5790/J XXVIII. GP

Eingelangt am 10.04.2026
Dieser Text ist elektronisch textinterpretiert. Abweichungen vom Original sind möglich.

Anfrage

der Abgeordneten Elisabeth Götze, Freundinnen und Freunde

an die Bundesministerin für Europa, Integration und Familie

betreffend Elternkarenz – wo bleibt die Gleichberechtigung von Männern?

BEGRÜNDUNG

Im Standard-Interview am 11. März führt Familienministerin Bauer zur zunehmenden demografischen Schieflage und den sinkenden Geburtenzahlen aus: „Die Menschen überlegen zu sehr, ob die Lebensumstände passen, die Wohnsituation gerade passend ist, bin ich lange genug im Job. Und dann wartet man auf den perfekten Zeitpunkt. Man muss sich da mehr auf sein G'spür verlassen. Weniger Beipackzettel, mehr Freude.[1] Was die Ministerin bei dieser Stellungnahme völlig außer Acht lässt, sind die starren Rollenbilder, in denen österreichische Familien – mit allen Nachteilen für Familie, Gesellschaft, Frauen und Wirtschaft – noch immer feststecken.

"Kind oder Karriere" – das ist die Entscheidung, vor der Frauen auch noch im Jahr 2026 stehen. Eine Entscheidung mit hohen Kosten: Weil Frauen ihre Berufstätigkeit hintanstellen müssen, gehen Karrierechancen, Innovationskraft und gut ausgebildete Fachkräfte verloren. Gleichzeitig bleiben Väter in Familien oft unsichtbar.

Österreich ist bei der Väterbeteiligung in der Kinderbetreuung EU-weit Schlusslicht: Durchschnittlich 416 Tage nehmen Mütter nach der ersten Geburt bezahlte Elternkarenz in Anspruch, während Väter lediglich 9 Tage zu Hause bleiben. Während die Teilzeitquote bei Frauen mit Kindern unter 15 Jahren bei 76,1 % liegt, beträgt sie bei Männern mit Kindern unter 15 Jahren gerade mal 7,4%. Diese Unterschiede bestehen unabhängig davon, ob Eltern über hohe oder niedrige berufliche Kompetenzen verfügen. Das ergab eine aktuelle Studie der ÖAW.[2] Die Folge: Frauen haben lange Karriere-Unterbrechungen mit erheblichen finanziellen Folgen und sie verlieren im Beruf den Anschluss, während Männer keinen gleichberechtigten Anteil an der Betreuung ihrer Kinder haben. Gleichzeitig sehen sich Männer, die eine Elternkarenz in Anspruch nehmen wollen, mit Vorurteilen konfrontiert.

Die Beibehaltung dieser alten Rollenbilder verursacht ein arbeitsmarktpolitisches Desaster und auch der Volkswirtschaft insgesamt droht großer Schaden. In diesem Zusammenhang warnte AMS-Chef Johannes Kopf zuletzt eindringlich vor einem massiven Arbeitskräftemangel und er fordert eine deutliche Ausweitung der Kinderbetreuungsplätze, um Frauen den Einstieg bzw. den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.[3]

Während oft argumentiert wird, dass Frauen weniger verdienen als ihre Männer und deshalb Karenzzeiten übernehmen, zeigt sich, dass hier nur sehr kurzfristig gerechnet wird. Tatsächlich belegen internationale Studien, dass sich lange Erwerbsunterbrechungen von Müttern nachhaltig negativ auf das Familien ein kommen auswirken. So haben lange Mütter-Karenzen dauerhaft negative Effekte auf Beschäftigungschancen und Einkommen von Frauen – und damit auch auf das Familieneinkommen.[4] Für Frauen bedeuten sie: weniger eigenes Vermögen, finanzielle Abhängigkeit und schließlich ein erhöhtes Risiko für Altersarmut.

Während Frauen „Lifestyle-Teilzeit“ unterstellt wird, stehen sie mit der Pflege und Betreuung von Kindern, aber auch von nahen Angehörigen de facto allein da. Die aktuelle Gestaltung von Elternkarenz und Kinderbetreuungsgeld führt dazu, dass Frauen aus dem Berufsleben gedrängt werden und Männer innerfamiliär ins Hinter treffen geraten. So gehen in Österreich überhaupt nur 1% der Väter länger als sechs Monate in Elternkarenz, nahezu alle Mütter übernehmen die Betreuung der Kinder.

Dabei sind Frauen heute im Durchschnitt sogar besser gebildet als Männer:

  In der Altersgruppe 25–64 Jahre haben 22,8% der Frauen einen Hochschul- oder Akademieabschluss, bei Männern sind es 18,1 %.[5]

  Bei den Maturaabschlüssen 2022/23 lag der Frauenanteil bei 57,8%, der Männeranteil bei 42,2% (bezogen auf 18–19-Jährige).

Damit wird offenkundig, dass es nicht an schlechterer Qualifikation von Frauen liegt, sondern an festgefahrenen Rollenbildern, die Frauen aus beruflicher Ambition drängen.

Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgende

ANFRAGE

1)   Gibt es Erhebungen Ihres Hauses, wieviel Prozent aller Mütter Elternkarenz in Anspruch nehmen?

a.    Wenn ja, wie ist das Ergebnis dieser Erhebung?

b.    Wenn nein, warum nicht?

2)   Gibt es Erhebungen Ihres Hauses, wieviel Prozent aller

a.    selbständigen Mütter nach der Geburt

i.     Kinderbetreuungsgeld in Anspruch nehmen oder

ii.    Betriebshilfe in Anspruch nehmen?

b.    unselbständigen Mütter nach der Geburt Kinderbetreuungsgeld in Anspruch nehmen?

3)   Welche Maßnahmen planen Sie, um die eklatante Schieflage in der Betreuung von Kindern durch Väter im Vergleich zu Müttern zu beenden?

a.    Wie ist der Zeitplan für die Umsetzung dieser Maßnahmen?

4)   Sind neue Maßnahmen geplant, die verstärkte Anreize für eine 50:50 Verteilung von Betreuungspflichten zwischen Vätern und Müttern schaffen?

a.    Wenn ja, bis wann?

b.    Wenn nein, warum nicht?

5)   Ist geplant, die Elternkarenz auf ein 12+12 Monate-Modell umzustellen, um Anreize für eine gleichteilige Inanspruchnahme zu schaffen?

a.    Wenn ja, bis wann?

b.    Wenn nein, warum nicht?

6)   Ist geplant, durch eine Umgestaltung der Kinderbetreuungsgeld-Modelle Impulse für eine gleichteilige Inanspruchnahme durch Väter und Mütter zu setzen?

a.    Wenn ja, was ist geplant?

b.    Wenn nein, warum wird an der bestehenden Regelung festgehalten, obwohl sie für Männer offenbar keinen Anreiz zur Inanspruchnahme bietet?

7)   Welche Maßnahmen planen Sie, um Männer zu motivieren, ihren Betreuungspflichten in einem ähnlichen Umfang nachzukommen wie es Frauen tun?

8)   Welche Maßnahmen planen Sie, um Elternkarenz für Männer zu einer Normalität zu machen?

9)   Gibt es Erhebungen Ihres Hauses zu den Vorteilen für Kinder, wenn ihre Eltern sich in ähnlichem Ausmaß um ihre Betreuung kümmern?

10) Gibt es Erhebungen zu den volkswirtschaftlichen Folgen der aktuell einseitigen Inanspruchnahme von Elternkarenz und Kinderbetreuungsgeld nahezu ausschließlich durch Mütter?

a.    Wenn ja,

i.     wie hoch ist der entstehende Schaden aus der Vernichtung von Berufschancen und Karrieremöglichkeiten für Frauen?

ii.    Wie hoch ist der Schaden, der Unternehmen entsteht?

b.    Wenn nein, warum nicht?

11)  Gibt es Erhebungen, wie sich Familieneinkommen entwickeln, wenn Elternkarenz und Kinderbetreuungsgeld

a.    beide Eltern gleichteilig oder nahezu gleichteilig in Anspruch nehmen;

b.    nur von Müttern in Anspruch genommen werden;

c.    hauptsächlich von Müttern in Anspruch genommen werden und von Vätern maximal 2 Monate?

d.    Gibt es Erhebungen zu anderen Modellen der Inanspruchnahme von Elternkarenz? Wenn ja, welche?

e.    Sofern es keine derartigen Erhebungen gibt, warum nicht und ist geplant, das nachzuholen?



[1] https://www.derstandard.at/story/3000000311887/ministerin-bauer-wuenscht-sich-mehr-freude-und mehr-kinder

[2] https://www.oeaw.ac.at/news/unabhaengig-von-der-qualifikation-elternkarenz-wird-fast-nur-von-frauen-genutzt-1; https://www.comparativepopulationstudies.de/index.php/CPoS/article/view/734/449

[3] https://orf.at/stories/3423549/

[4] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2831275/

[5] https://www.statistik.at/fileadmin/pages/359/Infotext_GenderStatistik_Bildung.pdf