Transkript der Veranstaltung:
Pressekonferenz zum Expertenforum
„Österreich wird älter“
Moderation: Willkommen zur Pressekonferenz anlässlich des Expertenforums des Bundesrates, das vorhin stattgefunden hat, zum Thema „Österreich wird älter – Auswirkungen der Demographie auf das Gesundheits- und Pflegesystem“ mit Bundesratspräsident Franz Ebner, Staatssekretärin Claudia Plakolm – Staatssekretärin für Digitalisierung, Jugend und Zivildienst –, Regina Fuchs, Leiterin der Direktion Bevölkerung und des Center Wissenschaft der Statistik Austria, Florian Bachner, Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie und -systemanalyse bei Gesundheit Österreich, Franz Kolland, Leiter des Kompetenzzentrums für Gerontologie und Gesundheitsforschung an der Karl-Landsteiner-Privatuniversität, und Monika Riedel, Sprecherin für Pflege beim IHS.
Bitte schön, Herr Bundesratspräsident.
Franz Ebner (Präsident des Bundesrates): Sehr geehrte Damen und Herren! Auch ich darf Sie zur heutigen Pressekonferenz anlässlich des Expertenforums des Bundesrates ganz, ganz herzlich begrüßen.
Ich habe die Initiative zu diesem Expertenforum ganz einfach deshalb ergriffen, weil der demografische Wandel, und das sagen ja auch viele Experten, nicht nur ein Megatrend ist, der zwar planbar ist, der aber die Gesellschaft nachhaltig schon jetzt verändert und weiter verändern wird, der viele Konsequenzen hat, wenn man das so sagen darf, im Sinne von Auswirkungen auf verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft, insbesondere in den Bereichen der Gesundheit und der Pflege. Diesen beiden Themen haben wir uns heute im Expertenforum des Bundesrates ganz besonders – gemeinsam mit den Experten, bei denen ich mich sehr, sehr herzlich bedanke – gewidmet.
Die demografische Entwicklung ist also ein Megatrend, manche sagen sogar, sie ist eine Schicksalsfrage für unsere Gesellschaft – man denke nur daran, dass im Jahr 2050 rund ein Drittel der Menschen in unserem Land 65 Jahre oder älter sein wird. Da geht es letztendlich dann auch aus dem Blickwinkel des demografischen Wandels in den Bereichen Pflege und Gesundheit um die Zukunft und vor allem um ein Altern in Würde. Das ist mir ganz besonders wichtig und ein ganz besonderes Anliegen.
Darüber hinaus geht es, damit dieses Altern in Würde auch gelingen kann, nicht nur darum, sich Gedanken zu machen über die Frage: Wie können wir in Zukunft die Bereiche der Pflege, der Gesundheit so organisieren, dass diese Systeme auch weiterhin ihre Leistung für die Bürgerinnen und Bürger entsprechend erbringen können?, sondern es braucht dafür auch den Zusammenschluss, den Zusammenhalt der Generationen, den Zusammenschluss von Jung und Alt. Auch diesen Aspekt haben wir am heutigen Tag einfließen lassen.
Das Motto meiner Präsidentschaft lautet: „Demokratie braucht Zukunft. Zukunft braucht Herkunft“. Auch darin schwingt dieses Miteinander und das Verständnis der Generationen entsprechend mit.
Der demografische Wandel geschieht nicht über Nacht. Er geschieht sukzessive, aber er ist planbar, daher muss er aktiv gestaltet werden. Heute wollte ich mit dieser Initiative einen kleinen Beitrag dazu leisten. – So weit einmal von meiner Seite.
Moderation: Danke schön.
Frau Dr. Fuchs.
Fuchs Regina (Leiterin der Direktion Bevölkerung und des Center Wissenschaft, Bundesanstalt Statistik Austria): Guten Tag! Mein Name ist Fuchs Regina, Leitung Direktion Bevölkerung – da steckt schon das Wort drinnen: Wir beschäftigen uns mit der Struktur der Bevölkerung und der Prognose derselben.
Wie wir schon gehört haben, wird die Bevölkerung durch Fertilität, Mortalität und Migration bestimmt. Wir haben sehr strukturelle Veränderungen erfahren: Wir werden älter, wir bekommen weniger Kinder, die Haushalte werden kleiner, Frauen arbeiten mehr, nehmen mehr am Erwerbsmarkt teil, und es gibt auch viele Menschen, die nicht hier geboren sind und in Österreich leben.
Schauen wir in die Vergangenheit zurück, schauen wir ins Archiv: Wie haben wir 1993 versucht, die Bevölkerung zu prognostizieren? – Ja, damals haben wir nicht geglaubt, dass die Lebenserwartung so steigen wird, wie sie es tatsächlich getan hat. Bei der Fertilität waren wir ein bisschen positiver gestimmt. Wir haben geglaubt, dass mehr Kinder geboren werden würden, als tatsächlich geboren worden sind. Die größten Abweichungen aber hat es tatsächlich bei der Migration gegeben. Damals hätten wir nicht geglaubt, dass es so viel Zuwanderung nach Österreich gibt.
Ja, Prognosen sind unsicher, das muss ich Ihnen verraten – auch damals sind wir nicht ganz richtig gelegen. Um Ihnen aber eine möglichst große Bandbreite, wie sich die Bevölkerung in der Zukunft entwickelt, mitgeben zu können, geben wir Ihnen verschiedene Varianten mit. Wir sagen dazu auch Szenarien, Was-Wäre-Wenn-Szenarien: Was wäre, wenn die Alterung sich so entwickelt – ein Alterungsszenario –: hohe Alterung, niedrige Lebenserwartung, niedrige Migration?
Wenn wir aber von den Hauptergebnissen reden, dann ist es meistens die mittlere Annahmenfindung in der Bevölkerungsprognose. Und da sehen wir, dass wir weiterhin wachsen, aber nur durch Zuwanderung. Von heutigen Annahmen ausgehend werden wir Mitte der Sechzigerjahre die Zehnmillionenmarke erreichen. Innerhalb der Bevölkerung verschiebt sich das Gewicht sehr stark in Richtung der Älteren. Bereits 2023 lebten in Österreich mehr Seniorinnen und Senioren als Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren – jeweils fast zwei von zehn Österreicher:innen. Im Jahr 2080 – so weit reichen unsere Annahmen – gehen wir davon aus, dass sich dieses Gewicht sehr stark in Richtung der Älteren verschiebt. Drei von zehn Österreicher:innen sind dann 65 oder älter. Nur zwei – zwei von zehn, 20 Prozent – sind Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Fast gegengleich reduziert sich aber der Anteil der Personen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren: Heute sind sechs von zehn Österreicher:innen in diesem Alter, dann werden – davon gehen wir aus – nur fünf von zehn Österreicher:innen in diesem Haupterwerbsalter sein.
Ja, was bedeutet das für die Struktur unserer Bevölkerung, unserer Volkswirtschaft und für unsere umlagefinanzierten Pensionssysteme? – Das bedeutet, dass ab 2042 auf zwei Personen im Erwerbsalter ein:e Pensionist:in kommt. Heute ist dieses Verhältnis noch etwas besser, nämlich bei 3 : 1. Aber nur, um Ihnen ein Gefühl zu geben: 1910 lag dieses Verhältnis bei 9 : 1, 1950 bei 6 : 1. Ein besonders beeindruckendes Ergebnis der Prognose ist für mich immer wieder die Zahl der Hochaltrigen: Heute gibt es in Österreich 6 Prozent Personen, die 80 Jahre und älter sind. Im Jahr 2080, davon gehen wir aus, wird sich diese Zahl mehr als verdoppeln, nämlich auf 13 Prozent.
Ja, diese Annahmen, von denen wir heute ausgehen, bewirken sehr viel, aber sie sind auch mit Unsicherheit behaftet. Wenn es beispielsweise medizinische Fortschritte gibt, die wir heute noch nicht absehen können, dann wird sich dieses Verhältnis vielleicht in ein noch schlechteres Licht bewegen, als wir es heute voraussehen.
Ja, und mein persönlicher Wunsch ist: Die Alterung der Bevölkerung ist kein isoliertes Phänomen, sondern soll in all die politischen Entscheidungsprozesse mit einwirken. Bedenken Sie: Es braucht einen Demografiecheck. Wir müssen prüfen, ob diese Maßnahmen auch zukunftswürdig sind, ob sie auch berücksichtigen, wie wir uns in der Zukunft entwickeln werden. Und als Statistikerin sage ich: Mit guten Daten, die auch der Wissenschaft und politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern zur Verfügung stehen, kann es am besten gelingen. Statistik Austria spielt bei der Beschreibung der österreichischen Gesellschaft eine Schlüsselrolle. Hier ist auch die Politik gefordert, die notwendigen Daten der Analyse, dem Wohl der Gesellschaft dienend, zugänglich zu machen.
Moderation: Vielen Dank.
Frau Dr. Riedel, bitte.
Monika Riedel (Health Economics and Health Policy Senior Researcher, Sprecherin für Pflege, Institut für Höhere Studien): Danke auch von meiner Seite für die Möglichkeit, hier zu sprechen. Es ist schon von der demografischen Seite her sehr klar gezeigt worden, welche Faktoren einen Einfluss auf die zukünftige Pflegelandschaft haben werden. Die demografische Entwicklung alleine ist jetzt schon im Begriff, scherenartig gewissermaßen den Versorgungsbedarf an Langzeitpflege und -betreuung, also kurz an Pflege, zu vergrößern. Die Babyboomer bewegen sich jetzt schon vom Pensionsantrittsalter in Richtung entstehenden oder sogar schon steigenden Pflegebedarfs. Der Anteil der älteren Personen an der Bevölkerung wächst. Dieser Anstieg des älteren Bevölkerungsanteils geht natürlich zulasten der Bevölkerungsanteile, die typischerweise die Pflege leisten, die noch im Erwerbsalter sind und beruflich oder auch privat als pflegende Personen aktiv sind.
Daneben gibt es aber noch eine ganz große weitere Anzahl von Faktoren, die die Pflegelandschaft beeinflussen. Weitere solche Entwicklungen sind das höhere Einkommen und der höhere Bildungsstand. Beides dürfte den zukünftigen Pflegebedarf reduzieren – im idealsten Fall – oder zumindest zeitlich hinauszögern. Während der medizinische Fortschritt zwar die Sterblichkeit bei vielen Krankheiten vermindert hat, hat er damit aber gleichzeitig ermöglicht, da die Personen ja nicht vollends geheilt werden, dass man weitere Krankheiten entwickelt und somit multimorbid wird. Damit hat sich die Sterblichkeit zwar vermindert, der Pflegebedarf aber nicht unbedingt im gleichen Ausmaß. Der individuelle Pflegebedarf steigt insbesondere dann, wenn kognitive Einschränkungen mit im Spiel sind. Wörter wie Demenz und Alzheimer in Bezug auf die eigene Verwandtschaft versetzen uns ja typischerweise doch in gewisse Besorgnis.
Es gibt unterschiedliche Prognoserechnungen für den zukünftigen Pflegebedarf in Österreich, sie kommen aber relativ einheitlich zu der Auffassung, dass wir an Personen in den Pflegeberufen – diplomierten Pflegepersonen, Pflegefachassistenz, Pflegeassistenz – bis 2030, also schon ziemlich bald, rund 17 000, 18 000 Personen mehr brauchen werden, bis 2050 wahrscheinlich sogar um 70 000 Personen mehr – was ein bisschen einer niedrigeren Zahl an Vollzeitäquivalenten entspricht, da ja die Pflege typischerweise als ein sehr emotional wie auch körperlich anstrengender Beruf in stärkerem Ausmaß als Tätigkeiten in anderen Bereichen der Wirtschaft von Teilzeitbeschäftigten durchgeführt wird.
Zum Vergleich zu dieser Schätzung von 70 000 Leuten, die wir bis 2050 zusätzlich brauchen: Diese Zahl entspricht ziemlich genau auch der Zahl jener Personen, die im Jahr 2021 in der Langzeitpflege in Österreich beschäftigt waren.
Formelle Pflege wird vor allem bei intensiverem Pflegebedarf in Anspruch genommen; Angehörige übernehmen vorwiegend bei niedrigerem Pflegebedarf diese Aufgabe. Allerdings gehen die Schätzungen davon aus, dass rund 80 Prozent der Pflege dann tatsächlich doch von Angehörigen, seien sie verwandt oder seien sie aus dem Freundeskreis, übernommen werden. Dieses Potenzial, auch das zeigen die demografischen Prognosen ziemlich deutlich, wird in der Zukunft höchstwahrscheinlich deutlich abnehmen. Da spielen ganz verschiedene Faktoren eine Rolle: Die geringere Kinderzahl ist schon genannt worden; die Tatsache, dass die Familiengründung heute häufig erst in späterem Alter als früher erfolgt; längere Erwerbszeiten, nicht nur bei den Frauen; aber auch die größere geografische Streuung bei den Familien; veränderte Haushaltsstrukturen. Zusammen mit der schon genannten steigenden Multimorbidität und den kognitiven Einschränkungen vergrößert das den Nachfragedruck auf die formelle Pflege.
Das Ganze ist natürlich mit einem Ausgabenanstieg verbunden. Diese Steigerung bei den Kosten für Pflege wird aber noch durch weitere Faktoren zusätzlich angeheizt: Wir reden dauernd von einem Fachkräftemangel in unterschiedlichsten Bereichen in der Bevölkerung. Auch da wird ein steigender Konkurrenzmarkt um fähige Arbeitskräfte weiteren Kostendruck auf diese Pflegekräfte erzeugen.
Das führt mich – gewissermaßen als Abschlusswort zu diesem Statement – zu dem Appell, dass wir, bei allem, was an informeller und formeller Pflege geleistet werden kann und geleistet werden wird, in unserem eigenen Interesse auf keinen Fall auf die Prävention vergessen sollten. Prävention ist einer der wesentlichsten Bausteine, um den Pflegebedarf möglichst niedrig halten zu können. – Danke schön.
Moderation: Vielen Dank.
Herr Dr. Bachner, bitte.
Florian Bachner (Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie und -systemanalyse, Gesundheit Österreich): Auch von meiner Seite einen schönen guten Tag! Danke für die Einladung. Meine Damen und Herren! Wir leben in einer Zeit der multiplen Krisen. Eine dieser Krisen wird heute angesprochen: der demografische Wandel. Wir stecken mittendrin. Mein Part dreht sich um das Gesundheitssystem im engeren Sinn, das vom demografischen Wandel besonders betroffen ist, und zwar in dreierlei Hinsicht – deshalb auch mein Titel „Das Trilemma [...]“, das ich hier heute vortragen durfte.
Ja, einiges wurde bereits vorweggenommen. Die Ausgangslage ist relativ klar, die Herausforderungen, auf die wir zusteuern, bestehen in der Alterung der Gesellschaft. Die Bevölkerung wird immer älter, und gleichzeitig erhöht sich die Lebenserwartung. Auf der anderen Seite kommen immer weniger Neugeborene nach. Wir sind ungefähr ein Drittel unter jener Fertilitätsrate, die wir bräuchten, um die Gesellschaft selbstständig sozusagen aufrechterhalten zu können. Wir wachsen nur noch durch Zuzug nach Österreich. Darüber hinaus kommt vor allem in den nächsten zehn Jahren die Pensionierungswelle der Babyboomer auf uns zu, die noch bis etwa 2035 anhalten wird.
Was bedeutet das Ganze nun für das Gesundheitssystem? – Ich habe es bereits angesprochen, ich spreche da von einem Trilemma, weil sich von drei Seiten sozusagen Probleme aufdrängen, die sich auch noch gegenseitig verstärken: Auf der einen Seite bedeuten mehr ältere Menschen eine deutlich stärkere Nachfrage nach Gesundheitsleistungen, natürlich höhere Gesundheitskosten, die sich damit ergeben, und ganz grundsätzlich dann auch sozusagen mehr Nachfrage in den älteren Kohorten.
Auf der anderen Seite – das wäre sozusagen die zweite Seite – bedeutet das auch, dass immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter in der Bevölkerung vorhanden sind. Die Kohorte, die Gruppe der 20- bis etwa 65-Jährigen wird also sukzessive in Relation zu den Älteren kleiner, und das bedeutet eine Verknappung des Personals, und im Falle des Gesundheitswesens des Gesundheitspersonals – Ärzte, Pflegekräfte et cetera.
Auf der dritten Seite bedeutet diese Reduktion der Erwerbsbevölkerung auch, dass weniger Steuern und vor allem Beiträge in den umlagefinanzierten Systemen vorhanden sind. Das heißt, die Finanzierungsgrundlage wird durch den demografischen Wandel auch ein Stück weit reduziert und verknappt sich zusehends. – Also ein Trilemma, das sich gegenseitig verstärkt und in Summe auch ausgabenerhöhend auf unser System einwirkt.
Bereits jetzt wachsen unsere Gesundheitsausgaben regelmäßig stärker als das Bruttoinlandsprodukt, was also bedeutet, dass ein immer größerer Anteil der Wirtschaftsleistung für Gesundheit ausgegeben wird. Gemäß langfristigen Vorschauen wird sich das auch so fortsetzen.
Ja, im Ärztebereich, im Personalbereich ist festzuhalten, dass Österreich in der eigentlich glücklichen Position ist, dass wir hier von einem relativ hohen Niveau wegstarten können. Wir haben eine im internationalen Vergleich sehr, sehr hohe Ärztedichte, aber auch die Pflegedichte ist in Österreich im internationalen Vergleich überdurchschnittlich, wenngleich auch viele Länder vor uns sind, was die Pflegeressourcen betrifft.
Ja, im Pflegebereich wissen wir aber – das haben wir jetzt bereits eindrücklich gehört –, dass wir dort viel, viel mehr tun müssen. 70 000 wurde als Zahl genannt, die es an zusätzlichen Pflegekräften brauchen wird, wenn wir das aktuelle Niveau, wie es heute ist, aufrechterhalten wollen. Das bedeutet, wenn man auch Abgänge miteinberechnet, Pensionierungen miteinberechnet, dass wir hier von einem Mehrbedarf zwischen 5 000 und 6 000 bis 7 000 Pflegepersonen beziehungsweise Betreuungspersonen pro Jahr ausgehen müssen, und die müssen natürlich auch ausgebildet werden, die müssen ins Land geholt werden et cetera, et cetera. Das ist also eine Riesenherausforderung.
Im ärztlichen Bereich ist es so, dass diese hohe Ärztezahl darüber hinwegtäuscht, wie diese Ärzte eigentlich in Österreich verteilt sind. Hier gibt es ein größeres Verteilungsproblem entlang mehrerer Dimensionen. Das ist ein Verteilungsproblem entlang der Berufsgruppen.
Es gibt massive Unterschiede zum Beispiel insofern, als Kassenärzte in ihrer Altersstruktur wesentlich älter sind als angestellte Ärzte oder auch privat tätige Ärzte – das gilt es hier auch entsprechend zu berücksichtigen –, wir haben ein Stadt-Land-Gefälle in der Ärztedichte, das es zu berücksichtigen gilt, und wir haben auch nach Fächern gesehen einen deutlichen Unterschied, ein deutliches Gefälle. Es gibt Mangelfächer, in denen es ganz, ganz schwierig geworden ist, Nachbesetzungen zustande zu bringen, zum Beispiel in der Kinder- und Jugendheilkunde im Kassensegment, zum Beispiel in der Gynäkologie, zum Beispiel im HNO-Bereich et cetera, und dort gibt es auch ganz unterschiedliche Altersstrukturen – bis hin zu zwei Dritteln und mehr der Kassenärzte, die bereits das Alter von 55 Jahren überschritten haben.
Ja, diese wie gesagt steigenden Ausgaben stehen einer kleiner werdenden Finanzierungsgrundlage gegenüber. Die Demografie ist nur einer von anderen Ausgabentreibern im Gesundheitssystem. Es gibt zum Beispiel auch noch den technologischen Wandel, der da zu nennen ist, und in letzter Zeit vor allem auch die Inflation, die dem Gesundheitssystem sehr stark zugesetzt hat.
Ja, wir haben das analysiert: Ungefähr ein Drittel der Ausgabensteigerungen in der Phase vor Corona war in unseren Modellen aber rein auf die Demografie zurückzuführen. Das heißt, ein erklecklicher Anteil des Ausgabenwachstums im Gesundheitswesen stammt ursprünglich aus der demografischen Entwicklung – das heißt: Bevölkerungswachstum plus Alterung und entsprechender Mehrbedarf, der sich daraus ergibt.
Welche Lösungen haben wir da anzubieten? – Das ist natürlich ein sehr, sehr schwieriges Thema. Große Anstrengungen werden notwendig sein für die Gesundheitspolitik, für uns alle wahrscheinlich, die da in den nächsten Jahrzehnten, Jahren anstehen. Wir haben relativ wenige Mittel, die demografische Struktur unmittelbar zu beeinflussen. Das ist eigentlich nur die Fertilität; die ist aber, wie sie ist, und die lässt sich auch von heute auf morgen nur sehr, sehr schwer beeinflussen.
Deshalb braucht es da natürlich auch andere Zugänge. Einer davon ist die Erhöhung der Erwerbsquoten, denn auch wenn ich jetzt zum Beispiel sage, der Vergleich der Bevölkerung über 65 mit der erwerbsfähigen Bevölkerung schaut so aus, bedeutet das ja nicht, dass alle in der erwerbsfähigen Bevölkerung auch arbeiten und vor allem Vollzeit arbeiten. Da braucht es sozusagen, um eben Finanzierungsgrundlagen zu sichern, um die Workforce auch sozusagen dahin zu bringen, wo wir sie brauchen, einfach verstärkte Anstrengungen, um die Erwerbsquoten wieder zu erhöhen.
Die Migration wird vielfach genannt, und das gezielte Hereinholen von Gesundheitsfachkräften nach Österreich findet auch schon da und dort im größeren Stil statt. Es werden Schulen auf der ganzen Welt gebaut, um Gesundheitspersonal nach Österreich zu bringen, auch Schulen im Land gebaut, um dann gezielt Leute, die Interesse haben, aus Drittstaaten hierherzubringen, Deutschkurse zu geben, in Pflegeberufen auszubilden. Da vollzieht sich also ein großer Umbruch, und es passiert eigentlich ganz, ganz viel.
Das kann natürlich einen Teil dieses Problems lösen, wird aber nicht alles an Problemen, die aus dieser Entwicklung entstehen, lösen. Deshalb müssen wir sozusagen auch am Effizienzthema arbeiten. Wir müssen die Technologien, die uns zur Verfügung stehen, gut nützen. Wir müssen lernen, diesen Technologien zu vertrauen. Wir müssen die Daten, die überall gesammelt werden, gut nützen: für intelligente Planungssysteme, für intelligente Prognosen und eine Steuerungsintelligenz, die wir dringend brauchen. Und wir müssen vor allem auch diese Reibungsverluste, die es zwischen den sektoralen Grenzen überall in Österreich gibt, möglichst hintanstellen. Die Schnittstellen des Systems müssen lernen, ineinanderzugreifen, und wie gesagt diese Reibungsverluste vermieden werden. – Vielen Dank.
Moderation: Danke schön.
Herr Dr. Kolland, bitte.
Franz Kolland (Leitung des Kompetenzzentrums für Gerontologie und Gesundheitsforschung, Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften): Ich möchte ein bisschen einen anderen Gesichtspunkt ansprechen und auch die Aufmerksamkeit woanders hinlenken. Wenn wir jetzt von der Demografie ausgehen, sehe ich aus der Perspektive der Gerontologie beziehungsweise Alternsforschung den demografischen Wandel nicht als ein Problem, sondern ich sehe den demografischen Wandel als einen Gewinn, und diesen Zuwachs an Lebensjahren als einen Gewinn in der Gesellschaft. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch nicht von einem demografischen Problem, sondern von einer demografischen Dividende. Die Menschheit hat durch diesen Zuwachs an Lebenserwartung Jahre gewonnen, die sie nutzen kann, die sie für Aktivitäten nutzen kann, die sie für kulturelles Handeln nutzen kann, die sie für Freiwilligentätigkeit nutzen kann und die auch einen Beitrag in der Gesellschaft leisten. Wir sollten alte Menschen nicht primär als pflegebedürftig und als Pensionsbezieher sehen. Das führt zu einer sehr schmalen Sicht.
Zwei Dinge gehören da dazu. Punkt eins ist für mich immer wieder überraschend in unseren Untersuchungen, nämlich dass das Alter zwar dazu führt, dass so ab 75 doch die meisten von uns multimorbid sind, dass wir aber auch bei den über 90-Jährigen 10 bis 15 Prozent sehen, die kein Pflegegeld beziehen. Wir sehen 10 bis 15 Prozent völlig gesunde Menschen!
Es ist also nicht jeder pflegebedürftig, wenn er alt wird. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den ich hervorheben möchte – weil immer so diese Erzählung kommt: Alter bedeutet Defizit, Alter bedeutet Pflegebedürftigkeit –: Wir sehen auch bei den über 90-Jährigen doch eine erkleckliche Zahl von Personen, die in keinster Weise Pflege in diesem Sinn in Anspruch nimmt und auch kein Pflegegeld in Anspruch nimmt.
Zweiter Punkt in diesem Zusammenhang: Was ich in unserer Gesellschaft für sehr ungünstig finde, ist, dass wir Alter sehr stark am Kalender messen. Wir schreiben also sehr stark Menschen ab einem bestimmten Alter Dinge zu beziehungsweise schreiben sie ab. Corona war so ein Beispiel: Du bist über 65, du sollst zu Hause bleiben.
Was hat das mit dem Alter zu tun? – Das sind sozusagen Zuschreibungen, Stereotypisierungen mit dem Kalenderdatum, die mit der Realität des Alterns nur sehr wenig zu tun haben, denn Menschen werden sehr unterschiedlich alt. Ein 60-Jähriger und ein 30-Jähriger sind nicht so alt, wie sie nach dem Kalender sind. Wann immer wir jemanden fragen – fragen Sie sich nur selbst! –: Sie sind nie so alt, wie es am Kalender steht, aber wir behandeln auch in den Prognosen, in der Vorausschau, das Alter immer in diese Richtung.
Was wir in der Alternsforschung als alternatives Modell vorschlagen und vorgeschlagen haben – das gibt es jetzt seit etwa 30 Jahren –, wird unter dem Containerbegriff erfolgreiches Altern oder gelingendes Altern, optimales Altern subsumiert, und wir sehen für ein solches optimales Altern drei Elemente als wesentlich, es hat drei wesentliche Säulen.
Die erste Säule ist hier schon mehrfach angesprochen worden, sie hat etwas mit Gesundheit zu tun. Eine entsprechende Gesundheitsvorsorge, eine Auseinandersetzung mit Gesundheit ist also jedenfalls entscheidend für ein gelingendes Leben. Und da ist es sehr wichtig, dass wir nicht nur an das kurative Element denken, sondern sehr viel stärker an die Prävention denken, sehr viel stärker den Lebenslauf in den Blick nehmen, also das, was Menschen tun, und dass wir sie auch stärker auffordern, diese präventiven Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen und für sich selbst etwas zu tun.
Der zweite Punkt ist die intellektuelle Leistungsfähigkeit, die kognitive Leistungsfähigkeit, und da ist die gute Botschaft, die wir aus der Forschung haben: Die kognitive Leistungsfähigkeit geht nicht einfach mit dem Alter zurück. Es geht die Geschwindigkeit zurück – die Reaktionsgeschwindigkeit nimmt in der Tat ab –, aber der Wortschatz bleibt erhalten, das Kulturwissen steigt mit dem Alter! Die kognitive Leistungsfähigkeit sozusagen alten Menschen abzusprechen, ist also ein völlig falscher Zugang.
Dazu kommt ja auch noch, dass die Zunahme der Bildung in unserer Gesellschaft diese kognitiven Leistungen auch noch ein Stück weit antreibt und sie stimuliert. Und wir brauchen diese kognitive Stimulation! Es ist ganz schlecht, wenn wir im Alter Menschen nicht kognitiv herausfordern. Alte Menschen, die in einer kognitiv armen Umgebung leben, bauen auch ab. Sie bauen in ihrer Kompetenz ab. Das heißt, ich bitte Sie alle, ihre Großeltern zu fordern. Die müssen herausgefordert werden! Lassen Sie sie nicht dort sitzen, lassen Sie sie nicht vor dem Fernsehapparat sitzen! Sie dürfen schon fernsehen, aber wenn wir sie nicht auffordern, sich sozusagen geistig auseinanderzusetzen, dann haben wir eine hohe Demenzprävalenz. Da besteht ein enger Zusammenhang.
Der dritte Aspekt – der gehört noch stärker und zentraler zu meiner eigenen Forschung dazu – sind die sozialen Beziehungen. Wir brauchen soziale Beziehungen, und wir müssen im Zuge des Älterwerdens auch ständig schauen, wenn diese sozialen Beziehungen da und dort verloren gehen – einen Partner verliert man, Freunde verliert man –, dass man jüngere nachkommen lässt.
Suchen Sie sich im Alter eine junge Freundin, einen jungen Freund – das ist eine hervorragende Voraussetzung für das Alter –, denn es werden alle sterben, und irgendwann bleiben Sie alleine über. Wo sind dann welche? – Das ist sehr wichtig, im Alter zu verstehen, dass soziale Beziehungen ganz wesentlich für das Wohlbefinden, für den Austausch und auch da wieder für die Stimulation sind.
Und was wir da als etwas ganz Wichtiges brauchen – weil ich die Präsidentin des Seniorenrates hier sehe –: Wir brauchen im Alter Freiwilligentätigkeit. Die Freiwilligentätigkeit ist ein ganz wesentliches Element. Die Frau Staatssekretärin wird möglicherweise noch einmal darauf zurückkommen, wenn sie über Junge spricht, dass die Sinnstiftung in der Freiwilligentätigkeit in einer Weise gegeben ist, die wir in vielen anderen Freizeitaktivitäten nicht finden.
Es gibt viele alte Menschen, die laufen wie die Idioten. Der Sinn aber ist nicht da. Sie haben dann nur auf ihrem Fitnessarmband wieder 27 000 Schritte, aber es läuft in die Sinnleere – wozu haben sie das denn gemacht bitte? –, währenddessen die Freiwilligentätigkeit in der Tätigkeit, auch im Engagement in einer Seniorenorganisation, ihnen etwas zurückgibt, sie als solches bestätigt und sie dadurch Anerkennung bekommen. Ich habe einmal gesagt, es gibt für das Alter – das ist mein letzter Punkt – etwas, was ich als ein Triple-A bezeichnet habe: Was brauche ich im Alter? – Ich brauche Autonomie, ich brauche Anerkennung als solche und Aktivität – aber die Aktivität alleine reicht nicht aus.
Menschen sollen nicht einfach nur aktiv sein, sondern es braucht dazu Selbstbestimmtheit, Selbstgestaltung und es braucht Anerkennung von anderen – denn sonst laufen sie umsonst. Sie brauchen also irgendjemanden, dem sie das erzählen können: Ich habe dieses und jenes mit anderen Menschen gemeinsam gemacht! – Das gibt ihnen Befriedigung, das gibt ihnen Sinn und – was wir im Alter vor allem brauchen – das Gefühl, gebraucht zu werden. Es entsteht für Menschen dadurch das Gefühl, gebraucht zu werden – und nicht, nach der Pensionierung zunehmend aus der Gesellschaft hinausgeschoben zu werden. – Danke schön.
Moderation: Danke schön.
Bitte, Frau Staatssekretärin.
Claudia Plakolm (Staatssekretärin für Digitalisierung, Jugend und Zivildienst): Geschätzte Damen und Herren! Geschätzte Medienvertreterinnen und Medienvertreter! Ich darf jetzt im Anschluss an die Expertinnen und Experten noch meine Sichtweise als Staatssekretärin zum Thema Pflege darlegen. Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, was eine Staatssekretärin für Jugend, Zivildienst und für die Digitalisierung zum Thema Pflege beizutragen hat. Das werde ich jetzt natürlich gleich ausführen, aber ich glaube, das ist genau der Kern des Ganzen: dass man das Thema auch generationenübergreifend beleuchtet, weil wir natürlich Demografie einerseits schwer beeinflussen können, andererseits aber schon Rahmenbedingungen setzen können, nämlich dahin gehend, dass wir eben gewisse Dinge in den nächsten Jahren und Jahrzehnten doch erleichtern können und uns da Innovationen und gerade auch die Ermutigung der jetzt Heranwachsenden auch dazu verhelfen können, dass wir gewisse Herausforderungen, die die Demografie mit sich bringt, auch meistern können.
Die Generation Z, die für mich ganz klar für Zuversicht steht, ist in meinen Augen eine große Chance. Es ist eine Generation, die sich ganz stark dem Thema Gesundheit verschrieben hat. Es ist eine grundvernünftige Generation. Wenn man sich vielleicht manche Bewegungen der letzten Jahrzehnte, auch Jugendbewegungen ansieht, dann unterscheiden sich die jungen Menschen dieser Generation, die jetzt heranwächst, davon sehr, sehr stark, auch deshalb, weil wir in einem dynamischen Umfeld aufwachsen, weil externe Faktoren, Weltpolitik oft als sehr unsicher wahrgenommen werden und sich genau aus diesem Grund junge Menschen nach Sicherheit, nach Stabilität, nach einem geregelten Alltag sehnen.
Drei von vier wünschen sich einen sicheren Arbeitsplatz, und beim Thema Arbeit ganz generell ist jungen Menschen vieles wichtig, aber es ist nicht das Geld, es sind nicht die Arbeitszeiten, sondern es ist insbesondere das Thema Sinnhaftigkeit der Tätigkeiten, wie Sie schon richtig angesprochen haben. Das spiegelt sich natürlich dann auch im Ehrenamt wider; aber auch wenn ein junger Mensch viele Angebote hat, wie er sich beruflich betätigen kann, stellt sich für ihn einfach die Frage: Kann ich das mit meinen eigenen Idealen, mit meinen eigenen Zielen vereinbaren, für einen Arbeitgeber wie diesen oder jenen tätig zu sein? – Diese Sinnfrage beschäftigt junge Menschen also sehr deutlich.
Wenn Arbeit für sie Sinn macht und gleichzeitig auch Sicherheit widerspiegelt, dann sind junge Menschen auch bereit, arbeiten zu gehen, und gerne auch Vollzeit. Ich möchte da also irgendwo auch ein bisschen mit diesem Märchen von der Generation Work-Life-Balance, mit der die Generation Z oft apostrophiert wird, brechen.
Ich denke, dass das Berufsbild der Pflege heute an dem Punkt ist – das habe ich schon vorhin beim Expertenforum im Bundesrat betont –, an dem das Berufsbild eines Informatikers vor 15 Jahren gestanden ist. Wenn man daran denkt, welches Bild man von Informatikern hatte – und vielleicht auch noch heute zum Teil hat –, dann ist das immer etwa dieses gewesen: Na ja, das sind Menschen, die sehr isoliert in einem dunklen Kämmerchen sitzen und am Computer herumwerken. – Das hat sich in den letzten 15, 20 Jahren deutlich geändert.
Wir wissen, dass Informatikerinnen und Informatiker mittlerweile die gefragtesten Mitarbeiter sind, dass sie direkt von der Ausbildung abgeworben werden, dass sich Bundesländer und Arbeitgeber darum streiten, die besten zu bekommen, dass man mit dem Thema Sicherheit, auch mit ethischen Fragen sehr viel zu tun hat, eine große Verantwortung hat und dass dieses Berufsfeld eigentlich auch unterschiedlichste Arbeitsbedingungen, Arbeitszeitmodelle, Remote Working und so weiter ermöglicht.
Das ist für mich, glaube ich, ein sehr, sehr guter Vergleich auch zum Thema Pflege, denn die Aspekte, die ich jetzt beim Berufsfeld der Informatik genannt habe, sind alles auch Chancen, vor denen die Pflege in einem großen Wandel jetzt irgendwo am Beginn steht.
Unsere Bundesländer matchen sich um die besten Pflegefachkräfte – also genauso wie es Arbeitgeber um Informatiker die letzten Jahre getan haben und auch nach wie vor tun. Es wandelt sich das Berufsbild sehr stark: Es geht nicht nur um die Körperpflege, es geht um empathische Menschen aller Generationen, die zuhören, die beraten, die motivieren können. Es ist eine extrem hohe soziale Verantwortung, und es sind Menschen, die dort unterstützen, wo es selbst nicht mehr geht.
Jobs in der Pflege bedeuten also eine sehr hohe Verantwortung, sind von hoher Sicherheit geprägt – nicht nur aufgrund des demografischen Wandels, weil wir da einfach auch immer einen hohen Bedarf haben werden –, und sie machen auch Sinn – ganz klar, wenn man tagtäglich mit Menschen zu tun hat. Eigentlich erfüllt damit das Berufsbild der Pflege sämtliche Erwartungen von jungen Menschen an ihren Job, also genau das, was die Generation Z möchte: einen sicheren Job, der mit Sinn erfüllt ist.
Und es gibt eine riesige Palette auch von Arbeitszeitmodellen beispielsweise, wenn wir schon alleine jetzt daran denken, dass in Pflegeheimen, in Seniorenhäusern Menschen unterschiedlichster Generationen in unterschiedlichsten Lebensphasen tätig sind, dort in Teams zusammenarbeiten und jeder irgendwo, wie es gerade auch in die eigene Phase hineinpasst, Dinge einbringen kann.
Es ist ein Bereich, der auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ganz stark von Innovationen geprägt sein wird: die Digitalisierung, die künstliche Intelligenz, die ich hier auch als Chance verstanden haben möchte, wo gerade Pflegefachkräfte, die im Moment ausgebildet werden, diejenigen sein werden, die diese Innovationen in den nächsten Jahren auch in die eigenen vier Wände bringen werden, damit eben auch Pflege zu Hause, solange es geht, gut möglich ist und gesund möglich ist.
Mit der Pflege ist es ein bisschen – ja, das habe ich schon gesagt – wie mit der IT, auch im persönlichen Bereich: Jeder ist glücklich, wenn er ein Enkelkind, eine Nichte, einen Neffen hat, der sich ein bisschen mit dem Computer auskennt und regelmäßig vorbeischaut und da etwas machen kann; aber gleichzeitig, und das ist jetzt der springende Punkt, ist auch jeder heilfroh, wenn er jemanden in der Familie weiß, der in der Pflege arbeitet, der genau auch da – nicht nur im familiären Bereich, sondern auch mit Rat und Tat – zur Seite stehen kann, der weiß, wie man gescheit fit bleibt, der einordnen kann, ob es nur wo zwickt oder doch schon ernst ist, und der sich mit Wundmanagement oder Lagerung auskennt und dadurch, dass er dabei einfach nur mit Rat und Tat zur Seite stehen kann, in der Familie einfach Goldes wert ist.
Der Zivildienst – und jetzt habe ich schon sehr viele meiner Ressorts hier eingebracht: von der Jugend über die Digitalisierung zum Zivildienst – ist in meinen Augen eben diese große Chance, wie wir auch junge Männer für den Sozialdienst, für Sozialberufe begeistern können. Wir haben hier ein Ungleichgewicht, auch was die Geschlechterverteilung betrifft, und ich bin persönlich der ganz starken Überzeugung, dass jeder Beruf nur attraktiver werden kann, wenn es ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis gibt.
Wir bemühen uns, dass wir Mädchen in scheinbar untypische Berufe – in technische Berufe, in Berufe im Bereich der Naturwissenschaften – bringen; umgekehrt müssen wir uns auch bemühen, dass wir junge Männer in den Sozialbereich bekommen, und da ist der Zivildienst einfach der Headhunter. Bis zu 70 Prozent der Zivildiener bleiben ihren Einrichtungen erhalten, egal ob ehrenamtlich oder auch hauptamtlich, starten eine Ausbildung in diesem Bereich. Mit diesem Wissen haben wir als Bundesregierung beispielsweise für Zivildiener eine Grundausbildung in der Pflege geschaffen. Das heißt, dass man nicht die Tage runterzählt, wann endlich der verpflichtende Staatsdienst vorbei ist, sondern die neun Monate sinnstiftend nutzen kann: dass man eine Grundausbildung in der Pflege machen kann, die einem angerechnet wird, wenn man nach dem Zivildienst weiterführend diesem Berufsfeld erhalten bleibt. Wenn man dann zum Beispiel eine Pflegelehre startet, spart man sich gleich ein halbes Jahr, weil die neun Monate Zivildienst mit dieser Grundausbildung dann eben angerechnet werden.
Ich glaube, es war auch vor fünf Jahrzehnten, als der Zivildienst eingeführt wurde, noch unvorstellbar, dass junge Männer heute stolz sagen, dass sie Zivildiener sind. Das war bei der Einführung noch eine ganz andere Situation: eine Handvoll Männer, die sich dafür entschieden hat und sich eher Schimpfwörter hat anhören müssen. Heute ist die Situation Gott sei Dank eine andere, auch beim freiwilligen sozialen Jahr, das sich über 80 Prozent Teilnehmerinnen freuen darf, die in diesen Bereich hineinschnuppern und dann hoffentlich auch eine Ausbildung drauflegen.
Die nächste Generation bringt – das möchte ich abschließend sagen – ein Rieseninteresse für Jobs mit Sinn mit. Dass dieser Funke auch tatsächlich überspringen kann, dass wir junge Menschen haben, die tatsächlich auch für das Thema brennen, liegt in unser aller Verantwortung – egal ob in der Politik, in der Berichterstattung oder generell in der Gesellschaft. Jeder kann da seinen Beitrag leisten, und ich freue mich, dass wir hier immer viele Positivbeispiele haben, die wir miteinander vor den Vorhang holen können. – Danke.
Moderation: Vielen Dank, Frau Staatssekretärin.
Zum Abschluss darf ich nochmals Herrn Bundesratspräsidenten Ebner bitten.
Franz Ebner (Präsident des Bundesrates): Ich darf abschließend noch die eine oder andere Feststellung beziehungsweise zusammenfassende Bemerkung machen, mich aber zuvorderst einmal herzlich bei den Expertinnen und Experten dafür bedanken, dass sie heute zur Verfügung stehen und gestanden sind.
Auch ich möchte festhalten: Alt ist nicht gleichbedeutend mit Gebrechlichkeit und Hilfsbedürftigkeit. Die Mehrheit der Seniorinnen und Senioren von heute ist vital, aktiv, möchte sich im gesellschaftlichen Leben einbringen. Das ist auch ganz, ganz wichtig, weil das ja auch zu einem guten Gesundheitszustand beiträgt, wie wir gehört haben.
Natürlich gibt es aber in Zukunft auch mehr Hochbetagte. Mit steigendem Alter wächst natürlich auch die Wahrscheinlichkeit einer Krankheit oder Pflegebedürftigkeit, und dem müssen wir uns natürlich auch widmen.
Was die Pflege betrifft, sind wir, glaube ich, mehr denn je in einem Spannungsfeld zwischen Finanzierung, Qualität und Absicherung. Da geht es letztendlich um ein ganz großes gesellschaftliches Ziel, das wir immer vor Augen haben sollten und müssen. Da geht es um die Frage der Würde im Alter: die Würde im Altern zu gewährleisten. Jede und jeder hat ein Recht auf ein Leben und ein Altern in Würde, und zwar bis zum letzten Tag. Das ist ganz, ganz wichtig.
Im Bereich der Pflege hat sich auch heute wieder manifestiert: Es geht am Ende um die Menschen – dass wir genügend Personal zur Verfügung haben, das die Pflege leistet. Der größte Pflegeplatz in Österreich ist die eigene Familie: 80 Prozent der zu Pflegenden werden in den eigenen Familien entweder durch pflegende Angehörige oder mit mobiler Unterstützung betreut. Diese pflegenden Angehörigen weiterhin und noch besser zu unterstützen, ist ein großer Auftrag, und zwar nicht nur in finanzieller Hinsicht. Bei einer der letzten drei Pflegereformen ist ja auch der Angehörigenbonus eingeführt worden, auch um sozusagen Freiräume zu schaffen: Tagesbetreuungszentren auszubauen, auch stundenweise Betreuung zu ermöglichen.
Es geht auch darum, das Personal in der institutionellen Pflege zu halten. Auch das ist, glaube ich, eine ganz wichtige Erkenntnis des heutigen Tages: die Arbeit der Pflegekräfte entsprechend wertzuschätzen, neue Menschen für den Pflegeberuf begeistern zu können, aber auch jene, die jetzt in der Pflege sind, noch stärker auch im Beruf zu halten. Das ist, denke ich ganz, ganz wichtig.
Im Bereich der Gesundheit möchte ich auf einen Punkt eingehen, der mir wirklich auch persönlich sehr, sehr am Herzen liegt. Da gibt es, glaube ich, viele Hebel, die wir in Zukunft bewegen müssen, und viele Schrauben, an denen wir drehen müssen. Was die Prävention betrifft, möchte ich wirklich eine Lanze dafür brechen. Ich weiß, das wird immer ein bisschen stiefmütterlich behandelt, weil der Effekt nicht morgen und nicht übermorgen sichtbar ist, sondern erst nach Jahren, aber wir brauchen einen Paradigmenwechsel, von der Reparaturmedizin stärker zur Vorsorgemedizin.
Vorzusorgen ist immer besser als zu heilen, und wenn wir es schaffen, dass der Zeitpunkt einer Krankheit oder der Pflegebedürftigkeit bei einem Menschen um einige Monate, um ein Jahr später eintritt, dann ist das sozusagen ein Gewinn für das jeweilige Individuum, aber auch für die öffentliche Hand, weil dann einfach auch weniger Kosten anfallen.
Dazu gibt es auch eine konkrete Idee, die ich erwähnen möchte, nämlich dass wir die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen noch stärker fördern könnten, zum Beispiel im Sinne eines Gesundheitspasses. Was ist damit gemeint? – Wir wissen, dass viele Menschen die Vorsorgeuntersuchungen nicht machen. Es ist aber im Sinne der Früherkennung von Krankheiten wichtig, dass wirklich flächendeckende Screenings passieren. Man könnte zum Beispiel Anreize schaffen, wenn die Vorsorgechecks in regelmäßigen Abständen, zum Beispiel ab einem Alter von 40, gemacht werden – vielleicht finanzieller Natur, nach dem Motto: Wer mehr für die Gesundheit tut, erspart sich auch etwas.
Es gibt das Beispiel der Sozialversicherung der Selbstständigen, die an alle Versicherten, die zum Gesundheitscheck, zur Vorsorgeuntersuchung gehen, einen Bonus auszahlt. Daran könnte man sich orientieren, weil es wirklich wichtig ist, jedes Jahr oder alle zwei Jahre die Werte zu vergleichen, aber auch ein Feedbackgespräch mit dem Arzt zu haben. Das ist also auch so eine konkrete Idee, die ich vom heutigen Tag mitnehme.
Was die weiteren Bereiche in der Gesundheit betrifft – Digitalisierung, Patientensteuerung –: Die Experten haben da wirklich sehr, sehr ausführliche und gute Informationen geliefert.
Abschließend darf ich wirklich sagen: Es geht nur miteinander, im Miteinander der Generationen. Es geht darum, dass es keine Spaltung zwischen Jung und Alt geben darf, dass nicht die eine Seite sagt: Was tun die Jungen?, und die Jungen sagen: Ja, was brauchen die Alten schon wieder?, sondern es geht darum, glaube ich, dass wir die positive Energie bündeln. Das Miteinander der Generationen ist der Schlüssel für die Zukunft unserer Entwicklung. Wie gesagt, nur im Miteinander kann das gut gelingen. Dieses Miteinander ist mir wie gesagt auch persönlich sehr, sehr wichtig, und ich möchte es fördern.
Eine abschließende Bemerkung: Die ältere Generation – das kommt immer wieder heraus – wird immer wieder als Kostenfaktor dargestellt. Das ist auch nicht grundlegend falsch, natürlich sind die Krankheitskosten im Alter höher, natürlich sind entsprechende Pensionskosten da, aber man vergisst dann oft, auch die andere Seite der Medaille zu sehen. Die älteren Menschen sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Gesellschaftsfaktor, weil sie sich ganz viel in die Gesellschaft einbringen, weil sie viel ehrenamtliches Engagement in Vereinen zeigen, weil sie in der Angehörigenpflege eine Riesenleistung erbringen.
Vielleicht nur eine Zahl dazu: Zwei Drittel der pflegenden Angehörigen sind ja schon Pensionisten. Das heißt, die Jungpensionisten pflegen in Wahrheit die Hochbetagten, und das ist eine ganz, ganz große Leistung, die da erbracht wird. Daher sind die Älteren auch wichtig für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und somit ein Gesellschaftsfaktor. Mir ist einfach wichtig, diese beiden Seiten immer gemeinsam zu sehen.
Mit diesem Punkt möchte ich auch schließen, denn so können wir ein gutes Miteinander zwischen Jung und Alt sozusagen zusammenfügen, wenn immer auch das gesamte Bild gesehen wird und nicht nur einzelne Teile. – Vielen Dank.
Moderation: Vielen Dank, Herr Bundesratspräsident.
Gibt es von Ihnen aus dem Auditorium Fragen an das Podium? – Dann darf ich mich herzlich bei Ihnen und bei den Zusehern im Livestream für Ihr Interesse bedanken. – Danke schön.