind.

Was wäre passiert, wenn plötzlich die behinderten Menschen nicht mehr betreut worden wären, unsere Kinder, unsere Jugendlichen, alte Menschen? Und deshalb appellieren wir wirklich dringend: Wir brauchen im Herbst eine Lösung und wir können nicht mehr warten, und wir erwarten uns da auch tatsächlich eine Verbesserung. (Beifall.)

Ich möchte zum Schluss kommen. Es gibt, glaube ich, viele Kräfte, die wir noch aufzeigen können, um uns zu ermutigen, und ich möchte einen Punkt ansprechen, weil er von der Präsidentin des Nationalrates kurz angesprochen worden ist: Jetzt ist die Frage, wie wir mit der Kriegssituation umgehen, und mir macht schon momentan Sorge, dass so eine reflexartige Bewegung hin zu Aufrüstungen scheinbar gegeben ist.

Jetzt kann man über alles reden. Aber man müsste schon anschauen - -, und wenn man sich die Unterlagen einmal anschaut, wie viel jährlich für Rüstung ausgegeben wird, dann möchte ich heute an so einem Tag nicht verschweigen: 2 Billionen Dollar pro Jahr werden in Rüstung, in Kriegswerkzeug investiert, in der Gegenwart, und das ist eine Summe, die noch nie, seit diese Summe gemessen worden ist, so hoch war wie jetzt, und es hat noch nie so viele kriegerische Konflikte in der Gegenwart gegeben wie in der Vergangenheit.

Also es kann nicht ein ursächlicher Zusammenhang sein: Rüsten wir alle auf und wir haben damit weniger Konflikte! Wir sehen einen Zusammenhang mit Hochrüsten und vielen Konflikten, und deshalb warne ich eindringlich, dass das ein falscher Weg ist.

Wir müssen in den Frieden, in die friedenserhaltenden Maßnahmen investieren und diese finanzieren, und nicht in Waffen, die letztlich immer dazu führen, dass sie auch benutzt werden. Denn die Industrie, die dahintersteht, will, dass ihre Produkte verwendet werden, damit sie neue verkaufen kann, und jene, die das anhäufen, ebenfalls. Deshalb appelliere ich: Investieren wir in den Frieden und nicht in die industrielle ... Komplex. (Beifall.)

Unsere Hilfe verändert. Sie zeigt Wirkung, egal ob jetzt in der Ukraine, in Österreich, in Wien oder in Vorarlberg. Wir helfen nachhaltig, und wir werden uns niemals mit Ungerechtigkeiten abfinden, sonst würden wir nicht mehr Volkshilfe heißen, wir finden uns mit dem nicht ab. Aber wir wissen, dass wir gewinnen, weil das Gute das Schlechte schlägt, weil die Menschlichkeit viel stärker als der Hass ist und weil die Geschichte nicht von Gott oder von Natur gegeben ist, sondern wir Menschen sie produzieren.

Wir müssen es nur endlich schaffen, dass nicht die Putins und die autoritären Figuren die Welt regieren, sondern wir Menschen. Dann würde die Menschheit auch anders ausschauen. Danke, eine soziale gerechte Welt ist möglich. Danke. (Beifall.)

Eva Pölzl: Ich darf vielleicht gleich übergangslos an die Musik weitergeben. Danke.

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(Es folgen Musikstücke.)

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(Beifall.)

Eva Pölzl: Angelika Sacher, Klaus Bergmaier, danke schön. Danke für diese schöne Botschaft. Vielen lieben Dank, Angelika Sacher, Klaus Bergmaier, danke schön.

Danke für diesen schönen Festakt, sehr verehrter Damen und Herren! Danke für die schönen Reden! Frau Präsidentin, schön, bei Ihnen zu Gast gewesen zu sein!

Der Herr Präsident überreicht die Blumen. Sie sind unsere Gastgeberin heute gewesen. (Beifall.) Vielen lieben Dank, Herr Bundespräsident! Schön, dass Sie da waren. Sie dürfen noch nicht nach Hause gehen. Wir möchten Sie noch zum gemütlichen Beisammensein einladen, ein bisschen Buffet gibt es noch, Getränke.

Danke an alle, die beim Livestream dabei waren. Danke für die Blumen, sehr lieb. (Beifall.) Vielen lieben Dank. (Beifall.) Danke schön. Sie können das wahrscheinlich gar nicht richtig - -, es duftet hier so herrlich nach diesen Lilien. Alle Redner haben das von den ersten Reihen aus mitbekommen, das ist ganz toll.

Danke auch für den Duft, und bitte, ich bedanke mich im Vorfeld schon: Es wäre schön, wenn Sie das Buch mit nach Hause nehmen würden. Wie gesagt, 24,90, das habe ich mir gemerkt, im Echomedia-Verlag erschienen. Ich weiß nicht, Ilse Helmreich, glaube ich, vom Echomedia-Verlag ist auch hier, jedenfalls hat die Buchhandlung Kuppitsch einen Stand aufbereitet, und wir würden uns freuen. Vom Autor signiert wird es auch. Danke schön.

Einen schönen Geburtstag noch und einen schönen Nachmittag. Vielen lieben Dank. Danke schön. (Beifall.) Danke an die wunderbare Musik. Danke. (Beifall.)