55/SVER
21. April 2026
XXVIII. Gesetzgebungsperiode
Lesesaal
Programm
Eröffnungsworte
Walter Rosenkranz – Präsident des Nationalrates
Impulsgespräch
Emmerich Gärtner-Horvath – Vorsitzender des Volksgruppenbeirates der Roma
Harald Ladich – Vorsitzender des Volksgruppenbeirates der Burgenländischen Kroaten
vertreten durch:
Gabriela Novak-Karall – Vorsitzende des Kroatischen Zentrums / Hrvatski centar
Podiumsdiskussion und Lesung
© Picus Verlag Wien
Gabriela Stojka – Bildungsarbeiterin
Tereza Grandits – Chefredakteurin Hrvatske Novine
Katharina Graf-Janoska – Moderatorin und Redakteurin
Moderation
Thomas Kassl – Dialogplattform Staat & Gesellschaft, Parlamentsdirektion
Musik
Mira Perusich – Musikerin, Gesang und Loopstation
Lesung:
Auszug aus dem Buch „Wir leben im Verborgenen. Aufzeichnungen einer Romni zwischen den Welten“ von Ceija Stojka
© Picus Verlag Wien
Die Veranstaltung beginnt mit der musikalischen Darbietung des Stückes „Jutro rano se ja stanem“, dargebracht von Mira Perusich.
Thomas Kassl (Dialogplattform Staat & Gesellschaft, Parlamentsdirektion): Latscho kirati! Dober večer! Guten Abend! Vielen Dank, lipa hvala an Mira Perusich! Sie hat uns auf eindrucksvolle Weise musikalisch mit ihrem ersten Lied „Jutro rano se ja stanem“ – frühmorgens stehe ich auf – auf diesen Abend eingestimmt. Wir werden noch mehrmals Gelegenheit haben, den Darbietungen der Singer-Songwriterin mit burgenländischkroatischen Wurzeln zu lauschen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren! „Klare Worte | Barikane alava | Jasne riči. Sichtbar werden – präsent bleiben“, so der Titel der heutigen ersten Veranstaltung in der Reihe Literatur am Ring, die sich aus Anlass 50 Jahre Volksgruppengesetz in diesem Jahr insgesamt dreimal den autochthonen Volksgruppen in Österreich widmen wird und diese ins Zentrum rückt. Der heutige Abend steht demnach ganz im Zeichen – und Sie haben es sprachlich bestimmt schon zugeordnet – der kroatischen Volksgruppe sowie der Volksgruppe der Romnja und Roma.
Mein Name ist Thomas Kassl, ich bin stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Dialogplattform Staat & Gesellschaft und ich darf Sie durch den heutigen Abend begleiten. Herzlich willkommen, schön, dass Sie da sind!
Im Jänner wurde mit der Eröffnung der Ausstellung „Wir sind Demokratie“ ein starkes Zeichen zur verstärkten Sichtbarmachung der Volksgruppen im Demokratikum – Erlebnis Parlament gesetzt. Weitere Formate und Inhalte mit Volksgruppenbezug unterstreichen den unverzichtbaren Beitrag der Volksgruppen zu Demokratie und Parlamentarismus das gesamte Jahr über.
All diese Initiativen sind in einem Gesamtkonzept unter dem Leitgedanken „Wir sind Demokratie“ gebündelt, ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit den Volksgruppenbeiräten sowie den Bereichssprecherinnen und Bereichssprechern der Parlamentsfraktionen im Rahmen der Dialogplattform autochthoner Volksgruppen im Parlament hervorgegangen ist.
Durch die eingangs dargebrachte und notwendige Unterstützung der Verantwortungsträger im Parlament Österreich, verbunden mit dem Einsatz, der Professionalität und Expertise aller am Projekt beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Parlamentsdirektion, wurden und werden sichtbare Zeichen des Dialoges und des gelebten Miteinanders aus Überzeugung für eine starke Demokratie gesetzt. Gestatten Sie mir, dass ich an dieser Stelle einige Persönlichkeiten in unserer Mitte begrüße.
Wir begrüßen ganz herzlich den Gastgeber des heutigen Abends, den Präsidenten des Nationalrates, Herrn Walter Rosenkranz. – Es ist uns eine besondere Ehre und Auszeichnung, dass Sie heute hier sind! (Beifall.)
Einen Willkommensgruß – Frau Judith Pfeffer vom Nationalfonds der Republik Österreich, herzlich willkommen! (Beifall.)
Es freut mich sehr, dass ich alle anwesenden Vertreterinnen und Vertreter des Volksgruppenbeirates hier im Parlament begrüßen darf. Ich darf Sie alle willkommen heißen, heute im Besonderen jene der Romnja und Roma sowie der burgenländischen Kroatinnen und Kroaten. Ich darf den Vorsitzenden im Volksgruppenbeirat der Roma, Herrn Emmerich Gärtner-Horvath, sowie die Vorsitzende des Kroatischen Zentrums Gabriela Novak-Karall begrüßen. – Herzlich willkommen! (Beifall.)
Besonders begrüßen darf ich außerdem die Nationalratsabgeordnete und Volksanwältin außer Dienst Terezija Stoisits, den Gesandten der Botschaft der Republik Kroatien, Herrn Josip Špoljarić (Beifall), den Stellvertreter im Volksgruppenbeirat der Roma Andreas Sarközi, die stellvertretende Volksgruppenbeiratsvorsitzende der slowakischen Volksgruppe, Frau Ingrid Konrad, den stellvertretenden Volksgruppenbeiratsvorsitzenden der tschechischen Volksgruppe, Herrn Paul Roth, sowie vom Kulturverein der österreichischen Roma Christian Klippl, und es freut mich ganz besonders, dass die Vorsitzende im Volksgruppenbeirat der Slowenen in Kärnten und der Steiermark, Frau Susanne Weitlaner, unter uns ist. – Herzlich willkommen! (Beifall.)
Einen herzlichen Willkommensgruß an Dienstleiterin Susanna Enk, an Abteilungsleiterin Michaela Brunner aus dem Bundeskanzleramt sowie an die anwesenden Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter der Parlamentsdirektion. Es freut mich, dass Sie alle zu uns gekommen sind!
Abschließend darf ich Ihnen unsere heutigen Podiumsgäste vorstellen und an dieser Stelle begrüßen: Gabriela Stojka, Tereza Grandits, Katharina Graf-Janoska – vielen Dank, dass Sie heute da sind, herzlich willkommen! (Beifall.)
Ich darf nun Sie, sehr geehrter Herr Nationalratspräsident, um Ihre Eröffnungsworte bitten.
Eröffnungsworte
Walter Rosenkranz (Präsident des Nationalrates): Ich habe natürlich eine vorbereitete Rede, sehr geehrte Damen und Herren, aber der Augenblick ist immer etwas ganz Besonderes. Meine Frage ist: Haben Sie eigentlich so eine musikalische Darbietung jemals schon irgendwie live erlebt? So etwas, in dieser Form, und ich kenne sehr viel Musik, habe ich, im positiven Sinne, noch nie hören dürfen. Herzlichen Dank dafür, wie es hier mit Möglichkeiten der Technik geschafft wurde, diesen Klangraum zu erzeugen. Ich glaube nur eines, wenn man nicht gut singen kann, funktioniert es nur mit der Technik auch nicht. Also ich fürchte, selbst mit diesem Gerät würde ich es nicht zusammenbringen. – Herzlichen Dank für dieses Erlebnis und auch für Ihre einzigartige Form der Darbietung. (Beifall.) Wir freuen uns schon auf noch weitere diesbezügliche Programmpunkte.
Ja, die Bibliothek hat natürlich auch etwas ganz Besonderes. Alleine, wenn man hereinkommt und schon das gedruckte, manchmal schon ältere Papier riecht. Als Jurist fühle ich mich hier ganz besonders wohl, wenn ich mir da die Gesetzeswerke alle anschaue, die da hinter mir stehen – aber ich würde es Ihnen trotzdem vielleicht nicht empfehlen, alleine die Kürzel, die da auf manchen dicken roten Bänden draufstehen, sind nicht mehr wirklich zu erkennen. Aber der Gesetzgeber hat sich diese Kürzel erdacht: ein WAG, ein BaSAG, ein BWG – vielleicht hat es etwas mit Bankwesen oder so etwas zu tun, oder Bundesabgabenordnung. Jedenfalls hat eine Bibliothek etwas ganz Besonderes und diese Bibliothek, dieser Bibliotheksraum im österreichischen Parlament auch. Es ist auch ein besonders geschichtsträchtiges Gesamtensemble im Zuge dieses Gesamtkunstwerkes Parlament, auch mit historischen Bezügen. Man muss sich immer bewusst sein: Leiter der Bibliothek war früher einmal ein gewisser Karl Renner, manche wissen ja noch davon. Auch das Schulwesen kommt um ihn nicht mehr herum.
Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus den Volksgruppenbeiräten! Geschätzte Podiumsgäste! Liebes Publikum! Ich darf Sie alle sehr herzlich willkommen heißen. Willkommen zur heutigen Diskussionsveranstaltung „Literatur am Ring: Klare Worte | Barikane alava“ – um es im Burgenlandromani zu sagen –, oder „Jasne riči“, wie es auf Burgenlandkroatisch heißt; ich hoffe, es war jetzt einigermaßen richtig. Um klare Worte soll es am heutigen Abend gehen – in der ersten von drei Veranstaltungen aus der Reihe Literatur am Ring im Zeichen des vor 50 Jahren beschlossenen Volksgruppengesetzes, einer Veranstaltungsreihe, die seit 2023 hier im Haus regelmäßig stattfindet – man kann den Zeitpunkt mit der Wiedereröffnung nach unserer großartigen Renovierung, die hier gelungen ist, gleichsetzen – und jetzt zum zweiten Mal im Lesesaal der Parlamentsbibliothek, der im Übrigen schon lange kein wirklicher Geheimtipp mehr unter vor allem Studierenden ist. Es kommen sehr viele Studentinnen und Studenten tagtäglich hierher, weil sie hier offensichtlich eine besser Atmosphäre vorfinden als auf der sogenannten Massenuniversität. Aber wie das so ist mit den Geheimtipps, vor allem, wenn man auch in Reiseführern einmal nachschaut, welches Lokal, welches Restaurant, welche Kultureinrichtung ein Geheimtipp ist: Na ja, wen man dort aller treffen kann.
Offen zu sein, die Öffentlichkeit zu erreichen, ist eines der zentralen Anliegen, das wir in diesem Rahmen hier verfolgen. Eine Öffentlichkeit, in der eben diese klaren Worte auch ausgesprochen werden und sich somit die verschiedensten Anliegen Gehör verschaffen können.
Dass diese Öffentlichkeit im Jahr 1988 in Österreich eine andere war, davon zeugt Ceija Stojkas Buch „Wir leben im Verborgenen“. Mit den Schilderungen ihrer Verfolgung durch das NS-Regime, ihrer Erlebnisse in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Bergen-Belsen, hat sie sich und damit der Geschichte der österreichischen Roma und Romnja den lange verwehrten Platz in dieser Öffentlichkeit erkämpft. Ihre Schwiegertochter Gabriela Stojka trägt seit Jahrzehnten dieses Erbe in Workshops und Vorträgen in Schulen und durch ihre Bildungs- und Vermittlungsarbeit weiter.
Auch das Wirken von Frau Katharina Graf-Janoska zeigt, wie sich durch diese zwei Pionierinnen – mit einem kleinen i – die Rahmenbedingungen der öffentlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und das Einbringen von Perspektiven durch Roma und Romnja in Österreich zum Besseren verändert haben. Frau Graf-Janoska setzt diese Arbeit fort, als Redakteurin, als Moderatorin, als österreichische Romni.
Pionierin in ihrem Feld als erste Chefredakteurin der burgenlandkroatischen Wochenzeitung „Hrvatske Novine“ ist auch Frau Tereza Grandits. An der Qualität von Öffentlichkeit und gleichzeitig an deren Herstellung hat der Journalismus maßgeblichen Anteil. Über die Herausforderungen ihrer Arbeit und die Bedeutung für die Gemeinschaft der Burgenlandkroatinnen und -kroaten wird sie heute sprechen.
Wie die Arbeit und Leistungen, wie aber auch das Erbe und die Geschichte der österreichischen Roma und Romnja, der Burgenlandkroatinnen und Burgenlandkroaten sichtbar wurde, sichtbar wird, präsent und relevant bleiben kann, darüber werden wir mit Ihnen heute diskutieren. Ich freue mich darauf und darf mich bei den Vertretern und Vertreterinnen aus den Volksgruppenbeiräten und auch seitens der diplomatischen Vertretungen herzlich bedanken.
Ein großer Dank auch an Thomas Kassl von der Dialogplattform Staat & Gesellschaft, der uns durch den heutigen Abend führen wird. An ihn darf ich jetzt übergeben. Ich freue mich auf einen schönen Abend, solange es mein Zeitkorsett noch erlaubt, aber ich wollte es mir nicht nehmen lassen zumindest zum Beginn da zu sein. Jetzt rede ich auch nicht mehr länger, denn es geht nämlich sonst auf meine Anwesenheitszeit und das will ich nicht. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen Dank, Herr Präsident, für Ihre Eröffnungsworte.
Gerne leite ich nun zum ersten Dialog über und bitte zu mir auf die Bühne: in Vertretung für den Vorsitzenden im Volksgruppenbeirat der Burgenländischen Kroaten Harald Ladich Frau Gabriela Novak-Karall sowie den Vorsitzenden im Volksgruppenbeirat der Roma, Herrn Emmerich Gärtner-Horvath. – Bitte schön. (Beifall.)
Impulsgespräch
Thomas Kassl: Ich würde es gerne so vorsehen, dass ich mit jedem Interviewpartner, mit jeder Interviewpartnerin zwei Fragen besprechen würde, und ich darf das Mikrofon gleich Frau Novak-Karall übergeben.
Frau Novak-Karall, Sie sind Mitglied im kroatischen Volksgruppenbeirat und Vorsitzende im Kroatischen Zentrum in Wien. Damit aufgezeigt ist auch die Tatsache, dass wir, ausgehend von den gesetzlichen Rahmenbedingungen, ja auch von unterschiedlichen Lebenssituationen und Lebenswelten sprechen können, das heißt, es gibt ja generell nicht nur Niveauunterschiede bei allen sechs anerkannten Volksgruppen, sondern auch innerhalb einer jeweiligen Volksgruppe.
Das wäre der erste Gedanke, sozusagen die erste Frage, und als zweite Themenstellung würde ich gerne mit Ihnen über die Besonderheit der burgenländischkroatischen Sprache sprechen. Sie wird ja auch als marginalisierte Mikrosprache eingestuft, und hier bedarf es auch einer Revitalisierung der Sprache und es braucht Maßnahmen, um die Anzahl der Sprecherinnen und Sprecher zu erhöhen. Dem gegenüber steht ja das Standardkroatisch, die Sprache Standardkroatisch. Sind das jetzt zwei Gegensätze? Wie sehen Sie das aus Ihrem Blickwinkel? Bitte auf diese zwei Fragen kurz einzugehen.
Gabriela Novak-Karall (Vorsitzende des Kroatischen Zentrums / Hrvatski centar): Also ich hoffe, Sie haben alle sehr viel Zeit. Vielen Dank für die Fragen, vor allem vielen Dank für die Einladung!
Um auf die erste Frage zurückzukommen, die unterschiedlichen Lebenswelten beziehungsweise auch Situationen der sechs anerkannten Volksgruppen in Österreich: Es ist ganz einfach auch aus der historischen Entwicklung entstanden, das heißt, die einen sind im Staatsvertrag genannt, die anderen gar nicht. Die anderen sind erst mit dem Volksgruppengesetz 1976 irgendwie zu einer Anerkennung gekommen, die Roma und Romnja noch später.
Das ist das eine, das ist die eine Ebene, und die zweite ist, dass es auch innerhalb der Volksgruppen, das heißt der jeweiligen Volksgruppen, Unterschiede gibt, und da darf ich pro domo sprechen – was die Burgenländischen Kroaten betrifft. Das heißt, wir leben ja nicht nur im Burgenland, und sind deshalb nicht nur Burgenlandkroaten, sondern Burgenländische Kroaten, die sich nach dem Zerfall der Monarchie in vier Staaten wiedergefunden haben, und ein Großteil der Volksgruppe lebt in Wien. Und alle gesetzlichen Regelungen, sei es jetzt aufgrund des Staatsvertrages oder auch später mit dem Volksgruppengesetz, mit bestimmten Prozentsätzen, Minderheitenschulgesetzen, Amtssprachenregelungen und so weiter, betreffen nur das autochthone Siedlungsgebiet und nicht den Teil der Volksgruppe, der in Wien lebt.
Also nicht einmal vor 50 Jahren, glaube ich, war das mehr wirklich adäquat und den Lebensumständen der Menschen entsprechend, und jetzt, nach 50 Jahren einer immer wachsenden Mobilität, glaube ich, kann man niemanden mehr – und auch nicht Angehörige einer Volksgruppe – an einem Ort festmachen. Das heißt, wir sind eigentlich überall – manchmal täglich wechselnd, manchmal wöchentlich, aber natürlich auch im Laufe eines Lebens. Und ich denke, dass man darauf schon Bedacht nehmen sollte und eben einen Zugang schaffen sollte, der es allen, die das wollen, ermöglicht, eben ihre Sprache und Kultur dort, wo sie sind, zu leben, zu pflegen und auch weiterzugeben. Das heißt, wenn wir hier in Wien etwas haben wollen, was ungefähr dem entspricht, was man in einem bis noch vor ein paar Jahrzehnten vielleicht rein kroatischsprachigen, oder zumindest in einem zweisprachigen Ort vorfinden konnte, dann müssen wir uns das selber schaffen.
Also egal worum es geht, ob es jetzt um Bildung, um Kirche, um Unterhaltung, um kulturelle Angebote geht, wir müssen uns das selber schaffen, und wir haben zum Glück jetzt mit diesem kleinen Kroatischen Zentrum in der Schwindgasse einen Ort, wo das möglich ist, aber es ist bei Weitem nicht das, was es bedarf. Deswegen, glaube ich, sollte man in allen Richtungen, wenn man jetzt vielleicht – oder hoffentlich – auch über eine Neuregelung des Volksgruppengesetzes nachdenkt, da einen komplett anderen Zugang finden und nicht an dem bestehenden Gesetz herumarbeiten oder -doktern, würde ich einmal sagen. Aber ich denke, es gibt viele Beispiele in Europa, wo man sich vielleicht auch etwas abschauen könnte.
Der zweite Teil – zu Ihrer Frage, was das Burgenländischkroatische betrifft –: Ja, es heißt, wir haben diese Sprache. Ja, sie ist kodifiziert, das heißt, wir haben ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Rechtschreibung – das heißt, es gibt eine gewisse Norm. Selbst Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob das jetzt eine eigenständige Sprache oder eine Sprachvariante ist, und es wird auch oftmals so in einen Gegensatz zum Standardkroatischen gestellt, das ja nicht nur die Staatssprache Kroatiens, sondern mittlerweile auch schon eine der 24 EU-Amtssprachen ist. Und dann gibt es natürlich noch die Ortsdialekte. Es ist immer so die Frage: das eine, das andere oder das Dritte – entweder oder? Aber ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Ich bin eher für den Zugang des Sowohl-als-auch. Das heißt, wir benötigen alle drei Ebenen. Wir benötigen die Ebene der Familiensprache, der Dorfsprache, wo es wirklich um das Familiäre, um das Emotionale geht, wir brauchen eine normierte Standardform des Burgenländischkroatischen ganz einfach, um eben Schreiben und Lesen und alle Dinge, also auch kulturelle Angebote, in dieser Sprache zu haben. Und ich denke, wir brauchen auch, dass wir die Standardsprache Kroatiens können, und vor allem, glaube ich, brauchen wir sie als Bildungssprache.
Für uns – also wenn ich „uns“ sage, dann meine ich: die wir im Kroatischen Zentrum aktiv sind und uns auch bemühen, jetzt gerade auch in Wien ein zweisprachiges Bildungsangebot vom Kindergarten bis zur Matura zu bekommen – ist dieses Burgenländischkroatische ein Teil der kroatischen Sprache. Genauso wie es im Kroatischen oder in Kroatien die drei Sprachvarianten mit Tschakawisch, Štokawisch und Kajkawisch gibt, so gibt es halt Burgenländischkroatisch – all das unter einer großen Überschrift. Ich denke, gerade auch was die Schule betrifft, haben wir dieses Angebot bewusst so angelegt, dass die Unterrichtssprache von der ersten Klasse an Standardkroatisch sein soll, aber dass alle auch das Burgenländischkroatische wenigstens hören und dass es überall dort vorkommt, wo es seinen Platz hat – das heißt in der Literatur, Kultur, Geschichte und so weiter. Und ich denke, wenn uns das gelingt, dann haben wir ein großes Stück vorangebracht. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen herzlichen Dank für Ihre Ausführungen. Es zeigt, dass Volksgruppengesetz, das Volksgruppenrecht ist sozusagen aus dem Jahr 1976, wir schauen da schon weit zurück, und es gibt derzeit ja aktuelle Bemühungen, in dieser Sache sozusagen auch vorwärtszukommen und sich einiges Neues dazu zu überlegen. Vielen Dank auch für den Einblick in die Besonderheit des Burgenlandkroatischen, sozusagen im Visavis des Standardkroatischen – beides braucht es, so wird es wohl sein. – Vielen Dank.
Ich darf jetzt das Mikrofon an Emmerich Gärtner-Horvath übergeben: Sie sind über zwei Jahrzehnte Mitglied im Volksgruppenbeirat und bekleiden seit 2016 das Amt des Vorsitzenden. Wenn Sie jetzt über die großen Meilensteine seit der Anerkennung der Roma als Volksgruppe in Österreich im Jahr 1993 nachdenken: Was sind die prägendsten Ereignisse, was hat zur Teilhabe der Roma an der Gesellschaft beigetragen? Und als zweiten Gesichtspunkt: Welche Herausforderungen müssen noch bewältigt werden? Was sind die größten Anliegen und Aufgaben, die eine gedeihliche Entwicklung der Roma in Österreich garantieren?
Emmerich Gärtner-Horvath (Vorsitzender des Volksgruppenbeirates der Roma): Ich möchte Sie als Vorsitzender der Volksgruppe der Roma auch recht herzlich begrüßen. Danke für die Einladung! Die prägendsten Ereignisse: Also für mich war das natürlich 1993 die Anerkennung, aber auch die Kodifizierung und Didaktisierung des Roman. Das war meiner Meinung nach der Beginn: Aufarbeitung der Kultur, der Sprache, und das gemeinsam mit der Karl-Franzens-Universität, also mit Dr. Halwachs, und das hat gezeigt, dass wir auch einen Menschen gefunden haben, der sich für die Volksgruppe interessiert. Und auch von seiner Seite aus sehr wichtig war eben, das Kulturelle, das bis dato, bis 1993, mündlich weitergegeben worden ist, auch zu verschriftlichen. Das war natürlich auch von ein paar Mitarbeitern und auch von mir ein großer Wunsch, denn wenn wir zum Beispiel in der Lernbetreuung waren und die Kinder gesagt haben: Wir wollen Romanes schreiben!, haben wir dann eben probiert, zum Beispiel baba – die Oma – und phaba – der Apfel –: Wie schreibt man das? Also da haben wir gesehen, da haben wir Probleme, und da war eben ein Sprachwissenschaftler notwendig.
Das war, glaube ich, sehr, sehr gut, dass wir mit dem begonnen haben, denn zugleich haben wir auch mit der Aufarbeitung von Lebensgeschichten begonnen – weil wir diese aufgenommen haben, Feldforschung betrieben haben und wir als Volksgruppenangehörige sozusagen auch kleine Sprachwissenschaftler waren. Wir sind zu unseren Volksgruppenangehörigen gefahren, haben mit ihnen Interviews gemacht, und sie haben dann erzählt, und da sind wir auch draufgekommen, dass manche Wörter zum Beispiel nicht mehr so verwendet werden. Das haben wir dann eben auch kodifiziert – wir selber –, haben das dann transkribiert und haben das weitergeleitet – und es sind ja auch sehr viele schöne Bücher herausgekommen, wie „O Rom taj o beng“ – „Der Rom und der Teufel“ –, also Märchenbücher, zweisprachig, eine ganze Serie. Und weiters gibt es gemeinsam mit den Kroaten – das muss man ja auch sagen – auch Projekte wie zum Beispiel, glaube ich, schon über 30 Jahre die „Mri nevi Mini Multi“ – „Meine kleine Mini Multi“ – in Kroatisch und auch in Roman, womit wir das auch unseren Kindern weitergeben, und nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene setzen sich mit dieser MiniMulti auseinander und, ja, füllen sie aus. Ich glaube, das zeigt, dass die Sprache, die bis dorthin immer mündlich weitergegeben worden ist, sozusagen in schriftlicher Form zum Leben erweckt wurde.
Natürlich gab es dann 1995 – auch ein wichtiger Schritt – die Konstituierung des Beirates, und als nächsten Schritt – das war, glaube ich, 1996 oder 1997, da bin ich mir nicht ganz sicher – die Aufnahme des Burgenlandroman in das Minderheiten-Schulgesetz. Also das wurde dann nacheinander wirklich forciert. Und 1999 gab es dann schon den ersten Romanunterricht in vier Schulen – in Oberwart, in Unterwart, dann im zweisprachigen Gymnasium – zu dieser Zeit die Hauptschule von Oberwart.
Mittlerweile haben wir dann natürlich auch andere Konflikte lösen müssen, also nicht nur, was die Sprache anbelangt. Wir haben dann eben – das war 2011 – mit den Dialogplattformen im Bundeskanzleramt begonnen. Da haben wir gesagt, okay, wir müssen uns da auch einklinken und schauen, was bis dato umgesetzt worden ist, ob das jetzt Arbeit, Bildung, Wohnen, Gesundheit anbelangt, und ja, wir sind dann draufgekommen, dass wir sehr gut unterwegs sind, wo andere EU-Länder noch einen großen Aufholbedarf haben.
Was ein Handicap der Volksgruppe der Roma anbelangt, ist natürlich die Diskriminierung, die Aufarbeitung der Geschichte. Das ist einfach ein Thema: Täter und Opfer. Wie kann man das der Bevölkerung näher bringen, ohne dass man jemanden anprangert oder dass er sich angegriffen fühlt? Wir wollen diese Geschichte eben deswegen aufarbeiten, damit so etwas nie wieder passiert. Das ist ein ganz wichtiger Schritt, und ich denke mir, wenn man die Geschichte nicht kennt, weiß man nicht, wie sich das Ganze entwickelt, wohin es geht. Und natürlich auch die Dialogplattform hier im Parlament: Das ist auch ein weiterer Schritt, mit dem wir, alle Vorsitzenden und Stellvertreter, unsere Themen darstellen, wo wir gemeinsam an einem Strang ziehen.
Ja, das war eine enorme Entwicklung. Uns gibt es erst seit 1993, wir sind die jüngste Volksgruppe, und ich muss sagen, wir sind wirklich 130 voll durchgefahren. (Heiterkeit und Beifall.)
Thomas Kassl: Das ist ein sehr positives Schlusswort für diesen ersten Dialog, voll positiver Energie. Ich bedanke mich bei beiden recht, recht herzlich, und wir werden heute ja noch die Möglichkeit haben, über beide Volksgruppen noch einiges zu hören. – Vielen Dank.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir haben sie schon eingangs gehört, und wir freuen uns jetzt auf ihre zweite musikalische Darbietung „Svića“: Mira Perusich. So viel hat sie mir verraten: Es gibt auch kurz zwei Sätze zum Lied. – Danke schön.
Mira Perusich (Musikerin): Dieses nächste Stück ist mein persönlichster Song und meine Auseinandersetzung mit meiner Identität als Person mit burgenlandkroatischen Wurzeln, die sich der Sprache eigentlich jetzt erst wieder annähert: Ich bin leider ein Paradebeispiel dafür, dass man die Sprache verlernt, aber hoffentlich nähere ich mich eben jetzt über die Kunst und Musik, aber auch über die Wissenschaft der Sprache an. Reden wir nochmal in einem Jahr, dann kann ich auch auf Kroatisch antworten! Das ist jetzt einmal so mein Versprechen – ich weiß, da sitzen ein paar im Publikum, die mich beim Wort nehmen werden.
„Svića“ ist mein Identitätslied oder meine Auseinandersetzung mit meiner Identitätssuche. Die erste Zeile bedeutet auf Deutsch – ich singe sie auf Kroatisch –, dass mein erstes Wort als Kind oder als Baby Svića, das heißt Licht oder Kerze, war. – Genau, und das ist meine Suche.
Es folgt die musikalische Darbietung des Stückes „Svića“, dargebracht von Mira Perusich.
(Beifall.)
Thomas Kassl: An dieser Stelle vielen Dank für das zweite Lied, für den zweiten musikalischen Beitrag: Mira Perusich.
Sehr verehrtes Auditorium, der Titel unserer heutigen Veranstaltung „Klare Worte“, „Sichtbar werden – präsent bleiben“ deutet schon die historische und inhaltliche Bandbreite, die wir mit unseren Diskutant:innen abdecken möchten, an.
Ich darf jetzt am Podium begrüßen: Frau Gabriela Stojka, Bildungsarbeiterin, Vermittlerin des umfangreichen Schaffens von Ceija Stojka in Ausstellungen, Workshops und zahlreichen Bildungsangeboten; Frau Tereza Grandits, Journalistin und seit 2023 Chefredakteurin der burgenlandkroatischen Wochenzeitung „Hrvatske Novine“; und Frau Katharina Graf-Janoska, Moderatorin und Redakteurin unter anderem bei „WIR – Das Volksgruppenmagazin“ im ORF. Noch einmal recht herzlich willkommen! (Beifall.)
Podiumsdiskussion und Lesung
Thomas Kassl: Sichtbarkeit im Sinne von Öffentlich-präsent-Sein hat für die beiden bei uns heute vertretenen Volksgruppen eine vollkommen andere Bedeutung, sowohl historisch als auch aktuell im Jahr 2026.
Frau Stojka, ich möchte gerne bei Ihnen beginnen. Für die Roma war der Wunsch nach Öffentlichkeit, nach Sichtbarkeit in Österreich nach 1945, nach den Erfahrungen der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten, enden wollend. Ihre Schwiegermutter Ceija Stojka, deren Buch wir heute als Ausgangspunkt nehmen und in das Sie uns später noch einen Einblick geben werden, bringt es mit dem Titel auf dem Punkt: „Wir leben im Verborgenen“.
Ceija Stojka, geboren 1933, schilderte darin als eine der ersten Romnja in Europa überhaupt die Erinnerungen an ihre Kindheit, die Verfolgung im Nationalsozialismus, ihr Überleben in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen und Ravensbrück, aber auch die Zeit nach 1945 in Österreich, in der die überlebenden Roma, ihr Leid und ihre Erfahrungen als Verfolgte – von Wiedergutmachungen ganz zu schweigen – eigentlich vollkommen ignoriert wurden.
Im Jahr 1988, dem Erscheinungsjahr des Buches, hatte es eine bedeutende Wirkung. Die Debatte rund um Kurt Waldheim und seine NS-Vergangenheit war noch voll im Gange, bundesweit beging man das Gedenkjahr 1988. In einem Zitat heißt es: In der öffentlichen Landschaft wirkte das Buch wie ein Initialfunke. Er brachte das bereits in der Luft liegende Thema der Geschichte und Gegenwart von Roma und Sinti in Bewegung. – Zitatende.
Mich würde daher interessieren: Frau Stojka, wie haben Sie den Beginn dieses Prozesses des An-die-Öffentlichkeit-Tretens wahrgenommen? Welche Rolle hat das Buch, welche Rolle hatte Ceija Stojka in dieser historischen Phase in Ihren Augen?
Gabriela Stojka (Bildungsarbeiterin): Also ich wurde 1980 ihre Schwiegertochter, wie man so schön sagt. Sie hat meine Eltern gekannt, die Roma kannten sich eigentlich alle untereinander, eben auch von damals, von dem Herumfahren mit den Wagen – mit den Wohnwagen – und so weiter. 1979 ist ihr jüngster Sohn an Drogen verstorben, Jano hat der geheißen, er war erst 24. Das hat sie sehr mitgenommen und sie war ziemlich erledigt. Ja, und dann hat sie gesagt, sie muss jetzt für ihren zweiten Buben eine Frau suchen, aber nicht irgendwen, eine Zigeunerin einfach, eine Romni. Dann ist sie zu meinem Vater gekommen und hat gesagt: Greija, du hast so viele Mädels, ich suche mir jetzt eine für meinen Buben aus! Zwei waren noch zu jung, die anderen waren schon vergeben, also hat sie sich mich sozusagen einfach geschnappt. Es war lustig. Ich meine, mein Mann ist übrigens um elf Jahre älter als ich, und ich habe mir gedacht: Na servas, den Alten soll ich heiraten? Der ist ja viel zu alt für mich! – Ich war 20, bitte.
Um zu Ceija zu kommen: Es war ein großes Ding für sie. Also ich glaube, ich war ihr eine große Stütze, als ich damals – das war nicht lange danach, ihr Sohn ist 1979 im Oktober verstorben –, 1980 im Jänner, mit ihrem Sohn zusammengegangen bin. Das hat ihr, glaube ich, sehr viel Kraft gegeben, dass ich da war, dass sie nicht alleine war und sich ihr Herz ausschütten konnte.
Mit dieser Geschichte, mit dem Buch ist es ja aber erst 1988 losgegangen. Sie hat eigentlich nie viel erzählt von dieser ganzen Geschichte, was da damals war. Manchmal hat sie zu mir oder zu ihrer Tochter gesagt, wenn wir in der Küche beim Erdäpfelschälen gestanden sind: Tut nicht zu viel wegschneiden! Und ich habe mir gedacht: Wieso, was meint sie denn? Und sie hat gesagt: Schau, ein Kartoffelschäler war ein Leben in Auschwitz. – Damals habe ich es nicht so verstanden, was sie damit meint.
Und wie gesagt dann das Buch: Karin Berger ist gekommen, das war eine Filmemacherin, und sie hat damals ein Interview gebraucht. Sie hatte schon eines von einer jüdischen Frau und brauchte noch eines von einer Romni. Und ihre Schwester, Kathi, hat sie dann auf Ceija gebracht. Sie hat gesagt: Du, ich kann dir nicht viel erzählen, aber Ceija hat viel aufgeschrieben, die weiß viel!
Das Aufschreiben war ja auch so eine Sache. Ceija hat ja keine Schule besucht, die haben sie damals, als sie in die Schule kam – das war kurz, bevor die Verhaftung war –, aus der Schule rausgeschmissen; auch mehrere andere: Juden und Zigeuner dürfen keine Schule mehr besuchen. Somit ist sie vielleicht sechs Wochen in die Schule gegangen. Da kann man nicht viel lernen.
Für mich war sie sowieso ein Phänomen, wie sie das alles geschafft hat. Also es war irgendwie ein Wahnsinn, was diese Frau durchgemacht hat. Sie hat das dann aber mit dem bisschen, was sie sich selber erlernt hat – sie hat nach dem KZ ein Jahr in einer Volksschule mitlernen dürfen, dass sie halt ein bissl etwas lernt –, mit den damals gewonnenen und selber zusammengestellten Buchstaben, weil sie immer wieder Albträume hatte und das nie vergessen konnte, was sie erlebt hat – sie war zehn, als sie mit ihren Eltern da rein kam, nach Auschwitz –, aufgeschrieben.
Ja, wie gesagt, es kam Karin Berger zu ihr, die hat dann eben Gespräche mit ihr geführt, und irgendwann hat sie ihr dann diese ganzen Zettel gegeben, die sie gestapelt hatte und beschrieben hatte. Die hatte sie alle in der Küche in ihrem alten Geschirrspüler versteckt. Ihr Mann war aus Ungarn – also ein ungarischer Mann; ist wurscht, wir sind auch alle ungarischer Abstammung, egal – und der hat gesagt: Eine Frau gehört in die Küche, die muss kochen, auf die Kinder aufpassen, was will die schreiben? Die kennt sich eh nicht aus und weiß nichts! – Und somit hat sie immer alles in der Küche vor ihm versteckt. Und dann irgendwann hat sie das Ganze Karin Berger übergeben und hat gesagt: Da hast du, mach was damit, und wenn nicht, dann schmeiß es weg!
Karin Berger war aber eh auf Suche und war sehr gespannt. Ja, und dann ist es dazu gekommen: Sie hatte auch in Deutschland probiert, einen Verlag zu finden – nichts –, und dann hat sich in Wien der Picus Verlag Gott sei Dank dafür interessiert – mittlerweile hat sie dann ja fünf, sechs Bücher gemacht; wie viele hat sie gemacht? ich weiß es gar nicht mehr so richtig –, und das ist dann wie eine Bombe eingeschlagen. Im Fernsehen war sie auf einmal in dieser Bücherrolle oder wie das heißt, da hat man gesehen: Ceija Stojka, das Buch. Ja, und dann ist es eigentlich mit den Einladungen angegangen. Es kamen viele, viele Einladungen, aber nicht aus Österreich, sondern meistens aus Deutschland – erstens einmal in die Konzentrationslager, wo sie überall war, Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz. Ich habe all diese Lager mit ihr besucht. Für mich war das – ich kann das gar nicht mit Worten beschreiben – ein Schock. Auch mein Vater und die Leute bei uns haben sehr wenig über diese Zeit damals gesprochen, was ihnen in den Lagern passiert ist.
Thomas Kassl: Ich würde vielleicht gern das Buch mit hereinnehmen, über das Sie jetzt schon erzählt haben, das ja so eine Kraft besitzt, mitunter aus dem Grund, dass Ceija Stojka sich quasi als Autodidaktin dieses Buch ja mühevoll abgerungen hat. Sie hat sowohl gegen innere als auch äußere Widerstände gekämpft, und im Schreiben hat sie, wie sie formuliert, Auschwitz ein zweites Mal erlebt.
Ich darf Sie vielleicht an dieser Stelle bitten, einige Zeilen aus dem Buch vorzulesen, an denen die Widerstände und Schwierigkeiten dieses Schreibprozesses besonders sichtbar werden.
Gabriela Stojka: „Du darfst keine andere sein – Im Gespräch mit Karin Berger“
„Hat es für dich einen bestimmten Punkt gegeben, wo du dir gedacht hast, jetzt beginne ich, das alles aufzuschreiben?
Der Punkt war, dass ich mit jemandem reden wollte. Es war aber niemand da, der mir zugehört hätte, und – Papier ist geduldig. Es hat mit dem Schreiben halt recht gehapert, aber wie ich einmal begonnen habe, sind die Erinnerungen nur so herausgeschossen. Danach hat es mir das Gefühl gegeben, es ist vollbracht, das ist jetzt die Wahrheit. Obwohl es oft ein bisschen schwierig war zu schreiben, denn mein Partner hat kein richtiges Verständnis dafür gehabt. Es ist ihm auch gar nicht eingegangen, dass ich einen Bleistift in die Hand nehme, höchstens wenn ich meinen Namen unterschreibe oder den Kindern von auswärts eine Karte schicke, die nur die Kinder in die Hand kriegen. Der Briefträger kennt mich ja nicht, also brauch ich mich nicht zu genieren. Daher musste ich immer die Zeit ausnützen, in der ich alleine war. Eine halbe Stunde hab ich meistens geschrieben, dann musste ich ja schon wieder kochen. Während ich aber gekocht oder das Essen serviert oder Geschirr abgewaschen habe, hat sich das in mir wieder gespeichert, in meinen Gedanken war ich schon wieder auf dem Papier. Und wie ich dann wieder Zeit gehabt hab, ist das fließend herausgekommen.
Einmal hab ich den ganzen Stoff nicht gefunden. Wo ist er? Drei Tage hab ich gesucht. Die anderen hatten ihn irgendwo verlegt, weil sie dem keine Beachtung geschenkt haben. Ist eh klar! Was ich geschrieben hatte, hat ja ausgeschaut wie Kritzeleien, aber für mich war es wichtig, ich konnte meine Schrift ja lesen. Einmal hab ich dann diese Zettel schön geordnet, hab einen genommen und bin zu meinem Bruder gegangen. Karli, hab ich zu ihm gesagt, du tätst mir einen Gefallen, wenn du das Blattl lesen würdest. – Geh, das Gekritzel, schmeiß weg. – Und ich hab mich geniert für mein Gekritzel und bin gegangen. Trotzdem hab ich alles genommen und in der Küche, wo niemand hinkommt, aufgehoben. Und immer, wenn ich eine neue Seite fertig hatte, hab ich sie dazugeschmissen. Zum Schluss hab ich mich nicht mehr abhalten lassen. Auch wenn es geheißen hat, ich soll in die Küche gehen, hab ich nicht mehr gefolgt. Es ist dann zu viel auf mich zugekommen, ich habe zu viel erlebt und mich durchkämpfen müssen. Damit mir Auschwitz nichts machen kann. Da hab ich mir nichts mehr einreden lassen und bin hart geblieben. Die Kinder sind gekommen und ich bin mit meinen Zetteln ins Kabinett, was für sie sehr ungewohnt war. So konnte ich es schaffen. Aber Auschwitz habe ich ein zweites Mal erlebt. Manches Mal hab ich sogar aufgeschaut und mir gedacht, Hilfe, der kommt jetzt auf mich zu mit seinen Stiefeln. Hoffentlich sieht er mich nicht! Du musstest schon eine Künstlerin sein, dort drinnen in der Baracke. Da sind fünfhundert Leute drin, und alles stöhnt, alles ist krank, wenn nicht körperlich, dann seelisch. Und diese armen Kinder! Der eine hat keinen Fuß gehabt, er war wie abgefressen. Eine Frau hat ihn behandelt, aber die Schmerzen, die das arme Kind gehabt hat! Bis zum Schluss haben wir ihn durchgezogen, den Buben, wir haben ihn nie hergezeigt. Was dann mit ihm passiert ist, weiß ich nicht. Sicher ist er vergast worden. Und die Toten haben sie oft liegen gelassen bis zum Gehtnichtmehr, der Geruch und der Gestank, und dann diese fürchterliche Latrine. Ganz vorn bei der Baracke ist sie gewesen, irrsinnig groß, Zwei-Meter-Stangen, zwei vorne, zwei hinten. Dort sind immer die Toten gelegen, oft mit dem Gesicht zur Wand, mit offenem Mund, und die Scheiße ist ihnen hinein. Wenn ein Mensch normal stirbt, sogar unter einem Leid stirbt, dann hat er wenigstens noch eine gewisse Würde in sich.“
Thomas Kassl: Ich würde jetzt anknüpfend an das, was Sie soeben vorgetragen haben, vielleicht auch die Frage stellen und noch einmal den Blick in die Familie hineinrichten, da es ja bei den Geschwistern von Ceija Stojka sozusagen eine große Skepsis auch gegenüber ihrer literarischen Aufarbeitung gegeben hat, und später, nach dem Erscheinen und nach dem Erfolg des Buches, haben ja auch ihre Brüder begonnen, die Geschichten zu veröffentlichen. Worauf führen Sie das zurück? War das die positive Resonanz auf Ceija Stojkas Werk, hat das die beiden doch überzeugt oder war die Zeit einfach reif dafür?
Gabriela Stojka: Also in erster Linie denke ich mir einmal, die Brüder wollten Ceija zeigen, dass sie das auch können. Zuerst haben sie sie ja ausgelacht und haben gesagt: Was hast denn du da für einen Blödsinn? Schmeiß das weg, das liest ja eh keiner! Du kannst eh nicht schreiben, das kann eh keiner lesen! – Ja, aber sie haben sich dann auch getraut, sagen wir einmal. Zum Schluss waren sie alle beide sehr stolz auf sie, muss ich sagen, obwohl sie zuerst auf sie so losgegangen sind.
Eine ganz kurze Anekdote: Ich war mit ihr in Deutschland – ich, mein Mann Hojda, der hat dort ein bisschen Musik gemacht, und mein Cousin –, ich weiß gar nicht, in Passau oder irgendwo, gleich nach der Grenze von Österreich. Die hatten uns zu einer kleinen Ausstellung eingeladen, mit Ceijas Bildern, aber auch mit Bildern von ihrem Bruder Karl. Als wir dann dort hingekommen sind, war Karl schon mit seiner Frau dort, und der hat dann zu dieser Dame gesagt, die die Ausstellung gemacht hat: Wenn Sie die Bilder von meiner Schwester nicht abhängen, fahre ich heim! – Das war arg. Ich habe mir gedacht: Was redet denn der da zusammen? Ceija hat aber zu der Frau gesagt: Weißt was, häng’ meine ab und lass nur seine hängen! Sie wollte sich überhaupt nicht irgendwie hervorheben oder irgendetwas. Ja, und das hat die Frau dann schweren Herzens gemacht und hat gesagt: Normalerweise hätte ich ja lieber deine hier hängen gehabt.
Eine kurze Anekdote noch: Bevor wir dort hingekommen sind, waren in der Stadt Ausstellungszettel aufgehängt, und da sind so ein paar Neonazis gekommen und haben die alle heruntergerissen und in der Stadt ein großes Feuer gemacht. Die haben das angezündet. Die haben gehört, die Zigeuner kommen, Ceija Stojka und ihr Bruder, und haben das Ganze dann - - ja, genau. Und als wir durch die Stadt marschiert sind, als wir dort waren – auch ganz lustig, meine Tochter war damals fünf Jahre alt –: Wir sind gegangen und auf einmal sind bei uns ein paar Leute vorbeigegangen – aber wir waren ja gar nicht wie die Wilden angezogen oder irgendetwas, eh ganz normal – und haben so getuschelt: Achtung, Achtung, die Zigeuner kommen! Die Zigeuner kommen! Da habe ich mir gedacht: Na servas, die müssen aber Angst vor uns haben. – Also es war schon ein bissl, für Ceija war es schon arg. Schau dir das an!, hat sie gesagt. Es war schon arg für sie, muss ich dir sagen.
Ich bin ihr sehr, sehr dankbar, dass ich ihre Schwiegertochter geworden bin. Ich habe von dieser Frau so viel erfahren und gelernt, was ich zu Hause nie gehört hätte oder nie erfahren hätte. Alleine schon die vielen Reisen, die ich mit ihr unternommen habe, und diese Konzentrationslager, in denen ich mit ihr war – somit kann ich heute ein bissl mitreden. Sie ist 2013 verstorben, ich habe das davor mit ihr schon 20 Jahre gemacht, ja, und ich mache jetzt in ihrem Namen eigentlich weiter. Ich habe es ihr am Totenbett versprochen. Nuna, hat sie gesagt, du darfst das nicht einschlafen lassen, du musst weitermachen! – Und ich mache nach wie vor diese Workshops, wo ich eingeladen bin, ja. (Beifall.)
Thomas Kassl: Wunderbar.
Vielen Dank für den ersten Einblick in die sehr bewegende Geschichte. Ich muss sagen, wenn man Ihnen zuhört – Sie füllen nicht umsonst die Säle.
Gabriela Stojka: Ich bedanke mich übrigens ganz herzlich. Ceija Stojka hat immer ein Wort gesagt, das sage ich jetzt noch am Schluss: Mit uns zusammen und nicht alleine, denn nur gemeinsam sind wir stark.
Ich sage es euch jetzt in meiner Sprache auch: Amenza ketane dei na gorgori ke feri ketane sam surale. – Danke schön. (Beifall.)
Thomas Kassl: Wunderbar, vielen Dank. Wir werden im Laufe des Abends und des Gespräches noch einmal Gelegenheit haben, ausführlich mit Ihnen darüber zu sprechen, darauf freuen wir uns schon sehr.
Ich darf jetzt die Frage an Frau Graf-Janoska stellen und Sie sozusagen in die Diskussionsrunde hereinholen: Sie haben sich ja mit ihrer Familiengeschichte auch literarisch auseinandergesetzt, und mit der Kultur der Roma haben Sie sich, wie Sie schreiben, im Laufe ihrer Jugend und schließlich dann auch in ihrem Studium speziell mit dem Thema Literatur von und über Roma beschäftigt.
Sie konstatieren, es wurde immer über Roma geschrieben und gesprochen, selten kamen sie aber selber zu Wort. Ihr Ziel war es daher auch, in ihrer universitären Laufbahn als Romni zu schreiben. Was hat das für Sie konkret bedeutet?
Katharina Graf-Janoska (Moderatorin und Redakteurin): Ich muss da vielleicht ein bisschen etwas über meine Familiengeschichte erzählen, um diese Frage tatsächlich beantworten zu können. Ich muss mich auch für meine Stimme entschuldigen, ich bin etwas erkältet.
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der schon klar war, dass wir Roma sind, aber es wurde nicht thematisiert. Viele Dinge wurden nicht ausgesprochen, viele Dinge wurden nicht besprochen. Und das hat vor allem damit zu tun, dass, als ich in der Volksschule war, als ich ungefähr sieben Jahre alt war, kurz davor das Bombenattentat von Oberwart war, bei dem vier junge Roma ermordet wurden, und meine Mutter immer zu mir gesagt hat: Sag keinem, wer wir sind, woher wir kommen, erzähl das nicht!
Mein Vater ist damals schon ein bisschen in der Öffentlichkeit gestanden, und da war natürlich die Angst da, dass uns das auch treffen könnte. Ich habe das aber als Kind natürlich nicht verstanden, ich habe ja nicht gewusst: Bombenattentat, was ist da passiert?, das war natürlich kein Begriff für mich. Erst viele Jahre später habe ich das dann herausgefunden und in welcher Angst meine Familie eigentlich zu dieser Zeit gelebt hat.
Das heißt, auch dieser ganze kulturelle Hintergrund, der geschichtliche Hintergrund war mir eigentlich zu dem Zeitpunkt nicht klar. Das habe ich dann versucht, selbst zu recherchieren, selbst herauszufinden. Damals war es so – es ist Gott sei Dank mittlerweile schon besser –, wenn man versucht hat, zu recherchieren, wenn man das Wort Roma eingetippt hat – damals, glaube ich, gab es noch gar nicht Google –, dann hat man Infos zu einem Friseurbedarfsgeschäft und Reisetipps nach Rom bekommen. Erst wenn man das Z-Wort eingetippt hat, gab es sehr, sehr viele Suchergebnisse, aber kein einziges Suchergebnis wurde selbst von einem Rom oder einer Romni geschrieben, also alles wurde über Roma geschrieben, von Nichtroma, und die meisten Darstellungen waren sehr stereotyp, sehr rassistisch, vorurteilsbeladen.
Ich habe mich dann eigentlich über die Literatur der Mehrheitsgesellschaft an unsere Geschichte angenähert. Deswegen habe ich dann auch irgendwann später Literaturwissenschaft studiert, um mehr Einblick in das Ganze zu bekommen, und für mich war dann klar, dass eigentlich nur die Literatur selbst die Antwort sein kann. Ein Großteil der Vorurteile, die wir heute immer noch kennen, mit denen wir immer noch leben müssen, bei denen wir uns immer noch rechtfertigen müssen, wurde durch die Literaturen der letzten Jahrhunderte verbreitet. Diese Vorurteile halten sich immer noch sehr, sehr hartnäckig bei vielen Menschen.
Ich wohne im nördlichen Burgenland, und obwohl man davon ausgehen könnte, dass man über die Volksgruppe der Roma und Romnja im Burgenland sehr gut Bescheid weiß, ist das bei uns im Norden tatsächlich noch nicht so der Fall, also da kennen die meisten die Geschichte nicht. Die meisten wissen nicht, dass es im Burgenland um die 130 Romasiedlungen gab, dass in diesen Ortschaften im Burgenland burgenländische Roma und Romnja gelebt haben, die im Ersten Weltkrieg gekämpft haben, die in der freiwilligen Feuerwehr waren, die Besitz hatten, die nicht fahrend waren, sondern die sesshaft waren, die während des Nationalsozialismus verschleppt wurden, ermordet wurden, die ihren Besitz niemals zurückbekommen haben. Was von dieser Geschichte geblieben ist, ist für viele in ihrer Erinnerung eigentlich nur, dass es Fahrende gab, die in den Ort kamen, vor denen man irgendwie Angst hatte, sich fürchten musste, auf jeden Fall etwas, das fremd war. Das ist für die meisten geblieben. Das hat aber mit der tatsächlichen Geschichte eigentlich nichts zu tun.
Das heißt, um jetzt auf die Frage zurückzukommen: Als Romni zu schreiben, hat für mich vor allem bedeutet, zum einen auf diese ganzen Fehldarstellungen zu reagieren – das heißt aber auch, dass ich mich mit meiner eigenen Identität noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise und sehr öffentlich auch irgendwie auseinandersetzen musste, das heißt, ich konnte mich da jetzt auch nicht wirklich hinter etwas verstecken. Und das nächste ist, dass wir – und das ist, glaube ich, auch eine wesentliche Aufgabe, was meine Generation betrifft – das, was Ceija Sotjka eindrucksvoll begonnen hat, versuchen fortzusetzen: Rewriting History. Wir müssen tatsächlich unsere eigene Geschichte noch einmal neu schreiben, neu erzählen, weil sie bis jetzt einfach nicht richtig erzählt wurde.
Thomas Kassl: In einem Beitrag schreiben Sie im Hinblick auf Ihre Diplomarbeit – und ich darf das jetzt kurz einmal herausnehmen und zitieren –: „Hätte ich nicht so viel Schreckliches in der Literatur über Sinti und Roma gelesen, hätte ich nie eine Arbeit geschrieben, in der auch Sinti und Roma selbst zu Wort kommen und man nicht, wie so oft, nur über ‚uns‘ spricht. Ich selbst bin somit der beste Beweis des beschriebenen Kreislaufes.“
Aus diesem Kreislauf auszubrechen oder, so wie Sie es gemacht hat, ihn ins Positive zu drehen, ist die ständig präsente Herausforderung. Es gibt ja Einrichtungen wie die HÖR, die Hochschüler*innenschaft österreichischer Roma und Romnja, oder den Frauenverein Vivaro – Viva Romnja*, zwei aktuelle Beispiele aus der Romagemeinschaft, die unter anderem die Vernetzung als Ziel haben. Auf der anderen Seite muss man aber doch die Gesamtgesellschaft betrachten, in der die Akzeptanz steigen muss und die auch Inklusion ermöglichen muss. Welche Ansätze können aus diesem Dilemma herausführen?
Katharina Graf-Janoska: Ich glaube, dass ein ganz, ganz wesentlicher Punkt die Bildung ist. Ich glaube, dass man tatsächlich in den Schulen unsere Geschichte unterrichten muss, im Sinne davon, dass jeder Schüler und jede Schülerin über die Volksgruppen, die es in Österreich gibt, Bescheid weiß und die Geschichte der Volksgruppen in Österreich kennt. Es ist tatsächlich immer noch so, dass das Bild, das von Roma und Romnja nach außen hin getragen wird, von der Mehrheitsgesellschaft fremdbestimmt ist. Das sehen wir in verschiedenen Filmen, das sehen wir in der Musik, in Songtexten zum Beispiel, das sehen wir auch teilweise immer noch auf Speisekarten, wo man diskutieren muss, das sehen wir in der Literatur nach wie vor – und dagegen müssen wir immer noch vorgehen und dagegen müssen wir uns wehren.
Ein Problem bei der ganzen Sache ist natürlich, dass sehr, sehr viel immer auf Eigeninitiative beruht, das heißt, die Hauptarbeit findet in den Vereinen statt. Das heißt, Roma und Romnja müssen selber dafür kämpfen, dass der Rassismus abgebaut wird und dass die Vorurteile verschwinden. Das ist selten etwas, das im öffentlichen Raum passiert. Das ist selten etwas, das außerhalb dieser Vereine, dieser Workshops zum Beispiel passiert. Und das muss sich natürlich auch verändern.
Wir haben, wie wir heute schon gehört haben, heuer 50 Jahre Volksgruppengesetz. Das ist etwas, das natürlich die Volksgruppe der Roma auch immer irgendwie ein bisschen, wie soll ich sagen, aus vielen Dingen ausklammert, was das Volksgruppengesetz betrifft, weil wir als Einzige mit dem Thema Rassismus konfrontiert sind – in dieser Form, mit dem Antiziganismus im Speziellen. Und das ist natürlich relativ schwierig. Nuna hat es so schön gesagt: Gemeinsam sind wir stark und gemeinsam schaffen wir mehr. – Das sehe ich absolut genauso, und da müssen die Mehrheitsgesellschaft und natürlich die Volksgruppe der Roma an einem Strang ziehen, aber es kann eben meiner Meinung nach nur so funktionieren: wenn wir bei der Bildung ansetzen, wenn es für jedes Kind im Wissen, in den Gehirnen, wie auch immer, in den Lehrbüchern wirklich verankert ist, was unsere Geschichte ist – und das am besten auch noch von uns erzählt.
Thomas Kassl: Vielen Dank für Ihr Statement und für Ihre Gedanken. Ich selbst als Angehöriger der slowenischen Volksgruppe in Kärnten kann das bestätigen: Es bedarf eines regelmäßigen Dialoges, es braucht den Austausch mit der Mehrheitsbevölkerung, Aktivismus in den Kulturvereinen und so weiter und es geht auch darum, das Bewusstsein zu schaffen, dass wir, wenn wir von Volksgruppen sprechen, immer von Österreicherinnen und Österreichern sprechen, die einfach das Geschenk haben, eine zweite Sprache zu sprechen. Und das ist doch etwas Schönes. Wir geben etwas dazu, wir nehmen niemandem etwas weg.
Frau Grandits, ich darf Sie jetzt auch in die Diskussion hereinnehmen. Ich habe ja ganz zu Beginn gesagt, dass wir anhand des Titels „Sichtbar werden – präsent bleiben“ einen Bogen spannen wollen. Und wenn wir das jetzt auf das literarische, auf das publizistische Feld umlegen, könnten wir ja verkürzt sagen: Die Burgenlandkroatinnen und -kroaten sind sichtbar, speziell auch durch die burgenlandkroatische Wochenzeitung „Hrvatske Novine“, die ja eine über 100-jährige Tradition vorweisen kann, aber damit auch präsent im Sinne von relevant zu bleiben, ist ja die zentrale Herausforderung.
Ich möchte hier kurz auch einen von Ihnen verfassten Meinungsartikel aus der „Hrvatske Novine“ zitieren: Als Volksgruppen, besonderes jene, denen wie uns Burgenlandkroatinnen und -kroaten eine schnelle Assimilation droht, haben wir oft das Gefühl, dass die Hauptaufgabe unseres Daseins die Bewahrung ist: Bewahrung alter Bräuche, Bewahrung der Sprache, Bewahrung der Volkslieder und so weiter. Das Ablegen dieser Bräuche in einem Archiv bewahrt vielleicht die Erinnerung daran, aber nicht die lebendige Tradition. Ebenso kann man nicht erwarten, dass sofort alles wiederbelebt wird, nur weil es irgendwo dokumentiert ist. – Zitatende.
Und jetzt die konkrete Frage an Sie: Wie ist die Herausforderung der „Hrvatske Novine“ zu sehen, einerseits als Zeitung einer relativ kleinen Gemeinschaft in einer komplett veränderten Medienwelt zu bestehen und andererseits als ein Instrument, um für ebendiese Gemeinschaft ein sprachlich-pädagogischer Orientierungspunkt zu sein?
Tereza Grandits: Ja, die Herausforderungen sind sicher groß, und meine Kolleg:innen hier haben das ja auch schon bestätigt. Zu dem Archiv-Sager von mir: Als ich das geschrieben habe, da ging es um die Archivierung. Und um da jetzt den Bogen zu unserer Zeitung, zur „Hrvatske Novine“, zu spannen: Ich glaube, wir sind genau das: Wir dokumentieren nicht nur, sondern wir sind auch einerseits Zeugen dieser ganzen Ereignisse, die in unserer Gemeinschaft regelmäßig stattfinden, und andererseits sind wir auch die, die das Ganze weiter fortführen, die schauen, dass eben die Sprache lebendig bleibt, die Impulse setzen können, indem wir auch Ereignissen den Platz und den Raum geben, dass wir uns mit diesen Themen auch ganz im Detail beschäftigen können. Es ist oft so, dass in Mehrheitsmedien, in großen Medien Volksgruppen sehr gerne nur in einer ganz bestimmten Ecke dargestellt werden – also wir burgenländischen Kroat:innen am liebsten mit der Tamburizza in der Hand schunkelnd. Wir, bei uns in der Zeitung, haben die Möglichkeit, den Platz, und es ist auch unser Ziel, zu zeigen: Wir können unsere Sprache nicht nur für die Tamburizza verwenden; wir machen das auch, aber wir sind nicht nur das. Und ich glaube, auch für unsere Leser:innenschaft ist das ein wichtiger Punkt, dass wir eine Art Drehscheibe sind und unser Anker die kroatische Sprache ist, die wir in unserer Zeitung fortführen.
Also ich sehe die kroatische Wochenzeitung tatsächlich als eine Art Institution. Wir sind ein Verein, der das macht, und wir erscheinen tatsächlich seit 117 Jahren, mit mehreren Zwangspausen, und wir sind für viele auch einfach ein Anknüpfungspunkt, wenn man sich informieren möchte über die kroatische Community, wenn man vielleicht auch Fragen zur Sprache hat. All das verbindet die „Hrvatske Novine“ für mich.
Thomas Kassl: Wir haben ja schon vorhin über die Möglichkeiten von Bildungsarbeit auch als Hebel gesprochen, und aus einem Vorgespräch mit Ihnen habe ich mitgenommen, dass ja die Arbeit in den Schulen auch für Sie, für die „Hrvatske Novine“, ein interessantes Feld ist beziehungsweise ein interessantes Feld sein kann – einerseits durch journalistische Expertise im Bereich Medienkompetenz, andererseits in sprachpädagogischer Hinsicht als Werkzeug beziehungsweise als Anschauungsobjekt aus der Praxis. Können Sie uns da ein paar Einblicke geben?
Tereza Grandits: Also es ist so, dass die „Hrvatske Novine“, glaube ich, mittlerweile tatsächlich in allen Schulen gelesen werden, in denen es Kroatischunterricht gibt. Jetzt gibt es natürlich nicht überall Kroatischunterricht – das wäre verbesserungswürdig –, aber dort, wo es ihn gibt, senden wir auch die kroatische Wochenzeitung, die „Hrvatske Novine“, hin. Ich selbst habe in der Schule auch „Hrvatske Novine“ gelesen, und dann haben wir ausgebessert oder diskutiert oder überlegt, wie man Artikel besser schreiben könnte. Da habe ich auch sehr viel gelernt. Also Zeitunglesen, Lesen an sich, stärkt einfach Sprachkompetenz.
Und zu den Projekten: Es ist natürlich eine Herausforderung, ein Printmedium im 21. Jahrhundert herauszugeben. Deswegen ist es immer wichtig, dass man auch in Kontakt mit jungen Personen steht, dass man auch sieht: Was ist tatsächlich deren Medienkonsum, und wie würden sie sich Zeitung vorstellen? Wir versuchen derzeit, so ein Projekt zu machen, indem wir tatsächlich in Schulen gehen und einerseits über Medienkompetenz sprechen wollen und auch, um jungen Personen die Möglichkeit zu geben, sich eben in so einem Printmedium einzubringen und vielleicht Dinge zu machen, wie sie sie gerne hätten. Ich denke, das ist ganz wichtig für uns, wenn wir weiter bestehen wollen.
Thomas Kassl: Ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Auf der einen Seite, glaube ich, ist es diese – Sie haben es ja gesagt – über 100-jährige Tradition der „Hrvatske Novine“, das heißt, jeder Abonnent wartet ja nun schon schwer, bis der Freitag kommt – oder ich weiß nicht, wann Sie zustellen oder wann die Zustellung erfolgt. Mir geht es so bei der slowenischen Wochenzeitung „Novice“. Da sind die Eltern zu Hause schon ganz gespannt, weil sie vielleicht einen Geburtstag gehabt haben und auf die Gratulationen warten, oder was auch immer.
Aber es geht mir jetzt schon ganz stark auch um die young generation, um die junge Generation. Wie holen Sie die ab? Was sind da die Zukunftsperspektiven? Wie halten Sie sozusagen die jungen Leserinnen und Leser bei der Stange? Ist so etwas wie eine App der „Hrvatske Novine“ eine künftige Idee, die Sie vielleicht schon irgendwo konzipieren?
Tereza Grandits: Also das ist natürlich tatsächlich der Plan. Der Plan wäre auf jeden Fall, dass wir in Zukunft auch ein digitales Abo anbieten können – für junge Generationen, wie Sie gesagt haben. Wir haben auch eine Kinderseite. Man muss dazusagen, die „Hrvatske Novine“ ist eine generationenübergreifende Zeitung, die muss für Kinder und bis ins Altersheim funktionieren, und dementsprechend ist eigentlich die Idee dahinter, dass, wenn diese Zeitung gedruckt oder auch digital am Tablet am Tisch liegt, darin jeder für sich etwas finden kann, und wir versuchen das tatsächlich auch mit unterschiedlichen Rubriken irgendwie abzudecken. Das ist natürlich eine große Herausforderung – aber ja, in Zukunft wird es auf jeden Fall ein digitales Abo brauchen, und das wollen wir auch so schnell wie möglich umsetzen.
Thomas Kassl: Ich glaube auch, da geht es vor allem um den Stolz, dass man stolz darauf sein kann. Das betrifft die älteren Generationen, die jungen Generationen, die sich dann freuen, wenn sozusagen zeitgemäß auf die jetzigen Bedürfnisse eingegangen wird und sie dadurch die Informationen erhalten.
Mit Blick auf die Uhr darf ich dann aber schon sozusagen in eine Abschlussfragerunde eintreten. Den Umgang mit der eigenen Geschichte und Kultur betreffend sind ja die Romnja und Roma, sind die Burgenlandkroatinnen und -kroaten anscheinend an unterschiedlichen Polen angesiedelt. Trotzdem müssen sich beide im Hinblick auf die Darstellung in der Öffentlichkeit und das Problem von Fremdzuschreibungen in einem Spannungsfeld von Geschichte, Erinnerung, Tradition und Folklore bewegen.
Ceija Stojka meinte etwa in Bezug auf die Roma, man habe dieses Romantische gebraucht, das Verträumte, Verspielte, man hat unsere Tänze und unsere Musik gebraucht, und das seit 100 Jahren, aber kein Mensch kennt und weiß etwas von den Leuten, die diese Musik gemacht haben. Vielleicht ließe sich eingrenzen, dass dies, bei allen wahren Elementen, die vermeintlich positive Seite des von anderen über die Jahrhunderte gezeichneten Klischeebildes der Roma – in der Literatur, dann in der Malerei, der Fotografie und auch im Film – war.
Tereza Grandits spricht in einem Meinungsartikel in den „Hrvatske Novine“ ebenfalls das Problem der Bequemlichkeit, des Klischees, der klischeehaften Darstellung und Repräsentation der burgenlandkroatischen Volksgruppe an, und ich darf hier noch einmal zitieren: Es ist leichter, an Hochzeiten, an das Kochen und an Küchentücher zu denken. Es ist leichter, auf Volksgruppen ohne Sprache zu blicken. – Zitatende.
Abschließend und der Reihe nach gefragt – und wer zuerst will, darf auch zuerst antworten –: Wie können wir von diesen Klischees loskommen oder sie zumindest als einen fruchtbaren Ausgangspunkt nutzen, um Zerrbildern vorzubeugen und diesen entgegenzuwirken?
Frau Stojka, darf ich das Wort an Sie geben?
Gabriela Stojka: Also ich bin als sehr glückliches Kind aufgewachsen. Wir waren zu Hause acht Kinder – sechs Mädel, zwei Buben. Meine Eltern waren ursprünglich aus Ungarn. Mein Vater war in Lackenbach und konnte beim dritten Fluchtversuch – zweimal haben sie ihn erwischt – flüchten und ist nach Ungarn. Es war übrigens damals auch Ceijas Schwester Kathi, die ältere, dabei; die hat mir dann auch davon erzählt. Er ist dann mit meiner Mama nach Österreich. Meine Mama war 16 Jahre alt, glaube ich, und ich kann nur so sagen: Meine Eltern, also wir waren ja eigentlich, trotz des vielen Herumreisens – in der Steiermark, im Burgenland, immer so herum –, in Wirklichkeit immer in Österreich. Sie haben sich ja nie als Ausländer gefühlt, weil sie ja ganz einfach immer wieder da waren, in diesen Ländern.
Eines muss ich sagen, was mir bis heute wehtut: Die haben uns Kinder – sechs davon, acht waren wir – in Sonderschulen gesteckt. Das muss ich schon erwähnen, weil mir das bis heute wehtut. Aufgrund dessen, dass wir Rom – Zigeuner – waren, haben sie uns in Sonderschulen gesteckt. Wir sind ganz normal in Volksschulen eingeschrieben worden – 1. Klasse –, und nach ein paar Monaten haben sie uns in die Sonderschulen abgeschoben. Ja, und der Direktor hat mich einmal geholt und hat zu mir gesagt: Mädel, was machst du denn da überhaupt? Du lernst ja gut, du kannst alles, wieso bist du in einer Sonderschule? – Als ich kleiner war, habe ich es nicht so verstanden, aber als ich dann älter wurde, 12, 13 war, hat mir das schon irgendwie wehgetan. Auf der Straße haben so manche Kinder gesagt: Mit der darfst du nicht reden, die ist deppert, die ist eine Sonderschülerin! – Das hat mir lange wehgetan, muss ich sagen.
Aber meine Eltern zum Beispiel - - Also mein Großvater, um das ganz kurz zu erzählen, hat in Aspern gewohnt, das ist im 22. Bezirk, mit seinen Kindern und der Frau und bla, bla, bla. Nach dem Lager – mein Großvater hat auch überlebt, aber es sind acht Kinder von ihm, es waren immer Großfamilien, in den Konzentrationslagern umgekommen – hatte mein Vater, hatten wir ein Haus auf der Leopoldauer Straße in Floridsdorf, im 21. Bezirk – dort bin ich auch geboren, wie fast alle von uns, bis auf meine älteste Schwester, die ist in Ungarn geboren –, und wir hatten, mein Vater hatte überhaupt keine Schwierigkeiten mit seinen Nachbarn gehabt, nicht mit dem Fleischhacker, nicht mit dem Milchmann, nicht mit dem Trafikanten, eigentlich gar nirgends. Sie waren dort integriert, kann man eigentlich sagen, gut aufgenommen.
Natürlich hat es aber so dann und wann auch ein bisschen Außenseiter gegeben, die gesagt haben: Was geht ihr denn immer zu den scheiß Zigeunern? Und meine Mutter hat gesagt: Ihr müsst einmal hereinkommen und bei uns scheiß Zigeunern essen, dann könnt ihr so über uns reden!
Ich hatte eigentlich mehr oder weniger, kann ich sagen – ich rede nur von meiner Sicht – eine glückliche Kindheit, und auch mein Bruder, der um zwei Jahre jünger ist als ich. Wir hatten wirklich sehr viele Freunde, aber die andere Seite war natürlich auch, dass diese ganzen Diskriminierungen – die wir Kinder nicht so mitgekriegt haben und nicht so gespürt haben – doch da waren.
Thomas Kassl: Vielen Dank. – Ich darf vielleicht Sie, Frau Grandits, um Ihre Schlussbetrachtungen bitten.
Tereza Grandits: Aus der Sicht von Medienschaffenden, denke ich, ist es einfach eine ganz bewusste Entscheidung, wie ich Personen darstellen möchte und wie ich mit wem rede, auf welcher Augenhöhe, und welche Perspektiven ich darstelle. Ich denke, das ist die Aufgabe, vor allem wenn wir über Klischees reden. Zum Beispiel die burgenländischen Kroaten sind nicht nur Tamburizzaspieler, da gibt es sehr viele Themen, mit denen man sich beschäftigen kann.
Und zu diesem Kommentar von mir, der war auch dem geschuldet: Es ist oft einfach leichter, sich in Klischees zu verfangen, als vielleicht ein bisschen weiter zu bohren, sich mit dem intensiver zu beschäftigen. Das ist einerseits für uns als Volksgruppenangehörige schwieriger, aber, denke ich, auch für die Mehrheitsgesellschaft, denn dann sieht man erst, welche Probleme es noch gibt beziehungsweise welche Dinge man noch ändern müsste – und da gibt es sehr viele Dinge, die verbesserungswürdig wären.
Thomas Kassl: Vielen Dank. Ich glaube auch, man kommt sozusagen über diese ersten, vielleicht auch sehr leichten Bilder dann vertiefend in die eigentliche Problematik und zu dem Standpunkt, dass noch einiges zu tun ist und wir noch nicht, noch lange nicht sozusagen am Ende sind.
Frau Graf-Janoska, noch Ihr Statement dazu.
Katharina Graf-Janoska: Also ich glaube, dass diese Darstellungen, wie Sie sie auch erwähnt haben, in Wahrheit halt eine Art von positivem Rassismus sind. Gerade die ganzen Vorurteile, die über Roma und Romnja in der Literatur tradiert wurden – diese letzten Wilden Europas –, das sind ja alles Erfindungen in dieser – da gibt es ja auch diesen Begriff – Zigeunerromantik, in der diese Darstellungen sehr, sehr beliebt waren, die aber nichts mit der Geschichte, mit der tatsächlichen Geschichte und mit der Wahrheit zu tun haben.
Nur um auch ein Beispiel zu erwähnen: Im Burgenland gab es ja nach dem Krieg diese Bemühungen, den Tourismus wieder anzukurbeln, und man hat dann angefangen, sogenannte Zigeunerbandas anzuheuern, damit die dort spielen, um diese Pusztaromantik, dieses pannonische Flair irgendwie zu vermitteln. Das waren in den meisten Fällen gar keine Roma, aber man hat dort auch mit diesem Freiheitsliebenden, mit dem Wilden, mit dem Teufelsgeiger – man kennt diese Bilder – gespielt, um das Burgenland auch etwas mystischer, etwas interessanter zu machen.
Das Interessante ist ja, dass sehr, sehr viele von diesen Vorurteilen gerade auch im Burgenland über die Fotografie zum Beispiel entstanden sind. Mit dem Aufkommen der Polizeifotografie war es für sehr viele Polizisten einfach sehr interessant, Roma vor ihren Häusern oder vor irgendwelchen Baracken zu fotografieren – teilweise nackt, natürlich mit der Zigarette im Mund, verarmt oder ärmlich dargestellt. Es gibt andere Fotografien, authentische Fotografien aus dieser Zeit, wo man keinen Unterschied sehen würde und nicht wissen würde, um wen es da jetzt geht.
Und ich glaube, das ist der wesentliche Punkt: Wir unterscheiden uns in nichts. Wir sind alle Burgenländer, wir sind alle Österreicher, unabhängig davon, woher man vor ein paar Hundert Jahren gekommen ist. Und das Einzige, was man gegen diese Vorurteile, die man alle als falsch belegen kann, machen kann, ist meiner Meinung nach, die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit zu schätzen. Wir leben in einer Zeit, in der wir jetzt von Fake News sprechen, das gibt es aber schon sehr, sehr lange. Wir können einfach nur schauen, dass wir immer authentisch sind, dass wir die Wahrheit sagen und die Wahrheit mittlerweile als unser höchstes Gut schätzen.
Thomas Kassl: Vielen Dank. Das ist, glaube ich, ein schönes Schlusswort für diese Podiumsdiskussion. Ich danke Ihnen an dieser Stelle sehr, sehr herzlich für Ihre Teilnahme, für Ihre Beiträge und für Ihre klaren Worte, und ich bitte jetzt um einen kräftigen Applaus. (Beifall.)
Gabriela Stojka: Am Schluss hätte ich gerne noch zwei Wörter gesagt: Zigeuner, Rom, was sie werden können oder wozu sie imstande waren – man sieht es an Ceija. Sie ist für mich ein sehr, sehr großes Vorbild. Sie hat angefangen mit ihren Büchern, hat dann angefangen, Strichmännchen zu machen – und heute hängen ihre Bilder in New York, ich war bei der Ausstellung drüben. Sie ist heute die berühmteste Romamalerin – ich weiß nicht, wer da noch ist –, ihre Bilder sind heute schon sehr viel Geld wert und geschätzt. Ich war dort, in New York, muss ich sagen, auf einem Schnelltrip im Februar, und es ist auf alle Fälle ein Wahnsinn, was diese Frau zustande gebracht hat und wo sie ist, wie hoch oben sie heute ist. Wir sind sehr stolz auf sie, und alle Rom müssen stolz sein. Es gibt auch einen Platz, der nach ihr benannt wurde – und das ist schon etwas wert –: der Ceija-Stojka-Platz. (Beifall.)
Thomas Kassl: Stolz zu sein auf die Volksgruppen in Österreich – ich glaube, das nehmen wir gerne unter anderem auch aus dieser Veranstaltung mit.
Bevor wir nun das letzte Musikstück zu Gehör gebracht bekommen und damit auch die Veranstaltung beschließen wollen, gestatten Sie mir noch einige organisatorische Hinweise, die mir aufgetragen wurden:
In der Bibliothek finden Sie einen eigenen Fachbereich zu den Volksgruppen mit einer sorgfältigen Literatur- und Zeitschriftenauswahl. Hierfür stehen Ihnen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Abteilung für Rückfragen gerne zur Verfügung. Wir haben auch Produkte zum Volksgruppenschwerpunkt aus dem Parlamentsshop griffbereit. Diese können Sie selbstverständlich auch gerne käuflich erwerben.
Ebenso geöffnet ist heute die Ausstellung „Wir sind Demokratie“ im Demokratikum – Erlebnis Parlament. Und bereits am 25. Juni haben Sie erneut die Möglichkeit, an einer weiteren Veranstaltung der Reihe „Literatur am Ring“ zu den Volksgruppen teilzunehmen.
Abschließend danke ich Ihnen allen für Ihr Kommen.
Wir freuen uns, wenn Sie noch ein wenig bei uns verweilen und im Rahme des Getränkeempfanges miteinander ins Gespräch kommen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend – Želim vam lipu večer! Schukar kirati!
Und jetzt noch einmal Mira Perusich. – Bitte schön. (Beifall.)
Mira Perusich: Ich freue mich besonders, diese Nummer abschließend spielen zu können, weil sie auf Englisch entstanden ist und Tereza Grandits die kroatische Übersetzung geliefert hat. Es ist ein Lied über Hoffnung und über Nostalgie – Hoffnung, dass es besser wird.
Es folgt die musikalische Darbietung des Stückes „Nugao pameti“, dargebracht von Mira Perusich.
(Beifall.)