23/JPR XXVIII. GP

Eingelangt am 21.01.2026
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Anfrage

der Abgeordneten Lukas Hammer, Freundinnen und Freunde

an den Präsidenten des Nationalrates

betreffend Ehrung für Antisemiten, Holocaust-Leugner und Rechtsextreme bei Dinghofer-Symposium im Parlament

BEGRÜNDUNG

Am 11. November 2025 luden Sie als Nationalratspräsident gemeinsam mit dem Dinghofer-Institut zum sogenannten Dinghofer-Symposium ins Hohe Haus. Die Ehrung eines deutschvölkischen Politikers, der einen eliminatorischen Antisemitismus propagierte und später NSDAP-Mitglied war, stieß auf breite Kritik. Auch programmatisch orientierte man sich auch am ideologischen Weltbild des Namensgebers. So erging der diesjährige Dinghofer-Preis an Wolfgang Dvorak- Stocker und seine Verlage.

Der Grazer Leopold Stocker Verlag weist mehrere Berührungspunkte zum Rechtsextremismus auf. Diese ergeben sich neben der Verlagsgeschichte einerseits aus den Verlagsprogrammen und dem Buchversand Bücherquelle, die Werke rechtsextremistischer und "revisionistischer" Autoren beinhalten, andererseits aus den Kontakten des Verlagsinhabers Wolfgang Dvorak-Stocker zur rechtsextremen Szene. Im Rechtsextremismusbericht des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) findet Wolfgang Dvorak-Stocker ganze 15-mal Erwähnung. Dem von Ihnen ausgezeichneten Verlag ist sogar ein eigenes Unterkapitel gewidmet.

In der von Dvorak-Stocker herausgegeben Zeitschrift „Abendland“ finden sich zahlreiche antisemitische und revisionistische Verschwörungsphantasien[1]. So wird die offizielle Opferzahl von 6 Millionen Jüdinnen und Juden im Holocaust angezweifelt. Dvorak-Stocker selbst spricht von einem Existenzkampf des deutschen Volkes im zweiten Weltkrieg, verficht Rassentheorien und macht jüdische Persönlichkeiten für das Fortbestehen des Antisemitismus verantwortlich.

Im Verlagsprogramm und dem hauseigenen Buchversand finden sich einschlägige rechtsextreme Publikationen[2].

Auswahl der im Leopold Stocker Verlag erschienen Bücher mit rechtsextremem Hintergrund:

Otto, Scrinzi: Politiker und Arzt in bewegten Zeiten (2003)

      NS-apologetische Autobiographie des ehemaligen SA-Sturmführers und NSDAP-Mitgliedes Otto Scrinzi. Scrinzi galt als einer der führenden Exponenten des deutsch-österreichischen Rechtsextremismus, er war Autor in zahlreichen rechtsextremen Zeitschriften (z. B. fakten) und Referent bei rechtsextremen Gruppen im In- und Ausland. Bis Ende 2003 war er "Schriftführer" der Aula.

Maximilian Czesany, Europa im Bombenkrieg 1939-1945 (1998)

      Maximilian Czesany war Referent bei der rechtsextremen Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik und 1989 Unterzeichner eines Aufrufes für die Straffreiheit von Holocaust-Leugnern, welcher u. a. im neonazistischen Blatt Sieg veröffentlicht wurde.

Walter Marinovic, Diktatur des Hässlichen (1995)

      Autor in fast sämtlichen rechtsextremen Zeitschriften Österreichs und der BRD (z. B. fakten, Aula, Eckartbote, Deutsche Stimme), Referent bei rechtsextremen Gruppen in Österreich und der BRD, z. B. bei der Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik, der Gesellschaft für freie Publizistik, der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) und dem von dieser rechts abgespaltenen Bildungswerk Deutsche Volksgemeinschaft.

Wolf Rüdiger Heß, Rudolf Heß: "Ich bereue nichts" (1994)

      Der 2001 verstorbene Sohn des ehemaligen Hitler-Stellvertreters wurde im Verfassungsschutzbericht des Landesamtes für Verfassungsschutz Thüringen unter der Rubrik Rechtsextremismus angeführt. Er sollte 2001 bei der von Neonazis veranstalteten Rudolf Heß-Gedenkkundgebung im bayrischen Wunsiedl als Redner auftreten. Nachdem er krankheitsbedingt nicht zu dieser Veranstaltung kommen konnte, wurden dort seine Grußworte verlesen.

Fritz Becker, Im Kampf um Europa. Stalins Schachzüge gegen Deutschland und den Westen (1991)

      Becker war Autor in den neonazistischen Huttenbriefen und regelmäßiger Teilnehmer an den "Gästewochen" der diese herausgebenden Deutschen Kulturgemeinschaft.

David Irving, Rudolf Heß. Ein gescheiterter Friedensbote (1987).

      Der mit Einreiseverbot in mehreren Ländern (darunter Österreich) belegte Irving gilt als einer der zentralen Autoren und Redner im internationalen Netzwerk der Holocaust-Leugner.

Auswahl der über den Buchversand Bücherquelle angebotenen Bücher:

Wilfred v. Oven, Ein "Nazi" in Argentinien.

      Ehemaliger hoher NS-Funktionär (im "Reichspropagandaministerium") und nach 1945 eine der Ikonen des internationalen Neonazismus, 1997 wurde ihm der "Ulrich von Hutten Preis" der GfP verliehen, Autor in zahlreichen deutschen rechtsextremen Blättern.

Jean Marie Le Pen, Der Front National.

      Rechtsextremer französischer Politiker und Holocaust-Leugner.

Julius Evola, Mensch inmitten von Ruinen.

      Bedeutendster Philosoph des italienischen Faschismus.

Leon Degrelle, Denn der Hass stirbt.

      Belgischer Faschistenführer und NS-Kollaborateur.

Peter Dehoust, Heuchler, Henker, Halunken.

      Führender deutscher Rechtsextremist mit Kontakten zum Neonazismus, Mitherausgeber von Nation & Europa, der bedeutendsten rechtsextremen Publikation der BRD, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der GfP.

Jürgen Schwab, Die Meinungsdiktatur.

      Deutscher Neonazi, führender Ideologe der NPD.

Hans Grimm, Volk ohne Raum.

      Propagandist nationalsozialistischer Eroberungspolitik, 1933 Präsident der "Reichsschrifttumskammer". Trotz seiner Differenzen mit der NS-Spitze, welche seinen Rückzug ins Private notwendig machten, trat er nach 1945 als NS-Apologet in Erscheinung. 1953 Kandidat der neonazistischen Deutschen Reichspartei.

Gert Sudholt, Ungesühnt.

      Leiter der rechtsextremen Verlagsgesellschaft Berg; 1999 wegen "Volksverhetzung" zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Rolf Kosiek, Völker statt One World.

      Vormaliger Funktionär der neonazistischen Partei NPD, Vorsitzender der GfP.

Franz Schönhuber, Europas Patrioten.

      Ehemaliger Waffen-SS-Mann und Vorsitzender der Republikaner, führender deutscher rechtsextremer Publizist.

Politisches Umfeld von Wolfgang Dvorak-Stocker

      Autor in der rechtsextremen Aula. Der Chefredakteur der Aula wurde Anfang Dezember 2025 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung nicht rechtskräftig am Grazer Straflandesgericht verurteilt.

      1997: 10prozentige Beteiligung an Zur Zeit, in welcher regelmäßig rechtsextremistische und offen antisemitische Texte erscheinen.

      November 2001: Teilnahme an einem Treffen europäischer Rechtsextremisten in Gloggnitz/NÖ.

      April 2002: Vortrag bei der Jahrestagung der GfP, laut deutschem Verfassungsschutz die "bedeutendste rechtsextremistische Kulturorgani­sation" in der BRD.

      Neue Ordnung (später Abendland): In der unter der Geschäftsführung von Wolfgang Dvorak-Stocker vom Leopold Stocker Verlag herausgegebenen Zeitschrift, welche sich in den letzten Jahren von einer rechtskonservativen Zeitschrift zu einem Brückenbauorgan zum Rechtsextremismus wandelte, sind seit dem Jahr 2000 auch Artikel von Personen veröffentlicht worden, die eindeutig dem Milieu des Rechtsextremismus zuzuordnen sind, z. B. Karl Richter (Nation & Europa), Jürgen Schwab (NPD), Gerhoch Reisegger (Aula, fakten) und Tomislav Sunic. Letztere verfügen gar über beste Kontakte in das Milieu neonazistischer Holocaustleugner. So trat Sunic 2002 und 2003 auf Konferenzen des neonazistischen Institute for Historical Review als Referent in Erscheinung. Reisegger referierte im Jänner 2002 auf einer internationalen Neonazi-Konferenz in Moskau, an welcher unter anderem der vormalige Ku- Klux-Klan-Führer David Duke teilnahm.

Dass der Präsident des österreichischen Nationalrats zu einer Veranstaltung einlädt, bei der ein rechtsextremer Verleger ausgezeichnet wird, der Bücher von Holocaustleugnern und Neonazis publiziert hat, ist ein neuerlicher Tiefpunkt in der Amtsführung von Walter Rosenkranz.

Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgende

ANFRAGE

1)   Wann und von wem wurden Sie als Nationalratspräsident angefragt, das Dinghofer-Symposium im Parlament abzuhalten und dazu einzuladen?

2)   Wann und von wem wurden Sie als Nationalratspräsident angefragt, im Rahmen des Dinghofer-Symposiums im Parlament die Festrede zu halten?

3)   Haben Sie die Festrede im Rahmen des Dinghofer-Symposiums in Ihrer Funktion als Nationalratspräsident gehalten? Wenn ja, warum? Wenn nein, in welcher Funktion dann?

4)   Wurden Sie im Vorfeld über die Preisträger informiert? Wenn ja, wann und von wem?

5)   Sind Ihnen die Publikationen des ausgezeichneten Verlags im Vorhinein bekannt gewesen?

a.   Wenn ja, warum haben Sie sich dennoch dazu entschieden, zum Dinghofer-Symposium einzuladen und dort die Festrede zu halten?

b.   Wenn nein, werden Sie jetzt im Nachhinein Konsequenzen daraus ziehen, nachdem Sie nun auf die Zusammenhänge des Preisträgers und dessen Publikationen aufmerksam gemacht wurden?

6)   War Ihnen vor der Preisverleihung bekannt, welche Werke im Leopold Stocker Verlag erschienen sind und dass bekannte Holocaust-Leugner ihre Werke über den Leopold Stocker Verlag vertrieben haben?

a.   Wenn ja, warum beteiligten Sie sich dann an einer Auszeichnung dieses Verlages?

b.   Wenn nein, distanzieren Sie sich von diesen Inhalten und von der Preisverleihung?

7)   War Ihnen vor der Preisverleihung bekannt, dass Wolfgang Dvorak-Stocker ganze 15-mal Erwähnung im Rechtsextremismusbericht findet, der auf der Homepage des Parlaments abgerufen werden kann?

a.   Wenn ja, warum beteiligten Sie sich an einer Auszeichnung für Wolfgang Dvorak-Stocker?

b.   Wenn nein, distanzieren Sie sich von diesen Inhalten und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

8)   Entspricht es Ihrer Vorstellung einer überparteilichen Ausübung des Amtes als Nationalratspräsident (und damit Vertreter des Nationalrats nach außen), zu einer dezidierten parteipolitischen Veranstaltung zu laden und dort die Festrede zu halten, die alle anderen im Nationalrat vertretenen Parteien scharf kritisieren?

9)   Aus welchen Gründen wurde das diesjährige Symposium nicht - wie in den vergangenen Jahren - vom FPÖ-Parlamentsklub verantwortet, sondern von Ihnen in Ihrer Funktion als erster Präsident des Nationalrates, obwohl dieses Amt überparteilich auszuüben ist?

10)Entspricht es Ihrer Vorstellung der Ausübung des Amtes als Nationalratspräsident, dem im Staatsvertrag Artikel 9 festgehaltenen Grundsatz, die „Bemühungen fortzusetzen, aus dem österreichischen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben alle Spuren des Nazismus zu entfernen“, offensichtlich zu widersprechen, indem sie zu einer Veranstaltung laden und dort die Festrede halten, wo ein rechtsextremer Verleger, der Werke von Neonazis und Holocaust-Leugnern vertreibt, ausgezeichnet wird?

11)Haben Sie als Nationalratspräsident die rechtsextreme Zeitschrift Abendland (ehemals Neue Ordnung) abonniert?

12)Welche Kosten sind durch das Dinghofer-Symposium 2025 entstanden? Bitte um Aufschlüsselung nach unterschiedlichen Kostenstellen.


 


 



[1] https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/rechtsextreme-organisationen/abendland-ehemals-neue-Ordnung

[2] https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/neues-von-ganz-rechts/archiv/august-2004/neue-ordnung-feiert-antisemiten/stellungnahme-des-doew-zum-leopold-stocker-verlag