714/A(E) XXVIII. GP

Eingebracht am 25.02.2026
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ENTSCHLIESSUNGSANTRAG

 

des Abgeordneten Hermann Brückl, MA

und weiterer Abgeordneter

betreffend Kein Sparen beim Fremdsprachenunterricht

 

 

Die angekündigte Kürzung des Fremdsprachenunterrichts[1] in der AHS-Oberstufe zugunsten neuer Fächer wie „Informatik und Künstliche Intelligenz“ sowie „Medien und Demokratie“ ist nicht als bloße Schwerpunktverlagerung zu verstehen, sondern als strukturelle Verschiebung im Bildungsverständnis. Betroffen sind sowohl die zweite lebende Fremdsprache als auch Latein – also genau jene Fächer, die das sprachliche Fundament gymnasialer Bildung sichern. Damit wird nicht nur Stundenkontingent reduziert, sondern die Substanz einer Bildungsform infrage gestellt, die auf Mehrsprachigkeit, analytischer Präzision und kultureller Tiefenschärfe beruht.

 

Die Reduktion der Fremdsprachenstunden gefährdet konkret das Erreichen des B1-Niveaus in der zweiten lebenden Fremdsprache und widerspricht dem europäischen Leitprinzip, wonach alle Bürgerinnen und Bürger mindestens zwei Fremdsprachen auf einem soliden Niveau beherrschen sollen.[2] Mehrsprachigkeit ist kein ornamentales Bildungsziel, sondern eine zentrale Kompetenz in einem wirtschaftlich, politisch und kulturell verflochtenen Europa. Zahlreiche wissenschaftliche Studien[3] belegen darüber hinaus, dass Fremdsprachenlernen kognitive Flexibilität, Problemlösungsfähigkeit und interkulturelle Sensibilität nachhaltig stärkt. Wer hier kürzt, schwächt nicht nur individuelle Bildungschancen, sondern auch die internationale Wettbewerbs- und Dialogfähigkeit eines Landes.

 

In besonderer Weise gilt dies für das Fach Latein. Latein ist mehr als ein Traditionsrest humanistischer Bildung; es ist ein hochwirksames Instrument formaler Denkschulung. Die systematische Grammatikarbeit und das Übersetzen komplexer Texte erfordern präzise Analyse, strukturiertes Vorgehen und argumentative Nachvollziehbarkeit. Diese Arbeitsweise fördert logisches Denken, Sprachbewusstsein und intellektuelle Disziplin – Kompetenzen, die gerade in einer Zeit digitaler Beschleunigung und oberflächlicher Informationsverarbeitung von wachsender Bedeutung sind. Eine Stundenkürzung trifft daher nicht nur Inhalte, sondern unterminiert die methodische Wirksamkeit des Faches als kontinuierliches Training von Genauigkeit, Ausdauer und Urteilskraft.

 

Zugleich leistet Latein einen unverzichtbaren Beitrag zur kulturellen und historischen Orientierung. Die Auseinandersetzung mit zentralen Texten und Denkformen der Antike vermittelt Maßstäbe für Sprache, Argumentation und politische Reflexion, die das europäische Selbstverständnis wesentlich geprägt haben. Wer diese Grundlage schwächt, riskiert eine Verkürzung historischer Tiefendimension zugunsten kurzfristiger Aktualitätsorientierung.

 

Bildungspolitisch ist daher zu fragen, welches Signal gesetzt wird: Statt die wahren Probleme – Defizite in den Grundkompetenzen, Lehrkräftemangel, Gewalt an Schulen oder Leistungsrückgänge – konsequent anzugehen, wird ausgerechnet bei jenen Fächern gekürzt, die systematisches Denken, sprachliche Präzision und kulturelle Urteilskraft fördern. Die Einführung neuer Inhalte darf nicht durch die Schwächung bewährter Bildungsbereiche erkauft werden. Informatik und Künstliche Intelligenz sind zweifellos wichtige Zukunftsthemen; ihre Implementierung rechtfertigt jedoch nicht die Erosion sprachlicher und humanistischer Kernkompetenzen.

 

Eine Bildungspolitik, die Fremdsprachen und insbesondere Latein reduziert, verschiebt den gymnasialen Bildungsauftrag von nachhaltiger, strukturierter Persönlichkeits-bildung hin zu kurzfristiger Kompetenzmodularisierung. Sie riskiert damit eine Verflachung des Anspruchsniveaus und eine Relativierung jenes Bildungs-verständnisses, das das Gymnasium traditionell auszeichnet. Wer die sprachliche Grundlage schwächt, schwächt das Denken selbst – und damit die intellektuelle Substanz des Bildungssystems.

 

 

Die unterfertigten Abgeordneten stellen daher nachstehenden

 

Entschließungsantrag

 

Der Nationalrat wolle beschließen:

„Die Bundesregierung, insbesondere der Bundesminister für Bildung, wird aufgefordert, die geplanten Sparmaßnahmen beim Fremdsprachenunterricht an österreichischen Gymnasien zu stoppen und sicherzustellen, dass sowohl Latein als auch die zweite lebende Fremdsprache als integrale Bestandteile des Lehrplans im derzeitigen Stundenausmaß erhalten bleiben, um die Vermittlung von Sprachbewusstsein, logischem Denken und kultureller sowie historischer Orientierungsfähigkeit weiterhin zu gewährleisten.“

 

 

 

 

 

 

 

 

In formeller Hinsicht wird ersucht, diesen Antrag dem Bildungsausschuss zuzuweisen.



[1]   https://orf.at/stories/3418609/ (aufgerufen am 11.02.2026)

[2]   https://www.ecml.at/Portals/1/resources/Articles%20and%20publications%20on%20the%20ECML/
Saville_implementation%20of%20European%20strategy%20on%20multilingualism%20summer%2016.pdf
(aufgerufen am 11.02.2026)

[3]   https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6529595/ (aufgerufen am 11.02.2026); https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adh0064 (aufgerufen am 11.02.2026)