41/SVER
27. Januar 2026
XXIII. Gesetzgebungsperiode
Nationalratssaal
Programm
Lesung: Auszug aus dem Buch „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger
© Wallstein Verlag, Göttingen 1992
Martina Ebm – Schauspielerin
Keynote – „Die Pflicht der Gegenwart“
Elie Rosen – Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für die Bundesländer Salzburg, Steiermark und Kärnten
Lesung: Auszug aus dem Buch „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger
Martina Ebm – Schauspielerin
Lesung: „Der Kamin“ von Ruth Klüger
Martina Ebm – Schauspielerin
Empfang
Moderation
Renata Schmidtkunz – Journalistin
Musik
Raimund Lissy – erste Violine
Dominik Hellsberg – zweite Violine
Christoph Hammer – Viola
Stefan Gartmayer – Violoncello
Die Veranstaltung beginnt mit der musikalischen Darbietung des Streichquartetts Nr. 8 op. 18 Des-Dur: III. Andante von Ernst Toch, dargebracht von Raimund Lissy, Dominik Hellsberg, Christoph Hammer und Stefan Gartmayer.
Renata Schmidtkunz (Moderatorin): Herzlich willkommen im Plenarsaal des österreichischen Parlaments! Zum Auftakt unserer Veranstaltung hörten Sie das Streichquartett Nr. 8 op. 18 Des-Dur, 3. Satz Andante von Ernst Toch. Ernst Toch war ein Wiener, der nach Berlin gezogen ist, von dort aus 1933 in die USA emigriert ist und 1964 dort verstarb. Er war Komponist, Filmmusiker und Philosoph.
Gespielt haben Raimund Lissy – erste Violine –, Dominik Hellsberg – zweite Violine –, Christoph Hammer – Viola – und Stefan Gartmayer – Violoncello –; die vier Herren werden uns durch diesen Nachmittag, durch diese Veranstaltung musikalisch begleiten.
Mein Name ist Renata Schmidtkunz und ich darf Sie zu dieser Veranstaltung anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust begrüßen.
Herzlich willkommen heißen darf ich die anwesenden Gastgeber der heutigen Veranstaltung, den Präsidenten des Nationalrates Walter Rosenkranz, den Präsidenten des Bundesrates Markus Stotter, den Zweiten Präsidenten des Nationalrates Peter Haubner, und ich darf Ihnen mitteilen, dass die Dritte Präsidentin des Nationalrates Doris Bures sich entschuldigt, sie ist beim Europarat in Straßburg.
Ganz herzlich begrüßen darf ich auch die anwesenden Mitglieder der Bundesregierung, die Abgeordneten zum Nationalrat, die Mitglieder des Bundesrates und die Mitglieder des Europäischen Parlaments, die Mitglieder des Direktoriums der Parlamentsdirektion, die Vertreterinnen und Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde und des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus.
Herzlich begrüßen darf ich auch die Mitwirkenden der heutigen Veranstaltung: den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde für die Bundesländer Salzburg, Steiermark und Kärnten, Kultusrat Elie Rosen, und die Schauspielerin Martina Ebm.
Besonders freut es uns und besonders freut es auch mich, dass heute so viele junge Menschen hier sind, Schülerinnen und Schüler, und es freut uns sehr, dass Sie, hochverehrte Gäste im Saal und vor den Bildschirmen, der Einladung gefolgt sind. Herzlich willkommen!
Am 27. Jänner 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die etwa 9 000 zurückgelassenen Häftlinge, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in Auschwitz befanden: Kinder, Frauen, Männer, Alte und Kranke. Zwischen Mai 1940, als die ersten Häftlinge nach Auschwitz kamen, und Januar 1945 waren in Auschwitz 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen brutal ermordet worden. Die meisten von ihnen waren europäische Juden.
Auschwitz ist die immer noch blutende Wunde Europas, Auschwitz steht für die große Katastrophe des jüdischen Volkes, wie die amerikanische, aus Wien stammende Literaturwissenschafterin Ruth Klüger die Schoah oder auch den Holocaust in ihrer Rede am 5. Mai 2011 im historischen Sitzungssaal des Parlaments bezeichnete.
Ruth Klüger wurde 1931 in Wien geboren. Ihr Vater Viktor Klüger war Frauenarzt in der Lindengasse im 7. Wiener Gemeindebezirk. 1939 musste er fliehen, zunächst nach Südfrankreich. Er wurde dann verhaftet, in einen Zug ins Baltikum gesetzt und dort bei seiner Ankunft sofort ermordet.
Ruth und ihre Mutter Alma blieben in Wien, um die Reichsfluchtsteuer aufbringen zu können. Es folgten erzwungene Umzüge in verschiedene Sammelwohnungen in Wien. 1942 wurde die damals erst elfjährige Ruth Klüger gemeinsam mit ihrer Mutter zunächst nach Theresienstadt und dann, 1944, nach Auschwitz deportiert. Überlebt hat Ruth Klüger, weil eine junge Frau an der Selektionsrampe ihr geraten hatte, sich älter zu machen, als sie war. So überlebte sie Auschwitz, so überlebte sie die Außenlager Christianstadt und Groß-Rosen als Zwangsarbeiterin.
Im Januar 1945 rückt die Rote Armee näher, Mutter und Tochter werden im Zuge der Räumung des Außenlagers Groß-Rosen auf einen Todesmarsch Richtung Bergen-Belsen gesetzt, und von diesem Marsch gelang ihnen in den Wirrnissen des zu Ende gehenden Krieges die Flucht. Sie schlugen sich bis nach Straubing in Bayern durch, das kurz danach von der US-Army befreit wurde. 1947 – Ruth war keine 16 Jahre alt – emigrierten Alma und Ruth Klüger in die USA, wo sie beide bis zu ihrem Tod lebten.
Ruth Klüger wurde nicht nur in den USA eine renommierte Germanistin, sie war auch Gastprofessorin an internationalen Universitäten – auch an der Universität Wien hat sie gelehrt – und sie wurde mehrfach ausgezeichnet. Im Alter von 88 Jahren starb sie am 5. Oktober 2020 in der Universitätsstadt Irvine in Kalifornien, wo sie bis zuletzt gelehrt und auch geforscht hat. Im Alter von 58 Jahren schrieb sie ihre Erinnerungen nieder, und zwar aus der Perspektive des Kindes, das sie während der Schoah war. Mit großer Präzision und ohne jedes Pathos beschreibt und analysiert sie, was sich zugetragen hat. Einer der wichtigsten Sätze ihres Buches „weiter leben. Eine Jugend“ geht so: Ich komme nicht von Auschwitz her, ich stamme aus Wien.
„weiter leben. Eine Jugend“ – so der Titel des Buches – erzählt von einer kurzen Kindheit in Wien und von den knapp zwei Jahren im KZ Theresienstadt, und es erzählt auch von Auschwitz, jenem Ort, dem Ruth Klüger entkommen konnte und den sie auch nie wieder aufsuchte. Viele Jahre war sie stolz darauf, überlebt zu haben, aber in ihren späteren Jahren überwog das Schuldgefühl, dass sie überlebt hatte und andere sterben mussten. Aus diesem Buch „weiter leben. Eine Jugend“, das 1992 im Wallstein Verlag in Göttingen erschienen ist und das bereits in zwölf Sprachen oder mehr übersetzt wurde, liest nun die Schauspielerin Martina Ebm. In diesem Text, den sie liest, beschreibt Ruth Klüger die judenkinderfeindliche Stadt ihrer Kindheit. – Frau Ebm.
Lesung: Auszug aus dem Buch „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger
Martina Ebm (Schauspielerin): „Ich kenne die Stadt meiner ersten elf Jahre schlecht. Mit dem Judenstern hat man keine Ausflüge gemacht, und schon vor dem Judenstern war alles Erdenkliche für Juden geschlossen, verboten, nicht zugänglich. Juden und Hunde waren allerorten unerwünscht, und wenn man doch einen Laib Brot kaufen mußte, dann betrat man den Laden an dem Schild vorbei, auf dem zu lesen war: »Trittst als Deutscher du hier ein, / Soll dein Gruß Heil Hitler sein.« Kleinlautes »Grüß Gott« meinerseits, die Bäckerin grußlos, nur ein grobes »Was willst du?« Ich war immer erleichtert, wenn die beiden schlichten Grußworte auf ein Echo stießen und meinte, wohl mit Recht, es läge auf arischer Seite ein leiser, aber deutlicher Protest darin, etwa: »In Gottes Hand begeb ich mich, nicht in Hitlers«.
Was alle älteren Kinder in der Verwandtschaft und Bekanntschaft gelernt und getan hatten, als sie in meinem Alter waren, konnte ich nicht lernen und tun, so im Dianabad schwimmen, mit Freundinnen ins Urania-Kino gehen oder Schlittschuh laufen. Schwimmen hab ich nach dem Krieg in der Donau gelernt, bevor sie verseucht war; aber nicht bei Wien, auch Fahrrad fahren anderswo, und Schlittschuhlaufen nie. Letzteres hat mir besonders leid getan, denn ich hatte es gerade ein paarmal wackelnd ausprobiert, da war es aus damit. Sprechen und lesen kann ich von Wien her, sonst wenig. An judenfeindlichen Schildern hab ich die ersten Lesekenntnisse und die ersten Überlegenheitsgefühle geübt. Jüngere als mich gab es zufällig nicht in diesem Kreis, ich war die Jüngste und daher die einzige, die nicht in ein sich erweiterndes Leben hineinwachsen konnte, die einzige, die nicht im Dianabad schwimmen lernte, und die einzige, die die österreichische Landschaft nur den Namen nach kannte: Semmering, Vorarlberg, Wolfgangsee. Namen, die vom Nichtkennen her noch idyllischer wurden. Wie eine volle Generation lag es zwischen mir und den Cousins und Cousinen und noch heute zwischen mir und den Exulanten aus Wien, die sich dort einmal frei bewegt haben. Alle, die nur ein paar Jahre älter waren, haben ein anderes Wien erlebt als ich, die schon mit sieben auf keiner Parkbank sitzen und sich dafür zum auserwählten Volke zählen durfte. Wien ist die Stadt, aus der mir die Flucht nicht gelang.
Dieses Wien, aus dem mir die Flucht nicht geglückt ist, war ein Gefängnis, mein erstes, in dem ewig von Flucht, das heißt vom Auswandern, die Rede war. Ich sah uns sozusagen immer auf dem Sprung und im Begriff abzureisen, mit gepackten Koffern eher als für die nächsten Jahre gemütlich eingerichtet. Ich konnte mir daher auch keine Gewohnheiten leisten, und wenn ich mich langfristig auf etwas freuen wollte, wie zum Beispiel auf das kontinuierliche Lesen der Kinderzeitschriften ›Der Schmetterling‹ und ›Der Papagei‹, so korrigierte ich diese Vorfreude gleich mit der Hoffnung, noch vor der übernächsten Nummer in einem anderen Land zu sein.
Ich war im September 1937 eingeschult worden, kurz vor meinem sechsten Geburtstag, ein halbes Jahr vor Hitlers Einmarsch. Vorher war wenig, außerhalb der Familie. Einmal sind wir im Auto nach Italien gefahren, auf Sommerfrische, und als wir über der Grenze waren, mußten wir auf der anderen Straßenseite weiter, wie komisch, denn in Österreich fuhr man bis Hitler auf der linken Seite. Damals gab es noch keinen Stau auf den Landstraßen, und als weiter südlich auf einer einsamen, staubigen Straße ein Auto mit dem Kennzeichen Österreichs an uns vorbeifuhr, haben wir alle wie die Irren gewinkt. Und die haben ebenso zurückgewinkt. Aber die kennen wir nicht. Zu Haus hätten wir denen nicht gewinkt. Ich war entzückt von der Entdeckung, daß Fremde in der Fremde sich begrüßen, weil sie anderswo zur selben Gemeinschaft gehören. Ich bin aus Österreich (wo man auf der richtigen Straßenseite fährt und deutsch spricht). Das stimmt, das gilt, das ist, wie mir hier in Italien aufgeht, ein Satz, der mich beschreibt. Ich sollte bald eines Besseren belehrt werden, aber nicht sogleich.
Als ich nach dem ersten Schultag aus dem Schultor kam, wo alle Eltern zu ihren Kindern drängten, sah ich meinen Vater zunächst gar nicht. Er stand ganz hinten, angelehnt an ein Gitter, noch keine vierzig war er damals. Mein Gott, ich bin so viel älter geworden als er je war. Als ich ihn vorwurfsvoll fragte, warum so weit vom Eingang, denn mir waren ja schon die Tränen gekommen, weil niemand mich abholte, erwiderte er: »Warum sich drängen? Wir hab’n ja nix zu versäumen.« Da schien er mir der Vornehmste von allen, und die anderen Eltern mit ihren Ellbogen waren ordinär. Ich nahm ihm versöhnt das Stanitzel, österreichisch für Tüte, mit den Bonbons ab, legte meine Hand in seine und ging sehr zufrieden mit ihm nach Hause.
Ungefähr ein Jahr später gingen wir wieder Hand in Hand durch die Straßen. Wir wohnten im 7. Bezirk, Neubau. Es war im November ’38. Auf der Mariahilferstraße hat er mir die zerbrochenen Fenster der Geschäfte gezeigt, fast schweigend, nur immer mit kurzen Hinweisen: »Da kann man jetzt nicht mehr einkaufen. Das ist geschlossen, du siehst ja. Warum? Die Leut, denen das gehört, sind Juden wie wir. Darum.« Ich, voller Schreck und Neugier, hätte gern weitere Fragen gestellt, und gleichzeitig spürte ich, daß er vielleicht selbst nicht weiter wußte, und prägte mir das Gesagte ein. (Siehst du, ich weiß es noch.)“
Renata Schmidtkunz: Theresienstadt sollte nach dem Willen der Nazis ein Vorzeige-KZ werden. Viele jüdische Prominente aus ganz Europa wurden dort inhaftiert. Einer von ihnen war der 1899 in Brünn geborene tschechische Komponist Pavel Haas. Ab 1939 durften seine Kompositionen im tschechischen Protektorat nicht mehr aufgeführt werden. 1941 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er mit anderen prominenten Musikern zusammentraf und Teil jener Musikgruppe wurde, die dem Vorzeige-KZ Theresienstadt „Glanz“ – unter Anführungszeichen – vermitteln sollte – ein zynisches Unterfangen! Im Oktober 1944 wurde Pavel Haas nach Auschwitz deportiert und dort am nächsten oder übernächsten Tag ermordet, noch keine 45 Jahre alt.
Hören Sie nun das Streichquartett Nr. 2 op. 7 „Von den Affenbergergen“, 2. Satz „Kutsche, Kutscher und Pferd“, von Pavel Haas.
Raimund Lissy, Dominik Hellsberg, Christoph Hammer und Stefan Gartmayer intonieren aus dem Streichquartett Nr. 2 op. 7 „Von den Affenbergen“ von Pavel Haas II. Kutsche, Kutscher und Pferd.
Renata Schmidtkunz: Ich darf nun den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde für die Bundesländer Salzburg, Steiermark und Kärnten, Kultusrat Elie Rosen, um seine Keynote bitten.
Keynote – „Die Pflicht der Gegenwart“
Elie Rosen (Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für die Bundesländer Salzburg, Steiermark und Kärnten): Sehr geehrter Herr Präsident! Herr Präsident des Bundesrates! Herr Präsident Haubner! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die traurige Wahrheit ist, dass das meiste Böse von Menschen getan wird, die sich nie entscheiden, gut oder böse zu sein, so die deutsch-jüdische Publizistin Hannah Arendt über die Banalität des Bösen. Das bedeutet in der Konsequenz: Das größte Übel in der Welt wird von niemanden begangen, der sich selbst als böse erkennt.
Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ist daher kein Tag der bloßen Rückschau, sondern ein Tag der Selbstprüfung. Gedenken muss politisch sein, auch die Verfolgung von Juden im Dritten Reich war Teil von Politik – einer Politik der Verachtung und der Entrechtung, die schließlich zur Ermordung von mehr als sechs Millionen Menschen führte.
So ist auch diese Rede politisch: Sie bezieht Stellung und sie will auch nicht gefallen. Das hat die sehr lange nur von den jüdischen Gemeinden und Opferverbänden wachgehaltene Erinnerung an die Ermordeten des Holocaust über Jahrzehnte hindurch auch nicht.
Der Spiegel tut oft weh, aber gegenüber den Opfern sind wir verpflichtet, wachsam zu sein und die gesellschaftlichen Entwicklungen mit großer Sensibilität und Verantwortung zu beobachten. Der dabei notwendige Diskurs ist wesentlicher Bestandteil der Demokratie.
Gedenken ist nicht Selbstzweck, nicht bloßer Rückweg in die Vergangenheit, sondern Spiegel der Zeit und Verpflichtung, und diese Verpflichtung richtet sich an das Heute und Jetzt! So stehen wir in der Verantwortung, Tag für Tag der Gegenwart kritisch ins Auge zu blicken. Es stellt sich für uns die Frage: Haben wir, hat Europa aus der Geschichte tatsächlich gelernt? – Ich fürchte: Nein. Das viele Gedenken, das alljährlich um dieses Datum an vielen Orten stattfindet, hat meines Erachtens seine Wirkung weitgehend verfehlt. Es ist in vielen Teilen unserer Gesellschaft zu einer kulturellen Routine geworden, zu einer ritualisierten Pflichtübung des guten Gewissens.
Der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte einmal: Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. – Genau das leben wir, denn wo sind die Vergangenheitsmutigen der alljährlichen Gedenkfeiern, wenn Juden im Heute bedroht werden?
Meine Damen und Herren, der Holocaust war kein plötzlicher Zivilisationsbruch, er war das Ergebnis eines schleichenden Prozesses; er begann nicht mit Deportationen und Gaskammern, er begann mit Worten, mit Ausgrenzung, mit Verharmlosung, mit der Normalisierung von Hass. Diese Mechanismen sind bekannt und gerade deshalb ist es so beunruhigend, dass wir sie heute wieder immer deutlicher erkennen können.
Im Nationalsozialismus war auch die heute hier thematisierte Zerstörung jüdischer Kunst und Kultur kein Nebeneffekt, sondern eben Teil der Vernichtungspolitik. Kunst wurde verboten, Bücher verbrannt, kulturelles Schaffen ausgelöscht.
Auch heute geraten jüdische Kultur und deren Sichtbarkeit wieder unter Rechtfertigungsdruck. Rückzug wird als Schutz verkauft. Wer diese Parallelen ignoriert, verkennt, dass der Verlust kultureller Freiheit oft der erste Schritt zum Verlust der gesellschaftlichen Freiheit ist. Die Schoah war der unvorstellbare Höhepunkt jahrhundertelanger Verfolgung, aber er war beschämenderweise nicht ihr Ende, denn heute brennen wieder Synagogen, müssen jüdische Kinder unter Polizeischutz zur Schule gehen und jüdische Einrichtungen wie Hochsicherheitsobjekte bewacht werden.
Der Schutz jüdischer Einrichtungen ist mehr als 80 Jahre nach dem Sieg über den Nationalsozialismus mehr denn je notwendig und das ist wahrhaft kein Erfolg. Eine Gesellschaft, in der jüdisches Leben nur noch hinter Polizeiketten stattfinden kann, hat nicht funktioniert, sie hat versagt.
2021 hat das österreichische Parlament das Österreichisch-Jüdische Kulturerbegesetz verabschiedet, dessen Gelder auch für Maßnahmen zum Schutz jüdischer Einrichtungen eingesetzt werden können. Trägt man jedoch der immer mehr virulenten Sicherheitslogik der letzten Jahre Rechnung, so erhebt sich die Frage, ob Kultur im Sinne dieses Gesetzes bald nur mehr als Sicherheitsmaßnahme zu verstehen sein wird.
Die Debatte um die Sicherheit von Juden in Österreich, Deutschland und ganz Europa muss sich weg von höheren Mauern um Synagogen und mehr Wachpersonal vor Schulen hin zu den eigentlichen Ursachen verlagern, die diese Sicherheit überhaupt notwendig machen. Sagen Sie mir, was jenseits von Monitoring konkret unternommen wird, um den extremistischen Ideologien, die diese antisemitische Gewalt antreiben, wirksam und vor allem auch zeitnahe entgegenzutreten. Denn für Experimente und einmal beobachten bleibt keine Zeit mehr. Der Staat ist nicht nur verpflichtet, jüdische Einrichtungen zu schützen – er ist verpflichtet, alles zu unternehmen, damit dieser Schutz eines Tages – und das erachte ich leider als eine Utopie – nicht mehr nötig sein wird. Aber es kann jedenfalls nicht das Ziel sein, immer mehr Schutzvorkehrungen zu treffen – Schutz ist Symptombekämpfung, Ursachenbekämpfung ist Staatsaufgabe.
Ich bin es auch leid, anlassbezogen immer wieder zu hören, dass Regierungen Schulter an Schulter mit ihren jüdischen Gemeinden stünden. Meine Damen und Herren, diese Worte für sich allein bedeuten nichts angesichts von Diskriminierung, Bedrohungen, Anschlägen, körperlichen Übergriffen oder gar Toten. Glauben wir im Hinblick auf die Entwicklung unserer Zeit tatsächlich noch, dass Bedrohungen für unsere demokratische Ordnung nur aus einem einzigen politischen oder ideologischen Milieu kommen? Ja, Rechtsextremismus bleibt auch heute eine reale Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat, aber er ist längst nicht die einzige und in der konkreten Bedrohung jüdischen Lebens auch nicht mehr die dominierende. Antisemitismus ist kein Monolith, er kommt heute längst nicht mehr von den bekannten Rändern der Gesellschaft, er kommt aus deren Mitte selbst und er kommt aus für uns in Europa neuen Richtungen.
Antisemitismus ist kein abstraktes Phänomen. Wer über die Sicherheit jüdischer Einrichtungen spricht, muss sich an den Tatsachen orientieren. Die ernstzunehmende Wahrung vor wachsendem Rechtsextremismus beschreibt eine sicherheitspolitische Entwicklung, nicht aber die empirische Realität antisemitischer Gewalt. Eine Gleichsetzung auf dieser Ebene verfehlt die Realität jüdischer Gemeinden und erschwert eine zielgerichtete Prävention. Eine Gleichbehandlung hat auf Ebene der Sicherheitsstrategie, nicht aber der tatsächlichen antisemitischen Gewalt zu erfolgen. Antisemitismus muss überall dort bekämpft werden, wo er sich real manifestiert. Juden erleben weltweit, und so ehrlich müssen wir – vor allem gemessen an Anschlägen auf jüdische Einrichtungen, Veranstaltungen und an Mordtaten – sein, in wachsendem Ausmaß antisemitische Gewalt aus überwiegend islamitisch-geprägten Milieus, in denen Judenhass offen propagiert wird. Anschläge in Pittsburgh, Djerba, Toulouse, Brüssel, Paris, Jersey, Halle, Kopenhagen, Monsey, Colleyville, Bondi Beach, Sydney oder Graz zeugen von seiner Konsequenz.
In Frankreich wurde nach den islamistischen Anschlägen von 2015 mit der Opération Sentinelle eine dauerhafte militärische Antiterrorpräsenz aufgebaut, die auch den permanenten Schutz jüdischer Einrichtungen umfassen muss. Dieser Militärschutz ist keine Vorsichtsmaßnahme, sondern das Eingeständnis einer permanenten Gefahrenlage.
Radikaler Islamismus wird religiös legitimiert, ideologisch gefestigt und ist – das kann ich aus eigener Betroffenheit bestätigen – gewaltbereit, ein Antisemitismus, der nicht andeutet, sondern aufruft. Sein Fanatismus richtet sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen den Staat selbst, gegen dessen Gewaltmonopol, gegen die Idee, dass Recht stärker ist als Straße. Er richtet sich gegen die Grundwerte unserer Gesellschaft, gegen Gleichberechtigung, gegen Meinungsfreiheit, gegen Religionsfreiheit, gegen die Trennung von Staat und Religion. Er akzeptiert die Demokratie nur, solange sie ihm nützt und nutzt ihre Freiheiten, um sie von innen auszuhöhlen. Der gewaltlegitimierende Islamismus mit seinem Hass gegen Juden und westliche Werte ist kein Randphänomen – er ist organisiert, er ist transnational und er wirkt in Parallelgesellschaften, in sozialen Medien, auf unseren Straßen.
Besonders gefährlich ist aber nicht nur die Ideologie selbst, sondern vor allem die Art, wie sie in Teilen unserer Gesellschaft behandelt wird. Die immer häufiger werdenden gewalttätigen Ausschreitungen im öffentlichen Raum und die From-the-River-to-the-Sea-Demonstrationen in europäischen Städten haben deutlich gemacht, welche Macht auch Linksextremisten haben. Teile des linksextremen Spektrums und islamistische Akteure treten zunehmend gemeinsam auf, missbrauchen unsere Verfassung und unsere demokratischen Freiheiten für ihre gefährlichen Parolen und überschreiten ganz bewusst rechtsstaatliche Grenzen, ja, fordern in Teilen das Kalifat oder die Scharia. So weit sind wir gekommen! Das ist keine Glaubensfrage, sondern Gegenstand der Realität. Wohin biegen wir ab? Sind wir demokratisch-resilient und verteidigen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, oder geben wir diesen Menschen noch mehr Macht, weil wir Sorge haben aufgrund politischer Korrektheit, irgendeinen Halbsatz zu lesen, der uns vielleicht nicht gefällt? Europa wird ernten, was es duldet!
Meine Damen und Herren, der Rechtsstaat darf und soll liberal sein, er muss aber auch um seiner selbst willen in der Lage sein, sich zu behaupten und sich innerhalb unserer demokratischen Spielregeln konsequent zu zeigen. Und diese Konsequenz sehe ich nicht! Ein Staat, der seinen Aufgaben nicht nachkommt, führt dazu, dass Kriminalität nicht weniger, sondern mehr wird. Und das ist – das muss gerade an dieser Stelle festgehalten werden – eine ganz entscheidende Frage unserer Zeit: Wie nutzen wir soziale Medien als Räume, in denen wir unsere Demokratie verteidigen, erneuern und stärken?
Radikaler Islamismus wird allzu oft relativiert, entschuldigt oder faktisch verteidigt – nicht offen, aber wirksam –, er wird erklärt statt bekämpft, kontextualisiert statt benannt, psychologisiert statt sanktioniert.
So werden Täter zu vermeintlichen Opfern, so wird aus totalitärem Denken kulturelle Sensibilität und so wird aus Judenhass ein angeblich durch die Politik Israels erklärbares Phänomen, bei dem man aber allzu gerne vergisst, dass es, so der deutsche Publizist Henryk Broder, diesen Hass auf Juden schon weit länger gibt als den Staat Israel selbst.
Diese Haltung ist gefährlich für unsere Demokratie, deren Aushöhlung ist längst nicht mehr abstrakt. Wir sehen ihre Folgen, auch viele nichtjüdische Menschen merken, dass sie unsicher werden und dass es insgesamt unsicher wird – auf der Straße, in der Bahn, am Weihnachtsmarkt. In vielen Ländern Europas erleben wir unruheartige Zustände, gewalttätige Demonstrationen sowie Respektlosigkeit gegenüber und massive Angriffe auf Polizei, Rettungskräfte und staatliche Einrichtungen. Das sind keine medialen Überzeichnungen, das sind reale Zustände in europäischen Demokratien.
Diese Eskalationen, die wir heute immer häufiger sehen, entstehen nicht aus dem Nichts, sie sind das Ergebnis jahrelanger Relativierung, falscher Toleranz und politischer Verdrängung. Wer Gewalt als Wut erklärt, wer Hass als Frustration entschuldigt, wer Täter zu Opfern umdeutet, sendet eine klare Botschaft. Der Staat zieht sich zurück und andere füllen das Vakuum.
Die Geschichte zeigt uns: Wo der Staat seine Autorität verliert, verlieren zuerst die Minderheiten ihre Sicherheit und am Ende alle ihre Freiheit. Es ist auch auffällig, wie selektiv Empörung geworden ist. Kriegsherde oder Unterdrückung, wie etwa jene im Sudan, in Syrien, im Jemen, in Afghanistan bleiben oft Randnotiz. Wo sind die internationalen Organisationen und Menschenrechtsinstanzen, die sonst mit großem moralischen Anspruch auftreten, wenn es gegenwärtig um die Unterstützung des Aufstandes und das Beklagen der Zigtausenden Toten im Iran geht? Wo bleiben die Demonstrationen auf Europas Straßen? Doch sobald es um den einzigen jüdischen Staat geht, explodiert die Aufmerksamkeit. Plötzlich sind Hunderttausende auf der Straße, plötzlich werden Universitäten politisiert, plötzlich wird jedes Detail moralisch seziert. Zufall? – Die Schieflage ist kein Ausdruck von Humanismus, sie ist Ausdruck moralischer Verzerrung.
Die Aufmerksamkeit explodiert dort, wo es um Juden geht, und verstummt dort, wo sie politisch unbequemer wäre. Meine Damen und Herren, was ist die Lehre aus Sydney?, fragte der deutsche Publizist Michael Wolffsohn und antwortet: Juden seien nirgendwo auf der Welt sicher, selbst dann nicht, wenn sie bis ans – im wahrsten Sinne des Wortes – Ende der Welt fliehen würden. Sicher seien sie auch in Israel nicht, jedenfalls nicht von außen, wohl aber immerhin von innen. Deswegen könne es nur eine Konsequenz geben: wenn nichtjüdische Staaten nicht in der Lage sind, Juden zu schützen, dann sollten sie den Juden wenigstens diesen Staat überlassen und diesen nicht fortdauernd attackieren.
Vielleicht, meine Damen und Herren, ist das die entscheidende Lehre aus Sydney und vielen anderen Terroranschlägen, denn nur wenige Stunden nach dem antisemitischen Massaker in Australien flammte der Hass bereits erneut auf, diesmal in Amsterdam, in den Niederlanden, wo eine Chanukka-Feier von gewalttätigen, antiisraelischen Extremisten gestört wurde.
Das Schicksal des jüdischen Volkes ist untrennbar mit jenem des Staates Israel verbunden. Wie sehr dies der Fall ist, können die Juden in der Diaspora seit dem 7. Oktober 2023 mehr als deutlich am eigenen Leib erleben! Die weltweite Entwicklung, vor allem aber in Europa, hat uns seither mehr als alles andere vor Augen geführt, welch Rückversicherung für Juden der Staat Israel ist und wie sehr wir ihn zu unserer eigenen Sicherheit brauchen.
Besonders alarmierend ist die Offenheit des Antisemitismus auch an Universitäten und in der Kulturszene. Orte, die einst Aufklärung, Differenzierung, Debatte geschehen ließen, werden zunehmend zu Räumen der Einschüchterung. Jüdische Studierende berichten, dass sie Vorlesungen meiden, ihre Identität verschweigen und Angst haben, sich zu äußern. Israelbezogenener Antisemitismus wird dort nicht bekämpft, sondern als kritische Perspektive legitimiert. Wer widerspricht, wird nicht argumentativ gestellt, sondern moralisch delegitimiert – übrigens eine antidemokratische Methodik, die wir im politischen Alltag leider auch bei uns erkennen können. So entsteht ein Klima, in dem nicht mehr diskutiert, sondern sortiert wird: gut oder böse, Opfer oder Täter.
Wir reagieren auf all das mit Programmen, Säulen, Resolutionen, nationalen Strategien, Beobachtungsstellen oder Aktionsplänen, auch gegen Antisemitismus: 38 Punkte, 49 Punkte, wie viele Punkte demnächst? Aber wir müssen uns ehrlich fragen: Was haben diese Programme bewirkt? Haben sie verhindert, dass Synagogen angegriffen werden? Haben sie verhindert, dass jüdische Kulturveranstaltungen abgesagt werden? Haben sie verhindert, dass jüdische Kinder wieder Polizeischutz brauchen? – Die Antwort ist: Nein! Derartige Ideen sind keine Prävention, sie sind Selbstberuhigung, an die kein vernünftiger Mensch glauben kann.
Wenn wir an den Holocaust erinnern, dann erinnern wir an das moralische Versagen Europas, an Nachbarn, die schwiegen, an Institutionen, die wegschauten, an Eliten, die relativierten. Genau dieses Versagen droht sich heute in neuer Form zu wiederholen, nicht durch eine offene Diktatur, sondern durch eine schleichende Gleichgültigkeit, durch Relativierung, durch eine Gesellschaft, die gelernt hat, antisemitische Muster neu zu verkleiden.
Geschichte will uns nichts mehr nehmen. Sie versucht es wieder, jetzt in der Gegenwart, in Europa, in Nordamerika, am anderen Ende der Welt. Es geht nicht um einen regionalen Konflikt, es geht um eine globale Ideologie des Hasses.
Meine Damen und Herren, Toleranz ohne Grenzen ist keine Tugend, sie ist Selbstaufgabe. Eine Demokratie, die zulässt, dass ihre Freiheiten benutzt werden, um sie zu zerstören, wird nicht offen, sie wird wehrlos. Antisemitismus gedeiht dort, wo extremistische Ideologien relativiert werden, wo Gewalt entschuldigt wird, wo der Mut fehlt, Dinge beim Namen zu nennen. Schwerwiegende gesellschaftliche Probleme verlangen entschlossenes, rechtsstaatlich konsequentes und vor allem wirksames Handeln. Das bedeutet nicht Willkür, das bedeutet nicht Aufgabe des Rechtsstaats, es bedeutet Entschlossenheit – konsequente Anwendung und Angleichung des Rechts sowie klare Grenzen gegenüber jenen, die Freiheit missbrauchen, um sie abzuschaffen! Ein Staat, der aus Angst vor Konflikten zögert, überlässt das Feld jenen, die keine Skrupel kennen. Ich wünsche uns daher, das Notwendige auch dann zu tun, wenn es zunächst unpopulär ist. Wir brauchen eine Grundsatzhaltung, die politische Ereignisse überdauert.
Dieser Gedenktag ist kein Ritual, er ist ein Prüfstein. Die Frage ist nicht, ob wir erinnern, die Frage ist, ob wir handeln, denn wenn wir radikalen Islamismus verharmlosen, Gewalt relativieren und Antisemitismus dulden, dann wird Geschichte nicht ruhen, dann wird sie zurückkehren. – Herzlichen Dank!
Renata Schmidtkunz: Wir danken dem Herrn Präsidenten für seine Ansprache und spannen jetzt den Bogen wieder zurück zu Ruth Klüger, die als Kind den Holocaust erlebt und überlebt hat. Ruth Klüger, ich habe es schon gesagt, hat mit dem Buch „weiter leben. Eine Jugend“ ein Buch geschrieben, das aus der Perspektive des Kindes erzählt. Wien hatte für sie bis zu ihrem Tod etwas Unheimliches, selbst wenn sie in den letzten Jahren oder Jahrzehnten ihres Lebens sehr gerne nach Wien kam. Aber für sie deckten sich ihre Erfahrungen, die sie als Kind gemacht hatte, nicht mit den Erfahrungen, die sie als Erwachsene gemacht hat. Von Wien sprach sie – wie sie meinte, aus nachvollziehbaren Gründen – nie als ihre Heimatstadt, sondern als ihre Geburtsstadt. 1942, mit einem der letzten Transporte, wurden Alma und Ruth Klüger nach Theresienstadt deportiert. Ruth war damals noch keine elf Jahre alt. Schon vier Jahre lang hatte sie nicht mehr in die Schule gehen können und sie verbrachte ihre einsamen Tage in Wien, wenn die Mutter arbeiten war, mit dem Lesen klassischer Literatur, Schiller und Goethe; darin war sie bis zum Schluss sehr, sehr gut.
In Theresienstadt begegnete sie anderen Kindern. Unterrichtet wurden diese Kinder von großen jüdischen Intellektuellen, wie zum Beispiel dem Rabbiner Leo Baeck. Baeck überlebte Auschwitz und emigrierte nach der Schoah nach London, wo er 1956 starb.
Wir hören jetzt noch einmal Martina Ebm.
Lesung: Auszug aus dem Buch „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger
Martina Ebm: „Heute ist mir Theresienstadt eine Kette von Erinnerungen an verlorene Menschen, Fäden, die nicht weitergesponnen wurden. Theresienstadt war Hunger und Krankheit. Hochgradig verseucht war das Ghetto mit seinen militärisch rasterförmig angelegten Straßen und Plätzen und hatte als Grenze einen Festungswall, über den ich nicht hinausdurfte, und eine Übervölkerung, die es fast unmöglich machte, gelegentlich eine Ecke zu finden, wo man mit einer anderen reden konnte, so daß es ein Triumph war, wenn man mit einiger Anstrengung eine solche Stelle doch auskundschaftete. Über einen Quadratkilometer hinaus hatte man keine Bewegungsfreiheit, und innerhalb des Lagers war man mit Haut und Haar einem anonymen Willen ausgeliefert, durch den man jederzeit in ein unklar wahrgenommenes Schreckenslager weiter verschickt werden konnte. Denn Theresienstadt, das bedeutete die Transporte nach dem Osten, die sich unberechenbar wie Naturkatastrophen in Abständen ereigneten. Das war der Rahmen der Denkstruktur unserer Existenz, dieses Kommen und Gehen von Menschen, die nicht über sich selbst verfügten, keinen Einfluß darauf hatten, was und wie über sie verfügt wurde, und nicht einmal wußten, wann und ob wieder verfügt werden würde. Nur daß die Absicht eine feindliche war.
Als wir ankamen und die Wohnverhältnisse erfuhren, nämlich mehrere Menschen in einem kleinen und viele Menschen in einem größeren Zimmer, schlug ein junger Mann von der jüdischen Lagerverwaltung meiner Mutter vor, mich im Kinderheim wohnen zu lassen. Da könnte sie mich, so oft sie wollte, besuchen, ich sie auch und wäre ansonsten mit anderen Kindern zusammen, das sei doch besser, als anderswo mit alten Leuten zu wohnen.
[...] In den ersten Wochen war ich die Außenseiterin, die Dumme, Ungeschickte, über die sich die anderen im Zimmer lustig machten. Ich weiß nicht recht, welche die eigenbrötlerischen Angewohnheiten waren, die mich von den anderen Kindern absetzten, denn man sieht sich ja nicht selber. Es werden wohl Exzentrizitäten gewesen sein, die sich in der Wiener Einsamkeit, dieser paradoxen Einsamkeit unter Kranken, Krankenpflegern und zu vielen Erwachsenen im beengten Wohnraum, herausgebildet hatten. Ich war daran gewöhnt, mich selbst zu beschäftigen, nicht mich anzupassen, und wollte zunächst nur in die Baracke zu meiner Mutter. Wenn sie mich besuchen kam, lief ich ihr verzweifelt nach und bat sie, mich mitzunehmen. Sie ging dann einfach fort, ohne weitere Erklärung oder Trost, und ließ mich mit meiner Enttäuschung und Unsicherheit alleine fertig werden.
Die dauerten jedoch nicht lange. Ich war schließlich ganz froh, den widersprüchlichen Forderungen meiner Mutter nicht mehr ausgesetzt zu sein, und begriff, daß es leichter sein könnte, mit Gleichaltrigen zu wohnen. Ich begann, auf die Eigenheiten der anderen Kinder zu achten und merkte, daß es nicht so schwierig war, mich auf sie einzustellen, und entwickelte schließlich ein Talent für Freundschaft, das ich bis heute zu haben meine.
[...] Es gab engere Freundschaften, Mädchenpaare, die viel zusammensteckten und alles teilten. Essen war kostbar, und daher war Brot eine Werteinheit. Noch heute packt mich manchmal die Verwunderung darüber, daß Brot so billig ist. Meine Mutter hat ihren Ehering bald und ohne viel Aufhebens für Brot eingetauscht. Sentimental war sie immer nur vor anderen, als Gastspiel, nicht in Wirklichkeit, wenn es drauf ankam. Einmal brachte sie mir etwas Ungewöhnliches zu essen, und ich teilte es mit Olga. Meine Mutter erfuhr es und geriet in großen Ärger: Das hätte sie sich von der eigenen Ration abgespart, für mich, nur für mich. Aber du hast mir doch vorher gesagt, es sei extra gewesen? Das war, damit du es annimmst. Ich stand wieder einmal vor einem unlösbaren Dilemma. Was gehört einem so, daß man es wegschenken kann, was gehört einem nur bedingt? Solche Fragen werden nicht nur dringlicher, sondern kategorisch anders, wo es fast nichts zu schenken gibt und man doch beschenkt wird. Dabei hat meine Mutter diese Olga sehr gern gehabt, ihr nach dem Krieg weiter geholfen und korrespondiert noch heute mit ihr.
Unsere Habseligkeiten bewahrten wir entweder im Bett auf oder in einem Regal mit postfächerartigen Unterteilungen. Die waren offen, aber gegen Diebstahl mußte man sich nicht verwahren. Das gab es praktisch nicht, wir waren eine Gemeinschaft und stolz darauf. Außerdem konnte man für asoziales Benehmen aus dem Kinderheim ausgewiesen werden. Dann hätte man zu den Eltern in die Baracken und Kasernen ziehen müssen. Übrigens drohte man uns auch mit Rausschmiß, falls wir das verseuchte Wasser an der Pumpe im Hof tranken. Trotzdem war ich ein paarmal durstig oder waghalsig genug, das Wasser zu riskieren, und fürchtete dabei weit weniger krank als erwischt zu werden. Später in der Freiheit hat mich nichts so gekränkt, nichts habe ich so sehr als pauschales Fehl- und Vorurteil empfunden wie die Unterstellung, in allen Lagern sei nur die brutalste Selbstsucht gefördert worden, und wer von dort herkomme, sei vermutlich moralisch verdorben.
[...] Geregelter Unterricht für die Kinder von Theresienstadt war von der deutschen Lagerverwaltung streng untersagt. Ich staunte. Der angeblich verachtete jüdische Intellekt als Gefahr, selbst hier hinter Mauern, als Schulunterricht für gefangene Kinder? Es gab eine Tagesordnung, von der jüdischen Verwaltung dieses Kinderheims verfaßt, aber ich hab sie vergessen. Durch das Lernverbot gewann das Lernen an Reiz.
Theresienstadt schwappte über von einem Andrang grundgescheiter Menschen, die sämtliche Ideen und Ideologien Europas mit sich brachten und dort heftig weiterdiskutierten. Schul- und Universitätslehrer freuten sich, wenn sie eine Gruppe Kinder um sich scharten, denen sie etwas Hübsches aus der europäischen Kultur erzählen konnten. Doch wenn eine deutsche Inspektion angesagt war, dann verschwand das bißchen bedruckte Papier, und ein paarmal, als die Uniformierten unerwartet auftauchten, zerstreuten wir uns in aller Eile und gerade noch rechtzeitig. Dabei war es nur eine der unregelmäßigen »Klassen« gewesen, wo ein Erwachsener uns etwas erzählte oder ein Gespräch mit uns führte. Ich hab in Theresienstadt keinen Gegenstand regelmäßig gelernt und geübt. Das war unter den gegebenen Bedingungen unmöglich.
Bücher gab es wenige, sie waren dementsprechend geschätzt und wurden mit großer Vorsicht behandelt und herumgereicht. Da war ein Kunsthistoriker, der ein Kunstbuch mit Bildern hatte, die er uns vorführte und erläuterte. Dürer, die Haare am Hasen, Gesichtszüge der Menschen, Flächen, Proportionen, die vier Apostel. Alles neu: Ich war noch nie in einem Museum gewesen, Juden durften da ja nicht hin. Da war ein Lehrer, der mit ein paar interessierten Kindern ein wenig Literaturgeschichte trieb, abends, nicht oft, in einer winzigen Vorratskammer. Ein Junge, der wußte, was die »Edda« war, nahm teil. Meine Unwissenheit beschämte mich. Eine alte Dame suchte mir in dem überfüllten Raum, wo sie lebte und wo es nie eine Minute lang ruhig war, beizubringen, wie man Gedichte richtig laut liest. Eichendorffs »Mondnacht«: »Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus.« Das hätte ich besonders schön gelesen, sagte sie anerkennend. Ich glaube mich zu erinnern, daß Frühling und Sommer 1943 strahlende Jahreszeiten in Theresienstadt gewesen sind. Ich schrieb sehnsüchtige Gedichte über Heimat und Freiheit.
Leo Baeck redete zu uns auf dem Dachboden. Wir saßen zusammengedrängt und hörten den berühmten Berliner Rabbiner. Er erklärte uns, wie man die biblische Geschichte von der Schöpfung der Welt in sieben Tagen nicht verwerfen müsse, weil die moderne Wissenschaft von Millionen Jahren weiß. Relativität der Zeit. Gottes Tag ist nicht wie unsere Tage und hat nicht etwa nur 24 Stunden. In der Reihenfolge hingegen stimme die Überlieferung genau mit der Wissenschaft überein: Erst schuf Gott die anorganische Welt, dann die Lebewesen, zuletzt den Menschen. Ich war ganz bei der Sache, berührt erstens von der festlichen Stimmung, wie wir eng unter den nackten Balken saßen, und zweitens von diesen so schlicht und eindringlich vorgetragenen Ideen. Er gab uns unser Erbe zurück, die Bibel im Geiste der Aufklärung, man konnte beides haben, den alten Mythos, die neue Wissenschaft. Ich war hingerissen, das Leben würde noch schön werden. Baeck muß ein hochbegabter Prediger gewesen sein – wie würde ich mir sonst das alles gemerkt haben? –, dieser treuherzige deutsche Bürger, von dem ich später mit Befremden las, er habe noch seine Gasrechnung bezahlt, als die Ausheber, die Schergen, vor der Tür seiner Berliner Wohnung standen, ihn abzuholen. Wollte er einen guten Eindruck hinterlassen, Risches vermindern, bevor man ihn abschleppte? Schildbürger waren die Juden, wie sie das Licht aus Säcken im finsteren Rathaus ausgossen.
[...] Ich hab Theresienstadt irgendwie geliebt, und die neunzehn oder zwanzig Monate, die ich dort verbrachte, haben ein soziales Wesen aus mir gemacht, die ich vorher in mich versponnen, abgeschottet, verklemmt und vielleicht auch unansprechbar geworden war. In Wien hatte ich Ticks, Symptome von Zwangsneurosen, die überwand ich in Theresienstadt, durch Kontakte, Freundschaften und Gespräche. Es ist erstaunlich, wie kreativ gesprächig die Menschen werden, wenn sie nur das Gespräch als Ablenkung aus einer Not, die allerdings noch erträglich sein muß, haben. Sie hat doch recht gehabt, die Frau meines Kollegen, Theresienstadt war nicht so schlimm. Aber wie kommt sie dazu, so mit mir zu reden, wenn doch alles, was von den Deutschen kam, ein einziges Elend war, und das Gute nur von uns, den Gefangenen? Deren Stimmen mir noch immer im Ohr hängen, totschlagen mußte man sie, um sie zum Schweigen zu bringen, und gesegnet sei ihr Andenken. Das meiste, was ich über soziales Verhalten weiß (und es ist gar nicht so wenig, ich bin ein verläßlicher Mensch geworden), habe ich von den jungen Sozialisten und Zionisten gelernt, die in Theresienstadt die Kinder hüteten – bis sie sie ausliefern mußten und selbst ausgeliefert wurden. Da war jede Menge an Mangel und keine Grenze der Beschränkung. Wenn das gut ist. Gut war nur, was die Juden daraus zu machen verstanden, wie sie diese Fläche von weniger als einem Quadratkilometer tschechischer Erde mit ihren Stimmen, ihrem Intellekt, ihrer Freude am Dialog, am Spiel, am Witz überfluteten. Was gut war, ging von unserer Selbstbehauptung aus. So daß ich zum ersten Mal erfuhr, was dieses Volk sein konnte, zu dem ich mich zählen durfte, mußte, wollte. Wenn ich mir heute die unbeantwortbare Frage vorlege, wieso und inwiefern ich Ungläubige überhaupt Jüdin bin, dann ist von mehreren richtigen Antworten eine: »Das kommt von Theresienstadt, dort bin ich es erst geworden.«
Ich hab Theresienstadt gehaßt, ein Sumpf, eine Jauche, wo man die Arme nicht ausstrecken konnte, ohne auf andere Menschen zu stoßen. Ein Ameisenhaufen, der zertreten wurde. Wenn mir jemand vorgestellt wird, der oder die auch in Theresienstadt gewesen ist, schäme ich mich dieser Gemeinsamkeit, versichere dem anderen gleich, daß ich bei Kriegsende nicht mehr dort war, und brech das Gespräch so rasch wie möglich ab, um einem etwaigen Angebot von Zusammengehörigkeit vorzubeugen. Wer will schon Ameise gewesen sein? Nicht einmal im Klo war man allein, denn draußen war immer wer, der dringend mußte. In einem großen Stall leben. Die Machthaber, die manchmal in ihren unheimlichen Uniformen auftauchten, um zu überprüfen, ob das Vieh nicht am Strick zerrte. Da kam man sich wieder letzter Dreck vor, das war man auch. Einem ohnmächtigen Volk anzugehören, das abwechselnd arrogant und dann wieder selbstkritisch bis an die Grenze des Selbsthasses war. Keine Sprache zu beherrschen als die der Verächter dieses Volkes. Keine Gelegenheit haben, eine andere zu lernen. Nichts lernen, nichts unternehmen dürfen.“
Renata Schmidtkunz: Ruth Klüger überlebte die Schoah. „Meine Hartnäckigkeit war mein Glück“, schrieb sie in ihrem Gedicht „Wiener Neurosen“. Gedichte waren für sie auch in Auschwitz ein Überlebensmittel. Zitat: Ich habe den Verstand nicht verloren, ich habe Gedichte gemacht. – Zitatende. Eines dieser Gedichte entstand unter dem Eindruck der Öfen in Auschwitz. Aufschreiben konnte Ruth Klüger ihre Gedichte nicht, denn sie hatte kein Schreibwerkzeug, so lernte sie die Gedichte auswendig und trug sie manchmal ihren Mithäftlingen vor. Nach der Schoah verschickte die 15-Jährige ihre Gedichte an deutsche Verlage und Zeitungen, um zu beweisen, dass ihr und den anderen Kindern die Ungeheuerlichkeit dessen, was in den Lagern vorging, klar war. Zitat: Wir waren hellwach, wir Kinder, vielleicht nie wieder so hellwach wie damals. – Zitatende.
Martina Ebm wird nun Ruth Klügers Gedicht „Der Kamin“ vortragen.
Danach hören Sie das Streichquartett Nr. 1 A-Dur, op. 4, 3. Satz Breit und kräftig von Alexander Zemlinsky, gespielt von – ich darf noch einmal die Namen erwähnen – Raimund Lissy, Dominik Hellsberg, Christoph Hammer und Stefan Gartmayer, denen ich auch herzlich danke.
Ich darf mich an dieser Stelle von Ihnen verabschieden und ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit!
Lesung: „Der Kamin“ von Ruth Klüger
Martina Ebm: Der Kamin
Täglich hinter den Baracken
Seh ich Rauch und Feuer stehn.
Jude, beuge deinen Nacken,
Keiner hier kann dem entgehn.
Siehst du in dem Rauche nicht
Ein verzerrtes Angesicht?
Ruft es nicht voll Spott und Hohn:
Fünf Millionen berg' ich schon!
Auschwitz liegt in meiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
Täglich hinterm Stacheldraht
Steigt die Sonne purpurn auf,
Doch ihr Licht wirkt öd und fad,
Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht.
Blick zur roten Flamme hin:
Einzig wahr ist der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
Mancher lebte einst voll Grauen
Vor der drohenden Gefahr.
Heut' kann er gelassen schauen,
Bietet ruh’g sein Leben dar.
Jeder ist zermürbt von Leiden,
Keine Schönheit, keine Freuden,
Leben, Sonne, sie sind hin,
Und es lodert der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt.
Hört ihr Ächzen nicht und Stöhnen,
Wie von einem, der verschied?
Und dazwischen bittres Höhnen,
Des Kamines schaurig Lied:
Keiner ist mir noch entronnen,
Keinen, keine werd ich schonen.
Und die mich gebaut als Grab
Schling ich selbst zuletzt hinab.
Auschwitz liegt in meiner Hand,
Alles, alles wird verbrannt. – 1944.
Raimund Lissy, Dominik Hellsberg, Christoph Hammer und Stefan Gartmayer intonieren zum Abschluss der Veranstaltung aus dem Streichquartett Nr. 1 A-Dur, op. 4 von Alexander Zemlinsky III. Breit und kräftig.
(Beifall.)