875/A(E) XXVIII. GP
Eingebracht am 20.05.2026
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ENTSCHLIESSUNGSANTRAG
der Abgeordneten Elisabeth Götze, Meri Disoski, Markus Koza, Freundinnen und Freunde
betreffend Anreize für gleichberechtigte Elternschaft und Berufstätigkeit etablieren - Halbe-halbe als Erfolgsmodell: "Frauen fördern, Standort stärken"
BEGRÜNDUNG
Im Standard-Interview am 11. März äußerte sich Familienministerin Bauer zur zunehmenden demografischen Schieflage und den sinkenden Geburtenzahlen mit folgenden Worten: „Die Menschen überlegen zu sehr, ob die Lebensumstände passen, die Wohnsituation gerade passend ist, bin ich lange genug im Job. Und dann wartet man auf den perfekten Zeitpunkt. Man muss sich da mehr auf sein G'spür verlassen. Weniger Beipackzettel, mehr Freude.“[1]
Was die Familienministerin mit dieser Aussage völlig verkennt, sind die strukturellen Faktoren, die die Entscheidung für oder gegen Kinder massiv beeinflussen. Treffender als Ministerin Bauer hält es die Expertin Caroline Berghammer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) fest: „Wenn Frauen den Eindruck haben, dass alles an ihnen hängen bleiben wird, dann wird es schwierig“.[2] Denn auch im Jahr 2026 stehen viele Frauen gezwungenermaßen noch immer vor der Frage: „Kind oder Karriere“. Eine Entscheidung mit hohen Kosten – für Frauen selbst, für Familien, für die Wirtschaft und für die Gesellschaft insgesamt. Österreich ist von echter Gleichstellung im Alltag, Privat- und Berufsleben noch immer meilenweit entfernt:
· Österreich ist bei der Väterbeteiligung in der Kinderbetreuung EU-weit Schlusslicht: Durchschnittlich 416 Tage nehmen Mütter nach der ersten Geburt bezahlte Elternkarenz in Anspruch, während Väter lediglich 9 Tage zu Hause bleiben.[3]
· Nur etwa 1 % der Väter geht länger als sechs Monate in Karenz. Gleichzeitig sehen sich Männer, die mehr Verantwortung übernehmen wollen, häufig mit gesellschaftlichen Vorurteilen konfrontiert.[4] So zeigte kürzlich auch eine SPÖ-Studie, dass Vätern, die in Karenz gehen wollten, mit Kündigung gedroht wurde.[5]
· Während die Teilzeitquote bei Frauen mit Kindern unter 15 Jahren bei 76,1 % liegt, beträgt sie bei Männern mit Kindern unter 15 Jahren gerade einmal 7,4%. Diese Unterschiede bestehen unabhängig davon, ob Eltern über hohe oder niedrige berufliche Kompetenzen verfügen. Das ergab eine aktuelle Studie der ÖAW.[6]
· Zwei Drittel der unbezahlten Care-Arbeit (Kinderbetreuung, aber auch Hausarbeit und Pflege von Älteren) werden von Frauen geleistet.[7]
· Am Arbeitsmarkt stehen Frauen vor einer strukturellen Benachteiligung: Frauen werden von Arbeitgeber:innen häufig als „potenzielle Mütter“ wahrgenommen und damit in diskriminierender Weise als Ausfallrisiko einge-stuft. Das ist auch eine wesentliche Ursache für den noch immer bestehenden Gender-Pay-Gap, der in Österreich mit 17,6% zu den Größten in der EU zählt.[8]
Die Folge: Frauen haben lange Karriere-Unterbrechungen mit erheblichen finanziellen Folgen und sie verlieren im Beruf den Anschluss, während Männer keinen gleichberechtigten Anteil an der Betreuung ihrer Kinder haben und damit keine beruflichen und finanziellen Einbußen. Entgegen der Meinung der Familienministerin haben Frauen durchaus viel „G’spür“: Sie spüren, dass sich eine Mutterschaft auf ihre Berufskarriere und ihre Pensionshöhe auswirken wird und sie empfinden es daher als großes ökonomisches Risiko.[9] Das schlägt sich auch im Rückgang der Geburtenrate nieder, die mit 1,3 Kindern pro Frau ein neues Rekordtief erreicht hat.[10]
Wenn Frauen ihre Erwerbstätigkeit zugunsten von Familie und Care-Arbeit zurückstellen, gehen Frauen finanzielle Unabhängigkeit sowie Karrierechancen und Unternehmen dringend benötigte Fachkräfte sowie Innovationskraft verloren. Gleichzeitig bleiben Väter in der Kinderbetreuung oft unsichtbar, ein Umstand, den Väter oft beklagen und der auch negative gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zieht. Die Ursache für all das liegt weniger im fehlenden „Gspür“ von Paaren, wie von der Familienministerin realitätsfremd unterstellt, sondern in den bestehenden Rahmenbedingungen.
Die derzeitige Ausgestaltung von familienpolitischen Leistungen – von Elternkarenz (Modell 22+2), Elternteilzeit über Kinderbetreuungsgeld und Papamonat – setzt falsche Anreize. Väter werden auf eine nicht-gleichberechtigte Elternhilfsrolle reduziert („Väter helfen Müttern“). Sie begünstigen, dass ein Elternteil – in der Regel die Frau – die Erwerbsarbeit stark reduziert oder ganz aussteigt, während der andere Elternteil Karenzzeit nur „auffüllt“, um den vollen Anspruch zu erzielen. Für die Volkswirtschaft bedeutet das einen Verlust an qualifizierten Arbeitskräften, geringere Produktivität und eine Verschärfung des Fachkräftemangels. Ein modernes Wirtschaftssystem kann es sich nicht leisten, gut ausgebildete Frauen durch ein veraltetes Anreizsystem aus dem Arbeitsmarkt zu drängen.
Für Frauen ist dieses System besonders problematisch, weil es strukturelle Abhängigkeiten verstärkt. Weniger Arbeitszeit heißt weniger Einkommen, geringere Karrierechancen, deutlich niedrigere Pensionen und ein erhöhtes Risiko für Altersarmut. Statt eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit zu fördern, fördert das System traditionelle Rollenbilder und finanzielle Unselbständig-keit von Frauen.
Fazit: Staatliche Leistungen und Rechtsansprüche orientieren sich 2026 noch immer an einem überholten Familienmodell, in dem eine Person – meist der Mann – Hauptverdiener ist, während die andere Person – meist die Frau – die Kinderbetreuung übernimmt. Trotz besserer Bildung – Frauen weisen heute höhere Bildungsabschlüsse auf als Männer – werden Frauen weiterhin systematisch in eine traditionelle Rollenaufteilung gedrängt.
Die Beibehaltung dieser Strukturen hat nicht nur soziale, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen. Angesichts eines drohenden Arbeitskräftemangels warnen Expert:innen eindringlich vor den Folgen ungenutzter Potenziale. Ziel muss eine faire Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sein, eine neue 50:50-Normalität in der Kinderbetreuung und eine echte Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Nur so lassen sich ökonomische Potenziale heben, Frauenkarrieren und Familien stärken und unsere Gesellschaft nachhaltig beleben – eine echte Win-win-win-Situation für alle.
Dass das keine graue Theorie ist, zeigt das Beispiel Finnlands, wo 2022 eine 50:50-Lösung eingeführt wurde: Bei zwei Elternteilen bekommen beide jeweils 160 Tage Elternzeit zugeteilt. Bis zu 63 ihrer Tage dürfen sie dabei an die oder den anderen abgeben. Die Reform zielt nach Angaben der finnischen Regierung ausdrücklich darauf ab, „die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern und eine ausgewogenere Aufteilung der Betreuungs- und Erziehungspflichten zwischen den Geschlechtern zu fördern.“[11] Alleinerziehende erhalten das volle Zeitkontingent, also zweimal 160 Tage, und die Reform berücksichtigt auch unterschiedliche Familienformen – unabhängig von Geschlecht oder davon, ob es sich um leibliche oder Adoptiveltern handelt.
Die 2022 eingeführte Reform des finnischen „Elternurlaubsgesetzes“ zeigte schon kurz nach ihrer Einführung deutliche Auswirkungen:
· Der Anteil der Väter an den Elternzeittagen hatte sich in Finnland laut Zahlen der finnischen Sozialversicherungsanstalt schon 2024 verdoppelt.[12]
· Die Beschäftigungsquote von Frauen überstieg bereits 2023 jene der Männer.[13]
Die 50:50-Reform in Finnland brachte somit einen anhaltenden Aufwärtstrend bei der Väterbeteiligung und bei der Frauenbeschäftigung.
Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgenden
ENTSCHLIESSUNGSANTRAG
Der Nationalrat wolle beschließen:
„Die Bundesregierung, insbesondere der Bundesminister für Wirtschaft, Energie und Tourismus, die Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung, die Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz und die Bundesministerin für Europa, Integration und Familie, wird aufgefordert, umgehend ein Maßnahmenpaket vorzulegen, das die Berufstätigkeit von Frauen fördert und insbesondere folgende Punkte enthält:
• Gleichteilige Inanspruchnahme von Elternkarenz durch beide Elternteile: 12+12 Monate;
• Umstellung der Kinderbetreuungsgeld-Modelle auf 50:50-Modelle;
• Anspruch auf partnerschaftliche Elternteilzeit für beide Elternteile.
Dabei sind Ausnahmen für Alleinerziehende zu schaffen.“
In formeller Hinsicht wird die Zuweisung an den Ausschuss für Wirtschaft, Industrie und Energie vorgeschlagen.
[1] https://www.derstandard.at/story/3000000311887/ministerin-bauer-wuenscht-sich-mehr-freude-und-mehr-kinder
[2] https://science.orf.at/stories/3235530/
[3] https://www.wienerzeitung.at/a/gleichstellung-bis-zum-ersten-kind-
[4] https://www.momentum-institut.at/news/vatertag-2024-oesterreich-ist-eu-schlusslicht-bei-vaeterkarenzbeteiligung/
[5] https://orf.at/stories/3426580/
[6] https://www.oeaw.ac.at/news/unabhaengig-von-der-qualifikation-elternkarenz-wird-fast-nur-von-frauen-genutzt-1; https://www.comparativepopulationstudies.de/index.php/CPoS/article/view/734/449
[7] https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2023/12/20231218ZVE20212022.pdf
[8] https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/gender-statistiken/einkommen
[9] https://www.derstandard.at/story/3000000315637/kinderwunsch-ich-will-vater-sein-nicht-mutter?ref=seite1_zonekur
[10] https://www.oeaw.ac.at/news/geburtenrueckgang-und-hohe-kinderlosigkeit-in-oesterreich-1 und https://science.orf.at/stories/3235530/
[11] https://www.spiegel.de/karriere/finnland-muetter-und-vaeter-bekommen-gleiches-recht-auf-elternzeit-a-9121c624-ccbb-41e4-870f-7772c3a91da6
[12] https://www.nordisch.info/finnland/nach-reform-vaeter-nehmen-deutlich-mehr-elternzeit/ und https://yle.fi/a/74-20104215
[13] https://yle.fi/a/74-20039575