6519/J XXVIII. GP
Eingelangt am 06.07.2026
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ANFRAGE
des Abgeordneten MMag. Dr. Michael Schilchegger
an den Bundesminister für Inneres
betreffend Ehrenmorde und Gewaltverbrechen aufgrund gekränkter Familien- oder Clan-Ehre in Österreich
Ein besonders erschütternder Mordfall in Deutschland hat erneut die Problematik von sogenannten Ehrenmorden und Gewaltverbrechen aufgrund gekränkter Familien- oder Clan-Ehre ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Laut Medienberichten, insbesondere einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 12. Februar 2026[1], wurde ein 44-jähriger Syrer wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem er auf einem kurdischen Neujahrsfest in Parsberg seinen Cousin mit einem gezielten Messerstich ins Herz getötet hatte. Das Gericht stellte fest, dass das Motiv nicht persönlicher Schmerz, sondern die Wiederherstellung der „Familienehre“ gewesen sei. Der Cousin soll vor rund 20 Jahren in Syrien die Schwester des Angeklagten getötet haben. Das Gericht sprach von einer „verachtenswerten Tat“ und einem Angriff auf den Rechtsstaat. Zudem wurde betont, dass mehrere Familienmitglieder stolz auf die Tat gewesen seien.
Auch in einem weiteren Fall in Fürth[2] sprach das Gericht von einem Akt der Selbstjustiz mit Bezug auf Familienehre, nachdem ein Mann auf einer Hochzeitsfeier den Vater seiner Ex-Lebensgefährtin erschossen hatte. Laut Gericht habe sich der Täter damit bewusst über die Rechtsordnung erhoben.
Diese Fälle werfen auch für Österreich erhebliche sicherheitspolitische und integrationspolitische Fragen auf. Gewaltverbrechen, die aus archaischen Ehr-vorstellungen, patriarchalen Clanstrukturen oder importierten Parallelrechts-vorstellungen resultieren, stehen in fundamentalem Widerspruch zu den Grund-werten des österreichischen Rechtsstaates. Es stellt sich daher die Frage, in welchem Ausmaß vergleichbare Delikte auch in Österreich vorkommen, wie sie statistisch erfasst werden und welche Maßnahmen zu ihrer Prävention gesetzt werden.
In diesem Zusammenhang richtet der unterfertigte Abgeordnete an den Bundes-minister für Inneres nachstehende
Anfrage
1. Wie viele Fälle von sogenannten Ehrenmorden, versuchten Ehrenmorden oder schweren Gewaltverbrechen aufgrund gekränkter Familien-, Clan- oder Ehrvorstellungen wurden in Österreich in den Jahren 2023, 2024 und 2025 registriert?
2. Gibt es eine eigene statistische Kategorie für Ehrenmorde bzw. ehrmotivierte Gewaltverbrechen?
a. Wenn nein, warum nicht?
3. Wie viele Tötungsdelikte mit mutmaßlichem Ehrmotiv wurden in den Jahren 2023, 2024 und 2025 von Sicherheitsbehörden festgestellt?
a. In wie vielen dieser Fälle handelte es sich um innerfamiliäre Gewalt?
b. Wie viele dieser Fälle betrafen Gewalt gegen Frauen?
c. Wie viele dieser Fälle betrafen Gewalt zwischen männlichen Familien-angehörigen aufgrund von Ehr- oder Rachemotiven?
4. Welche häufigsten Herkunftsstaaten der Tatverdächtigen wurden in diesen Fällen festgestellt?
5. Wie viele Tatverdächtige in Fällen mit mutmaßlichem Ehrmotiv verfügten über keinen österreichischen Staatsbürgerschaftsstatus?
a. Wie viele davon waren Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte oder Drittstaatsangehörige mit Aufenthaltstitel?
6. Welche Rolle spielen nach Erkenntnissen des Ressorts patriarchale Clanstrukturen oder importierte traditionelle Ehrvorstellungen bei Gewalt-kriminalität in Österreich?
7. Gibt es Lagebilder oder Schwerpunktanalysen des Ressorts zu Ehrenmorden oder ehrmotivierter Gewalt?
a. Wenn ja, welche wesentlichen Erkenntnisse liegen daraus vor?
b. Wenn nein, warum nicht?
8. Gibt es spezielle Schutzprogramme für Frauen und Mädchen, die von familiärer Gewalt aufgrund von Ehrvorstellungen bedroht sind?
a. Wenn ja, wie viele Personen wurden in den Jahren 2023, 2024 und 2025 dadurch geschützt?
i. Welche Kosten sind hierdurch entstanden?
9. Werden Hinweise auf drohende Ehrengewalt im Asyl- oder Fremdenwesen systematisch berücksichtigt?
a. Wenn ja, in welcher Form?
10. Gibt es Fälle, in denen aufenthaltsbeendende Maßnahmen gegen Personen wegen konkreter Gefahr ehrmotivierter Gewalt gesetzt wurden?
a. Wenn ja, wie viele seit 2023?
11. Welche Rolle spielen informelle Paralleljustizsysteme, Clan-Schlichtungen oder traditionelle Familiengerichte nach Erkenntnissen des Ressorts in Österreich?
a. Gibt es Hinweise darauf, dass solche informellen Strukturen staatliche Strafverfolgung behindern?
12. Plant die Bundesregierung gesetzliche oder sicherheitspolitische Verschärfungen zur konsequenteren Bekämpfung von Ehrenmorden und ehrmotivierter Gewalt?
a. Wenn ja, welche konkreten Maßnahmen sind vorgesehen?
b. Wenn nein, warum nicht?
13. Halten Sie die derzeitigen Maßnahmen gegen Ehrenmorde und Gewalt-verbrechen aufgrund gekränkter Ehre in Österreich für ausreichend?
[1] https://www.sueddeutsche.de/bayern/urteil-mord-auf-fest-in-parsberg-richter-verachtenswerte-tat-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260212-930-677896 (aufgerufen am 29.04.2026)
[2] https://www.br.de/nachrichten/bayern/schuesse-auf-hochzeit-in-fuerth-zeuge-spricht-von-schweigegeld,VI5JKiG (aufgerufen am 28.04.2026)