757/A(E) XXVIII. GP
Eingebracht am 25.02.2026
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ENTSCHLIESSUNGSANTRAG
der Abgeordneten Meri Disoski, Freundinnen und Freunde
betreffend Frauen im Alter vor Gewalt schützen!
BEGRÜNDUNG
Alle Formen von Gewalt gefährden das Wohlergehen, die Gesundheit, die Sicherheit und das Leben von Frauen in Österreich – unabhängig von ihrem Alter. In der Praxis bleiben insbesondere ältere Frauen jedoch in politischen und gesellschaftlichen Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt – insbesondere in Paar- und Familienbeziehungen – bislang weitgehend unberücksichtigt.
Gewalt gegen ältere Frauen ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema, das tief in sexistischen und altersdiskriminierenden Vorurteilen, Stereotypen sowie diskriminierenden gesellschaftlichen und sozialen Normen verwurzelt ist. Machtverhältnisse und Ungleichheiten, die zu emotionaler, finanzieller, materieller, körperlicher und sexueller Gewalt gegen Frauen führen, können sich im Alter sogar noch verschärfen.[1] Ältere Frauen werden aufgrund ihrer doppelten Diskriminierung durch Geschlecht und Alter besonders gefährdet: Einerseits werden sie leichter Opfer von Gewalt, andererseits bleiben sie als (potenzielle) Betroffene strukturell oft unbemerkt. Deshalb ist es zwingend erforderlich, dass Maßnahmen zur Gewaltprävention und -bekämpfung tatsächlich alle Frauen einbeziehen. Der im November 2025 von der Bundesregierung präsentierte „Nationale Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen“ verabsäumt es jedoch, hierfür ausreichende Schutzmaßnahmen vorzusehen. Die im Regierungsprogramm angekündigte Absicht, einen „besonderen Fokus auf den Gewaltschutz bei älteren Frauen“[2] zu legen, erweist sich bislang leider als leere Versprechung.
Dabei erleben laut Zahlen der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) von 2014 hierzulande 23,8 % aller Frauen ab 60 Jahren Formen häuslicher Gewalt.[3] Die Dunkelziffer liegt jedoch höchstwahrscheinlich sehr viel höher, denn es sind gerade ältere Frauen, die sich im Ernstfall kaum bis gar keine Hilfe suchen (können). Noch dazu und gerade weil es an ausreichenden Daten, Forschung und Studien in diesem spezifischen Gewaltbereich fehlt, ganz zu schweigen vom fehlenden gesellschaft-lichen Bewusstsein für Gewalt gegen Frauen im Alter. Expert:innen bezeichnen dies als „stille Krise“: Ältere Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, deren Tod jedoch selten so viel Aufmerksamkeit erhält wie der jüngerer Frauen, und deren Erfahrungen in den Gewaltschutzmaßnahmen nicht ausreichend berücksichtigt werden[4].
Wie wortwörtlich lebensgefährlich dieser blinde Fleck im Gewaltschutz ist, zeigen die aktuelle Mordstatistik und Femizidzahlen. Laut neuen Untersuchungen der FH Joanneum sind Frauen über 65 Jahren überdurchschnittlich häufig Opfer von Tötungsdelikten[5]. Der Zählung der AÖF nach betrafen im Jahr 2019 14 % aller Femizide Frauen ab 60 Jahren, im Jahr 2020 waren es 33 %, im Jahr 2021 29 % und im Jahr 2022 34 %. Im Jahr 2024 stiegen sie auf 51 % und 2025 waren 7 der 15 Femizidopfer über 65 Jahre alt.[6] Gewalt gegen ältere Frauen ist also keine Randerscheinung, sondern eine wachsende gesellschaftliche Notlage, der dringend Einhalt geboten werden muss. Hierfür braucht es gezielte politische Maßnahmen, die alle Formen von Gewalt an älteren Frauen und insbesondere die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Gewalttaten berücksichtigen müssen.
Allgemein bezeichnet „Gewalt gegen ältere Menschen körperliche, seelische, sexuelle oder finanzielle Übergriffe sowie Vernachlässigung gegenüber Menschen im höheren Alter. Sie kann im familiären Umfeld, in Pflegeeinrichtungen oder auch durch Betreuungspersonen passieren“[7]. In Fällen von Gewalt gegen ältere Frauen zeigen Studien, dass die Täter in erster Linie männliche Intimpartner, Familien-mitglieder oder Pflegekräfte sind.[8] Gerade häusliche Gewalt zeigt sich hierbei auf unterschiedlichen Arten: Sie kann bereits früher im Leben begonnen haben und bis ins hohe Alter andauern, ist also eine Fortsetzung langjähriger Gewalttätigkeit; ältere Frauen können erst spät im Leben in eine Beziehung mit einem gewaltvollen Partner geraten; oder eine bereits früher missbräuchliche Beziehung verschlimmert sich mit zunehmenden Alter des Partners, die spät einsetzende Gewalt beginnt also erst im Alter.[9] Viele der betroffenen Frauen sind generationsbedingt stark in traditionellen Rollenverständnissen verhaftet und ertragen Gewalt aus Scham oder Treue zum Partner. Im schlimmsten Fall werden sie dann zu Hause getötet, statistisch gesehen am häufigsten mit einem scharfen Gegenstand, mit einer Feuerwaffe oder durch Strangulieren bzw. Ersticken[10].
So unterschiedlich die Gewaltsituationen älterer Frauen sind, so unterschiedlich sind auch die zahlreichen Hindernisse, die ältere Frauen davon abhalten, ihre Gewalter-fahrungen zu melden oder sich Hilfe zu suchen. Zu den individuellen Hindernissen zählen:
- das Gewaltverhalten nicht als Gewalt zu erkennen
- Scham, Schuldgefühle oder Angst, nicht geglaubt zu werden
- Verpflichtung oder Loyalität zum Partner als private, abzufindende Situation
- größere Toleranz oder Akzeptanz von Missbrauch aufgrund der Dauer der Gewalt oder anderer Einstellungsnormen
- Scheu, Hilfe in Anspruch zu nehmen
- Abschreckung durch erwachsene Kinder, andere Familienmitglieder, Freund:innen oder Mitglieder aus der Gemeinschaft, Anzeige zu erstatten oder offiziell Hilfe zu suchen
- finanzielle Unsicherheit oder Abhängigkeit, insbesondere nach der Pensionierung
- Isolation
Zu den zusätzlichen Hindernissen beim Zugang zu Hilfs- und Unterstützungs-angeboten zählen die eigene physische Unzugänglichkeit, mangelnde öffentliche Verkehrsmittel, technologische Hindernisse und das strukturelle Verabsäumen, gezielt ältere Frauen anzusprechen und Hilfsangebote auf sie zuzuschneiden[11]. Um Gewalt gegen ältere Frauen nachhaltig bekämpfen zu können, müssen umfassend wirksame Gewaltpräventions- und Gewaltschutzmaßnahmen all diese unterschiedlichen Faktoren zukünftig angemessen berücksichtigen.
Ganz besonders muss dabei Augenmerk auf einen spezifischen Typus von Femizid gelegt werden, wie auch die qualitative Untersuchung österreichischer Frauen-morde[12] zeigt: Von 100 Femiziden sind über 70-jährige Frauen die am stärksten vertretene Altersgruppe unter den Opfern. Unter den Tätern sind Männer zwischen 50 und 59 Jahren und jenseits der 70 überrepräsentiert. „Im Regelfall begeht der gleichaltrige Partner Suizid. Die Tötung ist meistens durch eine Schusswaffe. Die Ehefrau ist häufig schwer krank und der Täter trägt meistens die Pflegeverantwortung, oft ist keine oder nur wenig externe Hilfe vorhanden“[13]. Falsch und verharmlosend als „Mercy Femicides“, „erweiterter Suizid“ oder gar „Verzweiflungs-tat“ bezeichnet, müssen diese Frauenmorde künftig mithilfe spezifischer Gewaltpräventions- und Gewaltschutzmaßnahmen gezielt durch die Bundesregierung bekämpft werden. Pflegebedürftigkeit, veraltete Rollenverständnisse, Abhängigkeit, Isolation und Machtgefälle – all dies kostet Frauen in Österreich ihr Leben. Die Bundes-regierung darf nicht weiter tatenlos zusehen. Sie muss ihren Versprechen endlich nachkommen und auch ältere Frauen wirksam vor Männergewalt schützen. Jede Frau hat das Recht auf Schutz und ein gewaltfreies Leben – ganz egal wie alt sie ist.
Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgenden
ENTSCHLIESSUNGSANTRAG
Der Nationalrat wolle beschließen:
„Die Bundesregierung, insbesondere die Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung in Zusammenarbeit mit der Bundesministerin für Justiz, dem Bundesminister für Inneres und der Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesund-heit, Pflege und Konsumentenschutz, wird aufgefordert, die im Regierungsprogramm angekündigten Vorhaben zum „Gewaltschutz bei älteren Frauen“ unverzüglich umzusetzen und mit den dafür notwendigen finanziellen Mitteln langfristig abzu-sichern. Unter anderem muss gewährleistet sein:
In formeller Hinsicht wird die Zuweisung an den Gleichbehandlungsausschuss vorgeschlagen.
[1] Vgl. UN experts urge States to address violence, abuse and neglect of older women | OHCHR
[2] Vgl. Regierungsdokumente - Bundeskanzleramt Österreich
[3] Vgl. MARVOW2_factsheet_A4_251006_web-1.pdf
[4] Older women allegedly killed by family members a ‘silent crisis’, experts say | Domestic violence | The Guardian
[5] Vgl. Morde in Österreich: Eine soziologische Untersuchung auf Basis einer statistischen Analyse der Todesursache „Mord“ im Zeitvergleich 1970–2024
[6] Vgl. MARVOW2_factsheet_A4_251006_web-1.pdf und Autonome Frauenhäuser Österreichs: Mutmaßliche Femizide
[7] Gewalt an älteren Frauen: Warum Frauen über 65 häufiger getötet werden | WZ • Wiener Zeitung
[8] Vgl. UN experts urge States to address violence, abuse and neglect of older women | OHCHR
[9] Vgl. https://www.eapon.ca/wp-content/uploads/2014/03/Older-women-and-domestic-violence.pdf
[10] Vgl. Morde in Österreich: Eine soziologische Untersuchung auf Basis einer statistischen Analyse der Todesursache „Mord“ im Zeitvergleich 1970–2024
[11] Vgl. Preventing intimate partner violence against older women
[12] Vgl. IKF-Untersuchung
[13] Vgl. Interview mit Studienautorin Birgitt Haller in Femizide an älteren Frauen: 'Geht nicht um Anti-Gewalt-Training' - SN.at
[14] Vgl. *Deutsche Übersetzung des GREVIO-Berichts der ersten thematischen Evaluierungsrunde