6805/J XXVIII. GP

Eingelangt am 20.08.2026
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Anfrage

 

der Abgeordneten Süleyman Zorba, Freundinnen und Freunde

an die Bundesministerin für Landesverteidigung

betreffend brandgefährliche Kriegsrelikte im Föhrenwald – wiederholte Waldbrände durch selbstentzündliche Phosphormunition und das Fehlen eines Räumungsplans

BEGRÜNDUNG

 

Am 5. August 2026 brach im Föhrenwald bei St. Egyden am Steinfeld (Bezirk Neunkirchen) ein Waldbrand aus, der über 100 Hektar Wald zerstörte – der größte Föhrenwaldbrand der Geschichte. Über 550 Feuerwehrmitglieder, mehrere Hub-schrauber von Flugpolizei und Bundesheer sowie hunderte weitere Helfer:innen standen tagelang im Einsatz; sechs Feuerwehrleute wurden verletzt.[1] Als Brandur-sache ermittelte die Polizei „mit sehr großer Wahrscheinlichkeit“ phosphorhaltige Munition aus dem Zweiten Weltkrieg: Auf dem Areal befand sich eine Munitionsfabrik, die bei Kriegsende gesprengt wurde, wodurch phosphorhaltige Munition großflächig im Gelände verstreut wurde. Diese zersetzt sich seit Jahr-zehnten; freigesetzter Phosphor entzündet sich bei Kontakt mit Luftsauerstoff selbst.[2]

Nur neun Tage später, am 14. August 2026, brach im selben Waldgebiet erneut ein Großbrand aus – an einer neuen Einsatzstelle. 700 Einsatzkräfte aus 84 Feuer-wehren kämpften unter Alarmstufe B4 gegen die Flammen, rund 250 Personen mussten evakuiert werden, die Südbahn wurde eingestellt, vier Feuerwehrmitglieder wurden verletzt.[3]

Der Föhrenwald ist kein Einzelfall, aber ein besonders drastischer: Auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik Föhrenwald (gegründet 1890, im Zweiten Weltkrieg Munitionsfertigung) ist der Waldboden bis heute mit Produktionsrückständen, Blindgängern und Phosphormunition belastet. Bereits seit den 2000er-Jahren kommt es dort wiederholt zu Selbstentzündungsbränden, bei denen auch Einsatzkräfte verletzt wurden.[4] Feuerwehrleute berichten, dass bei Löscharbeiten im Gebiet regelmäßig Munitionsreste detonieren – ein massives, bekanntes und dennoch seit Jahrzehnten ungelöstes Sicherheitsrisiko für jene Menschen, die dort unter Lebens-gefahr Brände bekämpfen.

Mit zunehmendem Alter wird die im Boden liegende Munition chemisch instabiler; zugleich steigt mit der Klimaerhitzung die Zahl an Hitze- und Dürreperioden und damit die Waldbrandgefahr. Die Wahrscheinlichkeit weiterer Brände und Deto-nationen nimmt also von Jahr zu Jahr zu. Vergleichbare Belastungen bestehen auch andernorts: in weiteren Teilen Niederösterreichs mit ehemaligen Rüstungs-standorten, Munitionslagern und gesprengten Anlagen sowie in den Kampfgebieten des Jahres 1945, etwa entlang der damaligen Vormarschrouten rund um Wien.

Zuständig für das Aufspüren, Untersuchen und Bergen sprengkräftiger Kriegsrelikte ist der Entminungsdienst, der seit 1. Jänner 2013 im Bundesministerium für Landes-verteidigung angesiedelt ist. Allein 2025 bearbeitete er 1.094 Meldungen und barg rund 29.900 kg Altmunition – die größte Menge davon, 8.712 kg, in Nieder-österreich.[5] Die Bergung gemeldeter Funde erfolgt kostenlos; die Kosten für die systematische Sondierung von Verdachtsflächen bleiben nach der Judikatur des OGH jedoch an den Grundeigentümer:innen hängen.[6]

Sowohl VfGH als auch OGH haben eine eindeutige gesetzliche Regelung der Kostenfrage angemahnt – eine solche fehlt bis heute.[7] Das Ergebnis: Eine system-atische, flächige Räumung belasteter Wälder findet nicht statt, obwohl die Gefahr wächst.

Aus ökologischer wie menschlicher Sicht ist dieser Zustand nicht hinzunehmen: Wiederholte Großbrände vernichten wertvolle Waldökosysteme des Steinfelds, gefährden Anrainer:innen und Infrastruktur und setzen hunderte Einsatzkräfte einem vermeidbaren Risiko aus. Es braucht einen konsequenten, überregionalen Plan zur Erhebung und Räumung von Kriegsrelikten in Österreichs Wäldern – beginnend mit dem Föhrenwald.

 

Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgende

ANFRAGE

 

1)    Welche Informationen liegen dem BMLV bzw. dem Entminungsdienst über Art, Menge und räumliche Verteilung von Kriegsmaterial (insbesondere Phosphormunition und Blindgängern) im Föhrenwald, insbesondere auf dem Areal der ehemaligen Pulverfabrik Föhrenwald in St. Egyden am Steinfeld, vor?

 

2)    Existieren Kartierungen, Gutachten oder ein Verdachtsflächenkataster für dieses Gebiet? Wenn ja: Wann wurden diese erstellt, und welchen Stellen (Land, Bezirkshauptmannschaften, Gemeinden, Feuerwehren) sind sie zugänglich? Wenn nein: Warum nicht?

 

3)    Wie viele Einsätze hat der Entminungsdienst seit dem Jahr 2000 im Föhrenwald durchgeführt (aufgeschlüsselt nach Jahr, Anlass, Art und Menge des geborgenen Kriegsmaterials)?

 

4)    Welche Erkenntnisse liegen dem BMLV zu den Brandursachen der Waldbrände vom 5. August 2026 und vom 14. August 2026 vor, und war der Entminungsdienst in die Einsätze bzw. die Ursachenermittlung eingebunden?

 

5)    Wie beurteilt das BMLV die Gefahr weiterer Selbstentzündungen und Detonationen im Föhrenwald, insbesondere vor dem Hintergrund der fortschreitenden Zersetzung der Munition und der klimabedingt steigenden Waldbrandgefahr?

 

6)    Welche Vorkehrungen bestehen zum Schutz von Feuerwehr- und anderen Einsatzkräften bei Löscharbeiten in munitionsbelasteten Gebieten (Einsatzrichtlinien, Schulungen, Lagekarten, Beiziehung des Entminungsdiensts), und wie erfolgt hier die Zusammenarbeit mit dem Land Niederösterreich und dem NÖ Landesfeuerwehrverband?

 

7)    Ist dem BMLV bekannt, ob und wie viele Einsatzkräfte bei Bränden im Föhrenwald seit dem Jahr 2000 verletzt wurden, und welche Konsequenzen wurden daraus gezogen?

 

8)    Wurde jemals eine systematische Sondierung und Räumung des Föhrenwalds von Kriegsrelikten geprüft oder begonnen? Wenn ja: mit welchem Ergebnis? Wenn nein: warum nicht?

 

9)    Welche Kosten würde eine vollständige Sondierung und Räumung des belasteten Gebiets nach heutigem Stand verursachen (allenfalls Schätzung), und würde das BMLV diese Kosten tragen oder allenfalls das Land Niederösterreich?

 

10) Plant das BMLV – allein oder gemeinsam mit dem Land Niederösterreich und den betroffenen Gemeinden – eine Räumung des Föhrenwalds? Wenn ja: in welchem Zeitrahmen? Wenn nein: warum nicht?

 

11) Welche Sofortmaßnahmen (etwa Monitoring, Kennzeichnung, Betretungsregelungen, Brandschutzinfrastruktur) hält das BMLV bis zu einer Räumung für erforderlich, und welche davon wird es selbst setzen bzw. anregen?

 

12) Wie viele munitionsbelastete Flächen bzw. Verdachtsflächen (ehemalige Munitionsfabriken und -lager, bei Kriegsende gesprengte Anlagen, Kampfgebiete des Jahres 1945) gibt es nach Kenntnis des BMLV in Niederösterreich bzw. österreichweit, und wo liegen diese?

 

13) Existiert ein bundesweiter, systematischer Kataster solcher Flächen? Wenn nein: Plant das BMLV die Erstellung eines solchen, und in welchem Zeitrahmen?

 

14) Welche Menge (in Tonnen nach Munitionstyp) an Kriegsmaterial befindet sich nach Daten des BMLV österreichweit noch im Boden?

 

15) Wie viele Meldungen bearbeitete der Entminungsdienst in den Jahren 2020 bis 2026, und welche Mengen an Kriegsmaterial wurden dabei geborgen (aufgeschlüsselt nach Jahr und Bundesland)?

 

16) Wie haben sich Personalstand, Planstellen und Budget des Entminungsdiensts in den Jahren 2020 bis 2026 entwickelt, und plant das BMLV diese Ressourcen angesichts der wachsenden Gefährdungslage aufzustocken?

Wenn nein: Warum nicht?

 

17) Ist eine gesetzliche Neuregelung geplant, nach der Grundeigentümer:innen von Kosten der Sondierung von Verdachtsflächen entlastet werden, zumal sie diese Kriegshinterlassenschaften nicht verursacht haben?

 

18) Sowohl VfGH als auch OGH haben eine eindeutige gesetzliche Regelung der Kostenfrage bei der Auffindung und Bergung von Kriegsrelikten angemahnt. Warum wurde eine solche Regelung bis heute nicht geschaffen, und plant die Bundesregierung, eine solche vorzulegen?

 

19) Welche Förderinstrumente oder Bundesmittel stehen Gemeinden, Ländern oder privaten Grundeigentümer:innen derzeit für die Sondierung und Räumung munitionsbelasteter Flächen zur Verfügung?

 

20) Gibt es eine gesamtstaatliche Strategie bzw. einen Stufenplan zur systematischen Erhebung und Räumung von Kriegsrelikten in österreichischen Wäldern? Wenn nein: Wird das BMLV – gemeinsam mit den Ländern – eine solche Strategie erarbeiten, und in welchem Zeitrahmen?

 

21) Welche Gespräche hat das BMLV seit den Bränden im August 2026 mit dem Land Niederösterreich, den betroffenen Gemeinden oder anderen Bundesministerien über die Räumung des Föhrenwalds geführt, und mit welchem Ergebnis?

 

22) Welche internationalen Vorbilder (etwa die systematische Kampfmittelräumung in Deutschland) und welche europäischen Finanzierungsmöglichkeiten wurden bzw. werden für die Räumung von Kriegsrelikten in Österreich geprüft?

 



[1] Heute.at, 7.8.2026: „100 Hektar Wald verbrannt – alte Munition war schuld“, https://www.heute.at/s/100-hektar-wald-verbrannt-alte-munition-war-schuld-120234964

[2] noe.ORF.at, 7.8.2026: „Munitionsteile lösten Waldbrand aus“, https://noe.orf.at/stories/3365959/

[3] noe.ORF.at, 14.8.2026: „Großer Waldbrand in St. Egyden: Siedlung evakuiert“, https://noe.orf.at/stories/3367006/ ; MeinBezirk.at, 14.8.2026: „700 Einsatzkräfte kämpfen gegen Flammeninferno“, https://www.meinbezirk.at/neunkirchen/c-lokales/700-einsatzkraefte-kaempfen-gegen-flammeninferno_a8849630

[4] Wikipedia: „Pulverfabrik Föhrenwald“, https://de.wikipedia.org/wiki/Pulverfabrik_F%C3%B6hrenwald

[5] Militär Aktuell, 2026: „Entminungsdienst hatte auch 2025 alle Hände voll zu tun“, https://militaeraktuell.at/entminungsdienst-hatte-2025-haende-voll-zu-tun/

[6] Wiener Zeitung: „Der Bund muss nicht nach Fliegerbomben suchen“ (OGH zur Kostentragung der Sondierung), https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/chronik/497136_Der-Bund-muss-nicht-nach-Fliegerbomben-suchen.html ; https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Justiz/JJT_20121017_OGH0002_0070OB00133_12B0000_000/JJT_20121017_OGH0002_0070OB00133_12B0000_000.html

[7] Parlamentskorrespondenz Nr. 55/2013: „Beseitigung von Kriegsrelikten – müssen die Grundeigentümer zahlen?“, https://www.parlament.gv.at/aktuelles/pk/jahr_2013/pk0055