4016/J XXVIII. GP

Eingelangt am 24.11.2025
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ANFRAGE

 

des Abgeordneten Christoph Steiner

an den Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft

betreffend Endbericht LeKoWolf – Lebensraum- und Konfliktpotenzialmodell Wolf in Österreich

 

 

Die Erstellung des Endberichts „LeKoWolf“[1] wurde mit öffentlichen Mitteln beauftragt, um eine fachliche Grundlage für das Wolfsmanagement zu schaffen. Laut Projektzielen sollte die Studie Aussagen über ökologische, sozioökonomische und raumbezogene Tragfähigkeit im Zusammenhang mit Wolfspräsenz ermöglichen.

 

Das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (BOKU) hat 2024 in der Stellungnahme „Schutzstatus von Wölfen in Europa – kommt bald die Wolfsjagd in Österreich?“ festgehalten, dass es im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft sowie aller Bundesländer außer Wien und Burgenland ein Lebensraum- und Konfliktpotentialmodell für den Wolf in Österreich erarbeitet. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, die angespannte Diskussion weiter zu versachlichen und langfristige Lösungen für ein Miteinander von Mensch und Wolf zu erarbeiten, damit die Nutztierhaltung in Österreich auch künftig ermöglicht wird und die rechtlichen Vorgaben aus internationalen Abkommen berücksichtigt werden können.[2]

 

Der nun veröffentlichte Bericht enthält jedoch keine quantitativen Bewertungen zur Belastbarkeit von betroffenen Regionen und benennt selbst erhebliche Daten- und Forschungslücken. Weder die Alm- und Weidewirtschaft als besonders betroffener Sektor noch soziale, wirtschaftliche und psychische Auswirkungen auf die Bauernfamilien wurden berücksichtigt. Auch Folgen für Biodiversität, Kulturlandschaft, Tourismus, Schutzwaldpflege und regionale Wertschöpfung bleiben unerfasst.

 

Mit Juni 2025 hat der EU-Rat die Umstufung des Schutzstatus des Wolfes im Rahmen der FFH-Richtlinie von „streng geschützt“ (Anhang IV) auf „geschützt“ (Anhang V) vorgenommen.[3] Das stellt einen wichtigen Meilenstein hin zu einem umfassenden Management von Wolfspopulationen in Europa dar und Österreich hat durch die Änderung des Schutzstatus beim Wolf mehr Handlungsspielraum bekommen. Somit kann bei Vorliegen des günstigen Erhaltungszustandes oder die Erreichung dessen nicht gefährdet ist, Österreich eine reguläre Bejagung des Wolfes in Betracht ziehen.2

 

Das nun vorliegende Endergebnis der Studie „LeKoWolf“, welche wichtige Daten für weitere nötige Schritte hin in Richtung Wolfsmanagement belegen hätte sollen, liefert aber keinerlei Argumentationsgrundlagen bzw. quantitative Aussagen zur ökologischen oder sozioökonomischen Tragfähigkeit.

 

 

In diesem Zusammenhang richtet der unterfertigte Abgeordnete an den Bundes-minister für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft nachstehende

 

Anfrage

 

1.    Welche finanziellen Mittel des Bundes wurden für die Erstellung der Studie „LeKoWolf“ aufgewendet?

2.    Wurden zusätzlich Mittel von Ländern oder der EU verwendet?

a.    Wenn ja, in welcher Höhe?

3.    Inwiefern entspricht der Endbericht aus Ihrer Sicht der im Auftrag vorgesehenen Zielsetzung, insbesondere hinsichtlich der Erstellung quantitativer Entscheidungsgrundlagen?

4.    Ist geplant, Ergebnisse des Berichts politisch zu verwerten, obwohl im Bericht selbst Forschungs- und Datenlücken eingeräumt werden?

5.    Warum wurden weder Landwirtschaftskammern, Landwirte noch Vertreter der Alm- und Weidetierwirtschaft in die Untersuchung einbezogen?

6.    Wer hat über die Zusammensetzung der projektbegleitenden Arbeitsgruppe entschieden?

7.    Aus welchem Grund wurde von einer formalen Betroffenenbeteiligung abgesehen, obwohl das Berglandwirtschaftsprotokoll der Alpenkonvention (Art. 4) eine solche vorsieht?

8.    Plant das Ministerium, im Rahmen künftiger Folgeprojekte eine Einbindung der betroffenen Landwirte bzw. Vertreter der Alm- und Weidetierwirtschaft sicherzustellen?

9.    Wie bewertet das Ministerium den Umstand, dass laut Bericht weder die flächendeckende Erhebung noch die Wirksamkeit von Herden-schutzmaßnahmen analysiert wurde (z. B. S. 8, 22, 84)?

10. Auf welcher Grundlage wird politisch dennoch auf einen „Konfliktrückgang durch Herdenschutz“ Bezug genommen?

11. Ist dem Ministerium bekannt, dass der Bericht auf Seite 84 weiteren Forschungsbedarf zu Wechselwirkungen zwischen Bewirtschaftung, Biodiversität und Herdenschutz festhält?

12. Warum wurden soziale, wirtschaftliche und psychische Belastungsfaktoren der Landwirtschaft nicht in das Modell integriert?

13. Wie beurteilt das Ministerium die wissenschaftliche Belastbarkeit und Aussagekraft des entwickelten Konfliktpotenzialmodells?

14. Warum wurden mögliche Folgen von Wolfsanwesenheit auf Biodiversität, Offenhaltung des alpinen Grünlandes und Schutzwaldpflege nicht untersucht?

15. Wurde geprüft, ob durch eine zunehmende Wolfspräsenz Bewirtschaftungs-rückgänge oder Betriebsaufgaben drohen können?

16. In welchem Ausmaß verfolgt das Ministerium das Ziel, dass die Almwirtschaft, welche auf 1/5 unserer Staatsfläche erfolgt, samt ihren weitreichenden Funktionen (Lebensmittelproduktion, indirekter Lawinenschutz, Wasser-speicher, Pflege artenreicher Flächen, Erholungsraum) abgesichert wird?

17. Wurden tourismusökonomische Auswirkungen oder Effekte auf die regionale Wertschöpfung in diesem Zusammenhang bewertet?

18. Welche Maßnahmen setzt die Bundesregierung, um sicherzustellen, dass Alm- und Weidetierhaltung nicht durch die Ausbreitung großer Beutegreifer gefährdet wird?

19. Welche Bedeutung misst das Ministerium dem Verfassungsrang der Daseinsvorsorge im Berggebiet in diesem Zusammenhang zu?

20. Welche Strategien bestehen, um die Funktionen der Almen (Erhalt von Artenvielfalt, Kulturlandschaft, Schutzwald und Lebensmittelproduktion) unter zunehmendem Wolfsdruck zu sichern?

21. Plant das Ministerium die Beauftragung eigener Studien, um die Tragfähigkeit des Alpenraums unter Wolfspräsenz hinsichtlich Bewirtschaftung, Sozial-strukturen und Wirtschaftsleistung zu erfassen?

a.    Wenn ja, wie sollen Betroffene und regionale Stakeholder in die Erhebung und Bewertung einbezogen werden?

22. Welche Schlüsse zieht das Ministerium aus den im Endbericht dokumentierten Forschungslücken?

23. Ist vorgesehen, ergänzende interdisziplinär arbeitende Studien mit realer Datenerhebung in betroffenen Regionen nachzuholen?

24. Welche konkreten politischen oder rechtlichen Maßnahmen sollen auf Basis des Berichts gesetzt werden?

25. Wie wird sichergestellt, dass künftige Entscheidungen auf vollständigen, belastbaren und regional repräsentativen Datengrundlagen beruhen?



[1]    https://dafne.at/projekte/lekowolf (aufgerufen am 10.11.2025)

[2]    https://boku.ac.at/fileadmin/data/H03000/H83000/H83200/News/News-Dateien_2024/Schutzstatus_von_Wo__lfen_in_Europa_KH_JH.pdf (aufgerufen am 10.11.2025)

[3]    https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2025/06/05/habitats-directive-council-gives-final-approval-to-the-new-protection-status-of-wolves/ (aufgerufen am 10.11.2025)