RN/86
13.41
Abgeordneter Paul Stich (SPÖ): Vielen Dank, Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Minister! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor allem: Hallo an all die zahlreichen Kinder und Jugendlichen, die sich heute oben auf der Galerie befinden! Schön, dass auch ihr da seid, wenn über die Zukunft des Bildungssystems, über die Zukunft der Schule diskutiert wird, denn genau das tun wir heute, wie schon so oft in den vergangenen Plenardebatten.
Wenn wir über Bildung und über zahlreiche Dinge diskutieren, die wir heute verändern, bei denen wir die Weichen stellen, müssen wir uns auch immer fragen: Warum tun wir das eigentlich? Welchem Bildungsideal folgen wir? Und was soll Schule leisten? Ist es eine Bildung der Freude, eine Bildung der Überzeugung oder vielleicht sogar eine Bildung der Gewalt? Es gibt ja in diesem Haus teilweise ein bisschen unterschiedliche Ansichten: nachhelfen nennt Kollege Kickl das dann, wenn er es mit der Hand ausführt und entsprechend versucht, zur Züchtigung aufzurufen.
Jetzt mag es Lehrer geben, die zur Zeit der sogenannten Watschen in der Schule eine relativ klare Meinung gehabt haben. Die haben sich vielleicht gedacht: Ich hasse Kinder und die Autorität muss aufrechterhalten bleiben. Es gibt Augenblicke, da heiligt der Zweck die Mittel. – Diese Argumente gab es damals, diese Argumente kennen wir. Das sind Argumente, mit denen meine Großeltern durchaus noch in der Schule gezüchtigt worden sind. Ich sage ganz ehrlich, ich bin sehr froh, dass sich meine Kinder heutzutage diese Sorgen nicht mehr machen müssen, wenn sie irgendwann einmal in die Schule kommen und wenn ich Kinder habe. (Beifall bei der SPÖ sowie der Abg. Brandstötter [NEOS].) Schule ist nicht zum Schlagen da, sondern dafür, dass wir Kindern Werkzeuge in die Hand geben, damit sie sehen, was um sie herum passiert, und darauf eingehen können und sich da eine Meinung bilden können.
Genau aus diesem Grund muss sich Schule auch weiterentwickeln, auch wenn das nicht allen in diesem Saal hier gefallen wird. Mit dieser Reform heute setzen wir einen von ganz vielen wichtigen Schritten, unter anderem mit der Einführung des Pflichtgegenstandes Medien und Demokratie, weil die Kids eben in einer Welt aufwachsen, die sich radikal verändert. Alle Anwesenden bekommen das ja auch tagtäglich mit, wenn sie mit ihren Eltern oder vielleicht auch einfach mit ihren kleinen Geschwistern reden, die teilweise ganz andere Dinge spannend finden als sie selber.
Wir betonen immer, wir wollen ordnen statt spalten. Ordnen bedeutet auf ganz vielen Ebenen, einen Rahmen für Kinder zu schaffen – sei es mit Altersbeschränkungen für Social Media in einer sich wandelnden Welt oder sei es auch mit einer Schule, die sich an den Lebensrealitäten dieser Kinder orientiert, denn genau dafür sind wir als Politikerinnen und Politiker schlussendlich auch da. (Beifall bei der SPÖ.)
Schule der Lebensrealität bedeutet auch, die Lehrerinnen und Lehrer so auszubilden, dass sie sich in dieser Lebensrealität zurechtfinden, sei es in ihren digitalen Kompetenzen, aber auch in ganz vielen anderen Bereichen. Jetzt gibt es da immer wieder in bildungspolitischen Debatten – wir werden es beim nächsten Tagesordnungspunkt auch noch sehen – ein Schlagwort, das Schlagwort heißt Ideologie in der Schule. (Zwischenruf des Abg. Mölzer [FPÖ].) Jetzt habe ich mir als Person, die in der Klasse stehen würde, wenn sie aktuell nicht Berufspolitiker wäre, gedacht: Spannend, was soll das eigentlich sein, diese Ideologie in der Schule? Ich habe mich ein bisschen auf die Suche gemacht und habe unter anderem in einem Antrag der FPÖ aus dem letzten Bildungsausschuss etwas gefunden, dort heißt es wortwörtlich: Die Ideologie ist „die übermäßige Betonung von Deutsch als Zweitsprache“.
Jetzt bin ich wirklich mit vielen angehenden Lehrer:innen in Kontakt, mit vielen Leuten, die diesen Beruf ergriffen haben, ihn künftig ergreifen werden, aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Die Person, die aktuell aus dieser Ausbildung rauskommt und mir sagt: Boah, Deutsch als Zweitsprache, da habe ich viel zu viel gelernt, da habe ich viel zu viel Wissen, das brauche ich eigentlich gar nicht!, da sage ich Ihnen ehrlich, die Person habe ich in Österreich noch nicht gefunden. (Beifall bei der SPÖ.)
Ich frage mich also, mit wie vielen angehenden Lehrer:innen Sie in Bezug auf diese Dinge geredet haben. Ich traue mich eine Vermutung anzustellen: mit null, weil es in Wahrheit nicht darum geht, tatsächlich in der Schule etwas zu verbessern, sondern weil Sie einfach Schlagworte produzieren wollen, die so in weiterer Folge den Kindern, den Lehrer:innen, den Eltern und damit allen anderen auch relativ wenig bringen. (Beifall bei der SPÖ sowie der Abg. Brandstötter [NEOS].)
Meine Damen und Herren, Sie haben also die Wahl: Wollen Sie eine Schule der Watschen, der Gewalt, vielleicht auch ein bisschen der Angst der Kinder oder wollen Sie einen Ort, an dem Ihr Sohn oder Ihre Tochter gut aufgehoben ist, egal wie sie heißt, egal welche Sprache sie spricht und egal wo sie herkommt? (Zwischenruf des Abg. Wurm [FPÖ].) Denn das ist das, woran wir bauen (Abg. Belakowitsch [FPÖ]: Ja, ja, bei der Schule in Wien!): ein Schulsystem, das allen Kindern die besten Chancen bietet. Daran wollen und werden wir uns als Bundesregierung messen lassen. – Vielen Dank. (Beifall bei der SPÖ sowie der Abg. Brandstötter [NEOS]. – Abg. Wurm [FPÖ]: Völlig weltfremd!)
13.46
Präsidentin Doris Bures: Nächste Rednerin: Frau Abgeordnete Maria Neumann.
Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 52 Abs. 2 GOG-NR autorisiert.