RN/174

20.49

Abgeordneter Veit Valentin Dengler (ohne Klubzugehörigkeit): Frau Präsidentin! Herr Minister! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist jetzt schon vieles über die Lehre gesagt worden, und ich glaube, eines sollte man noch einmal zusammenfassen: Die Lehre ist ein wirkliches Erfolgsmodell, das ist eine der besten Ideen, die dieses Land je gehabt hat. Wir müssen uns um sie kümmern, das zeigt der Lehrlingsbericht.

Wir verlieren sonst wirklich viel: Wir verlieren auf der einen Seite Jugendliche – das hat auch Klaus Mair schon gesagt –, aber das ist nicht erstaunlich, weil die Jahrgänge kleiner werden. Der Anteil aber bleibt einigermaßen stabil, das ist also nicht unser Problem. Das Problem liegt auf der Angebotsseite, bei Unternehmen, die keine Lehrstellen mehr anbieten. Dort liegt das ganze Problem – und bei großen, komplexen Problemen haben wir oft den Hang zu sagen: Wir brauchen jetzt einen ganzen Waschzettel an Maßnahmen! In Wahrheit müssen wir bei diesem einen Hebel am meisten ansetzen – nämlich: Wie kriegen wir Unternehmen dazu, wieder Lehrstellen zu schaffen? Die Zahl der Unternehmen ist von 38 000 vor 20 Jahren auf 25 000 Unternehmen gesunken.

An Kollegen Binder und Kollegin Teiber: Ich glaube, die Antwort kann nicht sein, dass wir sagen, wir müssen jetzt die Unternehmer bestrafen, wenn sie das nicht tun, weil die gute Gründe haben, dass sie weniger Lehrstellen anbieten. 

Was ist der erste Grund? – Der erste und wahrscheinlich auch einer der wichtigsten Gründe ist, dass die Schulen die Jugendlichen nicht mehr auf eine Lehre vorbereiten. Ein Viertel der 15-Jährigen beherrscht die Grundkompetenzen nicht – und dieses Problem, das wissen wir auch von Pisa, wird größer. Das heißt, man kann von einem Installateurbetrieb oder von einem Friseurbetrieb nicht verlangen, dass sie Ersatzschule spielen – das wird nicht funktionieren. Dann sagen sich diese Unternehmen sehr, sehr rational: Dann kann ich halt auch niemanden aufnehmen!

Dann springt der Staat ein; und das ist jetzt schon mehrmals gesagt worden: Die überbetriebliche Ausbildung ist die teuerste Form der Ausbildung, die es in Österreich gibt. Eine Lehrstelle in der überbetrieblichen Ausbildung ist teurer als ein Universitätsplatz. Was wir sehen, ist auch, dass die betriebliche Lehre vor allem in Wien ein Problem ist. Wien hat auch das andere Problem: Das ist die einzige Region in Österreich, wo der Anteil der Jugendlichen wächst. Vor zehn Jahren oder 2010 lebten 17 Prozent aller Jugendlichen in Wien, jetzt leben schon über 22 Prozent der Jugendlichen in Wien. Das heißt, das Problem ist in Wien und es wird in Wien verschärft. Das heißt, wir können auch keine Lösung, die für alle passt, finden. Wir müssen eine Lösung für Wien finden und wir müssen eine andere Lösung für die Bundesländer finden, wo die Situation sehr anders ist, wo es oft Lehrlingsmangel gibt. (Beifall bei Abgeordneten der ÖVP.) 

Übrigens hat das auch etwas mit Integration und Migration zu tun, weil wir auch wissen, dass eine Lehrstelle das beste soziale System und die beste Methode ist, sich hier zu integrieren. 

So, und wie reparieren wir die Schulen? – Nicht, indem wir die Polytechnischen Schulen kaputt machen. Die PTS sind hervorragend. Die sind eine Grundlage dafür, dass die Jugendlichen es sich aussuchen können, in welche Richtung sie beruflich gehen wollen. Die PTS sind übrigens auch der beste Schutz gegen Lehrabbrüche, die ja auch immer mehr werden, wie wir wissen. In die PTS müssen wir also investieren – und die PTS darf deswegen kein Aufbewahrungsort für Jugendliche werden, die nicht lesen und schreiben können. Das heißt, das Problem liegt in der Mittelschule. (Beifall bei Abgeordneten der ÖVP.) Wir dürfen die Schüler nicht aus der Mittelschule entlassen, bevor sie die Grundkompetenzen erlernt haben. Das heißt, wir brauchen so etwas wie eine mittlere Lehre – und ohne mittlere Lehre sollte man nicht in eine Polytechnische Schule gehen können. Das ist der Ansatz. 

Der zweite Ansatz – und das ist der wichtigste –: Für Unternehmen muss es einfacher und billiger werden, auszubilden. Wir haben das heute schon ein paar Mal angesprochen, aber stellen Sie sich das einmal praktisch vor: Sie haben einen Handwerksbetrieb, Sie arbeiten vier Tage die Woche 10 Stunden auf einer Baustelle. Was sollen Sie jetzt mit einem Lehrling nach 8 Stunden machen? Was machen Sie mit dem Lehrling am Freitagvormittag, wenn niemand im Betrieb ist? Entschuldigung, jetzt noch einmal: Da schützen wir die Jugendlichen nicht vor etwas Bösem, da schützen wir die Jugendlichen davor, dass sie eine Lehrstelle kriegen. Im Tourismus dürfen Jugendliche nur jeden zweiten Sonntag arbeiten. Was machen Sie jetzt mit einem Restaurant, das jede Woche von Donnerstag bis Sonntag offen hat? Wie sollen die Lehrlinge ausbilden? (Beifall bei Abgeordneten der ÖVP.) Das sind Schutzbestimmungen, die einfach überholt sind.

Wir müssen auch die Kosten senken. Die Lehrstellenförderung ist eingefroren, das haben wir schon gehört, aber seit 2023 real um 30 Prozent gestiegen. Ich glaube, da bietet sich eine Lösung an – und zwar ist das die, dass wir die Basisförderung dadurch ersetzen, dass der Staat die Lohnnebenkosten für die Lehrlinge übernimmt und dafür die ganzen Förderungen und die ganzen Anträge für die Förderungen und die Staffelungen streichen kann. 

Herr Minister! Sie haben jetzt die Novelle, dieses Paket angekündigt. Bitte machen Sie nicht den typischen Fehler, den wir oft machen, dass wir sagen, wir brauchen mehr Förderung. Machen Sie das System einfacher, machen Sie es billiger – und machen Sie bitte einen Plan für Wien und einen Plan für den Rest des Landes. (Beifall bei der ÖVP.)

20.54

Präsidentin Doris Bures: Zu Wort ist dazu nun niemand mehr gemeldet. (Zwischenruf des Abg. Schnabel [ÖVP].) Damit ist die Debatte geschlossen.

Wünscht der Herr Berichterstatter ein Schlusswort? – Das ist nicht der Fall. 

Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 52 Abs. 2 GOG-NR autorisiert.