5372/J XXVIII. GP
Eingelangt am 19.03.2026
Dieser Text ist elektronisch textinterpretiert. Abweichungen vom Original sind
möglich.
Anfrage
der Abgeordneten Alma Zadić, Freundinnen und Freunde
an die Bundesministerin für Justiz
betreffend "Sniper-Touren" in Sarajevo – Ermittlungen gegen österreichische Tatverdächtige
BEGRÜNDUNG
In den letzten Wochen wurden durch italienische lnvestigativjournalist:innen aufgedeckte, erschütternde Details aus dem Bosnienkrieg auch in Österreich öffentlich diskutiert: Während der Belagerung der Stadt Sarajevo in den Jahren 1992 bis 1996 durch paramilitärische Truppen sowie Truppen der Armee der Republika Srpska (VRS) sollen wohlhabende ausländische Bürger:innen für das Schießen auf Menschen und sogar Kinder bezahlt haben. Für das Erschießen von Kindern mussten sie etwas mehr bezahlen. Insgesamt kamen während der Belagerung rund 11.000 Menschen ums Leben. Diese Ungeheuerlichkeiten scheinen nun endlich auch rechtliche Konsequenzen nach sich zu ziehen, denn das erste Ermittlungsverfahren in Mailand läuft bereits.
Der „Kurier“ berichtete im November zu ersten Strafverfahren in Italien wegen Teilnahme an diesen menschenfeindlichen Taten, die auf Grund von Recherchen des Schriftstellers Ezio Gavazzeni eingeleitet wurden:
„Einmal Menschen jagen im Bosnien-Krieg
Italien. "Jagdausflüge" ins Kriegsgebiet beschäftigen die italienischen Behörden.
11.000 Menschen starben während der Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1996. in dieser Zeit sollen wohlhabende Italiener und Bürger anderer Länder viel Geld – bis zu 100. 000 Euro – bezahlt haben, um "Urlaub" im Kriegsgebiet machen und auf Menschen schießen zu können. Das Schießen auf Kinder kostete extra.
Seit Jahren tauchen immer wieder Berichte zum "Sniper-Tourismus" während des Bosnien-Krieges auf Auch der 2022 erschienene Film "Sarajevo Safari" des slowenischen Regisseurs Miran Zupanić beschäftigt sich damit, lässt Zeugen zu Wort kommen. Nach einer Anzeige des Schriftstellers Ezio Gavazzeni, der in den Archiven der bosnischen Geheimdienste recherchiert hat, hat die Staatsanwaltschaft Mailand nun ein erstes Ermittlungsverfahren eröffnet,·die Anzeige war bereits im Jänner eingereicht worden. Das 17-seitige Dokument enthält Aussagen von Zeugen, die Anfang der 90er-Jahre italienische Staatsbürger in Sarajevo gesichtet haben sollen. Die oppositionelle Fünf-Sterne-Bewegung hat eine parlamentarische Anfrage an die Regierung gerichtet, um die Dokumente in den Archiven der italienischen Geheimdienste öffentlich zu machen. Italiens früherer Militärgeheimdienst Sismi soll vor mehr als 30 Jahren von den als "Jagdausflug" getarnten Verbrechen gewusst haben, informiert von den bosnischen Diensten. Daraufhin soll die "Sarajevo Safari" gestoppt worden sein. Die Namen der "Sniper-Touristen ", weit mehr als hundert, seien aber nie bekannt geworden.
Laut Anzeige reisten die Teilnehmer-politisch eher rechts und mit einer Leidenschaft für Waffen von Triest mit einer serbischen Fluggesellschaft nach Belgrad, dann mit einem Hubschrauber weiter.“[1]
Am 5. Februar wurde bekannt, dass laut Ezio Gavazzeni auch Österreicher:innen am Morden beteiligt gewesen sein sollen. „Der Standard“ berichtete unter dem Titel „‘Sniper-Touren‘ in Sarajevo: Autor fordert Ermittlungen in Österreich“[2]:
„Laut Gavazzeni beteiligten sich auch Bürger aus Österreich und Deutschland an den "Menschen-Safaris" in Sarajevo. "Jedes Land, auch Österreich, sollte Ermittlungen einleiten, wie wir es in Italien getan haben. Jedes Land sollte seine Hausaufgaben machen", sagte der 66-jährige Gavazzeni im Gespräch mit der APA in Rom. (…) Der Autor veröffentlicht am 17. März sein Buch mit dem Titel "Cecchini del Weekend" ("Scharfschützen des Wochenendes'') im römischen Verlag Paperfirst. (…)
"Wir sprechen hier von 200 Wochenenden, an denen viele italienische und ausländische Scharfschützen aus westlichen Ländern Zivilisten erschossen haben. Dahinter steckte wahrscheinlich eine Organisation, die die Reisen der reichen ausländischen Schützen von Triest aus anboten - getarnt als Jagdtouren am Balkan. Der Umsatz dieser Reisen war enorm. Jemand hat sich daran sehr bereichert", sagt der Autor. Offenbar 300.000 Euro für Touren.“
Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgende
ANFRAGE
1) Werden oder wurden in Österreich strafrechtliche Ermittlungen im Zusammenhang mit der Teilnahme oder der Organisation sogenannter „Sniper-Touren“ in Sarajevo während des Bosnien-Krieges geführt?
a. Wenn ja:
i. Wann, bei welcher Staatsanwaltschaft, wegen welchen strafbaren Handlungen und gegen wen?
ii. Was ist der Stand der Ermittlungen?
iii. Welche Staatsangehörigkeit haben die Verdächtigen bzw. Beschuldigten?
b. Wenn nein: Warum nicht?
2) Wird oder wurde auf Grund der aktuellen Berichte im Februar 2026 rund um die mögliche lnvolvierung österreichischer Staatsbürger:innen ein Anfangsverdacht geprüft?
a. Wenn ja: Wann, bei welcher Staatsanwaltschaft, wegen welchen strafbaren Handlungen und gegen wen?
b. Wenn nein: Warum nicht?
3) Sind im Zusammenhang mit aktuellen Medienberichten Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft oder der Kriminalpolizei eingelangt?
4) Liegen den Strafverfolgungsbehörden die Recherchen von Ezio Gavazzeni zur lnvolvierung von Österreicher:innen bei den „Sniper-Touren" vor?
5) Ist Ihnen bekannt, ob anderen österreichischen Behörden oder Vertretungen die Aufzeichnungen vorliegen?
6) Wurde amtswegig eine Anfangsverdachtsprüfung eingeleitet?
a. Wenn nein: Warum nicht?
7) Falls Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden: Welche Ermittlungsschritte wurden gesetzt?
8) Wurden Rechtshilfeersuchen gestellt oder sind Rechtshilfeersuchen in der Causa eingegangen?
9) Falls das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde:
a. Gegen welche Verdächtigen oder Beschuldigten wurde das Verfahren eingestellt?
b. Aus welchen Gründen wurde das Verfahren eingestellt?
c. Wurde die Einstellungsbegründung veröffentlicht?
i. Wenn ja: wann?
ii. Wenn nein: Warum nicht?
10) Falls die Behörden von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgesehen haben: Aus welchen Gründen?
11) Wurden Berichte in der Causa an die zuständige Oberstaatsanwaltschaft bzw. an das BMJ übermittelt?
a. Wenn ja: Bitte um Aufschlüsselung nach Zeitpunkt, Inhalt und Behörden.
12) Gab es Weisungen von der zuständigen Oberstaatsanwaltschaft an die fallführende Staatsanwaltschaft und/oder gab es Weisungen des BMJ?
a. Wenn ja: Von wem, an wen und zu welchem Vorgehen?