10.01
Abgeordnete Mag. Romana Deckenbacher (ÖVP): Danke, Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Bundesminister! Hohes Haus! Sehr geehrte Zuseherinnen und Zuseher! Ein zukunftsfittes Bildungssystem erkennt man nicht an Überschriften auf Reformplänen, sondern – ich sage es Ihnen – man erkennt es daran, wenn man am Montag um 8 Uhr in der Früh in eine Klasse geht. Da sieht man und erlebt man hoch engagierte Kolleginnen und Kollegen an Tausenden von Schulen, die Großartiges leisten – und ich möchte ihnen dafür auch danken. (Beifall bei Abgeordneten der ÖVP sowie des Abg. Shetty [NEOS].)
Da sieht man Kinder und Jugendliche voller Energie, voller Talente und voller Tatendrang; man sieht aber auch die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Herr Bildungsminister, Sie waren selbst lange Zeit Bildungsstadtrat in Wien und kennen diese Herausforderungen, denke ich, sehr gut, denn wir wissen, dass zum Beispiel in Wien aufgrund mangelhafter Deutschkenntnisse nur jeder zweite Schüler in der Lage ist, dem Lehrer zu folgen. (Abg. Kassegger [FPÖ]: Das war der entscheidende Punkt beim Bewerbungsgespräch des Wiener Bildungsstadtrats, dass er Minister wird!) Wenn wir uns vorstellen, dass in einer Klasse von 22 Kindern nur fünf Kinder dem Unterricht folgen können, ist das alarmierend. In meinem Bezirk, in der Brigittenau, sind es zum Beispiel nur 70 Prozent. Deswegen ist es ganz wichtig, dass wir Sprachförderung auch weiterhin forcieren. Auch die Gewalt an den Schulen, vor allem auch in Wien, und den Zugang zu Suspendierungen haben Sie angesprochen.
Als ehemalige Lehrerin möchte ich aber trotzdem immer wieder sagen: Der Lehrberuf ist einer der schönsten Berufe. Wenn ich mit jungen, hoch motivierten Kolleginnen und Kollegen spreche, dann ist es oft so, dass sie mir sagen, sie starten, aber nach wenigen Monaten müssen sie in erster Linie dokumentieren, administrieren, Krisenmanagement bewältigen und sind mit anderen Dingen beschäftigt als mit dem, wofür sie ausgebildet sind und wofür sie auch brennen, nämlich Zeit für das Wesentliche zu haben, Zeit für die Kinder zu haben. (Abg. Kickl [FPÖ]: Polizisten geht es ähnlich ...! –Weitere Zwischenrufe bei der FPÖ. – Abg. Lukas Hammer [Grüne]: ... die eigenen Privilegien ...!) Bedeutend ist dabei, dass es ausreichend Unterstützungspersonal für die dringend notwendige Entlastung der Pädagoginnen und Pädagogen geben muss, keine zusätzliche Bürokratie. Wir begrüßen an dieser Stelle selbstverständlich jede zusätzliche Ressource, die zur administrativen Entlastung beiträgt – wir haben ja vieles schon in der vorherigen Gesetzesperiode umgesetzt –: für alle Schultypen, für den städtischen Raum, aber auch für den ländlichen Raum. Jede Stunde für Verwaltung ist 1 Stunde weniger für die Kinder.
Ich möchte hier auch eines betonen – es ist ein paar Mal gefallen –: Schule, Bildung ist nichts Starres, darf nicht stehen bleiben, vor allem dann nicht, wenn sich Welt und Gesellschaft verändern. Der Weg, Lehrpläne zu modernisieren, Kompetenzen und Autonomie zu stärken, ist selbstverständlich der richtige und ist auch wichtig. Digitale Grundbildung, Medienkompetenz, Anwendung von künstlicher Intelligenz – all das ist bei uns in den Schulen angekommen und muss weiter ausgebaut werden, genauso wie das kritische Denken unserer Kinder und Jugendlichen. All das gehört in ein Bildungssystem des 21. Jahrhunderts. Modernisierung bedeutet vor allem auch: Unterricht muss stattfinden können. Es nützt der beste Lehrplan nichts, das zehnte Tablet nichts, wenn ein Großteil der Klasse dem Unterricht nicht ausreichend folgen kann.
Weil wir bei der Sprache sind: Nicht nur die deutsche Sprache, auch jede Fremdsprache ist in unserem Bildungssystem ein wesentliches Element – und auch Latein ist Sprachbildung und kein nostalgisches Relikt. (Beifall des Abg. Taschner [ÖVP]. – Abg. Scherak [NEOS]: Tosender Applaus!) Wenn wir Latein kürzen, kürzen wir auch andere Fremdsprachen; das muss uns ganz klar sein. Latein fördert Demokratievermittlung, Grammatikverständnis und logisches Denken – genau das, was wir bei vielen Kindern heute so vermissen. Modernisierung bedeutet nicht automatisch Reduktion von Allgemeinbildung; 21. Jahrhundert, das bedeutet Digitalisierung und humanistische Bildung, nicht ein Entweder-oder.
Vielleicht sollten wir in der Bildungspolitik auch mehr über Inhalte als über Organisationsformen sprechen, denn die entscheidende Frage müssen wir uns schon stellen: Lösen wir damit wirklich Probleme oder verschieben wir sie nur? Ja, Reformen brauchen natürlich Mut, aber sie brauchen auch einen klaren Blick auf Realität. (Beifall bei Abgeordneten der ÖVP.) Und das braucht auch die Einbeziehung jener, die die Expertise haben: der Lehrerinnen und Lehrer. Sie nicht einzubeziehen, wäre so, als würde ich einen Stundenplan erstellen, ohne die Pausen zu berücksichtigen – das ist theoretisch schon machbar, aber praktisch vielleicht wenig zumutbar.
Wenn wir von Demokratiebildung reden, dann möchte ich hier auch erwähnen, dass auch Interessenvertretungen demokratisch legitimierte Partner auf Augenhöhe sind. Personalvertreterinnen und Personalvertreter sind das sogenannte Frühwarnsystem an einer Schule. Wenn sie laut werden, dann ist das keine Überforderung, Frau Kollegin von Künsberg Sarre, sondern es ist eine Diagnose. (Beifall bei Abgeordneten der ÖVP.)
Unser gemeinsames Ziel muss sein: eine Schule, in der Lehrerinnen und Lehrer Zeit für das Unterrichten haben; eine Schule, in der Kinder unabhängig von ihrer Herkunft ihre Talente entwickeln können; und eine Schule, in der ein Zeugnis wieder klar zeigt, was ein Kind gelernt hat.
Präsident Dr. Walter Rosenkranz: Schlusssatz bitte.
Abgeordnete Mag. Romana Deckenbacher (fortsetzend): Ein zukunftsfittes Bildungssystem bedeutet: Chancen schaffen, bevor zu große Unterschiede entstehen, damit Zukunft möglich wird, denn Bildung ist nicht irgendein Politikfeld; Bildung ist die soziale Frage in unserer Gesellschaft. (Beifall bei der ÖVP.)
10.07
Präsident Dr. Walter Rosenkranz: Als Nächste zu Wort gemeldet ist Frau Abgeordnete Kumpan-Takacs. – Bitte, Frau Abgeordnete.
Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 52 Abs. 2 GOG-NR autorisiert.