6921/J XXVIII. GP
Eingelangt am 23.09.2026
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Anfrage
der Abgeordneten Sigrid Maurer, Freundinnen und Freunde
an den Bundesminister für Bildung
betreffend gleiche Chancen für jedes Kind: Wann kommen die Modellregionen und die 6-jährige Volksschule?
Österreich vererbt Bildung nach wie vor wie ein Familienerbstück. Wer in einen Haushalt mit vielen Büchern hineingeboren wird, hat fast schon gewonnen. Wer diesen Startvorteil nicht hat, bekommt von unserem Schulsystem den nächsten Dämpfer. Lange bevor Kinder die Chance haben, ihr eigentliches Potenzial zu entdecken und zu entfalten, werden sie in feste Schubladen einsortiert.
Auch die jüngsten PISA-Ergebnisse zeigen es wieder in aller Härte: Die Chancen eines Kindes hängen in Österreich so stark vom Elternhaus und dessen Bildungs-grad ab wie in kaum einem anderen EU-Land.
Mit nicht einmal zehn Jahren – in einem Alter, in dem sich Kinder extrem unter-schiedlich entwickeln – müssen Familien für ihre Kinder spätestens in der 4. Klasse Volksschule die Weichen für die weitere Bildungslaufbahn stellen. Das stresst alle Beteiligten: Lehrkräfte, Eltern und die Kinder selber.
Wissenschaft und Praxis sind sich seit Jahren einig: Diese verfrühte Trennung vergrößert die Bildungsschere und produziert Jahr für Jahr Tausende Jugendliche, deren Talent einfach liegengelassen wird. Potenziale, die Österreich auch für sein wirtschaftliches Vorankommen so dringend bräuchte. Doch die von Expert:innen längst benannte Ursache greift niemand an: die viel zu frühe Aufteilung unserer Kinder.
Es braucht endlich den Mut zu einer echten Strukturreform. Eine längere gemein-same Schule darf nicht länger vertagt oder hinter halbherzigen Pilotprojekten versteckt werden. Sie muss eine verstärkte Differenzierung und Individualisierung innerhalb der Schule gewährleisten und es muss sichergestellt sein, dass alle Schüler:innen entsprechend ihren individuellen Potenzialen, Neigungen und Begabungen optimal gefördert werden. Richtig umgesetzt, ist sie das wirksamste Instrument, um die Bildungsvererbung in Österreich aufzubrechen, jedem Kind die bestmögliche Entfaltung zu garantieren und Österreich das wirtschaftliche Voran-kommen zu sichern.
Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgende
Modellregionen
1) Wie sieht der konkrete Zeit- und Umsetzungsplan für die im Regierungsprogramm verankerte „Erleichterung von Modellregionen für die Gemeinsame Schule der 10- bis 12- bzw. 14-Jährigen“ aus?
2) Nach welchen Kriterien werden diese Modellregionen ausgewählt, und
werden diese für beide Modelle (10-12-Jährigen und
10-14-Jährigen) gleichermaßen offenstehen?
3) Wird es Modellregionen bzw. entsprechende Schulen in allen Bundesländern geben und dabei gezielt sowohl im ländlichen als auch im urbanen Raum?
4) Wann ist mit der konkreten Umsetzung an ersten Standorten zu rechnen?
5) Wie verhindert das Ministerium das strukturelle Risiko, dass von freiwilligen Modellregionen primär bereits privilegierte bzw. besonders innovationsfreudige Standorte profitieren und benachteiligte Regionen abgehängt werden?
Pilotprojekt sechsjährige Volksschule
6) Liegt im Bundesministerium für Bildung bereits ein fertiger Entwurf oder ein Konzept für die von Ihnen angekündigte sechsjährige Volksschule vor?
a. Wenn ja, wann wird dieser der Öffentlichkeit präsentiert?
b. Enthält dieses Konzept auch eine verbindliche, verstärkte Individualisierung und Differenzierung, sodass sichergestellt ist, dass alle Kinder entsprechend ihrer Begabungen und Neigungen optimal gefördert werden?
c. Wie soll bei der Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre der nahtlose Übergang in die Sekundarstufe 1 geregelt sein? Erfolgt die Selektion in die AHS-Unterstufe, Mittelschule oder Sonderschule dann lediglich zwei Jahre später oder gibt es hier anderweitige Pläne?
7) Sind Anpassungen und Angebote in der Pädagog:innenaus- und -weiterbildung geplant, um die unterschiedlichen Altersstufen und Leistungsniveaus in einer längeren gemeinsamen Schule pädagogisch adäquat zu betreuen? Wenn ja, welche? Wenn nein, warum nicht?
8) Anhand welcher Bildungsindikatoren werden die geplanten Modellstandorte der sechsjährigen Volksschule wissenschaftlich evaluiert werden?
9) Wird es für die Pilotierung der 6-jährigen Volksschule ausreichend zusätzliche Ressourcen und autonome Gestaltungsmöglichkeiten geben?
10) Sie haben medial davon gesprochen, dass bereits viele Schulen ihr Interesse an einer 6-jährigen Volksschule bekundet haben. Wie viele Schulen waren das genau und aus welchen Bundesländern kommen diese?
11) Aus welchen wissenschaftlichen Evidenzen leitet das Ministerium die
Sinnhaftigkeit einer Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre
gegenüber einer durchgehenden Gemeinsamen Schule der 10- bis
14-Jährigen ab?
12) Sie haben auf Ö1 bei „Journal zu Gast“ am 5.September gesagt, dass „die Gesamtschule ein totes Pferd“ sei und Sie es „über die 6-jährige Volksschule reanimieren“ wollen. Was genau wollten Sie damit aussagen? Soll die 6-jährige Volksschule lediglich ein zeitlich begrenztes Übergangsmodell sein oder langfristig das bildungspolitische Modell der Zukunft darstellen?
Reformpartnerschaft
13) Warum wurde die Pilotierung oder flächendeckende Umsetzung der Gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen nicht in die Verhandlungen und (öffentlich einsehbaren) Papiere der Reformpartnerschaft aufgenommen?
Bildungsvererbung
14) Welche sonstigen konkreten bildungspolitischen Maßnahmen planen Sie, um die durch die PISA-Studie erneut belegte Vererbung von Bildungschancen zu durchbrechen?