929/A(E) XXVIII. GP

Eingebracht am 10.06.2026
Dieser Text wurde elektronisch übermittelt. Abweichungen vom Original sind möglich.

ENTSCHLIESSUNGSANTRAG

der Abgeordneten Sigrid Maurer, Freundinnen und Freunde

 

betreffend gemeinsamer Ethik- und Werteunterricht: Brücken bauen statt Barrieren im Klassenzimmer

 

 

BEGRÜNDUNG

 

 

Unsere Gesellschaft wird vielfältiger. Diese Pluralität spiegelt sich nirgendwo so deutlich wider wie in unseren Schulen. Wenn wir wollen, dass junge Menschen zu empathischen, demokratischen und kritikfähigen Bürger:innen heranwachsen, die einander mit Respekt begegnen, dann müssen wir ihnen Räume bieten, in denen sie diesen Dialog auch tatsächlich führen können. Das gemeinsame Nachdenken über ethische Grundfragen, über Werte, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Religion und die Vielfalt von Weltanschauungen darf kein Randthema sein – es gehört ins Zentrum der schulischen Bildung.

Die aktuelle Realität sieht jedoch anders aus: Sobald die Stunde für den Religionsunterricht schlägt, wird die Klassengemeinschaft getrennt. Selbst der verpflichtende Ethikunterricht in der Oberstufe hat dieses Problem nicht gelöst: Die Jugendlichen sitzen wieder nicht gemeinsam an einem Tisch, sondern werden separiert. Statt das Gemeinsame zu betonen und Vorurteile gar nicht erst entstehen zu lassen, ziehen wir künstliche Trennwände ein. Das ist eine verpasste Chance für gelebte Integration. Ein gemeinsamer Ethik- und Religionenunterricht würde Brücken bauen, Berührungsängste nehmen und wäre das wirksamste Fundament gegen Spaltung und Extremismus.

Uns ist vollkommen klar: Der Weg zu einem flächendeckenden, gemeinsamen Ethik- und Religionenunterricht für alle ist noch ein weiter. Doch die Lebensrealität überholt die Politik längst: Einerseits sind wir bereits mit einem immer größeren Mangel an Religionspädagog:innen konfrontiert. Zahlreiche Schüler:innen erhalten bereits jetzt kein ausreichendes Angebot im Bereich der Religionen- und Wertebildung mehr. Andererseits sind zu wenig Schüler:innen einer Konfession in einer Klasse oder Jahrgangsstufe vertreten. Die zwei vorgesehenen Stunden müssen in beiden Fällen entweder komplett gestrichen, auf eine Einzelstunde reduziert oder der Religions-unterricht muss kompliziert über Schulen hinweg zusammengelegt werden.

Genau dieser akute Mangel bietet aber die Chance für echte Innovation im System: Von den zwei Stunden Religion könnte künftig eine für den konfessionellen Unterricht genutzt werden, während die zweite Stunde für einen gemeinsamen, verbindlichen Werteunterricht für alle Kinder im Klassenverband geöffnet wird.

Wo ein Wille ist, entstehen solche mutigen Initiativen bereits direkt an den Standorten – wie das inspirierende Leuchtturmprojekt „W.I.R: Werte – interkulturelles Lernen – Religionen“[1]. Hier geben Glaubensgemeinschaften im Einvernehmen eine Religionsstunde an die Schule zurück. In diesem gemeinsamen Unterricht sitzen endlich alle Kinder an einem Tisch: Sie lernen die Grundlagen und Feste der verschiedenen Weltreligionen kennen, sprechen über gemeinsame ethische Werte und setzen sich mit religiösen, säkularen und philosophischen Sichtweisen auseinander. Das baut Berührungsängste ab und fördert den Zusammenhalt von klein auf. Dass dieser Brückenbau in der Praxis funktioniert, zeigt auch der konfessionell-kooperative Religionsunterricht im Westen Österreichs, bei dem verschiedene christliche Konfessionen bereits erfolgreich zusammenarbeiten.[2]

Bisher bewegen sich manche dieser zukunftsweisenden Modelle in einer rechtlichen Grauzone oder scheitern an bürokratischen Barrieren. Es ist die dringende Aufgabe der Politik, diese Innovationen nicht länger zu blockieren, sondern aktiv zu unterstützen. Wir müssen den Schulen ermöglichen, diese Ansätze ganz legal umzusetzen, sie dazu ermutigen, sie als Schulversuch oder Pilotprojekt auszu-probieren und begleitend zu evaluieren. So schaffen wir auf Basis realer Erfahrungswerte die Grundlage, um das starre System an die Lebensrealität des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgenden

ENTSCHLIESSUNGSANTRAG

 

Der Nationalrat wolle beschließen:

 

Der Bundesminister für Bildung wird aufgefordert, administrative und organisator-ische Maßnahmen zu setzen, um Schulen aktiv bei der Konzeption und Umsetzung von Schulversuchen sowie innovativen Pilotprojekten für einen gemeinsamen Ethik- und Werteunterricht im Klassenverband zu unterstützen.

 

Dabei soll – in Abstimmung mit den gesetzlich anerkannten Kirchen und Religions-gesellschaften – insbesondere die Möglichkeit forciert und erleichtert werden, dass teilnehmende Schulstandorte eine der zwei im Lehrplan vorgesehenen Religions-stunden für einen gemeinsamen, schulautonomen Werteunterricht im gesamten Klassenverband nutzen können. Auf Basis der so gewonnenen Erfahrungswerte soll in Folge die rechtliche Basis für eine flächendeckende Umsetzung dieses Modells geschaffen werden.“

 

In formeller Hinsicht wird die Zuweisung an den Bildungsausschuss vorgeschlagen.



[1] Vgl: https://www.werndlpark.at/index.php/unterricht/unterstufe/wir---religion---ethik, zuletzt aufgerufen am: 2.6.2026

[2] Vgl. ORF.at, „Gemeinsamer Religionsunterricht an Berufsschulen“, zuletzt aufgerufen am: 2.6.2026 https://religion.orf.at/stories/3232033/,