RN/18
10.30
Abgeordneter Veit Valentin Dengler (OK): Herr Präsident! Hohes Haus! Liebe Zuseherinnen und Zuseher! Es war in dieser Aktuellen Stunde jetzt viel von der Lehre die Rede, und die Lehre ist tatsächlich extrem wichtig für Österreich. Sie ist traditionell ein Teil des Erfolgsmodells der österreichischen Wirtschaft.
In Österreich geht ungefähr – und die Zahl ist recht stabil – ein Drittel jedes Jahrgangs in die Lehre. Jetzt gibt es zwei andere Länder, die auch ein sehr gutes Lehrmodell haben, das sind Deutschland und die Schweiz. In Deutschland geht ungefähr die Hälfte jedes Jahrgangs in die Lehre, und in der Schweiz sind es über 70 Prozent. Jetzt kann man argumentieren, dass die Zahlen nicht ganz vergleichbar sind, denn in der Schweiz gibt es nichts mit einer berufsbildenden höheren Schule, wie zum Beispiel den HTLs, Vergleichbares, aber trotzdem ist es so, dass es tendenziell natürlich besser wäre – gerade auch in Zeiten von KI –, wenn wir mehr Schüler eines Jahrgangs hätten, die in die Lehre gehen.
Was wir jetzt aber beobachten, ist, dass sich das erste Mal seit den wirklich geburtenstarken Jahrgängen der Babyboomer eine Lücke auftut, nämlich dass es mehr Menschen gibt, die einen Lehrplatz suchen, als Unternehmen, die einen Lehrplatz anbieten. Und die Frage ist: Warum ist das der Fall?
Es gab jetzt zum Beispiel auch vonseiten der SPÖ den Vorwurf, dass die Unternehmen Ausbildungskosten auf die Allgemeinheit abwälzen. Das kann man schon so sehen, aber das Problem, das ich bei Unternehmen, die ich besuche, sehe, ist ein ganz anderes. Diese sagen nämlich: Wir interviewen 15-Jährige, die nicht funktional lesen, schreiben und rechnen können. – Die Aufgabe eines Unternehmens ist aber nicht, Schülern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Das muss die Schule leisten.
Ein anderes echtes Erfolgsmodell in Österreich ist die polytechnische Schule. Was aber bei uns passiert, ist, dass wir Schüler, die eben die Grundfertigkeiten nicht haben, in die polytechnischen Schulen schieben, die polytechnischen Schulen dadurch zum Teil überlastet werden und die Kernfunktion der polytechnischen Schule, nämlich einen Überblick über die möglichen Berufe zu bieten, damit man sich aussuchen kann, was man in der Lehre macht, ein bisschen verschüttgeht.
Was auch noch stimmt, ist, dass wir auch lernen müssen, dass wir verschiedene Probleme verschieden behandeln. In Wien haben wir ein ganz anderes Problem als in den Bundesländern, vor allem in der Fläche. In Wien haben wir das Problem, dass bald 20 Prozent der Lehrlinge in der überbetrieblichen Ausbildung sind. Das heißt, sie haben keinen Ausbildungsplatz in einem Betrieb, sondern sie müssen überbetrieblich von der öffentlichen Hand ausgebildet werden. Das ist die teuerste Form der Ausbildung in Österreich. Ein Platz in der überbetrieblichen Ausbildung ist teurer als ein Studienplatz an einer Universität. Das ist wirklich keine Lösung. Das heißt, in Wien brauchen wir andere Lösungen als in den Bundesländern.
So, und was bedeutet das jetzt? – Wir müssen es für Unternehmen attraktiver machen, wieder Lehrplätze anzubieten. Da müssen wir an zwei Punkten ansetzen. Das eine ist: Wir brauchen Schüler, die, wenn sie aus der Schule kommen, funktional lesen, schreiben und rechnen können. Das kann zum Beispiel eine Mittlere Reife sein, dass zum Beispiel kein Schüler in eine polytechnische Schule gehen kann, bevor die Mittlere Reife abgeschlossen ist. Das andere ist: Wir müssen es für Unternehmen auch einfacher – nämlich weniger bürokratisch und weniger teuer – machen, Lehrlinge auszubilden.
Ich glaube, ein schönes Beispiel ist folgendes: Wenn man ein Dachdeckerlehrling ist, dann darf man im ersten Lehrjahr nicht aufs Dach steigen. Jetzt darf man sich nicht wundern, dass das für Lehrlinge dann nicht besonders attraktiv ist. Ich habe einen Unternehmer gefragt, was er dann mit den Lehrlingen im ersten Jahr macht. Er hat gesagt: Die müssen halt aufräumen. – Ein Jahr lang aufzuräumen, ist jetzt kein besonders attraktiver Einstieg in ein Berufsleben. Das heißt, wir müssen Regeln, hinter denen eine sinnvolle Absicht – in dem Fall Sicherheit – steht, anders lösen, als einfach zu sagen, der Lehrling muss 16 sein. Man kann zum Beispiel auch sagen, er muss eine Sicherheitseinweisung haben, oder etwas anderes.
Da gibt es viele einfache Methoden, wie man für Unternehmen das Leben einfacher machen kann. Ich glaube, die Lösung ist nicht unbedingt, dass man die Unternehmer mehr fördern muss (Abg. Steiner [FPÖ]: Da wäre ... zuständig!), ihnen Geld geben muss, sondern man muss ihnen das Leben einfacher machen, und dann werden die Unternehmen selber ausbilden. Ich weiß, dass die Koalition auf dem Programm hat, ein Lehrlingspaket zu verabschieden. Das ist wichtig. Ich hoffe, Sie machen damit gute Fortschritte, und ich glaube, Sie müssen eben an beiden Hebeln ansetzen: bei den Schülern, die fähig sein müssen, die Tätigkeit auf einem Lehrplatz auszuüben, indem sie lesen, schreiben und rechnen können und das mit einer Mittleren Reife bewiesen haben, und für Unternehmen braucht es, um das attraktiver zu machen, weniger Regeln, weniger Bürokratie und weniger unnötige Kosten. – Danke. (Beifall bei Abgeordneten der ÖVP.)
10.34
Präsident Dr. Walter Rosenkranz: Zu Wort ist dazu niemand mehr gemeldet. Die Debatte ist geschlossen.
Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 52 Abs. 2 GOG-NR autorisiert.