634/A(E) XXVIII. GP
Eingebracht am 11.12.2026
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ENTSCHLIESSUNGSANTRAG
der Abgeordneten Olga Voglauer, Freundinnen und Freunde
betreffend Aktionsplan für pflanzenbasierte Lebensmittel
BEGRÜNDUNG
Ernährungssouveränität und die Krisenresilienz unserer Lebensmittelversorgung geraten in den letzten Jahren immer stärker ins Blickfeld. Ein Blick in die Selbstversorgungsbilanzen[1] der Statistik Austria verrät: Handlungsbedarf bei der Selbstversorgung besteht vor allem im pflanzlichen Bereich.
Bei den Sonderfällen Getreide und Hülsenfrüchte muss man die Verwendung genauer betrachten: Für Getreide liegt der Selbstversorgungsgrad (SVG) bei 90%, allerdings werden 55% des erzeugten Getreides für Futtermittel verwendet. Betrachtet man nur die Nutzung für Saat, Nahrungsmittelverbrauch und Verluste (exkl. Futtermittel und industrielle Verwertung), könnten wir unseren Bedarf mit der österreichischen Produktion vierfach decken! Bei Hülsenfrüchten liegt der SVG bei 78%, allerdings werden 86% der erzeugten Hülsenfrüchte für Futtermittel verbraucht. Betrachtet man nur die Nutzung für Saat, Nahrungsmittelverbrauch und Verluste (exkl. Futtermittel), könnten wir unseren Bedarf mit der österreichischen Produktion zweieinhalbfach decken!
Bei Obst (33%) und Gemüse (55%) ist der Eigenversorgungsgrad bedenklich niedrig. Selbst bei Äpfeln als klassischem, lagerfähigem heimischem Obst erreichen wir nur 76% Selbstversorgung. Hingegen liegen tierische Produkte fast durchwegs bei (z.T. deutlich) über 100% Selbstversorgung: Konsummilch liegt sogar bei 177%, Fleisch insgesamt bei 107%, jedoch mit großen Unterschieden (Rind- und Kalbfleisch 148%, Schweinefleisch 100%, Geflügelfleisch 74%).
Um vorzusorgen für etwaige Krisen, wie etwa Störungen der Lieferkette oder größere Ernteausfälle in Ländern, aus denen importiert wird, ist es notwendig, die österreichische Eigenproduktion im pflanzlichen Bereich zu stärken.
Darin liegt auch eine große Chance für österreichische Bäuerinnen und Bauern: Seit 2016 hat ein Viertel aller schweinehaltenden Betriebe, die mehr als 10 Schweine halten, aufgegeben. Die Nachfolgeproblematik gerade in der Schweinebranche ist bekannt und vieldiskutiert. Gerade in dieser Branche wäre aufgrund der vorhandenen Ackerflächen ein Umstieg auf oder die Erweiterung um pflanzliche Produktion für die menschliche Ernährung eine realistische und sinnvolle Option. Dadurch könnten auch deutlich mehr Menschen mit österreichischen Lebensmitteln ernährt werden.[2] Für manche Grünlandbetriebe könnte eine Extensivierung der Tierhaltung bei gleichzeitigem Einstieg etwa in die Marktgärtnerei oder indoor-Produktion (z.B. Pilze) eine Möglichkeit sein.
Aufgrund des Markterfolgs von pflanzlichen Milchalternativen gibt es mittlerweile ein AMA-Gütesiegel dafür, um sicherzustellen, dass heimische Rohstoffe verwendet werden und die österreichischen Bäuerinnen und Bauern entsprechend davon profitieren.[3] Auch das AMA Forum Pflanzlich[4], das 2025 zum zweiten Mal abgehalten wurde und mit 250 Teilnehmenden und zahlreichen Speaker:innen aus allen Teilen der Wertschöpfungskette wieder ein voller Erfolg war, zeigt, wie viele Chancen für die österreichische Landwirtschaft noch in der pflanzlichen Produktion stecken.
Dazu kommt, dass sich unsere Ernährungsgewohnheiten ändern: Während der Verzehr von Rind- und Schweinefleisch Jahr für Jahr sinkt, steigt der Nahrungsverbrauch von Gemüse, Obst, und Hülsenfrüchten tendenziell an. Diese Änderungen sind zu begrüßen, denn derzeit essen wir nur ca. ein Drittel bis die Hälfte der Obst- und Gemüsemenge, die empfohlen wird.[5] Die neuesten Daten zum Fleischkonsum (58kg Verzehr vs. 15,6kg Maximum laut neuer Ernährungs-empfehlungen) zeigen hingegen dass wir insgesamt sogar dreieinhalb mal so viel Fleisch essen wie uns zuträglich ist. [6] Besorgniserregend sind auch Daten aus einer Studie zu den Ernährungsgewohnheiten von Schüler:innen zwischen der 5. und 11. Schulstufe, die ergaben, dass nur 40-50% der Schüler:innen zumindest einmal täglich Obst, bzw. nur ca. 30-45% der Schüler:innen zumindest einmal täglich Gemüse essen.[7]
Der vorhandene, aber noch schwache Trend hin zu einer pflanzenreicheren Ernährung braucht deutliche Unterstützung seitens der Politik, denn unsere Ernährung hat maßgebliche Auswirkungen sowohl auf die menschliche Gesundheit, als auch auf Klima und Biodiversität.
Im Gesundheitsbereich trägt (neben der zu hohen Aufnahme von Zucker und Salz) ein zu hoher Konsum von rotem und/oder verarbeitetem Fleisch maßgeblich zur Entstehung zahlreicher Erkrankungen bei, etwa Schlaganfall, Bluthochdruck, koronare Herzerkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2, Kolorektalkrebs, und Brustkrebs.
Laut dem 2. Sachstandsbericht zum Klimawandel[8] in Österreich, sind relevante Treibhausgas-Einsparungen im Ernährungs- und Agrarsystem nur mit einer Ernährungsumstellung hin zu einer deutlich pflanzenreicheren Ernährung möglich. Die gesamte mögliche THG-Einsparung durch eine Umstellung der derzeitigen Ernährungsweise auf eine den Ernährungsempfehlungen entsprechende beträgt 5 bis 15 Mt CO2eq/yr.
Für die Steigerung der pflanzlichen Produktion im Sinne der Stärkung der österreichischen Selbstversorgung und höheren Krisenresilienz unseres Ernährungssystems, sowie für eine gelingende gesamtgesellschaftliche Ernährungsveränderung, ist eine Vielzahl an Maßnahmen erforderlich, und sind zahlreiche Sektoren einzubeziehen. Ein gesamthafter Aktionsplan für pflanzenreiche Produktion und Ernährung ist daher notwendig. Der Dänische Aktionsplan für pflanzenbasierte Lebensmittel[9] kann hier als Beispiel dienen, und die Europäische Konsument:innenschutzorganisation BEUC hat gemeinsam mit zahlreichen anderen Organisationen Empfehlungen für einen Europäischen Aktionsplan für pflanzenbasierte Lebensmittel herausgegeben.[10] Beide betonen die Wichtigkeit, alle Teile der Wertschöpfungskette zu berücksichtigen: Von landwirtschaftlicher Produktion über Verarbeitung zur Vermarktung, Fortbildungen und Förderungen dort wo notwendig für alle Bereiche der Wertschöpfungskette, zahlreiche Forschungsaktivitäten – von Klimaanpassung der landwirtschaftlichen Kulturen über Produktentwicklung im Bereich von pflanzlichen Convenience-Produkten bis hin zur Verhaltensforschung, die Nutzung des großen Einflusses der öffentlichen Küchen, Bewusstseinsbildung und Attraktivierung von pflanzenreicher Küche für die Konsument:innen.
In Österreich wurden in den letzten Jahren unter Gesundheitsminister Johannes Rauch bereits einige wichtige Maßnahmen in Richtung einer pflanzenreicheren Ernährung gesetzt, z.B.:
- Überarbeitung der Ernährungsempfehlungen basierend auf Gesundheits- und Nachhaltigkeitskriterien
- Erstmals Ernährungsempfehlungen für ovo-lacto-vegetarische Ernährung, und FAQs für die vegane Ernährung
- Erarbeitung von Leitlinien für eine gesunde Ernährung in öffentlichen Einrichtungen, z.B. Kindergärten oder Pflegeeinrichtungen
- „Klimateller“ als verpflichtende Vorgabe im Aktionsplan nachhaltige Beschaffung, d.h. mindestens ein veganes oder vegetarisches Gericht, deren Hauptzutat aus biologischer Landwirtschaft kommt
Für einen erfolgreichen pflanzlichen Produktionssektor in Österreich sind jedoch zahlreiche weitere Rahmenbedingungen erforderlich – etwa Regulierungen von Werbung und Rabatten für ungesunde Lebensmittel, Anreize für Konsument:innen für pflanzenreiche Ernährung, Förderung für die Erweiterung von tierischer um pflanzliche Produktion in der Landwirtschaft, oder Unterstützung bei der Verarbeitung von pflanzlichen Produkten, um die Wertschöpfung in Österreich zu halten.
Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgenden
ENTSCHLIESSUNGSANTRAG
Der Nationalrat wolle beschließen:
„Die Bundesregierung, insbesondere die Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, sowie der Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft, wird aufgefordert, bis Ende 2026 unter Einbindung von Wissenschaft, Wertschöpfungskette und Zivilgesellschaft, einen umfassenden Aktionsplan für pflanzliche Produktion und pflanzenreiche Ernährung zu erarbeiten.
Der Aktionsplan soll Maßnahmen enthalten, die geeignet sind, Produktion, Verarbeitung und Konsum von pflanzlichen Lebensmitteln in Österreich zu stärken. Für alle Maßnahmen sind Finanzierungsbedarf, verantwortliche Akteur:innen und ein Zeitplan zu inkludieren.
Maßnahmen sollen insbesondere die folgenden Bereiche abdecken:
· Forcierung einer verstärkten pflanzlichen Produktion im Landwirtschaftssektor in Österreich, etwa durch Erweiterungs- und Umstellungsförderungen, Flächenförderung für bestimmte Kulturen, Investitionsförderungen, Beratung, Pflanzenzucht, Forschung, Ausrichtung der GAP ab 2028 an einer verstärkten pflanzlichen Produktion
· Forcierung von pflanzlichen, gesunden und nachhaltigen Menüangeboten in der Gemeinschaftsverpflegung, etwa durch Beratung, Fortbildung, Förderrichtlinien und Vorgaben in der öffentlichen Beschaffung
· Regulierung von Werbung und Rabatten für ungesunde Lebensmittel
· Prüfung und Umsetzung von monetären Lenkungsinstrumenten
· Unterstützung der Verarbeitung von pflanzlichen Rohstoffen in Österreich, etwa durch Forschung, Investitionsförderung, Kooperation
Der Aktionsplan soll im Entwurfsstadium, während einer Phase der öffentlichen Konsultation, auch im Gesundheitsausschuss des Nationalrats unter Einbindung von Expert:innen debattiert werden.“
In formeller Hinsicht wird die Zuweisung an den Gesundheitsausschuss vorgeschlagen.
[1] https://www.statistik.at/statistiken/land-und-forstwirtschaft/landwirtschaftliche-bilanzen/versorgungsbilanzen
[2] Siehe etwa das Beispiel eines dänischen Bauern, der durch Erweiterung um pflanzliche Produktion statt 1.000 Menschen nun 3.000 Menschen ernähren kann: https://www.youtube.com/watch?v=LVjuNFLfApw
[3] https://b2b.amainfo.at/de-at/presse-aktuelles/presse/pressemitteilungen/2025/welt-vegan-tag
[4] https://b2b.amainfo.at/de-at/presse-aktuelles/aktuelles/pflanzenforum2025
[5] Daten aus dem Ernährungsbericht 2017 und daher in Relation zu den alten Ernährungsempfehlungen von vor 2024, große Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Details im Bericht auf S. 67f: https://broschuerenservice.sozialministerium.gv.at/Home/Download?publicationId=528
[6] Gesunde und ökologisch nachhaltige omnivore und ovo-lacto-vegetarische Ernährungsempfehlungen für Österreich – Entwicklungsprozess und wissenschaftliche Ergebnisse. AGES, 2024. https://www.ages.at/forschung/wissen-aktuell/detail/aktualisierung-und-erarbeitung-der-omnivoren-bzw-ovo-lacto-vegetarischen-ernaehrungsempfehlungen-fuer-oesterreich
[7] https://jasmin.goeg.at/id/eprint/4690/1/HBSC%20FS%2009%20Ern%C3%A4hrungsverhalten_bf.pdf
[8] 2. Sachstandsbericht zum Klimawandel in Österreich, Kapitel 2 (Climate change, land use, ecosystem services and health), https://aar2.ccca.ac.at/kapitel/2
[9] https://en.fvm.dk/Media/638484294982868221/Danish-Action-Plan-for-Plant-based-Foods.pdf
[10] https://www.beuc.eu/sites/default/files/publications/BEUC-X-2025-056_Blueprint_EU_Action_Plan_for_Plant-based_Foods.pdf