Transkript

Buchpräsentation „Laurenzerberg“ von Christoph Zielinski

 

26. November 2025

XXVIII. Gesetzgebungsperiode

Lokal 3 | Theophil Hansen

Abteilung 1.4/2.4
Stenographische Protokolle
 

Buchpräsentation „Laurenzerberg“ von Christoph Zielinski

Programm

Eröffnungsworte

Doris Bures – Dritte Präsidentin des Nationalrates

Lesung aus „Laurenzerberg“

Julya Rabinowich – Schriftstellerin

Gespräch mit dem Autor

Christoph Zielinski – Autor

Karl-Heinz Grundböck – Parlamentssprecher

Publikumsrunde

Möglichkeit für Fragen aus dem Publikum

Schlussworte

Harald Dossi – Parlamentsdirektor

Moderation

Karl-Heinz Grundböck – Parlamentssprecher

 

Karl-Heinz Grundböck (Parlamentssprecher): Schönen guten Abend! Schön, Sie alle hier zu sehen. Herzlich willkommen hier im österreichischen Parlament! Es ist nicht alltäglich, bei einer Buchpräsentation diesen Saal hier so voll mit Menschen zu sehen. Das wird wohl auch mit dem Buch, das wir heute präsentiert bekommen, und das wird wohl auch mit dem Autor dieses Buches zu tun haben. 

Zu Beginn möchte ich die Gastgeberin und den Gastgeber für diesen heutigen Abend sehr herzlich begrüßen: die Dritte Präsidentin des Nationalrates Doris Bures und den Herrn Parlamentsdirektor Harald Dossi. – Herzlich willkommen! (Beifall.)

Eine besondere Freude ist es, dass der Autor des Buches „Laurenzerberg“, mit dem wir uns heute beschäftigen werden, Christoph Zielinski, hier ist – und ich begrüße den Autor Christoph Zielinski gemeinsam mit der Schriftstellerin Julya Rabinowich, die dann aus dem Buch lesen wird, und die Verlagsleiterin des Ueberreuter-Verlages, Birgit Francan. (Beifall.)

Namentlich begrüßen darf ich auch den Herrn Bundesminister außer Dienst Josef Ostermayer, und ein herzlicher Gruß an alle anwesenden aktiven und ehemaligen Abgeordneten zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates – herzlich willkommen! (Beifall.)

Damit darf ich für die Eröffnungsworte die Gastgeberin des heutigen Abends, die Dritte Präsidentin des Nationalrates Doris Bures, auf die Bühne bitten.

Eröffnungsworte

Doris Bures (Dritte Präsidentin des Nationalrates): Meine sehr geehrten Damen und Herren! Vielen Dank für die freundliche Einleitung. Sehr geehrter Herr Prof. Christoph Zielinski! Lieber Herr Parlamentsdirektor Harald Dossi! Ich freue mich sehr, Sie im Herzen der Demokratie, im österreichischen Parlament, begrüßen zu dürfen.

Also Laurenzerberg: Die Gasse vom Wiener Fleischmarkt herunter – leicht abschüssig – zum Donaukanal ist eine wahrlich kurze, und doch trägt sie den Namen Laurenzerberg. In Wien scheint offensichtlich ein Gefälle zu genügen, um aus einem Gässchen gleich einen Berg zu machen. Diese paar Meter zählen auch nur fünf Hausnummern, dennoch sind sie, historisch betrachtet, dicht gefüllt mit Schicksal. Neben einem ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlager im Haus Laurenzerberg Nummer 1 findet der, der es will, in dieser kleinen Wiener Gasse auch viele Geschichten, so etwa jene Geschichte von Antonia Bauer: Sie wurde kurz nach ihrem 33. Geburtstag, am 30. November 1941, also fast auf den Tag genau vor 84 Jahren, aus ihrer Wohnung, Laurenzerberg Nummer 3, nach Theresienstadt deportiert. Antonia Bauer kehrte nicht mehr nach Wien zurück. Ihre letzte Spur findet sich im Oktober 1944 auf einer Transportliste vom Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz, wenige Monate vor Kriegsende. 

Das Buch von Prof. Christoph Zielinski, das wir heute vorstellen, setzt nun dort an, wo viele dieser historischen Erzählungen enden, nämlich in den Jahren danach, im Wien der Nachkriegszeit, einem Wien, das sich selbst wieder erfand, während viele Menschen vergeblich versuchten, diese Stadt wiederzufinden. Dieses Gefühl, zu Hause zu sein und dennoch fremd, eine Heimat zu betreten, die einen nicht kennt, das zieht sich wie ein feiner, leiser Ton durch diese Nachkriegszeit. Genau diesem Gefühl und dieser Zeit widmet sich Prof. Christoph Zielinski in seinem „Laurenzerberg“, und er beschreibt Menschen, die aus dem kommunistischen Polen geflohen sind, Sicherheit suchten, in Wien gestrandet sind, Menschen, die immer wieder an Grenzen und auf Schweigen stoßen. 

Herr Prof. Zielinski, Sie haben in Ihrem Nachwort auch erwähnt, dass Ihr Buch eng mit Ihrer eigenen Biografie, den Beobachtungen aus Ihrer Kindheit, aus Ihrer Jugend verbunden ist. Sie beschreiben ein Ankommen, das nie gelingt, Nachbarschaften, in denen vieles gedacht, aber viel zu wenig auch angesprochen wird, und Sie zeigen uns ein alltägliches Stolpern über eine Geschichte, der man an sich lieber aus dem Weg gehen würde. Gerade diese leisen, unausgesprochenen Momente machen „Laurenzerberg“ auch so eindringlich. In „Laurenzerberg“ spiegeln sich die österreichischen Nachkriegsjahre wider, und deshalb freut es mich wirklich besonders, dass wir im Gedenkjahr 2025 – 80 Jahre nach Kriegsende, 70 Jahre Staatsvertrag und nach 30 Jahren Beitritt Österreichs zur Europäischen Union – dieses Buch hier im Parlament, im Herzen der Demokratie, präsentieren können.

Die Nachkriegsjahre waren eine Phase des sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus, und vor allem wurde hart daran gearbeitet, diese junge Republik Österreich auf stabile demokratische Beine zu stellen. Heute wissen wir, dass dabei auch viele Fehler gemacht wurden: Täter und Mitläufer wurden allzu leichtgläubig geduldet – in Schulen, in Ämtern, in Ordinationen, an den Universitäten. Die nicht erfolgte Restitution, das Ausbleiben konsequenter strafrechtlicher Aufarbeitung und das lange Schweigen über das Leid der Opfer prägten die Anfänge dieser jungen Zweiten Republik. Die Opferthese wurde zur dominierenden Erzählung. Diese verklärte Einschätzung hat es Österreich aber anfangs leichter gemacht, politisch wiederaufzuerstehen als befreites und nicht als besiegtes Land. Die Opferthese versprach eben Erleichterung, aber sie erzeugte Verdrängung, und Österreich hat es über Jahrzehnte verabsäumt, Schuld und Verantwortung auch klar anzusprechen.

Erst im Juli 1991 – nur ganz wenige Meter von hier entfernt, im Sitzungssaal des Parlaments – sprach Bundeskanzler Franz Vranitzky dieses Verschweigen auch offen an, und er leitete damit einen Wendepunkt in unserer Erinnerungskultur ein. Es folgten die Gründung von Restitutionsfonds, aber vor allem, unter Nationalratspräsident Heinz Fischer, die Gründung des Nationalfonds, dessen 30-jähriges Bestehen wir vor Kurzem im Parlament auch gewürdigt haben. Seither ist der Nationalfonds für alle auch ein sichtbares Zeichen dafür, dass Österreich den Weg des offenen und ehrlichen Umgangs mit seiner Zeitgeschichte auch weiter beschreiten wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich möchte zum Abschluss ganz besonders auch dir, liebe Julya Rabinowich, danken, denn du verleihst, oder leihst, mit deiner Stimme heute diesem Buch auch Leben, und ich habe das Gefühl, es wird viel mehr werden. Die Themen in „Laurenzerberg“ sind auch Teil deiner Biografie, das Heimat-Verlieren und Heimatfinden, das Ankommen und auch Fremdbleiben, die Flucht aus einem autoritären, kommunistischen System und die Erfahrung von Antisemitismus hier in Österreich. Deine Stimme bringt heute viel mehr als dein literarisches Können zum Ausdruck, weil du weißt, wie es ist und was es bedeutet, zwischen Welten zu stehen, und du zu jenen Menschen gehörst, die auch immer alles hörbar machen, was manche nur lesen, und fühlbar machen, vor allem, was ganz viele Menschen verdrängen. Darum, liebe Julya Rabinowich, vielen Dank, dass du heute aus Prof. Zielinskis Buch lesen wirst. (Beifall.)

Ich möchte mich auch dezidiert beim Ueberreuter-Verlag bedanken und ich möchte mich bei Parlamentsdirektor Harald Dossi bedanken, die diesen Abend, die Präsentation angeregt haben, die Einladung zu der heutigen Präsentation dieses Buches ausgesprochen haben. Ich gehe davon aus, die meisten haben es schon gelesen – jenen, die es noch nicht getan haben, kann ich es nur ans Herz legen. Vielen Dank, dass Sie alle heute zu dieser Buchpräsentation gekommen sind. Ich denke, dass Ihr Interesse an diesem Buch zeigt, dass wir heute bereit sind, dort hinzuschauen und dort hinzuhören, wo man viel zu lange und viel zu oft versucht hat, es zu verschweigen. 

Einen schönen Abend und eine würdige Buchpräsentation – und vielen Dank, Herr Professor! (Beifall.)

Karl-Heinz Grundböck: Vielen Dank, Frau Präsidentin! Dann darf ich noch ein paar Worte zum Autor erwähnen – bitte um Nachsicht, wenn ich hier vielleicht auch allzu Bekanntes erzähle –: Prof. Christoph Zielinski ist ja einer der führenden internistischen Onkologen Österreichs. Er ist seit 1992 Professor für Innere Medizin und klinische Immunologie. Seit 2020 ist er Ärztlicher Direktor der Wiener Privatklinik. Christoph Zielinski hat bereits – alles andere wäre ja auch eine Überraschung – zahlreiche medizinische Fachtexte verfasst und publiziert, „Laurenzerberg“ aber ist sein erster Roman.

Bevor ich aber mit Herrn Prof. Zielinski über seinen Roman sprechen darf, wird uns, so wie es Präsidentin Bures schon angekündigt hat, Julya Rabinowich einige Kapitel aus dem „Laurenzerberg“ vorlesen. 

Lesung aus „Laurenzerberg“

Julya Rabinowich (Schriftstellerin): Vielen Dank! Auch vielen Dank für dieses wunderschöne Willkommenheißen – ich habe selten so ein schönes Willkommenheißen gekriegt.

Ich werde drei Ausschnitte aus dem Buch „Laurenzerberg“ lesen. Ich glaube, dass diese drei Ausschnitte sehr gut dazu geeignet sind, einen kleinen Querschnitt durch das Buch zu machen und auch die verschiedenen Aggregatzustände der Betroffenen darzustellen. Ich warne gleich vor: Ich schließe mit einem sehr tragischen Ereignis, weil es mir sehr wichtig erschien, genau mit diesem Ereignis zu schließen, und ich beginne – ganz erstaunlich – eher am Anfang. 

Der erste Text heißt „Rosenberg und das Gefängnis“.

„,Fünf Jahre Gefängnis haben sie mir gegeben, weil ich versucht hätte, Litauen von der Sowjetunion abzutrennen‘, sagte Rosenberg mit heiserer Stimme, als er im Café Dogenhof mit Wacek an einem der Marmortische, wie sie in vielen Wiener Kaffeehäusern standen, saß.

,Das war damals und nach dem Krieg, als ich mit deiner schönen Schwester dieses eigentümliche Verhältnis hatte, das mich bis heute verfolgt, wenn ich an sie denke, und erst recht verfolgt hat, als ich im Gefängnis war und wusste, dass sie sich mit diesen Typen trifft, die mit am Schwarzmarkt gekauften Schnürlsamthosen und der im Mundwinkel angeklebten Zigarette auf Humphrey Bogart machten‘, sagte Rosenberg, ,und jetzt ist sie mit diesem unbegabten Schönling Andrzej verheiratet, dem ich damals das Theaterspielen beigebracht habe, der aber bis heute den Text, den er aufzusagen hat, nicht versteht. Aber immerhin haben wir zwei damals und jetzt einander wiedergefunden‘, sagte Rosenberg zu Wacek, stand auf und küsste ihn auf den Kopf. [...]

An anderen Tischen saßen Frauen mit toupierten blonden Haaren, die in die Höhe ragten, und ab und zu kam ein Mann mit geölter, nach hinten gekämmter Frisur, einer dünnen Krawatte und spitzen Schuhen herein, näherte sich einem der Tische, sprach mit einer der Frauen, die dann meist aufstand und mit dem Mann das Café verließ.

,Gerade ich soll das gewesen sein‘, so Rosenberg weiter, ,wo ich Litauen gar nicht kenne. Aber so sind sie‘, sagte er, bestellte einen Cognac und fragte Wacek, ob er auch einen wolle, doch Wacek verneinte. ,Ab 1945 waren Stalin und dieses Schwein Rokossowski, dieser Agent Stalins, den er zum Verteidigungsminister machen ließ, Polens wahre Herrscher, aber nicht dieser flexible Cyrankiewicz, der sich als Ministerpräsident als unser Mann ausgab, aber gar nicht unserer, sondern ihrer war und bis heute ist, und weiter die Befehle von den Kommunisten bekommt, die wiederum aus Moskau kommen. Bis heute. Ein Verräter ist er, sonst gar nichts‘, sagte Rosenberg. ,Die Russen haben mir fünf Jahre gegeben‘, sagte er, ,der Richter war zwar Pole, aber die, die ihm befahlen, saßen in Moskau und er war ihr Helfershelfer‘, sagte Rosenberg, und dann: ,Sie wollten an mir ein Exempel gegen die Intelligenzija statuieren‘, und trank den Cognac zur Hälfte aus.

,Recht haben sie gehabt, denn nach dem Urteil gegen mich kehrte Ruhe ein und keiner traute sich, etwas gegen die Partei zu sagen. Nicht am Theater, nicht in der Literatur und schon gar nicht in den Zeitungen. Alle haben sich gefürchtet, weil sie an Rosenberg und seine fünf Jahre dachten‘, sagte er, ,obwohl ich gar nicht so heiße, aber sie dachten an Rosenberg und das ist doch komisch, wenn sie an jemanden dachten, dessen Namen ich trage, aber nicht er bin‘, und trank den Rest des Cognacs aus.

,Du kennst den „Pan Tadeusz“ des großen Mickiewicz im Detail?‘, fragte Rosenberg Wacek, der antwortete, dass er ihn natürlich kennen würde, ganze Passagen würde er aus dem Stück deklamieren, denn wer in Krakau würde dieses grandios gewichtige Stück nicht kennen?

,Komisch‘, sagte Wacek, ,hier kennt Mickiewicz niemand, dabei war er so wichtig für uns, und nicht nur für uns, für die ganze Region. Hier kennt ihn keiner, und vom „Pan Tadeusz“ hat überhaupt noch nie jemand gehört. Komische Welt‘, sagte er, ,zwischen der Gottähnlichkeit und der Bedeutungslosigkeit liegen nur 500 Kilometer.‘

,Oder ein paar Jahre‘, sagte Rosenberg, lachte und deutete dem Kellner, dass er noch einen Cognac haben wollte, während Wacek mit einer Geste verneinte.

Rosenberg nach einer Pause: ,Jedenfalls habe ich den „Pan Tadeusz“ am Slowacki Theater inszeniert. Was soll ich dir sagen, was du selbst nicht weißt? Während der Proben sind fremde Männer in den Zuschauerraum gekommen, haben zugehört, sind dann wieder hinausgegangen und haben dabei die Türen zum Zuschauerraum laut zugeschlagen.

Da habe ich mir schon gedacht, dass der „Sicherheit“ meine Inszenierung des Stücks nicht gefallen würde, aber wer könnte schon die Aufführung eines Stücks des großen Mickiewicz verbieten? – Das hätte einen Aufstand gegeben, gerade in Krakau, wo sein Denkmal am Hauptplatz steht.‘

,Hingegen‘, sagte Rosenberg, ,haben sie sich für die Inszenierung beim Regisseur revanchieren können. Du kennst ja die alte Masche: ein mieser Typ, Konterrevolutionär, Teil der Intelligenzija, jüdischer Name, ein Kosmopolit – die Zeitungen waren voll davon, selbst der „Dziennik Polski“ und der „Przekrój“ schrieben darüber. Die Karikaturen im „Przekrój“ sind ja häufig treffend, für das Regime gerade noch akzeptabel, aber bei meiner Verurteilung haben sie mitgetan.‘

,Das Schlimmste für mich aber‘, so Rosenberg weiter, ,war, dass der Schauspieler, der den gewaltigen Anfangstext „Litwo, ojczyzno moja“, der – wie du natürlich weißt – ein Loblied auf die Schönheit Litauens ist, und das Land, das damals gerade Teil der Sowjetunion geworden war, hymnisch als Heimat beschreibt, schlecht, ganz schlecht, sprach, weil er aus Angst, etwas zu rezitieren, was der Partei nicht passen würde, um seine Karriere bangte.

Fast flüsterte er den gewaltigen Text und dennoch erhob sich das Publikum am Schluss von den Sitzen und applaudierte über Minuten und stampfte mit den Füßen und da wusste ich, dass ich dran sein würde. Konterrevolutionäres Verhalten – klare Sache.‘

Und dann sagte er noch: ,Dieser Schauspieler war eben jener Schönling Andrzej, mit dem deine Schwester jetzt verheiratet ist. Hat mich mit ihm betrogen, aber als ich aus dem Gefängnis rauskam und sie schon mit ihm verheiratet war, ihn mit mir‘, und lachte.

Rosenberg trank wieder ein halbes Glas Cognac aus und erzählte weiter: ,Vor Gericht fragte mich der Richter, warum ich bei der Regie gesagt hätte, dass manche Textpassagen traurig und sentimental, andere voll des Gottesglaubens und wieder andere tapfer und kampfbereit vorgetragen werden sollten, wo ich wissen müsste, dass jeder Kampf gegen das Bruderland UdSSR ein Akt gegen Polen selbst und letztlich Hochverrat sei.‘ Und: ,Der Staatsanwalt sagte dann, dass ich im Text die Passage über die schwarze Częstochower Mutter Gottes drin gelassen hätte, um meine jüdischen Wurzeln zu vertuschen, um mich bei der Kirche, die gerade wieder ihr konterrevolutionäres Haupt erheben würde, als Jude einzuschmeicheln; aber so leicht würden sie mir das alles nicht machen, denn sie würden alles wissen.‘

Rosenberg trank den Cognac aus und erzählte weiter: ,Völlig entlarvend wäre es, sagte der Staatsanwalt, und klar ersichtlich, was ich damit hätte sagen wollen, wenn es im Text hieße, dass die ausgedrückte Hoffnung, zu den goldenen Getreidefeldern Litauens zurückzukehren, sich erfüllen würde. Nirgendwo würde meine konterrevolutionäre Einstellung besser zum Vorschein kommen und ich in eben konterrevolutionärer Absicht Litauen von der Sowjetunion abtrennen wollen. Ich wäre eben Teil der zionistischen, antikommunistischen Weltverschwörung.‘

Dafür gab’s dann fünf Jahre in einer Einzelzelle.

Rosenberg schaute in die Runde und auf die anderen Tische, schwieg, legte sein großes Gesicht wieder in seine linke Hand und sagte nach einer Pause: ,Jetzt heißt das Ganze „Tauwetter“ und der Parteiapparatschik Chruschtschow, der immer mit dabei war, ist plötzlich ein Guter, und aufgrund dieser Güte bin ich jetzt hier, bevor sie ihm wieder vergeht.‘“


Ich glaube, es zeigt ganz gut die Stimmung jener Zeit und es zeigt auch ganz gut, worauf man auch heutzutage aufpassen muss.

Der zweite Teil ist etwas sehr Privates, verglichen mit dieser politischen, wie soll ich sagen, Tsunamibildung, zeigt aber auch durchaus Politisches im Privaten.

16. Kapitel: „Wacek und Fela spazieren durch den Prater“

„Der Prater, der nahe bei ihrer Wohnung im 2. Bezirk lag, war verlassen, niemand dort und die Unterhaltungsbuden geschlossen.

Vorbei an im Winter stillgelegten Autodrom-Hallen, in denen die grellen Lichter abgedreht waren, dem Pony-Karussell, in dem vereinzelt noch Rossknödel auf der Sandbahn lagen, am Walfisch, der in Lebensgröße über dem gleichnamigen Lokal angebracht war, an Schießbuden mit heruntergelassenen Rollbalken, vor denen noch die eine oder andere Papierrose am Boden lag, an Karussellen mit Schwänen, Pferden und Straßenbahnwaggons in Miniaturausgabe und den Geisterbahnen und Grottenbahnen spazierten Wacek und Fela durch das im Winter verlassene Gebiet, das im Sommer so sehr aufgeregt war, jetzt aber schlief.

Bei ihrem Spaziergang drehten sie sich im Kreis, gingen manchmal einen Weg, auf dem sie gekommen waren, zurück, dann wieder auf einen anderen Weg, der sie wie in einem Labyrinth an den Ausgangspunkt des Spaziergangs führte, was sie gar nicht wunderte, denn sie hatten es erwartet.

Und so ging auch ihr Gespräch hin und her, denn Fela meinte, dass ihr Krakau mit ihrer Mutter, den Freundinnen, den Planty und den Cafés derart fehlen würde, dass sie es in Wien nicht aushielte.

Denn in Wien wären die Menschen so anders, würden sich derart anders benehmen und keiner würde ihr die Hand küssen, wie sie es von Krakau gewohnt wäre. Vielleicht neigten sich die Männer nach vor und würden einen Handkuss andeuten, manche ungeschickt ihr Kinn in ihren Handrücken rammen, aber ihre Hand wirklich küssen, wie es sich gehörte, würden sie nicht.

Und dann seien die Männer so uncharmant und würden sich nicht darauf verstehen, eine Frau mit Intellekt zu beeindrucken – sie wären eben anders als die Journalisten und Schauspieler und Schriftsteller und Historiker, die sie in Krakau kennen würde, und die sie alle umschmeichelt hätten, auch wenn sie wussten, dass es nur ein Spiel wäre, aber hier verstand sich niemand auf das Spiel und deshalb würden sie auch die Hand nicht küssen, sondern nur so tun als ob.

Wacek bat Fela mehrmals, während sie zwischen den geschlossenen Buden umhergingen, doch Vernunft anzunehmen, denn wie sollten sie denn zurückkehren – wie konnte das gehen?

Sollten sie mit allen Sachen, die sie hier hätten, zurückkehren und eines Tages sagen, dass sie wieder da wären und so tun, als ob nichts passiert wäre?

,Wie soll das gehen?‘, fragte er sie mehrmals.

Fela aber sagte, dass eine Tochter zu ihrer Mutter gehöre und umgekehrt – eine Mutter zu ihrer Tochter, aber ihre Mutter wäre nun so weit entfernt und selbst die Briefe, die sie fast täglich an die Mutter schrieb, könnten nicht ausdrücken, wie sehr sie die Fremde bedrückte.

Wacek aber sagte, dass sie übertreiben würde, dass die Menschen auch hier durchaus nett wären, und sie möge nun an Julyi denken, wie treu und ergeben sie wäre. Sonst aber fiel ihm niemand ein, den er erwähnen könnte, denn sie hatten nur wenige Menschen getroffen – er vielleicht in der Firma, Fela aber gar nicht – und er war sich deshalb dessen bewusst, dass die Einsamkeit und die Fremde drückten.

Das sagte er und lehnte sich gegen eine der mit Brettern zugeschlagenen Schießbuden und weinte. Fela trat zu ihm, versuchte, ihn zu trösten, sagte, dass es ja nicht so schlimm wäre, und dass sie es gemeinsam schon hinkriegen würden, hier zu sein, und ,dann müssen wir schauen, jemand zu werden‘. Jemand, dem sie die Hand würden küssen wollen, wenn man sie ihnen dann nicht entzöge.

Wacek umarmte sie und sie standen zwischen den geschlossenen Buden, weinten und hielten einander fest umschlungen.“


Hiermit geraten wir zum dritten Teil, den ich am dramatischsten und leider auch am aktuellsten finde, in dem auch nicht alles ausgesprochen wird, aber es ist alles doch sehr klar. 

18. Kapitel: „Der Film im Fernsehen und die Schüsse“

„Es war spät am Abend, als das Telefon in der Wohnung, in der Wacek, Fela und das Kind wohnten, läutete. Sie hatten schon geschlafen, doch der schrille Ton des großen schwarzen Telefons, das an der Wand angebracht war, sodass man nur im Stehen telefonieren konnte, war unüberhörbar.

Wacek stand auf, hob ab, am anderen Ende hörte er ein von Weinen unterbrochenes Schluchzen eines Mannes, den er erst später als Szymon erkannte. Wacek fragte mehrmals, was denn los wäre, und Szymon setzte mehrmals an, begann zu sprechen und weinte dann wieder, sodass Wacek nicht verstand, was er sagen wollte. Ohne zu wissen, worum es ging, sagte Wacek, dass er sich anziehen und zur Wohnung am Laurenzerberg kommen würde, denn bei solchem Schluchzen könne nur etwas sehr Wichtiges und vielleicht sogar Tragisches vorgefallen sein.

Und so eilte Wacek schnellen Schritts über die dunkle Praterstraße, in der nur jede zweite Lampe erleuchtet war, vorbei am Kino, vorbei am Spielwarengeschäft, in dessen Auslage bereits das Licht abgedreht war, über den Donaukanal und den Schwedenplatz zum Laurenzerberg. Vor dem Haus parkte der Cadillac, in dem der Chauffeur hinter dem Lenkrad schlief.

Der Hausmeister öffnete das Haustor des großen Mietshauses, nahm das Trinkgeld und sperrte wieder zu. Die Treppe hinauf, unter dem Türspalt Licht, hinter der Wohnungstür laute Stimmen – Wacek läutete. Szymon öffnete, das Taschentuch in der Hand, zu den Augen geführt, sagte: ,Er hat sie alle und dann sich selbst erschossen‘, weinte wieder, ,Rega hat er erschossen, seine Tante hat er erschossen und er, Bronek, ist offenbar Mörder und Selbstmörder.‘

Wacek fragte, woher er das wissen würde. Szymon sagte, dass die Polizei ihn angerufen hätte, weil er der einzige Verwandte von Rega sei. Der Polizist hätte ihn gebeten, dass er kommen solle, um die Toten zu identifizieren, aber – so sagte der Polizist – es bestehe in Wirklichkeit kein Zweifel, dass Rega und Bronek und seine Tante die Leichen wären, aber trotzdem – hätte der Polizist gesagt – müsse es eben sein, weil es eben niemand anderen außer ihm gebe, auch wenn sie in der Wohnung Ausweise gefunden hätten.

,Zieh dich warm an und nimm einen Schal mit‘, sagte Ada, als Szymon und Wacek die Wohnung am Laurenzerberg verließen, um durch die dunklen, menschenleeren Straßen, über die Rotenturmstraße und am Geschäft vorbei, wo das Kind immer über den Alligator oberhalb des Eingangs staunte und davor lange stehen blieb, zur Wohnung von Rega und Bronek am anderen Ende der Wiener inneren Stadt zu gehen.

,Er hatte den Revolver, weil er wegen der Pelze, die Frauen aus wohlhabenden Familien in sein Depot gaben, die dort während der warmen Jahreszeit gereinigt und dann aufgehoben wurden, Angst hatte, überfallen zu werden‘, sagte Szymon, ,auch wenn ich das immer für Flausen gehalten habe. So ein Blödsinn – wer hätte ihn schon überfallen sollen ...‘

Vor dem Haus standen einige Menschen, eine Frau lief auf Szymon zu, weinte, sagte: ,Der gnädige Herr hat mich angerufen, rief ins Telefon, die Nazis wären wieder da, er würde sie im Fernsehen sehen und ich solle jetzt auf mich aufpassen‘, und: ,Er selbst wisse, was zu tun wäre, denn ihn und seine Familie würden sie diesmal nicht bekommen.‘

Szymon ging zu einem Polizisten, verschwand mit ihm im Haus, kehrte nach einer Weile wieder zurück, sagte zu Wacek, der auf ihn gewartet hatte: ,Entsetzlich, die ganze Wohnung ist voller Blut und alle drei tot, Rega und die Tante in ihren Betten erschossen, Bronek vor dem immer noch laufendem Fernsehapparat am Boden.‘

,Kümmern Sie sich bitte um den Dalmatiner, er hat als Einziger überlebt‘, bat Szymon die Frau, gab ihr einen Geldschein und sagte zu Wacek: ,Gehen wir, wir haben hier nichts mehr verloren‘, und wiederholte auf dem Weg durch die Straßen zum Laurenzerberg mehrmals: ,So viel Blut‘, und dann: ,So einsam sind wir. So einsam‘, und dann: ,Dazu haben sie alles überlebt, damit das dann passiert.‘

Dann waren die zwei Männer zurück am Laurenzerberg und Szymon setzte sich im Mantel an den Esstisch, legte seinen Kopf in die aufgestützten Hände und schrie, während er weinte. So ging das einen guten Teil der Nacht, bis er ermattet den Kopf auf die Hände, die auf der Tischplatte lagen, sinken ließ und einschlief.“


Vielen Dank. (Beifall.)

Karl-Heinz Grundböck: Julya Rabinowich, vielen, vielen Dank für diese äußerst eindrucksvolle Lesung aus dem Buch „Laurenzerberg“!

Gespräch mit dem Autor

Karl-Heinz Grundböck: Damit darf ich den Autor des Buches, Prof. Christoph Zielinski, zu mir auf die Bühne bitten – und ich darf Ihnen dann auch gleich das Mikrofon in die Hand drücken.

Herr Professor, ich beginne mit einer einigermaßen erwartbaren Frage: Sie sind ein auch weltweit anerkannter Onkologe und Sachbuchautor für zahlreiche medizinische Fach- und Sachbücher. Was war für Sie der Anlass, um einen Roman zu schreiben?

Christoph Zielinski (Autor): Ich glaube, ohne dass ich jetzt Anmaßungen habe, aber es haben ja viele Menschen Professionen und dann anderes getan: Umberto Eco, ein Kunsthistoriker; selbst Arthur Rubinstein war Pianist und hat ein Buch geschrieben. Ich glaube, es ist notwendig, dass man irgendwann einmal Dinge sagt, die einem abgesehen von der beruflichen Tätigkeit wichtig sind, denn in unserer beruflichen Tätigkeit vergessen wir natürlich vieles, was uns bewegt, weil wir ja den Tag bewältigen müssen. Den Tag zu bewältigen, ist ja nicht leicht, besonders auch, wenn ich mir das hier so ansehe: Es ist ja nicht leicht, den Tag zu bewältigen. Trotzdem schleppen wir vieles mit uns mit – und irgendwann einmal ist es Zeit, zu sprechen.

Karl-Heinz Grundböck: Wie war das für Sie mit dem Übergang vom wissenschaftlichen Schreiben hin zu dieser literarischen Sprache des Buches?

Christoph Zielinski: Das ist natürlich eine ganz andere Geschichte. Ich habe weit über 600 Publikationen verfasst, allerdings ist das alles in einem Slang. Wir sprechen ja einen Slang, wir sprechen in Wirklichkeit ja einen Dialekt. Und wenn wir glauben, wir können Englisch: Ja, wir können Englisch, aber nur das, was wir sonst wissen oder womit wir uns beschäftigen. Es ist also in Wirklichkeit eine ganz andere Sprache. Hier ist es natürlich schwierig, eine eigene Sprache zu finden, eine eigene Sprache zu entwickeln und gleichzeitig natürlich – und da zitiere ich meinen Freund Herbert Lackner, der dort sitzt – etwas von sich preiszugeben, das nicht unbedingt so leicht preiszugeben ist. Das erfordert natürlich auch – aus meiner Sicht – einen gewissen Mut, den man komischerweise erst dann bekommt, wenn man nichts mehr zu verlieren hat, indem man so alt ist wie ich.

Karl-Heinz Grundböck: Eine persönliche Frage: Wie viel Biografisches ist in diesem Buch verpackt?

Christoph Zielinski: Persönlich-Biografisches eigentlich sehr wenig, aber es ist sehr, sehr viel kondensiert an Biografie drinnen. Das heißt also, das sind alles Menschen, die es tatsächlich gegeben hat, aber nicht in einer Person – wiewohl es das, was Julya gerade vorgelesen hat, dieses dritte Kapitel, tatsächlich gegeben hat. Diesen Vorfall hat es tatsächlich gegeben. Die Adresse war Naglergasse, und das ist tatsächlich vorgefallen. Ich weiß auch, wer jetzt dort drin wohnt, aber ich sage es nicht. 

Karl-Heinz Grundböck: Ich möchte auch ein bisschen den Bogen spannen zu den Eröffnungsworten von Präsidentin Bures, die eben auch diese politische Situation in den Sechzigerjahren beschrieben hat. Dazu auch die Frage an Sie: Wie haben Sie persönlich genau auch diese Zeit oder diese Sprachlosigkeit dieser Zeit erlebt?

Christoph Zielinski: Ich glaube, dass die Zeit unendlich komplex war. Man muss sich das ja überlegen, was das Schweigen alles bedeutet hat. Hier haben alle geschwiegen. Es haben alle geschwiegen. Diejenigen haben geschwiegen, die aus den Konzentrationslagern gekommen sind, die auch zum Teil im Parlament hohe und höchste Ämter gehabt haben. Es haben Menschen geschwiegen, die schuldig gewesen sind. Es haben Menschen geschwiegen, die unschuldig gewesen sind, aber trotzdem Schreckliches erlebt haben. Es haben Menschen geschwiegen, die Opfer waren, weil sie sich geschämt haben, die Opfer zu sein. Und langsam, langsam ist in den späten Sechzigerjahren dann erst herausgekommen, dass man zu sprechen begonnen hat. Da gibt es die berühmte Geschichte von Thomas Bernhard vor dem damaligen Kultusminister Piffl-Perčević, wo Piffl-Perčević ihm eine schmieren wollte, weil er zu sprechen begonnen hat und sich so aufgeregt hat, dass er die Fäuste geballt hat und dann den Saal verlassen hat. Das war bei der Verleihung des Literaturpreises.

Dann kam eigentlich der Umschwung 1970, muss man ehrlich sagen, als dann plötzlich begonnen wurde, zu sprechen, als es auch veröffentlicht wurde, als langsam – und da schaue ich wiederum Herbert an – im „Profil“ die Geschichten mit Friedrich Peter herausgekommen sind, die Geschichten mit Wiesenthal herausgekommen sind und alle diese Konflikte dann plötzlich hervorgebrochen sind, weil es natürlich völlig naiv ist, zu glauben, dass man sagt, Kreisky war jüdisch und Wiesenthal war jüdisch, deswegen haben die einander mögen müssen. – Nein, ganz im Gegenteil, Sie haben einander gehasst, aber darüber hat man nicht gesprochen. Plötzlich hat man darüber sprechen können. Zum Teil spricht man bis heute nicht darüber, weil es noch immer so etwas ist, wo man so ein bisschen latent – sagen wir – eine Gegnerschaft hat.

Karl-Heinz Grundböck: Sie haben zuvor betreffend Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben, gesagt: Irgendwann wird es Zeit, das zu sagen, was zu sagen ist, oder das zu schreiben, was zu schreiben ist. Ich interpretiere das ein wenig irgendwie auch als eine politische Perspektive, und natürlich sind das auch sehr politische Themen, die insgesamt in Ihrem Buch angesprochen werden. Gleichzeitig kommt die Politik selbst in Ihrem Buch so gut wie gar nicht vor. Warum ist das so?

Christoph Zielinski: Die Tagespolitik kommt nicht vor, weil sie angesichts dieser Schrecklichkeiten, die in Wirklichkeit in den Menschen innewohnen, zu banal wäre. War das nun von Interesse, ob jetzt Gorbach sich mit Pittermann verstanden hat oder nicht? Wir haben alle am Aufbau des Landes gebaut oder alle versucht, am Aufbau des Landes teilzuhaben, aber das, was tatsächlich in den Menschen vorgegangen ist, was ja hochpolitisch gewesen ist – und wiederum hat Julya dieses erste Kapitel vorgelesen, in dem Menschen tatsächlich aus Diktaturen gekommen sind, wo es verboten war, Dinge auszusprechen –, dass es hier auch zum Teil auch verpönt war, die Dinge auszusprechen, das darf man nicht vergessen. Es gibt eine Szene, wo zwei Universitätsprofessoren kommen und dem jüdischen Paar im Südbahnhotel gratulieren, dass Israel den Sechstagekrieg gewonnen hat, und sich die eine Frau fragt: Was kann ich eigentlich dafür, dass Israel den Sechstagekrieg gewonnen hat, und warum gratuliert mir der? Natürlich ist das ein Antisemit! – Das heißt also, es ist eine außerordentlich politische Atmosphäre dagewesen, die aber nicht von der Tagespolitik getragen wurde, weil die Tagespolitik – man verzeihe mir das – zu banal gewesen ist, in Relation zu den Schrecklichkeiten, die die Menschen begleitet haben.

Karl-Heinz Grundböck: Vielen Dank. 

Publikumsrunde

Karl-Heinz Grundböck: Ich bin ganz sicher nicht der Einzige, der hier Fragen an Prof. Zielinski hat. Ich würde gerne für Fragen aus dem Publikum aufmachen. Ich würde um ein Handzeichen bitten. Wer hat die erste Frage? Es geht dabei immer um den Eisbrecher.

Julya Rabinowich: Der Erste, der sich meldet, ist ein Held oder eine Heldin. Vielleicht hilft das ja auch.

Karl-Heinz Grundböck: Was wir jedenfalls in Aussicht stellen können, ohne das abgesprochen zu haben: Wer die erste Frage stellt, bekommt das erste signierte Exemplar. – Bitte. (Heiterkeit.)

Fragestellerin: Sind Sie mittlerweile hier jetzt ganz angekommen?

Christoph Zielinski: Ach, ich bin überhaupt ganz angekommen. Ich war ja vier Jahre, als ich nach Wien gekommen bin. Ich meine, ich bin ein Wiener. Ich bin einer derer, die ein Zeichen dafür sind, was Wien letztlich bedeutet hat und was Wien immer war – ein Schmelztiegel von Menschen, die viel beigetragen haben und die sich hier zu Hause fühlen –, aber, wie es so häufig ist, ich liebe nicht unbedingt die Zuneigung, die sich manifestiert – oder auch umgekehrt.

Karl-Heinz Grundböck: Ein weiteres Handzeichen – ich glaube, wir sind alle schon so gespannt, das selbst zu lesen –, Herr Josef Ostermayer.

Christoph Zielinski: Das ist interessant. In der Wissenschaft ist es so, dass jeder sich als Erster meldet, weil er den Vortragenden kaputt machen möchte (Heiterkeit) und ihm beweisen möchte, dass wir wissen, was einen abendländischen Intellektuellen auszeichnet: dass er einem anderen abendländischen Intellektuellen beweist, dass er ein Trottel ist.

Josef Ostermayer: Ich stelle jetzt die üblicherweise letzte Frage: Schreibst du schon am nächsten Buch und wovon handelt es?

Christoph Zielinski: Ja, ja, das wird schrecklich. Es kommt im März heraus und handelt in der jetzigen Ukraine in den Jahren 1935 bis etwa 1946, 1947. Es ist deutlich mehr von meiner Familiengeschichte getragen, und das Schreckliche an der Geschichte ist, dass alle schuldig sind. Es ist niemand unschuldig. Ich glaube, dass das ein politisch sehr interessantes Buch ist, besonders wenn man die Zeit beobachtet, in der man lebt. Es gibt keine Guten. (Zwischenruf.) – Nein, es gibt keine. Niemand ist in allen Aspekten gut. (Heiterkeit. – Neuerlicher Zwischenruf.) – Viele, ja. Ja, aber niemand ist in allen Aspekten gut. Nur die Schlechten sind in allen Aspekten schlecht. Obwohl, weißt eh: die Autobahnen, immerhin. (Heiterkeit des Redners.)

Karl-Heinz Grundböck: Weitere Fragen? Bitte, hier. Ja, das Mikrofon kommt sofort, ich bitte, sich noch ganz kurz zu gedulden.

Fragesteller: Meine Mutter kam aus Polen, war in einer Familie groß geworden, in der gleichzeitig Deutsch und Polnisch gesprochen wurde, und sehr viele von meinen Verwandten sind rechtzeitig nach Österreich oder nach Deutschland gekommen. Ich habe die Erfahrung gemacht – die Polen waren alle Katholiken oder wahrscheinlich gar nichts –, dass die Polen hier eigentlich sehr gut angekommen sind, weil sie in eine bereits bestehende polnische Community hineinkamen, während meine Mutter mit ihrem schlesischen Akzent eigentlich bis zum Schluss hier eine Fremde geblieben ist. Also es geht wahrscheinlich vielen so, die von anderswo herkommen und denen man anmerkt, dass sie nicht von hier sind. Denn es gibt den alten Spruch: Ich habe nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier.

Christoph Zielinski: Sie werden lachen. Ich habe mit meinen Eltern zu Hause immer Polnisch gesprochen, und mein Vater war aus Lemberg. Nun gibt es diesen typischen Lemberger Akzent im Polnischen, der die Laute sehr dehnt. Ich glaube, dass das der Einfluss der deutschen oder der österreichischen Sprache ist, der sich dort bemerkbar gemacht hat. Ich habe als Kind ja keine andere Exposition gehabt, als diese Sprache zu hören, und habe mit meinen Eltern immer zu Hause Polnisch gesprochen, und ich spreche bis heute mit einem Lemberger Akzent – und ich war nie dort. (Heiterkeit des Redners.) Ich war nie dort, weil Lemberg schon längst ukrainisch gewesen ist, als ich zur Welt gekommen bin. Meine polnischen Freunde, die ich immer jetzt anfalle, wenn ich sie sehe, damit ich ein bisschen Polnisch übe, finden das immer extrem amüsant, dass ich einen Lemberger Akzent habe, weil sie sagen: Wie kommst du dazu? Also es ist ganz interessant, wie unterschiedlich Dinge erlebt werden können.

Fragestellerin: Es ist ja doch ein zeitgeschichtlicher, historischer Roman. Mich würde interessieren: Haben Sie viel recherchiert oder haben Sie das einfach aus Ihren Familienerinnerungen geschrieben oder haben Sie für diesen Roman Quellen studiert?

Christoph Zielinski: Wie anfangs gesagt, ich bin ein wissenschaftlicher Mensch. Natürlich habe ich Quellen studiert, das ist keine Frage, aber das habe ich ein bisschen mehr aus dem Gedächtnis geschrieben. 

Das nächste Buch, das jetzt im März erscheinen wird, ist ein außerordentlich recherchiertes Buch, das mir unendlich viel Arbeit gemacht hat, das zwei, drei Jahre an Lektüre gebraucht hat und auch sehr, sehr viel an Quellenangaben hat. Das, was, glaube ich, ein bisschen aus dem Erfahrungswert heraus bemerkenswert und historisch bemerkenswert ist, ist das Plakat von Kanzler Klaus: „Ein echter Österreicher“. Das ist etwas, was, glaube ich, sehr, sehr vielen Menschen unendliches Entsetzen bereitet hat. Das ist auch etwas, woran ich mich als Kind noch erinnern kann – so ein Kind war ich damals nicht, das war 1970, da war ich schon 18; aber das war etwas, was durchaus eine katastrophale Dimension gehabt hat. 

Stephan Mussil ist da. Wir waren gemeinsam in der Schule. Wir haben tatsächlich antisemitische, kriegsgeprägte Lehrer gehabt. Wir haben einen Geschichtslehrer gehabt, der uns erzählt hat, wie es gewesen ist, als er Russen erschossen hat. Der berühmte Ausspruch war: Drei waren wir, der Weber und ich! Und er ist mit dem Maschinengewehr losgegangen: wie er auf die Russen geschossen hat. Wir haben einen Lateinlehrer gehabt, der Klassenvorstand war und – damals war Tito zu Besuch in Wien – gesagt hat: Tito und ich sind ja lange Freunde, wir haben uns im Karst kennengelernt, nur war ich bei der Gestapo und er war bei den Partisanen! – Kannst du dich erinnern? (Stephan Mussil: ...!) – Genau. Da gab es eine Vielzahl solcher Beispiele. Und wir reden jetzt nicht über das Jahr 1437, das sind alles tatsächlich am Leben seiende Menschen. 

Wir haben einen anderen Lehrer gehabt, ein Physiklehrer, der gezittert hat, weil er von irgendeinem eingestürzten Gebäude verschüttet worden ist. Also das sind alles Tatsachen, die es gegeben hat. Ich habe einen Philosophielehrer gehabt, das war, glaube ich, 1968 oder 1969 – der ist aus dem Theresianum versetzt worden, weil er eine Schülerin, nein, eine Lehrerin belästigt hat –, der klar nationalsozialistische Positionen vertreten hat.

Also das ist die Zeit, über die wir sprechen, und das, meine Damen und Herren, sind wahrscheinlich auch Ihre Lehrer gewesen, wie Sie da sitzen – entweder waren sie gescheit oder es ist nicht aufgefallen. 

Fragestellerin: Sind Ihre Eltern auch hier ganz angekommen?

Christoph Zielinski: Ja, ja – so, ja.

Fragestellerin: Oder haben Sie ständig das Gefühl vermittelt bekommen, doch Fremde zu sein? Das würde mich interessieren.

Christoph Zielinski: Schon, ja. Es gab kaum einen Tag, an dem nicht irgendwer gesagt hat: Was für ein Landsmann sind Sie? Es gab kaum einen solchen Tag. Also es war nicht so, dass das so simpel gewesen wäre. Wobei ich natürlich sagen muss: Wissen Sie, ich meine, man muss das ja umdrehen. Man muss ehrlich sagen, ich meine, wir verdanken Österreich sehr vieles. Das muss man schon auch sagen. Bei aller Kritik und bei aller, sagen wir, Differenziertheit, wie man das Land sieht, aber ich persönlich verdanke diesem Land meine Karriere, das muss ich schon sagen, und die war nicht so schlecht.

Ich meine, auch da sind wir wiederum auf die Universität gekommen, und da war so eine Gruppe von eher liberal denkenden Professoren – links der Mitte, rechts der Mitte, aber Mitte und bisschen links der Mitte, so wie halt Akademiker sind –, und da war schon auch eine Gruppe von entschlossen nationalsozialistischen Professoren, nationalsozialistisch eingestellten Professoren – und ich rede da vom Jahr 1990. Das war nicht so, dass das in irgendeiner Art und Weise verständlich gewesen wäre, dass Frau Firnberg gekommen wäre und alles wäre rosig gewesen – gar nicht. 

Ich meine, das waren keine leichten Bandagen, die wir erlebt haben – diejenigen, die letztlich das Universitäts-Organisationsgesetz implementiert haben –: Das war bis in die Neunzigerjahre an und für sich nicht der Fall. Also das waren schon komplexe Zeiten, bis zum heutigen Tag.

Mein erster Chef war sehr lustig. Mein erster Chef war der Sohn einer Dame, die die beste Freundin von Josef Weinheber war. Das sage ich nur so. Mein zweiter Chef hingegen war einer der Gründungsmitglieder des BSA und hat alle Nazis aufgeschrieben. Er ist nicht gerne nach Hause gegangen. Da war so eine – Entschuldigen Sie die Anekdote – Situation, dass er immer einen Oberarzt für sich auf die Station befohlen hat, der die Station hat organisieren müssen, und das war ich. Das war immer schrecklich, weil das Leben perdu war, weil Sie um 8 Uhr dort hingekommen sind und bis 22 Uhr bleiben mussten, sonst hat es keine Karriere gegeben. Unglücklicherweise habe ich das offensichtlich gut gemacht, also habe ich das vier Jahre machen dürfen. Als Ergebnis dessen sind wir dann immer wieder im Hof gestanden, weil er ungern nach Hause gefahren ist, und er hat mir immer erzählt und hat immer gesagt: Schau, da oben hat der Visite gemacht, der hat mit der Peitsche gegen die Stiefel geschlagen, weil er in der SA-Uniform Visite gemacht hat, der hat so und so geheißen, und schau, jetzt ist er Primarius in diesem oder jenem Spital! – Ich habe sie alle beim Namen gekannt. Ich kenne sie ja alle, und ich habe sogar von einem dieser Herren zu meiner Professur ein Bild bekommen, bei dem ich nicht gewusst habe, was ich damit machen soll. Dieses Bild von Richard Strauss habe ich noch immer: dem Herrn Professor sowieso in enger Verbundenheit, 1943. – Ich kann es herzeigen, ich habe es. (Heiterkeit des Redners.)

Fragestellerin: Sie erklären hier sehr schön und dann wahrscheinlich auch im Buch – ich habe es noch nicht lesen können, weil es heute erst - - (Christoph Zielinski: 25 Euro!) – die Ansichten der einzelnen Personen. Aber bitte, es sind Wahlkämpfe geführt worden: Klaus, ein „echter Österreicher“ (Christoph Zielinski: Sage ich ja!) – und Kreisky nicht? Also das ist ja total offen gesagt worden, wie das ist.

Oder jetzt: Ich bin erst 1946 im Mai nach Wien gekommen. Wir gehören zu den Migranten erster Generation (Christoph Zielinski: Von wo sind Sie gekommen?), das hat mir vorige Woche ein Sektionschef des Innenministeriums erklärt. Da gibt es die Gruppe der Migranten erster Generation, das sind die, die wegen Hitler nicht in Österreich geboren wurden. Und das sind solche Dinge, bei denen man denkt: Ich bin schon angekommen, ich gehöre hierher, ich bin keine Migrantin erster Generation. – Das ist das, was sich jetzt, finde ich, mehr einschleicht: das sozusagen Nicht-von-hier-Sein. 

Christoph Zielinski: Ich sage auch immer, wenn ich auf der Krankenstation bin und dort von sieben Schwestern fünf aus dem Ausland sind: Ausländer raus! Und jetzt gehen wir, und ich auch! (Heiterkeit des Redners.)

Karl-Heinz Grundböck: Hier ist noch eine Frage. 

Fragestellerin: Rund um den Wahlkampf Waldheim habe ich in der Zeitung gelesen, 20 Prozent der Österreicher seien Antisemiten. Und ich habe mir gedacht: Die sind dann sehr gut verteilt, weil ich, wo ich gehe und stehe, immer wieder etwas höre und auch solche treffe. Und jetzt habe ich diesen Eindruck wieder. Wie sehen Sie das?

Christoph Zielinski: Ja, ich glaube, es ist viel, viel, viel mehr. Gnädige Frau, das ist die Zahl der Menschen, die sich dazu bekennen. Das sind die, die auf eine offene Frage: Finden Sie die Juden mies?, sagen: Ja! Das sind dann die 20 Prozent. Und die anderen sagen: Na schau, das ist ein Jude, aber ein netter Mann!

Karl-Heinz Grundböck: Hier ist noch eine Frage. 

Fragesteller: Ich möchte mich noch einmal zu Wort melden. Ich habe heute den Medien entnommen, dass bei einer Ausgrabung festgestellt wurde, dass die Neandertaler Frauen, die von anderswo gekommen sind, umgebracht und gegessen haben, wahrscheinlich nicht als Femizid, sondern weil sie Fleisch gebraucht haben. (Christoph Zielinski: 50 : 50!) Aber jedenfalls ein Faktum ist: Offensichtlich sitzt der Neandertaler in uns allen immer noch drinnen und ist nicht wegzubringen. 

Ich sage nur ein Beispiel: Ich wohne seit neun Jahren in einer Kleinstadt in Niederösterreich, bin Wiener. Meine Familie geht jeden Sonntag brav in die Kirche, sitzt am selben Platz, tauscht mit den Umsitzenden auch brav den Friedensgruß. – Es hat noch nie jemand das Wort an uns gerichtet. Es ist mir nicht gelungen, und ich bin ein durchaus kommunikativer Mensch, mit jemanden ins Gespräch zu kommen, weil wir die anderen sind. Wir sind genauso katholisch, wir sprechen genauso Deutsch, wir sind genauso Österreicher; aber es sitzt einfach der Neandertaler in uns drinnen, und darüber kann man lachen oder weinen. 

Christoph Zielinski: Da gibt es die Szene im Kaufmann von Venedig: Wenn man uns schneidet, fließt kein Blut, und wenn wir leiden, leiden wir nicht? Genau diese Szene gibt es im Kaufmann von Venedig. 

Aber, wenn ich das sagen darf, ich habe auch diese entsetzliche Meinung: Ich glaube, emotional sind wir nicht weitergekommen – intellektuelle Norm, aber emotional sind wir nicht weitergekommen. Kaum gibt es die Gelegenheit, sich schlecht zu benehmen, benimmt sich der Mensch schlecht. Entschuldigung, aber das ist meine Überzeugung, Meinung und auch meine Erfahrung. Ich brauche nur herumzuschauen, man braucht ja nur herumzuschauen. Ich meine, diese Schrecklichkeiten, die man hört: dass Leute auf eine Safari in das belagerte Sarajewo gefahren sind. Ich meine nur, dass wir wissen, wovon wir sprechen, über welche Entsetzlichkeiten wir reden – kaum gibt es eine Möglichkeit – das hat nichts mit Nationalitäten zu tun, aber das ist auch das, was in Bosnien passiert ist –, kaum wird etwas erlaubt. Amerikaner führen, wo wir hingefahren sind, irgendwelche Leute, die eingewandert sind, in einer Art und Weise und mit einem Verlust der menschlichen Würde ab, dass es ja zum Speiben ist – zum Speiben ist viel zu gut: zum Entsetzen ist! Da sieht man plötzlich, wozu der Mensch in der Lage ist, kaum dass man es ihm erlaubt. Das ist ja grauenhaft.

Karl-Heinz Grundböck: Julya Rabinowich. Ich glaube, Sie haben noch eine Anmerkung. 

Julya Rabinowich: Ganz wichtig bei all dem Aufgezählten ist: Es ist nur ein Teil der Menschen, und eine ganz große Verantwortung liegt natürlich bei dem anderen Teil. 

Christoph Zielinski: Ja, der Rest hält die Goschn, das ist das Problem. Der Rest hält die Goschn.

Julya Rabinowich: Weißt du, bei der ganz jungen Generation, die ich jetzt ein bisschen mehr wahrnehme, weil ich einfach eine Tochter habe, die mich mit dieser Generation verknüpft, sehe ich sehr wohl eine Spaltung in etwas sehr Ungutes, auch bei den Jungen, und ich sehe gleichzeitig sehr, sehr viele sehr bewusste und sehr soziale junge Menschen. Ich muss sagen, das ist das, was mir eigentlich große Hoffnung gibt. Das ist für mich ganz wichtig, zu sagen. Die sind teilweise wirklich anders, und ich glaube daran. 

Karl-Heinz Grundböck: Vielen Dank, Julya Rabinowich. Dann bleibe ich jetzt noch bei der Hoffnung als Abschluss dieses Gesprächs. Vielen Dank.

Ich glaube aber, es gibt noch viel Gesprächsstoff. Ich glaube, das zeigt einmal mehr die Aktualität dieses Buches. Auch wenn jetzt hier die Sechzigerjahre im Mittelpunkt stehen, dann zeigt sich doch der weite geschichtliche Bogen, der in diesem Thema zu ziehen ist – ob wir bei den Neandertalern sind, ob wir aber dann auch in der aktuellen Zeit sind: Ich glaube, umso mehr sehen wir die Aktualität Ihres Buches.

Vielen Dank, Herr Professor, für dieses Buch, vielen Dank für Ihre Zeit, vielen Dank für dieses Gespräch. Und ich glaube, wir können schon sagen, auch wenn wir uns heute noch mit diesem Buch befassen: Wir freuen uns schon auf Ihr nächstes Buch, das im März nächsten Jahres erscheinen wird. – Vielen Dank. (Beifall.)

Christoph Zielinski: Vladimir Horowitz hat, als er in Wien war, ein Konzert gegeben, da war ein großer Applaus und er hat gesagt: I did not compose it! (Heiterkeit.)

Schlussworte

Karl-Heinz Grundböck: Dann darf ich den Co-Gastgeber des heutigen Abends, Parlamentsdirektor Harald Dossi, ans Rednerpult bitten. 

Harald Dossi: Vielen Dank. Ich könnte jetzt sagen, dass wir dieses Buch heute im Parlament deswegen präsentieren, weil Prof. Zielinski ein guter, ein anerkannter, ein international anerkannter Arzt, als Arzt wichtig für das Parlament ist. Das ist deswegen so, und ich habe ihn damals kennengelernt, weil Prof. Zielinski in den Jahren 2013 und 2014 nicht nur als behandelnder Arzt, sondern auch als Begleiter der damaligen Präsidentin des Nationalrates Prammer unglaublich wichtig war. Ich konnte das aus der Nähe beobachten, und ich bin überzeugt, dass vieles, was Barbara Prammer in den letzten Monaten noch an politischen Projekten vorbereitet und auf die Beine gestellt hat – nicht zuletzt die politischen Grundlagen für das große Projekt der Sanierung dieses Parlamentsgebäudes –, nicht gelungen wäre, wenn es diese Begleitung nicht gegeben hätte. Deswegen hat Christoph Zielinski mehr als einen Wunsch dem Parlament gegenüber offen. 

Ich sage das aber nicht – weil ich glaube, dass das ein gelungenes und wichtiges Buch ist. Ich habe es als ganz besonderen, für mich völlig neuen Blick auf die österreichische Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit gelesen. Ich glaube, es ist wichtig, dass solche Blicke auf uns geworfen werden, aus unterschiedlichsten Blickrichtungen. Für mich war es ein neuer Blick, ein überraschender Blick manchmal. Ich glaube, es ist aber nicht nur im persönlichen Leben, sondern auch im Leben von Gesellschaften wichtig, immer wieder selber diesen Blick über den Tellerrand zu richten, aber auch diesen Blick auszuhalten, damit umzugehen, zu reflektieren und es im besten Falle besser zu machen.

Abgesehen davon ist es unbestreitbar ein aktuelles Buch. Ich glaube, die Diskussion, die heute stattgefunden hat, hat mir das noch einmal bestätigt. Das ist nicht nur ein Thema der unmittelbaren Nachkriegsjahre in Österreich. Es ist ein Thema, das uns leider auch heute noch beschäftigt. In dem Sinne: Das ist der wirkliche Grund, warum wir dieses Buch heute hier vorgestellt haben. 

Der Zeitpunkt ist nicht ganz so passiert. Es hängt ein bisschen auch damit zusammen, dass jetzt bald Weihnachten sein wird, dass wir alle überlegen, was wir zu Weihnachten schenken können. (Heiterkeit.) Ich wünsche nicht nur dem Verlag, sondern auch Prof. Zielinski, dass auch das diesbezüglich ein kleiner Beitrag sein sollte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und für Ihre Teilnahme. – Danke fürs Kommen. (Beifall.)

Karl-Heinz Grundböck: Dann darf ich mich diesem Dank anschließen. Vielen Dank für Ihr Kommen. Vielen Dank für Ihr Interesse. Vielen Dank für die Einladung. Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Beiträge. Und zu dem, was Parlamentsdirektor Harald Dossi schon angekündigt hat, als Möglichkeit für Weihnachten: Die Bücher sind hier beim Ausgang gleich auf der rechten Seite zum Erwerb, und Prof. Zielinski hat sich auch bereit erklärt, die Bücher, die hier erworben werden, zu signieren. – Vielen Dank, noch einen schönen Abend! (Beifall.)