Transkript

Verleihung der Concordia-Preise 2026

 

59/SVER

30. April 2026

XXVIII. Gesetzgebungsperiode

Lokal 2 | Elise Richter

Abteilung 1.4/2.4
Stenographische Protokolle
 

Verleihung der Concordia Preise 2026

Programm

Eröffnungsworte

Markus Stotter – Präsident des Bundesrates

vertreten durch:

Harald Dossi – Parlamentsdirektor

Einleitende Worte

Katharina Schell – Vizepräsidentin des Presseclub Concordia

Jurybegründung

Heide Schmidt – Vorsitzende

Preisträger in der Kategorie Menschenrechte

Jürgen Klatzer und Matthias Winterer

Laudatio: Andrea Holz-Dahrenstaedt

Preisträgerin und Preisträger in der Kategorie Pressefreiheit

Fritz Espenlaub, Jasmin Körber, Christian Schiffer und Klaus Uhrig

Laudatio: Barbara Kaufmann

Ehrenpreis in der Kategorie Lebenswerk

Astrid Zimmermann

Laudatio: Susanne Glass

Musik

Jakob Steinkellner

Moderation

Daniela Kraus – Generalsekretärin des Presseclub Concordia

 

Die Veranstaltung beginnt mit der musikalischen Darbietung des Stückes „Sunnseitn“, dargebracht von Jakob Steinkellner.


(Beifall.)

Daniela Kraus (Moderatorin, Generalsekretärin des Presseclub Concordia): Gleich ein netter Dank an Jakob Steinkellner, dass er uns wieder durch den Abend begleitet – herholt und am Schluss quasi rausschmeißt.

Mein Name ist Daniela Kraus. Ich bin die Generalsekretärin des Presseclub Concordia, und ich freue mich sehr, dass wir heute wieder zur Verleihung der Concordia-Preise hier im Parlament, im Herzen der Demokratie, sein dürfen – mittlerweile, wenn ich mich nicht vertan habe, zum 16. Mal. Ich begrüße Sie ganz herzlich!

Ich darf Sie heute, wie jetzt eh schon ein paar Jahre lang, durch die Veranstaltung begleiten – sie ist wirklich immer ein Höhepunkt im Jahr der Concordia für uns alle –, und es ist mir eine besondere Freude, den Gastgeber, Parlamentsdirektor Harald Dossi, begrüßen zu dürfen. Danke, dass wir wieder hier sein dürfen. (Beifall.)

Der Präsident des Nationalrates Walter Rosenkranz, der Präsident des Bundesrates Markus Stotter sowie der Zweite Präsident des Nationalrates Peter Haubner und die Dritte Präsidentin des Nationalrates Doris Bures sind terminlich verhindert und können daher heute leider nicht teilnehmen, wie das in den Vorjahren ja doch oft der Fall war. Es ist mir eine Ehre, die Bundesministerin außer Dienst Gabriele Heinisch-Hosek zu begrüßen (Beifall) sowie die Dritte Präsidentin des Nationalrates außer Dienst und unsere liebe Juryvorsitzende bei den Concordia-Preisen, Frau Dr. Heide Schmidt. (Beifall.

Ich freue mich, die Jurymitglieder, die hier sind, insgesamt zu begrüßen – das ist wirklich immer eine große Arbeit und eine tolle Aufgabe – und auch die Preisstifter und natürlich die Vertreter und Vertreterinnen des Presseclub Concordia, und für die Concordia die Vizepräsidentin Katharina Schell (Beifall), und – wenn Sie mir gestatten, dass ich sage: am allerwichtigsten – die Preisträger und Preisträgerinnen Jürgen Klatzer und Matthias Winterer in der Kategorie Menschenrechte, Klaus Uhrig, Preisträger in der Kategorie Pressefreiheit – stellvertretend für das Team angereist –, und Astrid Zimmermann, die den Ehrenpreis der Concordia erhält. Spenden wir doch vielleicht gleich am Anfang einen Applaus! (Beifall.

Ich begrüße auch ganz besonders die Laudatorinnen – da brauche ich nicht zu gendern – Andrea Holz-Dahrenstaedt, Barbara Kaufmann und Susanne Glass. (Beifall.

Herzlich willkommen auch an alle anwesenden aktiven und ehemaligen Abgeordneten zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates und – abschließend – alle anderen Vertreterinnen und Vertreter aus den Bereichen Medien, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur. – Ganz herzlich willkommen! Schön, dass Sie da sind und mit uns feiern! (Beifall.) – Applaudieren wir uns selbst. 

Ich darf nun aber das Wort an Sie, Herr Parlamentsdirektor Harald Dossi, geben. 

 

Eröffnungsworte 

Harald Dossi (Parlamentsdirektor): Danke, sehr geehrte Frau Kraus! Frau Zimmermann – die heute ja noch im Mittelpunkt stehen wird und eine Vorgängerin von Frau Dr. Kraus ist –, herzlich willkommen! Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich willkommen im Parlament! Bitte nehmen Sie den Umstand, dass zu dieser Veranstaltung, wie schon seit vielen Jahren, die Präsidentin des Nationalrates, drei Präsidenten dieses Hauses und der Parlamentsdirektor einladen, als das wichtige Datum, dass Sie in diesem Haus willkommen sind, und bitte verstehen Sie, dass es Konstellationen gibt, in denen die vier Präsidenten, Präsidentinnen tatsächlich verhindert sind, und Sie heute mit mir vorliebnehmen müssen. 

Ich sage das immer wieder: In diesem Haus ist dieses Ereignis genau richtig. Sie sind hier nicht nur in dem Haus, das ein wichtiger Gegenstand medialer Berichterstattung, ein wichtiger Ort des Begegnens zwischen Medienvertretern und Medienvertreterinnen und der Politik ist, sondern es ist auch ein Ort, an dem die strukturellen Rahmenbedingungen des Medienwesens und des Medienumfeldes verhandelt und letztlich festgelegt werden. Ich vergesse dabei natürlich nicht die bedeutende Rolle der Bundesregierung, aber Sie werden verstehen, dass ich aus meiner Funktion heraus das Parlament da doch in den Vordergrund stelle. 

Heute allerdings – und das ist ja der Grund, warum wir hier sind – ist nicht der Anlass, um über strukturelle Rahmenbedingungen zu sprechen. Ich glaube, da gibt es auch heute laufende Berichterstattung, ich sage nur die Stichworte zum Umfeld: in den nächsten Tagen, am 3. Mai, der Internationale Tag der Pressefreiheit, heute große Berichterstattung über den neuesten Pressefreiheitsindex durch Reporter ohne Grenzen – lauter gute Gründe und wichtige Gründe, über die strukturellen Rahmenbedingungen der Mediensituation in Österreich zu sprechen. Heute aber ist hier der Tag der individuellen Anerkennung und des individuellen Lobes – deswegen auch von mir: herzlich willkommen die Preisträgerinnen und die Preisträger des heutigen Abends! –, und es ist insbesondere der Tag unseres Kooperationspartners, nämlich des Presseclubs Concordia. 

In diesem Sinne übergebe ich an den Presseclub, wieder an Frau Kraus, und ich freue mich, dass Sie so zahlreich hier sind, und wünsche uns einen interessanten und angenehmen späten Nachmittag. – Danke. (Beifall.)

Daniela Kraus: Danke ganz herzlich.

Ich gebe das Wort gleich weiter an Concordia-Vizepräsidentin Katharina Schell. 

Einleitende Worte

Katharina Schell (Vizepräsidentin des Presseclub Concordia): Danke, Daniela. – Sehr geehrter Herr Parlamentsdirektor! Sehr geehrte Frau Bundesministerin! Liebes Concordia-Präsidium! Liebe Preisträger:innen! Liebes Concordia-Team! Sehr geehrte Damen und Herren! – Ich schließe mich deiner Begrüßung insofern vollinhaltlich an. – Herzlich willkommen zum heutigen Abend! Ich stehe hier in Vertretung unseres Concordia-Präsidenten Andreas Koller, der aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein kann, und das ist heute einer dieser Anlässe, bei denen wir ihn besonders schmerzlich vermissen, und das sind auch ziemlich große Fußstapfen, auch wenn ich seine Schuhgröße gar nicht kenne. Wir alle hoffen, dass es ihm bald besser geht, und freuen uns, ihn im nächsten Jahr hier begrüßen zu können. 

Lassen Sie mich jetzt aber mit ein paar Dankesworten beginnen – es gibt an einem Abend wie heute viel zu bedanken –: allen voran an die Preisjury – Daniela hat schon erwähnt, es ist verdammt viel Arbeit – unter dem Vorsitz von Heide Schmidt – herzlichen Dank für diesen Einsatz – und natürlich an die beiden Preisstifter:innen, die Dr. Strohmayer Privatstiftung und die Bank Austria. 

Auch den Laudatorinnen möchte ich heute danken, und – weil es angebracht ist und weil es nicht nur für die Jury sehr viel Arbeit ist, sondern auch diese Veranstaltung selbst – auch dem Concordia-Team ein herzliches Dankeschön, allen voran Daniela (Beifall), und nicht zuletzt natürlich dem Parlament für die jahre-, jahrzehntelange Beherbergung, die Gastfreundschaft, die wir mit unserer Verleihung hier genießen. 

Dann habe ich mir überlegt – ich mache das das erste Mal und ich habe natürlich jedes Jahr bei den einleitenden Worten des Präsidenten gut aufgepasst, aber –: Was sage ich eigentlich? Und dann habe ich mir überlegt: Ja was machen wir denn heute hier? – Wir zeichnen hier heute, so steht es in der Ausschreibung des Preises, außerordentliche journalistische Leistungen aus. Und dann habe ich angefangen, über Journalismus nachzudenken – das ist natürlich immer ein bisschen problematisch, wenn eine Journalistin über Journalismus nachdenkt –: Ausgezeichneter Journalismus – was macht den ausgezeichneten Journalismus aus? 

Ich habe ein paar Stichwörter zum Thema Journalismus im Jahr 2026 zusammengesammelt, die ich Ihnen jetzt einfach so präsentiere, und das erste ist gleich kein angenehmes. Das Stichwort heißt: Plan B.

2025 war aus Mediensicht nämlich kein besonders tolles Jahr. Ich meine, das könnten wir wahrscheinlich seit 20 Jahren jedes Jahr rückblickend sagen, zum Sudern haben wir immer etwas, aber es ist tatsächlich so: Im vergangenen Jahr haben wirklich viele Kolleginnen und Kollegen ihre Jobs verloren, und nicht wenige haben auch von sich selbst das Weite gesucht, nicht nur aus ihrem Medienhaus, sondern raus aus der Branche. Und ja, vielen meiner Zunft, auch mir persönlich komischerweise, sagt man ja immer so ein bisschen einen Hauch Zynismus nach, und die Smalltalk-Gags im vergangenen Jahr waren bei jeder x-beliebigen Abendveranstaltung irgendwie so: Na, was ist dein Plan B?, und das ist eigentlich nicht lustig. Man witzelt herum, aber es steckt leider ein großer Kern Wahrheit, ein ziemlich großes Körnchen Wahrheit drin. 

Es ist eine Tatsache: Wir arbeiten in einer Branche, die mit dem Transformieren einfach nicht nachkommt, und das tut weh. Das tut finanziell weh, und über kurz oder lang journalistisch. Und wir kennen Sparpakete – Jahr ein, Jahr aus, immer wieder ist es passiert –; ich habe in meiner persönlichen Wahrnehmung das vergangene Jahr als ein Jahr erlebt, in dem die Folgen dieses permanenten Disruptionszyklus – und leider werde ich dieses Wort noch ein-, zweimal sagen –, in dem dieses Sparen zum ersten Mal an die journalistische Essenz ging. Keine Sorge, das ist ein sehr hochtrabender Begriff, ich werde nachher noch kurz darüber reden. 

Das nächste Stichwort – und falls jemand hier heimlich Bullshit-Bingo spielt, gibt es jetzt einen Treffer –: KI. Ich persönlich, das wissen manche vielleicht, beschäftige mich mit diesem Thema beruflich teilweise wirklich viel zu intensiv, und ich habe nur maximal 7 Minuten. Jetzt werde ich mir den üblichen Rant ersparen, wie viel Blödsinn teilweise auch über KI und Journalismus, KI im Journalismus et cetera geredet wird, und es hat auch alles Chancen und Risiken – egal, ich möchte nur eines mit Ihnen teilen: Wenn wir in diesen Tagen, im Jahr 2026 über Journalismus und über KI reden, dann müssen wir unterscheiden zwischen KI als Technologie und KI als Produkt. Uns muss klar sein: Das Thema, das uns berührt und das verändert, verändern kann, verändern wird, wie wir arbeiten, das ist nicht eine Technologie, das sind Technologieprodukte, die Konzerne auf den Markt bringen. Und diese Konzerne haben vielleicht nicht unbedingt das dezidierte Ziel, kaputt zu machen – unser Ökosystem, unser Informationsökosystem, was auch immer, kaputt zu machen –, aber ein möglicher Kollateralschaden ist das allemal.

Ich bin auch schon wirklich lange genug Journalistin, dass ich ganz, ganz viele Disruptoren erlebt habe. Also mein erster Computer in meiner ersten Redaktion hatte noch kein Internet. Ich habe Mobile erlebt, Social Media. Technologie hat Journalismus immer angetrieben, und Journalismus in seinem Kern hat sich durch diese Technologien nicht wirklich verändert, und ich sehe zum ersten Mal eine Technologie, die das Potenzial hat, die – Achtung! – Essenz des Journalismus tatsächlich zu verändern, und ja, disruptieren; verändern ist in dem Fall einfach ein schönes Wort für kaputt machen.

Die Laune wird noch besser, keine Sorge, aber zuerst mein drittes Stichwort: Medienpolitik. (Heiterkeit.) Jetzt werden Sie sich vielleicht – also wenn Sie so sind wie ich im Publikum – denken: Schon wieder! – Sich über Medienpolitik zu mokieren, hat bei uns auch viel Tradition – fast so viel Tradition wie die Verleihung von Journalistenpreisen –, das hat aber natürlich auch seinen Grund: Lange Zeit kann man sich über den Stillstand, der passiert, beschweren, und wenn sich dann etwas bewegt, dann ist es vielleicht relativ schnell ein politischer Spielball, der wirr durch die Gegend geschupft wird, und das ist nicht gut, natürlich vor allem nicht gut in Zeiten, in denen Journalisten und Journalistinnen vielleicht schon Pläne B schmieden, und gerade jetzt sind wir eher wieder in so einer Spielballzeit, wir müssen nur in Richtung ORF schauen. Wir müssen eben in Richtung ORF schauen, wo ein Medienhaus, wo viele, viele, viele Journalistinnen und Journalisten des Medienhauses es für nötig befinden, öffentlich zum Beispiel gegen politische Besetzungen im Öffentlich-Rechtlichen aufzutreten. Da sind wir heute.

Wir sehen jetzt aber auch eine andere Bewegung. Wir sehen Ansätze, eine Medienförderung neu zu ordnen, neu aufzustellen. Es liegen jetzt schon mehrere Konzepte vor, und – ich gehe da nicht ins Detail – persönlich muss ich sagen, denn wir sprechen ja über Stichworte zum Thema Journalismus, es gibt immerhin ein Konzept, in dem Journalismus in den Mittelpunkt gestellt wird und Journalismus gefördert werden soll, und dieses Konzept versucht auch eine Definition, was wir denn unter Journalismus überhaupt verstehen – tut uns ab und zu wahrscheinlich auch nicht so schlecht. 

Wir werden in Zukunft weiter sehr gerne und trefflich darüber streiten: Was ist eigentlich Journalismus, was ist guter Journalismus?, so wie wir ja auch seit 25 Jahren gerne darüber streiten, was der öffentlich-rechtliche Auftrag ist, aber das ist einer der Gründe, warum ich jetzt schon zweimal die „Essenz des Journalismus“ gesagt habe. Ich habe da nämlich in den vergangenen Jahren schon auch immer wieder sehr viel nachgedacht, und gerade jetzt, wo ich den Eindruck habe, dass die journalistische Essenz tatsächlich wegzubröckeln droht – aus unterschiedlichen Gründen, ein paar habe ich hier irgendwie zu skizzieren versucht –, zählen für mich einige fundamentale Faktoren zur Essenz des Journalismus.

Erstens: das klar definierte Ziel, zu einer informierten Gesellschaft, die informierte Entscheidungen trifft, beizutragen. – Es ist so langweilig, aber es ist auch für mich noch immer der Grund, nicht nur, warum ich Journalistin geworden bin, sondern auch, warum ich es immer noch bin.

Zweitens: das Erzählen von Geschichten. Der Mensch ist noch – noch, sage ich – ein Geschichtenwesen. Demnächst ist er vielleicht nur mehr ein Chatwesen; was wissen wir denn? Das Erzählen von faktenbasierten, nicht erfundenen Geschichten ist eine unserer Kernaufgaben.

Drittens: das Wissen, für wen man denn erzählt – das Publikum, die Öffentlichkeit kennen und wertschätzen.

Viertens – und da wird es ein bissi schwierig –: Wahrhaftigkeit. Jetzt bin ich wirklich im Pathossegment angelangt, und ich sage aber nicht Wahrheit – Wahrheit ist, finde ich, auch in unserer Branche, in unserer Zunft ein ein bisschen schwieriger Begriff. Wahrhafter Journalismus, was ist das? – Ich möchte ihn vielleicht als ideale Vereinigung von Punkt eins bis drei erklären, also ein demokratiepolitischer Auftrag, eine Wertebasis, auf deren Basis auch ein solides Handwerk ausgeführt wird, und das alles auf Augenhöhe mit dem Publikum. 

Aber jetzt – und das ist das Schöne – kann ich aufhören mit dieser etwas mühseligen Definitionsarbeit, denn heute können wir die Essenz des wahrhaften Journalismus an praktischen Anschauungsbeispielen feiern, würde ich sagen. Ich begleite die Concordia-Preise schon sehr lange, sie werden seit 1997 verliehen, und in der APA-Datenbank findet man im Jahr 2001 die erste Meldung mit meinem Kürzel dazu. Als Medienredakteurin habe ich jahrelang über diese Verleihung berichtet, und deswegen weiß ich natürlich auch noch auswendig für jedes Jahr jede ausgezeichnete Arbeit. – Nein. Aber wenn wir uns die Riege der Preisträgerinnen und Preisträger anschauen, dann sollte uns das Mut machen, denn egal, wie viel in den knapp 30 Jahren transformiert und disruptiert und kaputt gemacht wurde, sehen wir da auch: Wahrhafter Journalismus besteht, auch dieses Jahr!, und ich bin zuversichtlich, dass das auch in Zukunft so ist. Es wird uns viel Arbeit abverlangen, aber es kann sein.

Okay, also ausgezeichneter Journalismus, das feiern wir heute. Wir zeichnen heute essenziellen Journalismus aus, und ich bin froh, dabei zu sein! – Danke. (Beifall.)

Daniela Kraus: Vielen Dank.

Heide Schmidt als Vorsitzende der Jury – vielen Dank –, ich gebe dir das Wort für die Jurybegründung.

Jurybegründung

Heide Schmidt (Juryvorsitzende): Danke schön, danke schön. – Ich mache jetzt etwas, das mir eigentlich nicht sehr vertraut ist: Ich werde das, was ich mir aufgeschrieben habe, lesen, weil die Sorge, dass ich bei der freien Rede weit überziehe, inzwischen sehr groß ist, und das wollte ich Ihnen nicht zumuten. Daher mute ich Ihnen zu, dass ich das, was ich mir gedacht habe, als ich an die heutige Veranstaltung gedacht habe, direkt lese.

Die Juryarbeit für diesen Concordia-Preis ist nämlich nicht nur schön, sie deprimiert auch, sie schockiert, sie macht fassungslos. Denn die Einreichungen zum Thema Menschenrechte beschreiben Menschenrechtsverletzungen in der Bandbreite von psychischer Dumpfheit bis Grausamkeit, von körperlicher Gewalt bis Quälerei und Tod, sie beschreiben Flucht, Diskriminierung, Rassismus, politische Fehlleistungen. Auch beim Lesen der Einreichungen zum Thema Pressefreiheit braucht man manchmal starke Nerven. Die systemischen und faktischen Behinderungen der Berichterstattung im Gaza- und Ukrainekrieg, die gefährlichen Umstände bei der Beobachtung rechter Radikalisierungen, der Einsatz moderner, scheinbar rechtsstaatlicher Methoden zur Einschüchterung von Journalist:innen, das alles zu lesen, ist einfach nicht aufbauend.

In diesem Zusammenhang gibt es sonst einen Selbstschutzmechanismus: Man überblättert die Nachricht, man dreht Fernsehen oder Radio ab, man schaut oder hört sich einen solchen Podcast nicht an. Ich gestehe, diesen Selbstschutzmechanismus setze ich immer öfter ein. Wenn man aber der Jury angehört, dann muss man diesen Selbstschutz außer Kraft setzen, und das ist einem Sinn geschuldet: Die Gesellschaft braucht nicht nur alle diese Informationen, um auf sie reagieren zu können – individuell, kollektiv, politisch –, sie braucht vor allem auch all jene, die diese Informationen liefern, und zwar professionell, redlich und mit Überblick. Es geht nämlich nicht nur darum, einfach zu berichten, was stattfindet – so viel Programmzeit für Fernsehen, Radio oder Papier gibt es ja gar nicht, und die zerstörerische Seite des scheinbar grenzenlosen Internets ist evident. Es geht daher um Auswahl, um Proportion, Einordnung, Reflexion; es geht um Haltung, es geht um Bewusstsein.

Deshalb ist die Qualifikation der Menschen, die diese Informations- und Recherchearbeit übernehmen, so wichtig – ihr Verantwortungsbewusstsein, ihre Unabhängigkeit, ihr Arbeitsethos –, und deshalb ist unser aller Aufmerksamkeit so wichtig, um ihre Arbeit zu beurteilen, ihnen den Rücken zu stärken, aber auch zu kritisieren, wenn nötig, und durch eine öffentliche Debatte eine Korrektur einzufordern. Auch ein reflektierteres Konsumverhalten könnte hier oft hilfreich sein, aber da müssen wir viel zu oft feststellen, dass das in die falsche Richtung geht.

Journalismus gehört zur unverzichtbaren Infrastruktur der Demokratie, und die Qualität des Journalismus ist maßgeblich mitentscheidend für die Qualität der Demokratie. Die Rahmenbedingungen für diesen Journalismus schafft die Politik, und deswegen – Herr Parlamentsdirektor, danke schön – freue ich mich, dass wir unsere Veranstaltung wieder hier im Parlament abhalten können. Das ist der Ort, wo diese Rahmenbedingungen, wie Sie schon gesagt haben, verhandelt und beschlossen werden. 

Das aktuelle Regierungsprogramm widmet dem Medienstandort Österreich immerhin vier Seiten, und da es sich dabei wirklich naturgemäß nur um eine Überschriftensammlung handeln kann, ist das gar nicht so schlecht. Es sind überwiegend Bekenntnisse zu Richtung und Notwendigkeiten der Weiterentwicklung zu lesen, und wenn wir auch in jüngster Vergangenheit so manche merkwürdige Erfahrung mit Bekenntniskultur gemacht haben – die Stichworte Verhaltenskodex oder Ethikrat sind nur zwei von vielen Beispielen –, so hoffe ich doch, dass wir diese Zielvorgaben ernst nehmen können. 

Erlauben Sie mir, dass ich die Gelegenheit, jetzt am Wort zu sein, auch dazu nütze, zwei Ziele zu unterstreichen, die mir besonders am Herzen liegen: erstens eine gestärkte, transparente Medienförderung, die qualitätsabhängig nicht nur die politische Unabhängigkeit garantiert, sondern auch die Überprüfung, und zwar mit Sanktionsmöglichkeiten, sicherstellt; und zum Zweiten ein gestärkter öffentlich-rechtlicher Rundfunk, dessen entscheidende Finanzierung durch die Haushaltsabgabe mir unerlässlich scheint. Privatanbieter wollen und sollen finanziellen Gewinn machen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll einfach ordentlich wirtschaften und durch unser aller Beitrag abgesichert sein, um seine Aufgabe des Public Value erfüllen zu können – denn es geht um diesen gesellschaftlichen Mehrwert, also um Information, Bildung, kulturelle Vielfalt und Förderung des demokratischen Diskurses. Diese Grundnahrungsmittel braucht die Demokratie, und man darf sie daher nicht dem freien Spiel der Kräfte aussetzen, sondern man muss sie sicherstellen. 

Wir haben es uns bei der Prämierung der eingereichten Arbeiten nicht leicht gemacht und ausführliche Sachdiskussionen geführt. In der Kategorie Pressefreiheit gab es schließlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen einer Berichterstattung über den Gazakrieg und dem sechsteiligen Podcast über den Tech-Milliardär Peter Thiel. An der Kriegsberichterstattung beeindruckte die penible Recherchearbeit, an der sich zwölf Medien beteiligt haben, darunter „Die Zeit“, „Der Standard“, ZDF sowie französische, arabische und israelische Medien. Wir waren uns über die gelungene Besonderheit dieser aufwendigen Arbeit ziemlich einig, und dennoch hat eine andere Einreichung knapp den Vorzug bekommen, nämlich der sechsteilige Podcast über Peter Thiel, gestaltet von einem vierköpfigen Autorenteam mit dem Regisseur Klaus Uhrig. Die Entscheidung folgte der Überlegung, dass mit dieser Serie nicht nur über ein Ergebnis, nämlich die teilweise Zerstörung der Pressefreiheit, berichtet wird, sondern auch über die laufende Entstehungsgeschichte, deren Zeitzeugen und Zeitzeuginnen wir alle sind, ohne dass ein lauter kollektiver Ruf an die Politik entsteht, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Das gehört nämlich auch zu den Aufgaben des Journalismus – neben der Information –: Anstoßgeber zur Reaktion zu sein. 

Der von uns in der Kategorie Menschenrechte ausgezeichneten Einreichung ist das in einem besonderen Maß gelungen. Die beiden „Falter“-Journalisten Jürgen Klatzer und Matthias Winterer sind nach langwierigen Recherchen an zwei Studien gelangt, die den Missbrauch von Kindern in zwei österreichischen SOS-Kinderdörfern und seine Vertuschung belegen. Die Folgewirkungen dieser Berichterstattung waren immens: von Untersuchungskommissionen über polizeiliche Ermittlungen, Kündigungen, Neustrukturierungen, bis zur Entglorifizierung des Gründers von SOS-Kinderdörfern und einer öffentliche Debatte über die Rechte von staatlich untergebrachten Kindern und Jugendwohlfahrt, Kinderwohlfahrt. Im Zusammenhang mit der jahrelangen Vertuschung stand auch der Begriff der Loyalität auf dem öffentlichen Prüfstand und damit die Grenze zu Mitverantwortung und Mitschuld, und es wäre zu hoffen, dass so manche Leserin und so mancher Leser dieses Thema als auch ein solches im eigenen Berufsfeld erkannt hat. 

Es hat auch andere Einreichungen gegeben, die eine Auszeichnung verdient hätten – es wäre so schön, wenn wir mehr Preise verleihen könnten, vielleicht in einer Abstufung oder so –, wie etwa über die inzwischen breit diskutierten Missstände bei der Begutachtungspraxis der PVA, der wunderbare Text des aus Vietnam stammenden „Standard“-Journalisten über seine Eltern und was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen, oder eine beeindruckende Doku über den Sommer der Flucht im Jahr 2015. Als besonders demokratierelevant habe ich die Analysen im „Standard“ zur Ausrufung des Notstandes in Österreich empfunden, und knapp an die Auszeichnung heran kam die Recherchearbeit von „Dossier“ über die Missstände im Erwachsenenschutz, die Diskriminierung besonders vulnerabler Menschen. „Dossier“ schreibt von etwa 70 000 von Nachlässigkeit und Geringschätzung, Geschäftemacherei und mangelnder Kontrolle, staatlicher Unterfinanzierung und systematischen Rechtsverletzungen Betroffenen. Das zu lesen, ist bedrückend. 

Ohne die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten würde das alles im von Interessen geschützten Dunkel bleiben, und deshalb freue ich mich auch, dass es einen Ehrenpreis gibt, den das Concordia-Präsidium verleiht und der diesmal für das Lebenswerk von Astrid Zimmermann ausgelobt wurde, einer Frau, die nicht nur jahrelang hoch qualifizierte journalistische Arbeit geleistet hat, sondern auch die Wichtigkeit der Institutionalisierung bestimmter Werte und Anliegen erkannt hat. Deswegen hat sie im Presseclub Concordia gearbeitet, daher ihre Gründung eines Frauennetzwerks, daher ihr Engagement im Presserat. Die Laudatio wird ihre Verdienste noch würdigen. – Ich danke dir jedenfalls, Astrid, für alles das, was du für die Demokratie getan hast (Beifall), und ich danke Ihnen allen, insbesondere den unter Ihnen befindlichen Journalistinnen und Journalisten, für das, was Sie für die Demokratie leisten, denn sie kann ohne Ihre und ohne unser aller Beteiligung nicht leben. Es hilft ihr, wenn wir alle mehr Aufmerksamkeit, Verantwortung und Courage in unser eigenes Verhalten legen – jede und jeder Einzelne –; es hilft ihr, wenn wir die zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten produktiv nützen; und es hilft ihr und kann über ihr Überleben entscheiden, wenn wir mit gut überlegtem Wahlverhalten jene Rahmenbedingungen einfordern, mit denen die Gesellschaft respektvoller und humaner wird. Ihre Berichterstattung soll uns ein Ansporn sein. Daher: Danke. (Beifall.


Es folgt die musikalische Darbietung des Stückes „Move it!“, dargebracht von Jakob Steinkellner.


(Beifall.

Daniela Kraus: Ich bitte jetzt für die Laudatio in der Kategorie Menschenrechte Andrea Holz-Dahrenstaedt, Kinder- und Jugendanwältin außer Dienst des Landes Salzburg, auf die Bühne und freue mich schon. (Beifall.)

Preisträger in der Kategorie Menschenrechte

Andrea Holz-Dahrenstaedt (Laudatorin in der Kategorie Menschenrechte, Kinder- und Jugendanwältin des Landes Salzburg a. D.): Sehr geehrte Damen und Herren! Geschätzte Preisträger und Preisträgerinnen! Es ist mir eine große Ehre, heute in diesem feierlichen Rahmen die Laudatio für Matthias Winterer und Jürgen Klatzer halten zu dürfen, und ich gebe zu, es ist kein Wohlfühlthema, aber ich möchte ihnen aufrichtig danken, dass sie mit ihren Recherchen, mit ihren Beiträgen etwas ins Rollen gebracht haben, was vermutlich viele von Ihnen nicht geglaubt hätten, nämlich systematische massive Kinderrechtsverletzungen, Gewalt an Kindern in einem der größten und renommiertesten Kinder- und Jugendhilfeträger aufzudecken, der von ihnen, von den Autoren, treffenderweise als österreichisches Kulturgut bezeichnet wurde, und zwar nicht nur in der Vergangenheit, sondern quasi hier und jetzt und heute. 

Ich gestehe, dieser Super-GAU dieser Einrichtung hat auch mich als langjährige Kinder- und Jugendanwältin erschüttert, nicht nur, weil ich denke, es kann nicht sein, was nicht sein darf – das habe ich in 30 Jahren sehr wohl gelernt: alles ist möglich –, sondern weil ich eigentlich überzeugt war, zumindest gehofft habe, wir – und mit „wir“ meine ich wir Profis im psychosozialen Bereich – hätten seit dem Heimkinderskandal 2008, der in kirchlichen Einrichtungen aufgedeckt wurde – auch wir waren eine Opferschutzkommission, eine Opferschutzanlaufstelle –, etwas gelernt, und zwar, wir hätten eine Kehrtwende erreicht, dass es Konsens ist, dass Gewaltanwendung für Kinder in Obhut – in staatlichen, kirchlichen, egal welchen Einrichtungen – ein absolutes Tabu und unzulässig ist, und dass wir Kindern glauben.

Es hat mich auch erschüttert, weil ich mit dem SOS-Kinderdorf verbunden bin: Ich habe damals beim damaligen Leiter Kutin selbst initiiert, dass das Clearing-House in Salzburg für unbegleitet geflüchtete Jugendliche ins Leben gerufen wurde – die Politik hat es leider vor einigen Jahren zugesperrt, das ist ein anderes Thema –, und weil SOS-Kinderdorf eine der drei Wohngemeinschaften war, in denen wir ein Pilotprojekt durchführen konnten – auch lernend aus dem Heimkinderskandal –, nämlich für eine Anlaufstelle für Kinder in Fremdunterbringung, dass sie jemanden außerhalb des Systems Stehenden haben, der ihnen zuhört, zu dem sie Vertrauen haben können, dem sie glauben können. Es hat mich auch erschüttert, weil ich mit all diesen Menschen verbunden bin, die in diesen Einrichtungen arbeiten, im psychosozialen Bereich hervorragende Arbeit unter sehr schwierigen Rahmenbedingungen leisten. In allererster Linie aber bin ich vor allem den rund 13 000 jungen Menschen verbunden, die außerhalb der Familie aufwachsen und für die wir eine besondere Verantwortung haben, und war zutiefst erschüttert darüber, dass sie zusätzlich zu dem Trauma, aus dem Familienband herausgerissen zu werden oder jedenfalls nicht in der Familie aufwachsen zu können, erneut Opfer von Gewalt werden und – dies noch dazu – dass keiner hilft. Genau das ist hier passiert. 

Genau in dieses Wespennest zu stechen, diese Missstände im wahrsten Sinne des Wortes aufzudecken, etwas, wo zu lange der Deckel draufgehalten wurde, ist der Verdienst von Matthias Winterer und Jürgen Klatzer, um damit mehr Kinderschutz für alle Kinder zu erreichen. 

Bevor ich in aller Kürze auf das Versagen auf den verschiedensten Ebenen, das sie in ihren Beiträgen so gut beleuchtet haben, eingehen möchte, möchte ich ganz kurz drei Dinge, drei Fakten in aller Deutlichkeit festhalten: Gewalt an Kindern in jeglicher Form – seelische Gewalt, körperliche Gewalt, sexuelle Übergriffe –, alles, was wir in den Berichten beschrieben bekommen haben – Demütigen, Festbinden, Nahrungsentzug, Schläge –, ist eine der häufigsten und massivsten Kinderrechtsverletzungen und, wenn sie im familiären und sozialen Nahraum passiert, eines der größten Tabuthemen, nämlich aufgrund dieser Verkettung dieser toxischen Dynamik, die da so – gut ist das falsche Wort – treffend, erschütternd beschrieben wurde. 

Zweiter Punkt: Gewalt an Kindern führt zu tiefem seelischem Leid, verletzt die Würde des Kindes und zerstört das Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen – mit lebenslangen Spuren und Folgen. Spätestens seit der Hirnforschung wissen wir: Die gsunde Watschen gibt es nicht. 

Dritter Punkt: Gewalt in jeglicher Form, von leichter Gewalt bis hin zu sogenannter schwerer Gewalt, ist spätestens seit 1989 in Österreich verboten. Die gsunde Watschen gibt es nicht. Dazu kommt die Kinderrechtskonvention seit 1992, dazu kommt sogar ein Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern. Darin steht – zusätzlich zu diesem allgemeinen Gewaltverbot in EU-Richtlinien, in Leitfäden, in diversen Gesetzen und Papieren, die alle geduldig sind –: Kinder in Fremdunterbringung haben den „Anspruch auf besonderen Schutz und Beistand“. Dies nicht umsonst, weil sie eine sehr, sehr vulnerable Gruppe von Menschen sind. Doch nicht alle halten sich daran, aus den verschiedensten Gründen – biografische Gründe, eigene Gewalterfahrung, Überforderung –, und das führt mich auf die erste Ebene, zum individuellen Versagen. 

Das wissen wir, das ist Fakt – wir können mit Prävention versuchen, möglichst frühzeitig anzusetzen, Kinderschutzkonzepte sind in aller Munde –, aber es ist Fakt, ich erspare Ihnen die Zahlen – die Dunkelziffer ist riesengroß –, nur zwei: 50 Prozent in Österreich glauben noch immer, dass der Klaps erlaubt sei, und 20 000 Kinder erleiden sexuelle Gewalt. Über all die Jahre, die ich immer wieder die Statistik gemacht habe, werden jährlich in ganz Österreich 600 Fälle zur Anzeige gebracht und 200 Verurteilungen ausgesprochen. Also: Kinderschutzkonzepte, Prävention ja, individuelles Versagen gibt es – doch diese Konzepte, all das reicht nicht, denn es braucht hellwache Organisationen, die diese Haltung leben. Im Folgenden ist genau das passiert, dass das eben nicht gelebt wurde, und es ist wirklich ein negatives Lehrbeispiel, wie leider so oft in hierarchischen Systemen. 

Das wurde so deutlich in diesen Beiträgen. Die unmittelbare Organisationseinheit – ich möchte nur kurz streifen –: Unqualifizierte Leitung, schlechtes Vorbild – im Gegenteil, nicht nur schlechtes Vorbild, sondern es wurde diesem Leiter die Lizenz zur Gewalt quasi attestiert und bescheinigt. Ein massives Fehlverhalten von Mitarbeitern wird intern selbst geprüft, mit dem Ergebnis – ja, typisch österreichisch –: Ja, ein Fehler, aber gar kein pornografischer Hintergrund! – Meldepflichten werden missachtet. Es wird ein Klima von Angst erzeugt, es wird gedroht. Aufdecker werden als Last empfunden und als Nestbeschmutzer behandelt. Gegen Menschen, die sich dann zu Wort melden und sagen, sie werden misshandelt, wird mit Verleumdungsanzeigen reagiert und, wenn es gar nicht mehr anders geht, werden Mitarbeiter mit einem einwandfreien Dienstzeugnis entlassen oder nicht entlassen, nicht gekündigt, sondern quasi ein Wanderpokal ohne Konsequenzen, und das gepaart mit unzureichender Aufsicht, Behörden, die ihren Kontrollauftrag nicht erfüllen, und Kindern, denen nicht geglaubt wird. Das war die unmittelbare Organisationseinheit. 

In der übergeordneten Organisationseinheit wird – anstatt dass Alarmglocken schrillen – Berichten über Missstände die höchste Vertraulichkeit beigemessen, Datenschutz kommt vor Kinderschutz. Totschweigen innen und außen, der Mythos, das Image muss aufrechterhalten werden – Datenschutz vor Kinderschutz. 

Dann komme ich zur gesellschaftlichen Ebene. Warum ist die wichtig? – Täter, Täterinnen, Organisationen können sich unbewusst fast sicher sein, dass nicht viel passiert. Warum? – Ich selbst war einmal Kommissionsleiterin einer Einrichtung, einer anderen Organisation mit Missständen. Eines war mir als besonders bemerkenswert, schockierend in Erinnerung – wir haben Befragungen gemacht, Interviews geführt: mit Nachbarn, Kindergartenleiterin, Lehrerin, Arzt, Ärztin, Bürgermeister –: dieses rationalisierende Verhalten des Umfelds: Na ja, die sind halt aus schwierigen Verhältnissen!; sie haben Essen gestohlen: Na ja, Herkunftsmilieu!, nicht, dass sie Hunger hatten – auf diese Idee ist niemand gekommen –, bis hin zum Verständnis – wenn die Kinder geschrien haben –: Man müsste härter durchgreifen, es sind schwierige Kinder.

Dazu kommt die Haltung: Wir mischen uns nicht ein. – 40 Prozent aller Befragten einer Umfrage sagen: Was in der Familie und damit im sozialen Umfeld passiert, geht niemanden etwas an. 

Dazu kommt der Täterschutz. Dazu kann ich Ihnen auch ein Beispiel nennen – es geht um erzählte Geschichten mit Wahrheitsgehalt –: In einer Gemeinde hat ein Mann zwei Töchter geschwängert. Im Dorf, in der Gemeinde sagte man: Die eigenen Kinder soll man nicht hinlassen, das ist gefährlich; aber noch ärger ist sie, die Frau, denn sie hat es zur Anzeige gebracht! – Also: Sie hat das Nest beschmutzt, sie hat Schande über die Familie gebracht. Und – bei SOS-Kinderdorf auch ein typisches Merkmal –: Je höher die Reputation, je angesehener ein Bürger – ich rede jetzt von Männern, ja, ich gendere es absichtlich nicht –, umso unglaublicher: Der doch nicht, der ist doch so gut! – Genau dies war mit Hermann Gmeiner und Helmut Kutin der Fall, die waren ja quasi Heilige. 

Zusammenfassend möchte ich sagen: Dieser Cocktail von: Selber schuld am Schicksal!; idealisierte Autoritätsperson; unkritisch, ohne zu hinterfragen; Identifikation mit dem Aggressor; und dieses wiederkehrende Muster: ignorieren, vertuschen, verharmlosen, Täter reinwaschen, Schuldumkehr und keine Unterstützung für Aufdecker – das macht diesen toxischen Mix, dass es kein sicherer Ort für Kinder ist. 

Last, but not least in der Kette der Verantwortung will ich noch die Politik nennen, bei der spiegelbildlich alles ähnlich wie vorhin beschrieben abläuft: Es ist ein Randthema, es ist eine Randklientel, der Sparzwang ist auch hier – die Wolke des Sparens überstrahlt eigentlich die herrschende Sonne der Pädagogik –, Berichte, selbst in Auftrag gegebene eigene Berichte, werden ignoriert. Ich habe hier in diesem Haus 2018 mit vielen anderen dafür gekämpft, dass die Kinder- und Jugendhilfe nicht verländert wird. Gegen sämtliche Empfehlungen wurde das trotzdem beschlossen. Ich finde auch bisher die Resonanz der Politik auf diese Missstände enttäuschend. Es ist wieder das Verhalten: Dort ist es!, aber nicht diese Gesamtreform, die da eigentlich folgen sollte. 

Ich komme zum Schluss: Die Kinderrechtskonvention ist – ich habe recherchiert –, wenn ich richtig recherchiert habe, ähnlich alt – oder ähnlich jung – wie der Concordia-Preis. Erstmals steht ein Kinderrecht im Zentrum, so im Mittelpunkt – Kinderrechte sind Menschenrechte –, und trotz aller Erschütterung ist es gut so, denn nur dadurch kann sich etwas bewegen. Frau Heide Schmidt hat gut aufgezählt, was alles gegründet wurde; es ging bis hin dazu, dass das SOS-Kinderdorf jetzt von sich selbst an die Öffentlichkeit getreten ist und aufgedeckt hat, was schon lange eigentlich totgeschwiegen wurde. 

Ganz zum Ende gilt es da jetzt sozusagen, an die Politik zu appellieren, es nicht dabei zu belassen: Die da!, sondern für bessere Rahmenbedingungen für alle Kinder zu sorgen. Ich wünsche mir von Ihnen allen Zivilcourage, auch wenn es unbequem ist – es kann, durchgestrichen: „nicht“, sein, was nicht sein darf –, Mutigsein. Ich bitte alle anwesenden Journalisten, weiterhin mit dieser gebotenen Sorgfalt und Achtsamkeit über Kinderrechtsverletzungen zu berichten, ohne reißerische, dramatisierende Einzelfalldarstellung, wie all das Jürgen Klatzer und Matthias Winterer so eindrucksvoll gelungen ist, nicht den Fokus auf den Einzelfall zu richten – Kinderschutz hier zu respektieren, das Recht auf Privatsphäre hier zu respektieren –, sondern in der ganzen unbequemen Breite zu zeigen. Ich danke für den Mut, in dieses Wespennest zu stechen, und gratuliere sehr, sehr herzlich zum wohlverdienten Preis. (Beifall.)

Daniela Kraus: Danke schön. 

Ich bitte damit die Preisträger Jürgen Klatzer und Matthias Winterer auf die Bühne und Katharina Schell zur Übergabe der Preise – und dann gehört die Bühne Ihnen. Vielleicht können wir das noch einmal mit einem Applaus begleiten. 

(Beifall.)


Es erfolgt die Preisübergabe an Jürgen Klatzer und Matthias Winterer mit musikalischer Untermalung durch Jakob Steinkellner.


Gratulation! – Machen wir die Fotos nachher, oder? – Gratulation! Und das Wort gehört jetzt auch Ihnen. 

Matthias Winterer (Preisträger in der Kategorie Menschenrechte, Journalist): Sehr geehrtes Publikum! Jürgen Klatzer und ich, wir stehen heute hier, weil sich jemand getraut hat, uns einen Hinweis zu geben. Es war ein Brief mit der knappen Information, dass es in zwei österreichischen SOS-Kinderdörfern zu Missbrauch gekommen sein könnte. Wir wussten damals nicht viel über SOS-Kinderdörfer. Wir kannten diese Spendenaufrufe, die immer zu Weihnachten im Postkasten liegen. Wir kannten Hermann Gmeiner, den Gründer der Organisation, und Gmeiners Nachfolger Helmut Kutin. Und wir kannten die PR-Bilder von diesen lachenden Kindern in diesen Bungalowdörfern. 

Dieser Brief hat uns dazu veranlasst, hinter die Mauern dieser Dörfer zu schauen. Was haben wir dort gesehen? – Die Kinder waren gar nicht so glücklich, also manche dieser Kinder waren gar nicht so glücklich, wie uns diese Fotos, diese Hochglanzfotos glauben lassen. Sie wurden gequält, sie wurden geschlagen, und sie wurden missbraucht – von Menschen, die sie eigentlich beschützen sollten, ihren Kinderdorfmüttern, ihren Betreuern, ihren engsten Bezugspersonen. Und sie wurden im Stich gelassen von jenen, die eigentlich darauf achten sollten, dass ihnen nichts passiert: von den Behörden. 

Für diese Recherche brauchten wir die ganze Bandbreite des journalistischen Handwerks. Wir haben Akten eingesehen, wir haben Vertrauen zu Whistleblowern aufgebaut, wir haben pädagogische Studien gelesen, wir haben an Türen geklopft, wir haben Opfer und Täter ausfindig gemacht, vor allem aber haben wir eines getan: Wir haben zugehört. Ehemalige SOS-Kinderdorfkinder haben uns ihre Geschichten erzählt – Geschichten, die sie noch nie jemandem erzählt haben, aus Angst, dass ihnen niemand glaubt; Geschichten, die sie schon oft erzählt haben, aber es hat ihnen niemand geglaubt, aus dem einfachen Grund: sie waren Kinder. 

Jürgen Klatzer (Preisträger in der Kategorie Menschenrechte, Journalist): Missstände sind selten laut. Sie sind oft leise, sie verstecken sich hinter großen Namen, hinter einem guten Image, vielleicht auch hinter einem guten Zweck. Die Politik verspricht, die Schwächsten in unserer Gesellschaft zu schützen. Wie wir gesehen haben, passt das mit der Realität oft nicht zusammen. Genau deshalb braucht es Journalismus – nicht den schnellen, nicht den lauten, sondern den hartnäckigen; Journalismus, der hinter die Fassaden schaut, der dranbleibt, gerade dann, wenn das Interesse schon wieder verflogen ist. 

Dieser Preis ist nicht nur eine Auszeichnung, er ist auch ein Auftrag: ein Auftrag, weiter hinzuschauen, weiter Fragen zu stellen und vor allem weiter zuzuhören. 

Vielleicht auch eine Erinnerung: Journalismus funktioniert nicht alleine. Es braucht Menschen, die bereit sind, zu sprechen, die ein Risiko eingehen und die sagen: Das war nicht gut, das war nicht okay. 

Wir möchten heute diese Gelegenheit nutzen, um diesen Menschen zu danken: danke für euer Vertrauen, danke für euren Mut, danke, dass ihr euch nicht damit abgefunden habt, dass hier Unrecht passiert ist. Das ist nicht selbstverständlich. – Diesen Menschen gebührt heute der Preis. 

Danke auch an alle, die uns unterstützt haben, danke an die Kollegen und Kolleginnen im „Falter“, danke an unsere Familien und danke an den Presseclub Concordia. 

Wir nehmen diesen Preis stellvertretend entgegen mit der klaren Ansage: Wir sind noch nicht fertig. – Vielen lieben Dank. (Beifall.)

Daniela Kraus: Danke. – Ja (in Richtung der vor dem Rednerinnen- und Rednerpult mit Tröten herumlaufenden Kinder), jetzt noch einmal ordentlich tröten, bitte! (Heiterkeit der Moderatorin.) Danke schön. Ja, super, jetzt hören wir es endlich. Das machen wir nachher noch einmal mit Mikro, würde ich vorschlagen. 

Wir müssen jetzt leider weitergehen – oder: leider? –, wir dürfen jetzt zum Glück weitergehen zum Preis für Pressefreiheit, und zwar geht dieser an ein Team: Fritz Espenlaub, Jasmin Körber, Christian Schiffer und Klaus Uhrig – der hier ist –, für ihren Podcast – wie schon bekannt – „Die Peter Thiel Story“. 

Ich möchte jetzt für die Laudatio Barbara Kaufmann, Journalistin und Filmemacherin, auf die Bühne bitten. – Bitte, Barbara. (Beifall.)

Preisträgerin und Preisträger in der Kategorie Pressefreiheit

Barbara Kaufmann (Laudatorin in der Kategorie Pressefreiheit, Journalistin und Filmemacherin): Danke schön. – Ich drehe gerne und ich schreibe gerne, aber frei reden ist nicht so meine Profession. Ich sage es Ihnen nur, dass ich mich im Gegensatz zu den tollen Vorredner:innen ein bisschen mehr an meinen Text klammern werde – ich hoffe, das ist in Ordnung. 

Liebes Publikum, geschätzte Preisträger:innen! Journalismus hat die Aufgabe, hinter die Kulissen zu blicken, Inszenierungen zu durchschauen, sie auseinanderzunehmen, bis am Ende das bleibt, was man ganz unmythisch und schlicht die Wahrheit nennt – ein Wort, das Katharina Schell nicht so mag, habe ich heute gelernt; ich bin ein großer Fan von ihr –, aber manche Inszenierungen entwickeln so eine Strahlkraft, dass selbst kritische Beobachter:innen mit der Zeit nicht mehr zu wissen scheinen: Werden sie gerade erleuchtet oder doch verblendet? – Wer zu lange direkt ins Licht schaut, wird blind. 

Wenn man sich heute Porträts der sogenannten Techelite durchliest, die vor rund zehn Jahren entstanden sind – in durchaus renommierten internationalen Medien, von durchaus kritischen Journalist:innen –, kommt man nicht umhin, sich zu fragen, ob da nicht einige vielleicht zu lange, auf jeden Fall jedoch zu nahe am Licht gestanden sind. 

Peter Thiel – steht da in Artikeln – wäre der Mann der Stunde, ein Visionär, einer, der ausstrahlt, wonach sich viele gerade in unsicheren Zeiten sehnen: Führungswille, Ehrgeiz, Machtbewusstsein – und unterschwellig, zwischen den Zeilen immer wieder: So einen brauchen wir: einen Macher, jung, dynamisch, voller Tatkraft, einen, der schick ist und fancy, neben dem die Demokratie ganz schön alt aussieht. 

Es sind Bilder, die seither ständig produziert und reproduziert werden, in Medien und auch in medienähnlichen Produkten. Fritz Espenlaub, Jasmin Körber, Christian Schiffer und Klaus Uhrig, die Reporterinnen und Reporter der heute ausgezeichneten Podcastreihe „Die Peter Thiel Story“, sind diesen Bildern nicht in die Falle gegangen – im Gegenteil: Sie haben sich in jahrelanger Recherchearbeit ganz genau angesehen, was sich da unter der Hochglanzoberfläche verbirgt. Sie haben die Story, die Geschichte, die uns Peter Thiel erzählen will, in ihre Einzelteile zerlegt, und das, was sie jenseits der Inszenierung und jenseits des Scheinwerferlichts entdeckt haben, ist eine Welt, die genau dort beginnt, wo unsere Freiheit, unsere Mitbestimmung enden würden: autoritär, apokalyptisch, darwinistisch, kalt, elitär, und vor allem eines: antidemokratisch. 

Es ist ein Szenario, das mich an die frühen John-Carpenter-Filme erinnert hat: ein Horrorfilm, der für viele so enden würde, wie Filme dieses Genres immer enden, wo der Stärkste überlebt, wo Egoismus belohnt wird, Machtstreben um jeden Preis sogar erwünscht ist, wo Eigenverantwortung so definiert wird, dass man für all das verantwortlich gemacht wird, was man nicht beeinflussen kann: Herkunft, Armut, Krankheit. 

Peter Thiel wird im Podcast als Machtmensch beschrieben, der nie direkt eingreift, sondern über Netzwerke arbeitet, ein Mann mit einer großen, fast metaphysischen Erzählung, deren Kern ein Freiheitsbegriff ist, der nicht mit der Demokratie, wie wir sie kennen, vereinbar ist – mit jener Gesellschaftsform, in der wir leben, in der es der von Peter Thiel geschmähte, ja fast verachtete Kompromiss ist, der am Schluss für möglichst viele Menschen ein möglichst gutes Leben garantieren soll.

Es war nicht einfach, „Die Peter Thiel Story“ zu produzieren. Klaus Uhrig, Produzent und Autor, hat sie zu einer Zeit entwickelt, als von der zweiten Amtszeit Trumps noch keine Rede war, als Thiel noch immer als Macher galt, als Visionär gefeiert wurde. Sie passte nicht in die oft von Tagesaktualität getriebene Redaktionslogik vieler Sender, die vielerorts dem Spardruck geschuldet ist. 

Es ist der Hartnäckigkeit von Klaus Uhrig und seinem Team Fritz Espenlaub, Jasmin Körber und Christian Schiffer zu verdanken, dass Jahre später „Die Peter Thiel Story“ zu einer der meistgehörten Podcastreihen im deutschsprachigen Raum geworden ist: weil sie sich nicht blenden ließen, weil sie den Bildern misstraut haben, weil sie den Freiheitsbegriff, den sie bei Peter Thiel gefunden haben, als Gefahr erkannt haben, für genau jene freie Presse, die unsere Demokratie ausmacht und gewährleistet. 

Daher geht heuer der Concordiapreis in der Kategorie Pressefreiheit an Fritz Espenlaub, Jasmin Körber, Christian Schiffer und Klaus Uhrig für die sechsteilige Podcastreihe „Die Peter Thiel Story“, und ich gratuliere ganz herzlich, Klaus. (Beifall.)

Daniela Kraus: Wir dürfen jetzt die feierliche Urkundenübergabe vornehmen – bitte schön! –, und die feierliche Preisgeldübergabe müssen wir – wollen wir auch machen. 


Es erfolgt die Preisübergabe an Klaus Uhrig mit musikalischer Untermalung durch Jakob Steinkellner.


Daniela Kraus: Wir machen später Fotos. Danke schön für die Übergabe, und ich bitte Klaus Uhrig jetzt um seine Worte. 

Klaus Uhrig (Preisträger in der Kategorie Pressefreiheit, Autor und Produzent): Gut, ich werde versuchen, es kurz zu machen, ich werde nur zwei kleine inhaltliche Dinge anreißen und mich danach noch ein bisschen bedanken. 

Das Erste ist – ich weiß nicht, wer von Ihnen es mitbekommen hat –: Seit zwei Wochen ist eine neue Webseite online, objection.ai, auf der Peter Thiel und Aron D’Souza – das sind die beiden, die gemeinsam schon das Onlinemedium Gawker zerstört haben – jetzt einen neuen Service anbieten: Wenn man sich von Journalisten falsch dargestellt fühlt, kann man diese Journalisten jetzt mit KI-Unterstützung fertigmachen lassen – as a service, wie man so schön sagt.

Also das ist ein Service, den Peter Thiel und seine Kumpanen jetzt anbieten, womit man zeigt: Die Kämpfe gegen die Pressefreiheit, die von der Techelite ausgehen, sind lange noch nicht zu Ende gekämpft. Wir sehen das in den USA gerade ganz stark, wo die wirklich – man kann es nicht anders sagen – legendäre Sendung „60 Minutes“ jetzt unter neuer Leitung von Bari Weiss ist, einer absolut fragwürdigen „Journalistin“ – ich würde hier Journalistin in Anführungszeichen setzen –, die eher dazu geneigt ist, kritische Berichterstattung, für die diese Sendung seit Jahrzehnten steht, zu verhindern. 

Ich glaube, bei diesem Problem – ich nenne es gerne Journalismus als Beute – müssen wir uns noch auf einiges gefasst machen, weil eben zunehmend die Superreichen Medien, die ihnen passen oder nicht passen, aufkaufen. Ob es jetzt Jeff Bezos ist mit der „Washington Post“ oder ob es Elon Musk ist, der gleich die ganze Plattform Twitter aufgekauft und nach rechts getrieben hat: Ich glaube, das ist etwas, wo wir in Zukunft besonders aufpassen müssen, weil uns das noch häufiger passieren wird. 

Umso wichtiger – ich weiß, das haben heute Abend schon mehrere Leute gesagt – finde ich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tatsächlich, der nicht so stark in Gefahr steht, aufgekauft zu werden, aber natürlich auch jede andere Form von kritischem Journalismus, die anders finanziert ist als durch einen Großkonzern, also das muss ich wirklich sagen. Die Wichtigkeit dessen zeigt sich gerade absolut unbestreitbar meiner Meinung nach in der Auseinandersetzung mit diesen Superreichen aus dem Techbereich.

Ich möchte deswegen noch einmal Danke sagen – also sowieso gerichtet an mein Team: Fritz Espenlaub, Jasmin Körber, Christian Schiffer, auch an unseren großartigen Tontechniker Fabian Zweck, weil bei einem Podcast wird ja nichts aufgenommen, wenn man nicht einen guten Tontechniker hat –, aber vor allem wollte ich mich bei zwei Menschen bedanken, ohne die ich jetzt hier heute nicht auf dieser Bühne stehen würde: Der eine ist Wolfgang Schiller vom Deutschlandfunk – er sitzt auch hier im Publikum. Er hat an diese Geschichte geglaubt, als alle anderen Redaktionen in Deutschland zu mir gesagt haben: Peter Thiel? Wer ist das? Ist der wichtig? (Heiterkeit.) Ist der für uns relevant? – Wolfgang Schiller sah das anders: Ihm war sofort klar, was los ist, und deswegen durften wir diesen Podcast machen: weil Wolfgang Schiller erkannt hat, wie groß dieses Thema ist. – Vielen, vielen Dank! (Beifall.)

Und ich möchte mich auch bei Monika Kalcsics vom ORF, spezifisch Ö1-„Radiokolleg“, bedanken, die unser österreichischer Partner in dem Ganzen wurden, weil sie dann „Die Peter Thiel Story“ hier in Österreich veröffentlicht haben – sonst wären wir wahrscheinlich auch nicht auf die Idee gekommen, uns auf einen österreichischen Journalistenpreis zu bewerben. Bei denen wollte ich mich auch noch einmal extra bedanken, weil ich ohne Monika Kalcsics und vor allem auch Wolfgang Schiller hier heute Abend auch gar nicht stehen würde: Vielen Dank! (Beifall.)

Daniela Kraus: Danke schön. Herzliche Gratulation! – Er hat es wirklich kurz und knackig gemacht; ich danke schön.

Wir schreiten nun nach dem Menschenrechts- und Pressefreiheitspreis zur Verleihung des Ehrenpreises für das Lebenswerk, und ich freue mich ganz besonders, dass ihn in diesem Jahr Astrid Zimmermann bekommt. Ich freue mich aber auch ganz besonders, dass Susanne Glass die Laudatio hält, und ich bitte zuerst dich, liebe Susanne, hier auf die Bühne, um Astrid zu ehren. (Beifall.)

Ehrenpreis in der Kategorie Lebenswerk

Susanne Glass (Laudatorin in der Kategorie Lebenswerk, Redaktionsleiterin Ausland, Bayerischer Rundfunk, München): Vielen Dank, liebe Daniela! Sehr geehrter Herr Parlamentsdirektor! Sehr geehrte Frau Frauenministerin außer Dienst! Juryvorsitzende! Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen und natürlich – vor allem – liebe Astrid! Zunächst möchte ich den Preisträgerinnen und Preisträgern gratulieren, die heute mit den Concordia-Preisen ausgezeichnet worden sind. Ich habe wirklich großen Respekt vor eurer Arbeit, liebe Kolleginnen und Kollegen: Dafür braucht es Professionalität und Durchhaltevermögen.

Wie wir alle aber auch wissen – und heute Abend wurde das ja jetzt schon mehrfach angesprochen –: Solche publizistischen Leistungen entstehen ja nicht im luftleeren Raum, sie sind nur dann möglich, wenn die Rahmenbedingungen passen. Sie bedürfen eines gesellschaftlichen und politischen Umfelds, das den Medien Freiheit und Sicherheit bietet, und es muss ein Bewusstsein dafür geben, was journalistische Qualität denn eigentlich bedeutet, und vor allem auch – gerade in der heutigen Zeit sage ich das –, welche demokratiepolitische Relevanz in ihr liegt.

Damit bin ich jetzt ja schon mittendrin im Lebenswerk von Dr. Astrid Zimmermann. Ich bin wirklich selber aufgeregt und es ist mir eine ganz, ganz große Ehre, dass ich heute Abend die Laudatio auf diese ganz besondere Frau halten darf, die mir persönlich, aber auch so vielen Journalistinnen und Journalisten in diesem Land und auch darüber hinaus zu einem großen Vorbild geworden ist: eine – ich nenne es einmal so – strategische Ermöglicherin und eine großherzige Kämpferin.

Astrid Zimmermann hat mit ihrem mehr als 40-jährigen professionellen und auch ehrenamtlichen – ehrenamtlichen, in der heutigen Zeit! – Engagement die eben beschriebenen Rahmenbedingungen geschaffen. Sie hat unverzichtbare Standards für die Qualität und die Reichweite des Journalismus in Österreich gesetzt und sie hat damit die Medienlandschaft und die Demokratie entscheidend mitgeprägt, in so vielen Ämtern, Funktionen, Jobs, Engagements, mit Ideen, Neugründungen, Projekten: Also ich muss einmal sagen, da ist echt nichts mit der heute – liebe Kleine (in Richtung der im Saal anwesenden Kinder), hört einmal zu – so viel beschriebenen Work-Life-Balance. Ich würde eher einmal sagen: Astrid ist der personifizierte Gegenentwurf. (Heiterkeit.)

Arbeit und Leben sind bei ihr überhaupt nicht zu trennen. In beides stürzt sie sich mit großer Leidenschaft – und keine Angst, Astrid: Privater wird es jetzt nicht. Ich bin mir nämlich sicher, dass du zu Beginn meiner Rede voller Freude registriert hast, dass es wieder einmal um andere und deren Leistungen geht, so wie du dich ja Zeit deines Lebens für andere starkgemacht hast. Als wir dann thematisch zu dir kamen, wirst du einen gehörigen Schreck bekommen haben, und ich bin mir auch sicher, dass du jetzt immer noch darauf hoffst, dass es bald vorbei ist. (Heiterkeit.) Da musst du jetzt aber trotzdem tapfer durch.

Dafür empfehle ich dir das Motto: Jetzt erst recht! – Ich glaube, du weißt, was ich meine, und für die anderen Zuhörerinnen und Zuhörer: Jetzt erst recht!, ist so eine Art Lebensmotto für Astrid geworden, ein Mantra, das sie motiviert, durchzuhalten, wenn es besonders schwierig wird, seitdem sie in Bludenz das vorarlbergische Licht der Welt erblickt hat – vorerst noch nichts ahnend, dass sie ihre Lebensreise über Wien bis nach Uganda führen wird, und sie wird hier wie dort gegen Ungerechtigkeiten, vor allem geschlechtsspezifische, ankämpfen, wobei es ja eigentlich genau genommen rasch erste Anzeichen dafür gibt.

Die kleine Astrid mit ihren schönen Löckchen, die sich gerne zu so kleinen Hörnchen aufstellten, wird auch s’ Böckle genannt. (Heiterkeit.) Sie hat also damals schon dieses wunderbare Talent, das man bei Frauen gerne als bockige Sturheit abwertet – bei Männern wird daraus ja auf wundersame Weise starke Durchsetzungsfähigkeit (Heiterkeit) – Stichwort: geschlechtsspezifische Ungerechtigkeit. 

Für Astrid ist schnell klar: Entweder willst du von allen geliebt werden, oder du bist eine Kämpferin. – Fortan schreitet Astrid als Kämpferin durch die Welt; viel Liebe ist in ihrem erfüllend selbstbestimmten Leben zum Glück aber ebenso – und ich würde einmal sagen, das ist systemimmanent bei einer so lebensbejahenden, warmherzigen, humorvollen Person.

Über die Jahre kommen zu ihrem Gerechtigkeitssinn und scharfen Verstand eine zunehmende Resilienz und Erfahrung mit Strategien und Netzwerken hinzu. Da ist dann zunächst ein Studium der Pädagogik, Psychologie und Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung, Sie arbeitet als Lehrerin und geschäftsführende Redakteurin einer bildungspolitischen Zeitung, sie ist Trainerin und Coachin, unter anderem auch für die Öffentlichkeitsarbeit des SPÖ-Landtagsklubs Vorarlberg. 

Dann will sie die andere Seite kennenlernen und wechselt im Alter von immerhin doch schon 33 Jahren – darf ich Sie Spätberufene nennen? – zum Journalismus. Nach „Arbeiter-Zeitung“, Chefredakteurin des „Oberösterreichischen Tagblattes“, nach dem „Salzburger Tagblatt“ und „News“ kommt sie zum „Standard“. Und eines ist ja vollkommen klar und muss ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen: Mit diesem Gerechtigkeitssinn ist Astrid natürlich schnell auch schon längst in führenden gewerkschaftlichen Positionen aktiv, ab 1998 als Vorsitzende der Journalistengewerkschaft.

Wir befinden uns jetzt gedanklich am Ende des vergangenen Jahrtausends. Da können wir uns fast alle, die wir hier sind – nicht ganz alle –, zurückerinnern: Es sind die Jahre, in denen die Männer in den Redaktionen, in den Gremien, in den Gewerkschaften, in den Jurys ganz selbstverständlich dominieren, gerne auch einmal mit Zigarette, Zigarre oder einem Glas Whisky. It’s a man’s world, registriert Astrid und fragt sich: Warum eigentlich?, und vor allem: Was bedeutet das für uns Frauen?

Was mich an diesem Lebenslauf sehr beeindruckt hat, ist: Astrid kämpft niemals nur für sich alleine. Sobald sie eine Ungerechtigkeit ausmacht, hat sie quasi sofort das gesamte System im Blick und stellt die Frage: Wie können wir gemeinsam, quasi als gesamtgesellschaftliches Gesamtprojekt, diese Strukturen verbessern? Und – und das war auch nicht so üblich und ist auch heute leider nicht so üblich – sie sucht sich sofort Mitstreiterinnen. Sie überlässt diesen Mitstreiterinnen dann auch gerne einmal den Vortritt, wenn es strategisch sinnvoll ist. – Das ist doch Astrid egal, zieht sie halt die Fäden im Hintergrund! (Heiterkeit.)

Beim „Standard“ registriert sie, dass die Männer Netzwerke aufgebaut haben. Während die Frauen nach getaner Arbeit nach Hause gehen, treffen sich die Kollegen im Kaffeehaus. Und wo fallen dann die wesentlichen Entscheidungen? – Nicht in der Redaktion, sondern im Kaffeehaus und zugunsten der Männer.

Uns gegenseitig promoten, das können wir Frauen auch!, denkt sich Astrid. – Das Frauennetzwerk Medien ist erfunden. Dieses Forum trägt über all die Jahre – und blüht und gedeiht ja bis heute – entscheidend dazu bei, dass die gläserne Decke für Journalistinnen durchlässiger wird. Es sorgt für ein realistisches Frauenbild in den Medien und auch für mehr Sichtbarkeit von Expert:innen. Und Astrid hat die ersten Daten zur Situation der Journalistinnen in den Redaktionen erhoben, weil sie – als strategische Denkerin – eben auch weiß, dass Forschung ganz zentral ist, um gute Entscheidungen treffen zu können.

Astrid und ich haben uns kennengelernt, als sie Generalsekretärin der Concordia war und ich Präsidentin des Auslandspresseverbandes. Natürlich verbindet auch uns eine gemeinsame Neugründung. Ich möchte einmal fragen: Gibt es im Raum irgendjemanden, mit dem Astrid kein Projekt am Laufen hatte oder hat? (Heiterkeit.) – Falls ja, dann nehmen Sie sich in Acht: Es passiert mit Sicherheit! Bei uns ist es der Mediengipfel in Lech am Arlberg und der Medienmittelpunkt in Bad Aussee.

Ich bin tatsächlich damals von Anfang an immens beeindruckt – und so ganz leicht bin ich auch nicht zu beeindrucken – gewesen von ihrem scharfen Verstand. Astrid sprüht vor Ideen, und sie hat unzählige Kontakte. Sie kennt wirklich jeden und jede. Sie analysiert messerscharf, wo sie mit ihren jeweiligen Projekten hinwill, und dann baut sie das Schritt für Schritt strukturell auf. Gremienarbeit und Statuten, liebe Astrid, woran andere verzweifeln, gehen bei dir, glaube ich, im Schlaf. Also man kann sie nachts um 3 Uhr wecken, nehme ich an, und dann hat sie das nötige Statut gleich einmal parat. Aber ihre Überlegenheit lässt sie uns nie spüren, uneitel und hilfsbereit, wie sie ist. 

Eine Meinung haben heute ja viele, und eine Haltung glauben auch viele, dass sie haben, aber wie viele haben echte Ahnung? – Da sitzt eine, die Ahnung hat. 

Und dann dieser wunderbare Humor: Wenn ich manchmal bei der Vereinsarbeit oder auch über Kollegen – und ich gendere jetzt hier auch nicht – schier am Verzweifeln bin, dann kann Astrid einen Kommentar raushauen, der uns schallend zum Lachen bringt, und es ist alles gleich wieder viel, viel besser. 

Ich bewundere zutiefst, wie sie die Concordia zu einem wichtigen Instrument medien- und demokratiepolitischer Arbeit in Österreich ausbaut. 

Wenn Sie jetzt denken – und vielleicht auch gar nicht denken, sondern es schon lange vor mir gewusst haben –: Wow, das sind aber echte Mammutaufgaben!, dann haben Sie vollkommen recht, aber natürlich ist die umtriebige Astrid damit nicht einmal im Ansatz ausgelastet. 2005 gründet sie noch das Medienhaus Wien mit. Sie verbessert die Journalistenausbildung, erfindet nebenbei neue Fernsehformate; den heutigen Presserat, dessen Präsidentin sie später auch war, würde es ohne sie so gar nicht geben, genauso wenig wie Ajour, das Projekt, das arbeitslose Journalist:innen unterstützt, und sie sensibilisiert via Literar-Mechana für Urheberrechte. 

Astrid setzt sich für im Ausland verfolgte Journalisten ein und betreut junge Kolleginnen als Mentorin. Übrigens – und das ist mir an der Stelle auch wichtig –: nicht nur junge Kolleginnen, Astrid coacht auch Kollegen, aber sie macht einen kleinen Unterschied – und den finde ich persönlich unheimlich charmant –: Die Jungs müssen für ihre wertvollen Tipps bezahlen, die Damen kriegen sie gratis. (Heiterkeit.)

Ich könnte diese Aufzählung noch weiter fortsetzen, aber ich möchte zu einem weiteren Punkt kommen. Was nämlich mindestens ebenso wichtig und schwierig ist, wie Projekte neu zu gründen oder Ämter auszufüllen, ist: Man muss sie auch wieder abgeben und an gute Nachfolgerinnen übergeben können, und das fällt ja vielen oft viel schwerer – aber Astrid ist auch darin ein Ass. Sie weiß, wann es genug ist, hat ein sicheres Gespür dafür, wer ihre jeweiligen Lebenswerke – und ich verwende hier wirklich absichtlich den Plural – in die Zukunft führen kann, und Astrid freut sich sogar noch über die Erfolge der Nachfolgerinnen, weil ihr kein übergroßes Ego im Weg steht. Wenn Astrid dann die Projekte in guten Händen weiß, dann kommt sie natürlich nicht auf die Idee – was sie jetzt ja einmal hätte machen können –, die eigenen in den Schoß zu legen – nö! –, dann geht Astrid halt einmal nach Uganda, um sich dort für ein Hilfsprojekt für benachteiligte Kinder einzusetzen und Lehrer:innen auszubilden.

Liebe Astrid! Ich verneige mich in Ehrfurcht vor dem, was du geleistet hast, und auch davor, wie du deine Ziele erreicht hast: niemals laut und niemals mit großem Spektakel, dafür visionär und nachhaltig. Du hast als eine der ersten Journalistinnen in Österreich gezeigt, wie wichtig Solidarität ist, aber auch die Freude an Durchsetzungsstärke. 

Man kann eine Institution wie die Concordia verwalten oder man kann sie prägen, und du bist eine Prägerin. Auch mit dem Frauennetzwerk Medien hast du Strukturen mit aufgebaut, die unsere Medienwelt zum Besseren verändert haben. Du hast Räume geschaffen, in denen Journalismus nicht nur stattfindet, sondern in denen er reflektiert wird und in denen dann solche Preise und solche auch – finde ich – Gedanken, wie sie heute Abend ja auch von vielen geteilt wurden, möglich sind. Gerade in Zeiten von Medienkrisen, ökonomischem Druck, Vertrauensverlust und den damit verbundenen Gefahren für die Demokratie ist das so wichtig, wichtiger denn je! Dein Jetzt-erst-recht!, liebe Astrid, das hallt in uns nach, und wir werden es leider weiter dringend brauchen. Ein tief empfundenes: Dankeschön!, und herzlichen Glückwunsch zum Ehrenpreis für deine Lebenswerke. (Beifall.)


Es erfolgt die Preisübergabe an Astrid Zimmermann mit musikalischer Untermalung von Jakob Steinkellner.


Daniela Kraus: Wir machen nachher noch viele Fotos, jetzt gehört einmal das Mikro dir. (Astrid Zimmermann wird von einem Veranstaltungsteilnehmer ein Blumenstrauß überreicht. – Beifall.)

Astrid Zimmermann (Ehrenpreisträgerin in der Kategorie Lebenswerk, Gründungsgesellschafterin von Medienhaus Wien): Wow! Ich weiß nicht: Was soll ich sagen? – Zunächst einmal: Sehr geehrte Frau Frauenministerin, liebe Gabi, ich freue mich, dass du da bist! Werte Preisträger, herzlichste Gratulation, wirklich von Herzen, und ein: Weiter so! Liebe Laudatorinnen, sehr geehrte Festgäste! Liebe Freunde! Zunächst ein: Danke!, an den Presseklub Concordia, dass ihr mir diese ehrenvolle Auszeichnung überreicht habt. Ich fühle mich wirklich in der Reihe der bisher ausgezeichneten Lebenswerkpreisträger mehr als nur geehrt: Oscar Bronner, Hugo Portisch, Hubert Feichtlbauer, Elfriede Hammerl und zuletzt Armin Thurnher – und jetzt ich. (Beifall.)

Meine liebe Susanne Glass, Mitstreiterin über viele Jahre, danke für deine wirklich lobenden Worte. Es ist mir fast peinlich, das ist ehrlich so.

Ein Lebenswerk schafft keine, auch keiner, alleine. Es gibt immer Menschen, die einen prägen, die mit einem Dinge gründen, aufbauen, und ich möchte einige hier erwähnen. Keine Angst, es wird nicht so eine Dankesrede wie bei der Oscar-Preisverleihung, dass ich jetzt einen Haufen Namen aufzähle. Ich nenne nur die, die heute hier sind (Heiterkeit) und mit mir feiern – bis auf zwei Ausnahmen, nämlich die zwei Menschen, die mich für meine Tätigkeit besonders geprägt haben. Das ist einmal die unvergessliche und in ihrer direkten Art wirklich unnachahmbare Johanna Dohnal, die bei einem Workshop zu mir gesagt hat: Astrid, du musst es dir überlegen: Willst du geliebt werden oder willst du etwas verändern? – Sie haben keine Vorstellung, wie oft dieser Satz bei Verhandlungsrunden, bei Kollektivvertragsverhandlungen oder sonstigen Dingen in meinem Kopf war. Er ist mir nie wieder aus dem Sinn gegangen. Die meiste Zeit – nicht immer, aber die meiste Zeit – habe ich mich fürs Verändern entschieden.

Die zweite Person war mein Politikwissenschaftsprofessor Anton Pelinka. Sein Credo, dass die tragenden Säulen der Demokratie die Meinungs- und Pressefreiheit sind, hat wirklich mein Handeln geprägt. Es gibt keine freie Presse und keinen Qualitätsjournalismus ohne Demokratie, es gibt aber auch keine Demokratie ohne freie Presse.

Neben den Vorbildern gibt es natürlich viele Mitstreiterinnen. Also einmal bei der Gründung des Frauennetzwerks Medien, da gab es zwei Patinnen an der Wiege. Das waren Monika Demartin – damals hieß sie Anzelini – und Andrea Ernst, die sozusagen zum Teil mitgeschaukelt haben und zum Teil Vorbild waren.

Dann haben viele Jahre im Vorstand mitgearbeitet und auch den Vorsitz geführt: Bigi Handlos, Tessa Prager, Elisabeth Pechmann, Gusti Wöss und viele andere Frauen, sodass das Frauennetzwerk wirklich auch mit Leben erfüllt wurde.

In die Position der Vorsitzenden der Journalistengewerkschaft hat mich ein gewisser Paul Vécsei geschubst – nicht ganz freiwillig, gebe ich zu. Das Medienhaus Wien haben wir vor 21 Jahren gemeinsam gegründet: Andy Kaltenbrunner, Daniela Kraus und Alfred Noll – er möge in Frieden ruhen. Bei dem Projekt Ajour, das sich um arbeitslose Journalist:innen bemüht, war Rupert Haberson mit mir in der Gründung, und an meiner Seite war oft auch Herlinde Pauer-Studer, aber die ist heute nicht da.

Während der vielen Gründungen, Verhandlungsrunden und Sitzungen – Sie können sich vorstellen, wie viel Zeit das in Anspruch nimmt – musste eine Person sehr oft auf mich verzichten: meine Tochter Maxie Klein. – Danke, dass du das mit mir ausgehalten hast. Das ist ja auch nicht immer so einfach, wenn die Mutter nie zu Hause ist. (Beifall.)

Was wäre ein Lebenswerk, wenn es nicht weiterginge? Eines habe ich in den Jahren meines Engagements gelernt: Nichts ist für ewig. Es hält nichts Erkämpftes, wenn nicht dafür gesorgt wird. Deshalb bin ich wahnsinnig dankbar für meine Nachfolgerinnen, allen voran im Frauennetzwerk Alexandra Wachter und Martina Madner, die das jetzt führen; dann bei Ajour Lydia Ninz, die wirklich dieses Projekt mit Leben erfüllt und tapfer dafür kämpft, dass es weiterlebt – es geht schon in das zehnte Jahr –, und last, but not least Daniela Kraus, meine Nachfolgerin bei der Concordia, über die ich mich jeden Tag freue. Euch allen von ganzem Herzen herzlichen Dank! (Beifall.)

Dieser Preis – wo ist das Ungetüm? (Heiterkeit der Rednerin) – ehrt uns alle. Danke. (Beifall.)

Daniela Kraus: Wir kriegen jetzt noch Musik. Ich würde sagen, währenddessen machen wir alle die Fotos, oder? 


Es folgt die musikalische Darbietung des Stückes „Fata Morgana“, dargebracht von Jakob Steinkellner.


(Beifall.)

Daniela Kraus: Herzlichen Dank auch an die Musik. Danke an alle. Ich wünsche einen wunderschönen Abend.