RN/84
16.01
Abgeordneter Mario Lindner (SPÖ): Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! „Homosexualität ist wie ein gebrochenes Bein“, diesen Satz hat eine steirische Journalistin zu hören bekommen, als sie sich undercover einer Konversionstherapie unterzogen hat. Sie muss sich von Freundinnen distanzieren. Ihre Homosexualität kann geheilt werden. Ihr Körper ist ja gesund, aber ihr Geist braucht eben eine Behandlung.
Raphaelle ist eine Bloggerin. Sie berichtet von ihrem Leben als Opfer von Konversionstherapien, um anderen Mut zu machen. Raphaelle wurde von ihrer Therapeutin in diese Falle gelockt. Ihre Depression würde daran liegen, dass sie Frauen liebe. In ihren eigenen Worten: „Das wandelte sich ganz schnell von diesen Gesprächen, in ,entspannter Atmosphäre‘ zu sehr indoktrinierenden Gesprächen, zu Licht-,Therapie‘ und schließlich zu Hypnose.“ Dann sollte sie ihren besten Freund verführen und mit ihm schlafen. Ihre psychische Verfassung wurde schlimmer. Aus Depression wurde Selbsthass. Heute sagt sie: „,Ich habe damals gedacht: Ich bin Abschaum, ich bin Gift für die Welt‘“.
Ein anderer Fall ist Virgil. Er wurde von seinen Eltern zu Konversionstherapien in einer deutschen Kirche gezwungen, als er 15 war. Später erzählte er: „Ich habe mich regelmäßig mit einem ,Therapeuten‘ der Kirche getroffen und er hat mir Tonbänder“ von geheilten Schwulen vorgespielt. „Die meiste Zeit brachte der ,Therapeut‘ mich nur dazu, dass ich mich für mich selbst schämte.“ Als er sich von den Therapien befreien konnte und den Mut fand, offen zu leben, brach seine Familie den Kontakt zu ihm ab. An den psychischen Folgen leidet er bis heute.
Carolina, eine Transfrau, leidet auch in ihrem 70. Lebensjahr noch unter den Folgen von Konversionstherapien: Immer wenn ich mich daran erinnere, beginne ich zu zittern. Man könnte sagen, dass die Therapie gewirkt hat. Mein Körper reagiert noch immer darauf. Aber was meinen Geist und meine Gedanken betrifft, hat sie nur dazu geführt, dass ich mich selber noch mehr hasse. Diese Therapie hat meine Geschlechtsdysphorie weder beendet noch verringert. Obwohl in den letzten Jahren vieles besser wurde, habe ich heute, 40 Jahre später, noch Flashbacks. Ich leide noch heute darunter.
Mir ist schon bewusst, dass solche Schicksale manchen Menschen in diesem Haus egal sind, aber, meine sehr geehrten Damen und Herren, das sind keine Einzelfälle. Es sind Fälle, die in Europa passieren. Es sind Fälle, die in Deutschland passiert sind. Es sind Fälle, die hier in Österreich passieren. Und diese Fälle haben eines gemeinsam: Es handelt sich um keine Therapien. Das ist Folter – Folter an Menschen in unserem Land! Folter, meine sehr geehrten Damen und Herren! (Beifall bei SPÖ und Grünen sowie der Abg. Baumgartner [ÖVP].)
Ich frage Sie ganz ernsthaft: Gibt es hier im Haus Kolleginnen und Kollegen, die diese Folter zulassen wollen? (Ruf: Ja!) Ich frage Sie ganz ernsthaft!
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, diese Geschichten sind keine Einzelfälle. Sie sind Berichte von Opfern einer Folter, die inzwischen in Deutschland und in vielen anderen Ländern verboten ist, einer Folter, deren Verbot vom Europarat, von der UNO und sogar von der konservativen EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gefordert wird.
Lassen Sie es mich daher klipp und klar sagen: Konversionsfolter gehört auch in Österreich endlich verboten! Und das besser heute als morgen. (Beifall bei SPÖ, NEOS und Grünen sowie der Abg. Baumgartner [ÖVP].)
Diese Bundesregierung hat sich selbst zum Verbot von Konversionsmaßnahmen verpflichtet, und zwar zum Verbot aller Konversionsmaßnahmen, sowohl aufgrund der sexuellen Orientierung als auch aufgrund einer Geschlechtsinkongruenz, auf dem Boden der Wissenschaft, ohne parteipolitische Hintergedanken. Und, um unseren Bundeskanzler Christian Stocker zu zitieren: „Was vereinbart ist, gilt. Auch wenn es mir nicht gefällt“.
Am Ende des Tages geht es nur um einen ganz einfachen Grundsatz: Kein schwuler Mann, keine Transfrau, keine Lesbe, niemand in unserem Land darf Angst haben, gefoltert zu werden, nur weil sie sind, wie sie eben sind. Konversionsfolter muss verboten werden, und zwar jetzt! Happy Pride! (Beifall bei SPÖ und Grünen sowie bei Abgeordneten der NEOS.)
16.06
Präsident Dr. Walter Rosenkranz: Nächste Rednerin: Frau Abgeordnete Brandstötter. – Bitte schön.
Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 52 Abs. 2 GOG-NR autorisiert.