6819/J XXVIII. GP

Eingelangt am 26.08.2026
Dieser Text wurde elektronisch übermittelt. Abweichungen vom Original sind möglich.

ANFRAGE

 

des Abgeordneten Thomas Spalt

an den Bundesminister für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport

betreffend Transparenz-Defizit im Salzkammergut: Die tatsächliche Kosten- und Besucherbilanz der Kulturhauptstadt 2024

 

 

Mehr als ein Jahr nach dem offiziellen Abschluss des Kulturhauptstadtjahres 2024 im Salzkammergut zeichnet sich in der Region sowie in der österreichischen Kulturlandschaft ein verheerendes Bild. Das mit erheblichen Steuermitteln der Republik kofinanzierte Großprojekt wird von Kulturschaffenden, Experten und der ansässigen Bevölkerung zunehmend als einer der größten Kulturskandale der jüngeren Vergangenheit eingestuft.

 

Während die politische Führung und die Projektverantwortlichen gebetsmühlenartig von einem „überwältigenden Erfolg“ und einem „Besucheransturm“ sprechen, wider-legen fundierte wissenschaftliche Kritiken, Medienberichte (u. a. die Dokumentation „Im Blickwechsel Spezial: Kulturnomaden“ auf ServusTV[1]) und die Realität vor Ort diese Erzählung. Von Transparenz bezüglich der Kostenstrukturen und Besucher-zahlen fehlt jede Spur. Offizielle Erfolgszahlen werden von Experten als geschönt eingestuft, eine realistische und verlässliche Erhebung echter Besucherfrequenzen hat mutmaßlich nie stattgefunden. Kontrollgremien und Compliance-Regeln wurden scheinbar systematisch umgangen oder ignoriert.

 

Trotz dieser eklatanten Mängel und des offensichtlichen Verfehlens der Kernziele aus dem europäischen Vergabekontext setzt sich das demokratiepolitische Versagen fort: Große Summen an neuen Fördermitteln fließen nunmehr in Nachfolgekonstrukte wie die Initiative „Aufbruch Salzkammergut“[2], die über keinerlei ausgewiesene Kultur-erfahrung oder Akzeptanz in der Bevölkerung verfügt. Zeitgleich kämpfen traditions-reiche, regionale Kulturvereine an der Basis täglich mit dem existentiellen Ruin.

 

 

Aus Gründen der lückenlosen Aufklärung, der budgetären Transparenz und der parlamentarischen Kontrolle der eingesetzten Bundesmittel richtet der unterfertigte Abgeordnete an den Bundesminister für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport nachstehende

 

Anfrage

 

1.    Wie hoch waren die tatsächlichen Gesamtfördermittel aus dem Bundesbudget für die Vorbereitung und Durchführung der Kulturhauptstadt 2024? (Bitte um detaillierte Aufschlüsselung nach Finanzierungsjahren)

2.    Wurden oder werden aus Budgettöpfen des Bundes Fördermittel an die Nachfolgeorganisation „Aufbruch Salzkammergut“ oder an dieses Projekt direkt gekoppelte Trägerstrukturen ausbezahlt?

a.    Wenn ja, in welcher Höhe und an welche konkreten Leistungs-vereinbarungen sind diese Mittel gekoppelt?

b.    Wenn nein, wieso wird das Logo Ihres Ministeriums auf der Website angeführt?

3.    Wie hoch waren die vom Bund mitfinanzierten Gesamtkosten des Teilprojekts „Wirtshauslabor“, aufgegliedert nach Personalkosten, Sachkosten und Infrastrukturmaßnahmen?

4.    Sind in den Kostenaufstellungen der geförderten Einzelprojekte die anteiligen Personalkosten der Kulturhauptstadt Bad Ischl – Salzkammergut 2024 GmbH sowie die aliquoten Marketingkosten der Dachorganisation eingerechnet, oder wurden diese gesondert subventioniert?

5.    Wurden ausbezahlte Förderungen des Großprojektes Kulturhauptstadt 2024 rückgefordert?

a.    Wenn ja, in welcher Höhe und aus welchen Gründen?

6.    Welche verifizierten Gesamtbesucherzahlen liegen Ihrem Ministerium für die Kulturhauptstadt 2024 vor, und wie werden diese methodisch untermauert?

7.    Sind in den offiziell kommunizierten Besucherstatistiken des Projektes auch jene Frequenzen enthalten, die auf sogenannte „assoziierte Projekte“ entfallen, die ohnehin unabhängig von der Kulturhauptstadt 2024 stattgefunden hätten?

a.    Wenn ja, wie hoch ist dieser Anteil?

8.    Für folgende ausgewählte, ticketpflichtige Veranstaltungen wird um die Übermittlung der exakten, dem Ministerium gemeldeten Abrechnungsdaten gebeten (aufgeglieder nach bezahlten Karten / Freikarten / Netto-Kartenerlös / Gesamtbesucher):

a.    Das Weiße Rössl von Lauffen, 9.-11.08.2024, Lauffen/Bad Ischl

b.    Das vermutlich beste Hotel der Welt, Juni-Juli 2024/Bad Mitterndorf

c.    Lesung Pavillon und Schifffahrt Grundlsee, 22.05.2024

d.    Die Raabtaldirndl, 12.-14.07.2024, Gosau

e.    Literaturpreis nah und fern, 22.-23.06.2024, Bad Ischl

f.     Volxfest – Die Kunst und Kraft des Feierns, 15.06.2024, Gössl

g.    Open Water Dialogues, 22.-24.03.2024, Bad Ischl

h.    Das große Welttheater, 22.03.-03.02.2024, Bad Ischl

i.      Eine Frau, die weiß, was sie will, 20.-21.01.2024, Bad Ischl

j.      Kunst mit Salz und Wasser, Hauptausstellung Sudhaus Bad Ischl

k.    Europäisches Theaterfestival, 09.-13.10.2024, Bad Ischl

l.      Frau Thomas und Herr Martin, Juli 2024, Steinbach/Bad Mitterndorf

m.  Cést beau – Lake 2.0, Kurhaus Bad Aussee

9.    Entspricht es den Tatsachen, dass das Konzert in der Salzhalle Ebensee sowie die AiWeiWei-Ausstellung im Marmorschlössl Bad Ischl als assoziierte Fremdprojekte in die Statistik eingerechnet wurden, um die Gesamt-besucherzahl künstlich zu erhöhen?

a.    Wie sieht hier die genaue Ticket- und Freikartenbilanz aus?

10. Wie hoch sind die im Rahmen der Kulturhauptstadt 2024 abgerechneten Reise- und Repräsentationskosten (In- und Ausland), welche Länder wurden bereist und welcher Personenkreis (Intendanz, GmbH-Mitarbeiter, politische Delegationen) nahm auf Kosten der Steuerzahler an diesen Reisen teil?

11. Wurden die vom Bund in den Aufsichtsrat der Kulturhauptstadt 2024 entsandten Vertreter über sämtliche Reisetätigkeiten, Compliance-Verstöße sowie über die realen Budgetstände der Einzelprojekte zeitnah und lückenlos informiert?

a.    Wenn ja, welche Kontrollmaßnahmen wurden seitens der Bundes-vertreter gesetzt?

12. Hat Ihr Ministerium die Erstellung der begleitenden oder abschließenden Evaluationsstudie durch die Wirtschaftsuniversität Wien (mit)finanziert oder in Auftrag gegeben?

a.    Wenn ja, wie hoch waren die Kosten?

b.    Wenn ja, wie wird die methodische Kritik von Experten an dieser Studie im Ministerium bewertet?

13. Wie oft reisten Mitglieder der europäischen Auswahljury offiziell in die Region Salzkammergut, welche Kosten entstanden dadurch für Nächtigung, Bewirtung und Spesen und wer kam für diese Kosten auf?

14. Welche konkreten und messbaren Nachhaltigkeitsziele aus dem ursprünglichen Bewerbungsverfahren für Europäische Kulturhauptstädte wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt nachweislich und nachhaltig in der Region Salzkammergut realisiert?

15. Wie hoch waren die über die Kulturhauptstadt 2024-GmbH generierten tatsächlichen Einnahmen aus dem Bereich „Merchandising“ und wie wurden diese Überschüsse im Sinne der regionalen Kulturarbeit weiterverwendet?

16. Im Projekt „Marktplatz der Ideen“ wurden eingereichte, jedoch nicht realisierte Kulturprojekte der lokalen Bevölkerung erfasst. Wo befindet sich diese Liste heute, und wie wird sichergestellt, dass diese Ideen für die freie Kulturszene transparent zugänglich und verwertbar bleiben?

17. Wie bewertet Ihr Ministerium den Umstand, dass weite Teile der ansässigen Bevölkerung und der regionalen Basis-Kulturinitiativen das Kulturhauptstadtjahr als Elitenprojekt wahrgenommen haben, das an den realen Bedürfnissen der Region vorbeigegangen ist?

 



[1]    https://www.servustv.com/de/page/AA4RCL69PPK6MGE6J7NM/kulturnomaden (aufgerufen am 23.06.2026)

[2]    https://www.aufbruch-salzkammergut.at/ (aufgerufen am 23.06.2026)