6781/J XXVIII. GP
Eingelangt am 07.08.2026
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Anfrage
der Abgeordneten Sigrid Maurer, Freundinnen und Freunde
an den Bundesminister für Bildung
betreffend Vertragsdschungel und mangelnde Transparenz beim Personalcontrolling an Österreichs Schulen
Wer morgens ein österreichisches Konferenzzimmer betritt, sieht Menschen, die Tag für Tag ihr Bestes geben, um unsere Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Diese Menschen arbeiten unter unterschiedlichen, oft ungerechten Bedingungen – Seite an Seite im selben Raum, für dieselbe Arbeit.
Das österreichische Schulsystem ist seit Jahrzehnten ein undurchsichtiger Vertrags-dschungel. Während die einen noch im alten Dienstrecht recht gut abgesichert sind, starten junge Lehrkräfte im neuen System oft unter Bedingungen, die eher von Unsicherheit als von Wertschätzung geprägt sind.
Besonders bitter ist das für Berufseinsteiger:innen. Sie hangeln sich von einer Befristung zur nächsten, warten im Sommer auf die Ungewissheit des neuen Schul-jahres oder bekommen ihre Verträge und ihr Geld oft erst Monate nach Schulbeginn. Die Anrechnung von Vordienstzeiten empfinden viele als Willkür: Was in der einen Bildungsdirektion angerechnet wird, wird in einem anderen Bundesland vielleicht abgelehnt. Abgesehen von den oft jahrelangen Wartezeiten bis eine Anrechnung „durch“ ist. Hinzu kommen Gehaltsabschläge bei sogenannten „Sonderverträgen“, die wie es scheint auch nicht überall gleich gehandhabt werden.
Diese Unsicherheiten sind nicht nur menschlich belastend – sie treffen in einem weiblich geprägten Beruf überproportional oft Frauen. Besonders kritisch wird es bei Familienplanung und Schwangerschaft, wenn sich durch Karenzen Entfristungen nach hinten verschieben oder die Familiengründung und notwendige Zukunfts-investitionen (etwa Wohnraum) auf Eis gelegt werden, weil es auf absehbare Zeit keinen unbefristeten Vertrag gibt. Wenn wir die besten Köpfe für unsere Schulen gewinnen und halten wollen, dürfen wir sie nicht in bürokratischer Unsicherheit verharren lassen.
Wir wollen hier Klarheit schaffen und wissen, ob und welche Unterschiede und (Un)gleichbehandlungen es zwischen den Bundesländern, Bildungsdirektionen sowie zwischen Bundes- und Landeslehrkräften gibt.
Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgende
Dienstrecht
1) Wie viele Lehrkräfte sind aktuell an österreichischen Schulen beschäftigt? Bitte um tabellarische Darstellung der absoluten Zahlen sowie der jeweiligen Prozentanteile aufgeschlüsselt nach: Bundes- und Landeslehrkräfte, Bundesländern, Schularten (VS, MS, AHS, BMHS, BS, Sonderschulen) und Dienstrecht (altes Dienstrecht, neues Dienstrecht/pd, Sondervertrag, sonstige Anstellungsformen).
Befristete vs. unbefristete Dienstverhältnisse
2) Wie viele der derzeit beschäftigten Lehrkräfte befinden sich aktuell in einem befristeten und wie viele in einem unbefristeten Dienstverhältnis? Bitte um tabellarische Darstellung der absoluten Zahlen sowie der Prozentanteile (Verhältnis befristet zu unbefristet) aufgeschlüsselt nach: Bundes- und Landeslehrkräfte, Bundesländern, Schularten und Dienstrecht.
3) Wie gliedert sich die Situation bei Neuaufnahmen und aufeinanderfolgenden Befristungen auf? Bitte um tabellarische Darstellung (Anzahl und Prozentanteile) aufgeschlüsselt nach Bundes- und Landeslehrkräften, Bundesländern, Schularten und Dienstrecht zu folgenden Punkten:
a) Wie viele der neu eingestellten Lehrkräfte im Schuljahr 2025/26 erhielten von Beginn an einen unbefristeten Dienstvertrag und wie viele einen befristeten Dienstvertrag?
b) Wie viele Lehrkräfte stehen aktuell im ersten, zweiten, dritten oder vierten aufeinanderfolgenden befristeten Dienstverhältnis?
c) Bei wie vielen Lehrkräften wurde die gesetzliche Höchstgrenze für Befristungen bereits erreicht?
4) Nach wie vielen Jahren wird in Österreich in der Praxis ein Dienstvertrag einer Lehrkraft entfristet?
a) Wird diese Information in Ihrem Ministerium erhoben und ausgewertet?
b) Wenn ja, wie stellen sich diese Zahlen im Vergleich der einzelnen Bundesländer dar? Wenn nein, warum gibt es dazu keine Daten?
5) Welche rechtlichen, verordnungsmäßigen oder weisungsgebundenen Vorgaben und Kriterien existieren für die Entfristung von Bundes- und Landeslehrkräften abseits des gesetzlichen „Verbots von Kettenverträgen“?
a) Existieren bezüglich Entfristungspraxis Ermessensspielräume oder unterschiedliche Handhabungen zwischen den einzelnen Bundesländern? Wenn ja, worin bestehen diese Unterschiede konkret und sind Maßnahmen zur bundesweiten Vereinheitlichung geplant, um hier mehr Fairness herzustellen?
b) Gibt es Unterschiede bei den Be- und Entfristungsregelungen zwischen Absolvent:innen eines regulären Lehramtsstudiums, Quereinsteiger:innen und Personen mit „Sonderverträgen“? Wenn ja, worin bestehen diese Unterschiede und wo sind diese festgelegt?
6) Welche Vorgaben gelten für die Entfristung von Dienstverträgen bei Lehrkräften, die während eines befristeten Dienstverhältnisses schwanger werden und in Karenz gehen?
a) Ruht bzw. verlängert sich der Lauf der Befristung um die Dauer des Mutterschutzes und der Karenz, oder läuft der befristete Vertrag trotz Schwangerschaft/Karenz ab?
b) Werden Zeiten des Mutterschutzes und der Karenz auf die für eine Entfristung notwendigen Dienstjahre angerechnet?
c) Welche Regelungen gelten für die Entfristung und den Anspruch auf das ursprüngliche Beschäftigungsausmaß (Vollzeitanspruch), wenn die Rückkehr aus der Karenz vorerst in Teilzeit erfolgt?
d) Existieren bundesweit einheitliche Vorgaben, um Benachteiligungen schwangerer Lehrkräfte bei der Entfristung zu verhindern, oder gibt es hier Ermessensspielräume der Bildungsdirektionen? Wenn ja, wie schaut die Ausgestaltung jeweils in den Bundesländern aus?
Beschäftigungsausmaß: Vollzeit vs. Teilzeit
7) Wie gliedert sich der Personalstand nach dem Beschäftigungsausmaß auf? Bitte um tabellarische Darstellung der absoluten Zahlen sowie der Prozentanteile im Verhältnis zur Gesamtzahl für Vollzeitbeschäftigte (100 % Lehrverpflichtung) und Teilzeitbeschäftigte (aufgeschlüsselt nach: unter 50 %, 50–74 %, 75–99 % Lehrverpflichtung), aufgelistet nach Bundes- und Landeslehrkräften, Bundesländern, Schularten und Dienstrecht.
8) Wie viele der teilzeitbeschäftigten Lehrkräfte befinden sich in einem befristeten Dienstverhältnis, wie viele in einem unbefristeten Dienstverhältnis? Bitte um tabellarische Darstellung der absoluten Zahlen und Prozentanteile nach Bundesländern.
9) Liegen Ihrem Ministerium Erhebungen darüber vor, aus welchen Gründen Lehrkräfte in Teilzeit arbeiten und wie hoch der Anteil der unfreiwilligen Teilzeit ist?
a) Wenn ja, bitte um Erläuterung der Ergebnisse und Datenbasis.
b) Wenn nein, warum gibt es dazu bisher keine Evidenz auf Bundesebene?
Sonderverträge, Gehaltsabschläge und Gehaltsauszahlung
10) Wie viele sogenannte „Sonderverträge“ sind aktuell an österreichischen Schulen aufrecht? Bitte um tabellarische Darstellung nach Bundes- und Landeslehrkräften, Bundesländern, Schularten und Entlohnungsschema.
11) Welches Spektrum an Gehaltsabschlägen (z. B. 5 %, 10 %, 22 %, 25 % oder sonstige Abschläge) wird bei den „Sonderverträgen“ angewendet?
a) Nach welchen konkreten Kriterien (z. B. fehlende pädagogische Ausbildung, fehlender Masterabschluss etc.) werden diese Abschläge bemessen?
b) Sind diese Abschläge verbindlich geregelt oder bestehen hier Ermessensspielräume der Bildungsdirektionen?
c) Existieren bei den Abschlägen Unterschiede zwischen den Bundesländern, und deren Bundes- und Landesbediensteten, Schultypen oder Dienstvertragsarten? Wenn ja, bitte um detaillierte Darstellung.
12) Unter welchen Bedingungen entfallen diese Gehaltsabschläge wieder (z. B. Nachholung von ECTS, Studienabschluss etc.)?
13) Wie viele neu eingestellte Lehrkräfte zum Schulbeginn 2025/26 erhielten ihr erstes Gehalt pünktlich zum Auszahlungstermin im September?
a) Bei wie vielen Lehrkräften kam es zu Gehaltsverzögerungen von mehr als einem bzw. zwei Monaten? Bitte um tabellarische Darstellung (Anzahl und Prozentanteile) nach Bundesländern.
Anrechnung von Vordienstzeiten
14) Auf welcher rechtlichen Basis (Gesetze, Verordnungen, Rundschreiben, Richtlinien) erfolgt aktuell die Anrechnung von Vordienstzeiten für neu eintretende Lehrkräfte im Pädagogischen Dienst (pd-Schema)?
a) Welche Vordienstzeiten sind zwingend anzurechnen und wo bestehen Ermessensspielräume der Bildungsdirektionen?
b) Werden Vordienstzeiten in allen Bundesländern nach identischen Maßstäben angerechnet? Wenn nein, Wo liegen die Unterschiede und wie rechtfertigen Sie als Bildungsminister diese Ungleichbehandlung?
15) Wie viele Anträge auf Vordienstzeitenanrechnung wurden in den Schuljahren 2024/25 und 2025/26 in den einzelnen Bundesländern gestellt? Bitte um tabellarische Darstellung nach Bundesländern: Anzahl der Anträge, voll entsprochen, teilweise entsprochen, ganz abgelehnt.
16) Wie lange beträgt die durchschnittliche Bearbeitungsdauer für die Bescheide zur Vordienstzeitenanrechnung ab Dienstantritt? Bitte um Aufschlüsselung nach Bundesländern.
Transparenz, Datengrundlage & Steuerungsverantwortung
17) Sehen Sie vor dem Hintergrund des Lehrkräftemangels Anpassungsbedarf bei den Regelungen zur Vordienstzeitenanrechnung, den Ermessensspielräumen der Bildungsdirektionen oder der Abschaffung systemischer Gehaltsabschläge?
a) Wenn ja, welche konkreten Maßnahmen sind bis wann geplant?
18) Über welche konkreten Indikatoren bezüglich der Beschäftigtenstruktur (z. B. Landes- und Bundeslehrkräfte, Befristungen, Teilzeit, Sonderverträge, Dienstalter, Vordienstzeiten, Unterrichtsfächer etc.) verfügt das BMB aktuell im Bildungscontrolling-System und welche Daten stehen (davon) nicht systematisch zur Verfügung?
19) Wie ist der Umsetzungstand des im Budgetvoranschlag angekündigten Personal-Dashboard für das Personalcontrolling?
a) In welchem Ausmaß sind die Bildungsdirektionen aller neun Bundesländer an dieses Personal-Dashboard angebunden und sind die dort erfassten Daten bundesweit in Echtzeit oder stichtagsbezogen abrufbar?
20) Falls Sie als zuständiger Bildungsminister einzelne Fragen dieser Anfrage nicht oder nicht vollständig für alle Bundesländer bzw. Schultypen beantworten können:
a) Aus welchen konkreten rechtlichen, technischen oder administrativen Gründen liegen dem BMB diese Daten nicht vor?
b) Wie rechtfertigen Sie als Bildungsminister, dass trotz der Bereitstellung der finanziellen und stellenplanmäßigen Ressourcen durch den Bund kein vollständiger Überblick über die tatsächlichen Beschäftigungsverhältnisse der Lehrer:innen existiert?
c) Auf welcher Datengrundlage erfolgt in diesem Fall die Ressourcen- und Finanzplanung Ihres Ministeriums für die Personalbewirtschaftung?
d) Welche konkreten Schritte planen Sie, um diese Lücken kurzfristig zu schließen und lückenlose Transparenz im Personal-Controlling herzustellen?