60/SVER
5. Mai 2026
XXVIII. Gesetzgebungsperiode
Bundesversammlungssaal
Programm
Eröffnungsworte
Peter Haubner – Zweiter Präsident des Nationalrates
Gedenkrede
Hedi Schnabl Argent – Vor dem Nationalsozialismus Geflüchtete
Podiumsgespräch
Noah Elias Jakovljević – Gedenkdiener und Auslandsdiener des Jahres 2025, Österreichischer Auslandsdienst
Andrzej Kacorzyk – Vizedirektor, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau
Brigitte Landesmann – Gedenkdienerin, Österreichischer Auslandsdienst
Gregor Ribarov – Ehemaliger Gedenkdiener, Rechnungshof Österreich
Abschlussworte
Markus Stotter – Präsident des Bundesrates
Moderation
Margit Laufer – TV-Journalistin und Moderatorin
Musik
Streichtrio des Alma-Rosé-Instituts an der mdw
Estelle Weber, Violine
Daniele Trebo, Viola
Weronika Strugała, Violoncello
In Kooperation mit dem Exilarte Zentrum für verfolgte Musik der mdw
Beginn der Gedenkveranstaltung: 11 Uhr
Die Veranstaltung beginnt mit der musikalischen Darbietung des Stückes „Tanz“ von Hans Krása, dargebracht vom Streichtrio des Alma-Rosé-Instituts an der mdw.
(Beifall.)
Margit Laufer (Moderatorin): Sehr geehrter Herr Bundespräsident! Sehr geehrtes Präsidium des Nationalrates! Sehr geehrtes Präsidium des Bundesrates! Verehrte Mitglieder der Bundesregierung! Geschätzte Mitglieder des Diplomatischen Corps sowie der Kirchen und der Religionsgemeinschaften! Sehr geehrte Abgeordnete zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates! Sehr geehrte Festgäste hier im Saal und auch zu Hause, die Sie uns zusehen! Ich darf Sie sehr herzlich zur heutigen Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begrüßen!
Ich freue mich sehr, dass ich Sie heute durch diese Veranstaltung begleiten darf. Es ist mir auch eine große Ehre und Freude, dass heute Überlebende des NS-Terrors und des Holocaust in unserer Mitte sind. – Herzlich willkommen! (Beifall.)
Es ist ein dunkles Kapitel unserer Geschichte, ein Kapitel, das nicht in Vergessenheit geraten darf, und es ist gerade auch ein Kapitel, gegen dessen Vergessen man tagtäglich aufstehen muss und auftreten muss. Gerade das ist auch für viele Gedenkdiener Österreichs eine große Motivation, der große Hintergrund, gegen dieses Vergessen aufzutreten, und genau deswegen wollen wir heute den Gedenkdienst ins Zentrum dieser Veranstaltung stellen. Passend zum diesjährigen Schwerpunkt des Parlaments „teilhaben teilsein“ bringt gerade der Gedenkdienst die Verantwortung der Gesellschaft zum Ausdruck.
Gedenkdienerinnen und Gedenkdiener arbeiten in Holocaustgedenkstätten, in Museen, in Forschungseinrichtungen, in Pflegeheimen, in Organisationen mit Bezug zum Holocaust, zu Holocaustüberlebenden, zum Antisemitismus, aber auch mit Bezug zu jüdischer Kultur und jüdischem Leben. Eine lebendige Erinnerungskultur ist Teil einer offenen, toleranten und reflektierten Gesellschaft. Der Gedenkdienst leistet deswegen einen so wesentlichen Beitrag, an die Erinnerung anzuknüpfen, das Erinnern aber auch an die nächste Generation weiterzugeben.
Die nächste Generation liegt auch einer Autorin sehr am Herzen, die heute die Gedenkrede halten wird. Es ist die vor den Nationalsozialisten geflüchtete Autorin Hedi Schnabl Argent, die uns heute von ihren ganz persönlichen Erfahrungen berichten wird, wie sie als sehr junges Mädchen in Wien und ihre Familie von den Nationalsozialisten vertrieben wurden. – Wir sind sehr froh, dass Sie heute bei uns sind! Herzlich willkommen! (Beifall.)
Ich darf Ihnen auch die Mitwirkenden der heutigen Gedenkveranstaltung kurz vorstellen: Noah Elias Jakovljević ist Gedenkdiener und Auslandsdiener des Jahres 2025 des Österreichischen Auslandsdienstes, Andrzej Kacorzyk ist Vizedirektor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Brigitte Landesmann ist auch ehemalige Gedenkdienerin, Gregor Ribarov arbeitet jetzt am österreichischen Rechnungshof, und auch er hat den Gedenkdienst absolviert. Sie alle werden uns nachher in einer Gesprächsrunde von ihren ganz persönlichen Erfahrungen, die sie aus dem Gedenkdienst mitgenommen haben, berichten. – Herzlich willkommen auch Ihnen! (Beifall.)
Sie sind zwar jetzt schon wieder aufgestanden, aber begonnen haben wir mit einem musikalischen Stück. Da gilt mein Dank dem Streichtrio des Alma-Rosé-Instituts an der mdw, der Universität für darstellende Kunst und Musik Wien, in Kooperation mit dem Exilarte Zentrum für verfolgte Musik der mdw. An den Instrumenten hören Sie Estelle Weber, Daniele Trebo und Weronika Strugała, die uns heute musikalisch begleiten.
Ich darf Ihnen auch kurz einen Hintergrund geben: Das Alma-Rosé-Institut ist nach Alma Rosé benannt, der Nichte Gustav Mahlers. Sie war lange als Geigensolistin und als Leiterin des Frauenorchesters Wiener Walzermädeln in ganz Europa unterwegs, so lange, bis sie von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Sie wurde ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, hat dann dort das Frauenorchester geleitet und damit dazu beigetragen, dass ganz viele Frauen im Konzentrationslager unter diesen grauenvollen Umständen ein Leben hatten und dieses Konzentrationslager auch überlebt haben. Alma Rosé selbst hat es leider nicht überlebt, sie ist im April 1944 in Auschwitz verstorben.
Gehört haben wir zuerst das Stück „Tanz“ des Pianisten und Komponisten Hans Krása, der ebenfalls aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde und dort nur ein halbes Jahr nach Alma Rosé in der Gaskammer ermordet wurde.
Ich darf jetzt den Zweiten Nationalratspräsidenten Peter Haubner um seine Begrüßungsworte bitten.Eröffungswort
Eröffnungsworte
Peter Haubner (Zweiter Präsident des Nationalrates): Geschätzte Festgäste! Liebe Schülerinnen und Schüler! Meine sehr geehrten Damen und Herren! „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ Dieses Zitat von Richard von Weizsäcker ist längst keine Warnung mehr, denn wenn die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde zuletzt 1 532 Vorfälle in nur einem Jahr verzeichnet, also einen neuen Höchststand, dann entspricht das mehr als vier Vorfällen am Tag. Wenn Jüdinnen und Juden in Österreich beleidigt, diffamiert und körperlich attackiert werden, wenn antisemitische Parolen täglich im digitalen Raum weitergetragen werden, häufiger als je zuvor, dann bestätigt uns das: Wir dürfen nicht schweigen, nicht über das Leid der Opfer und nicht über die Schrecken des Nationalsozialismus, wir dürfen darunter keinen Schlussstrich ziehen!
In der Charta der Grundrechte der Europäischen Union steht in Artikel 1 geschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen.“ – Diese Sätze sind das Fundament dessen, was wir unter einem gemeinsamen Europa verstehen. Würde ist aber kein Versprechen, das sich von allein hält. Würde braucht Erinnerung und Erinnerung braucht Haltung. Ich frage Sie: Kann es ein Verfallsdatum für Würde geben, und kann es ein Genug geben, wenn es um die Menschlichkeit geht? – Für mich ist die Antwort klar: Nein, das kann es nicht.
Der Nationalsozialismus war kein abstraktes Kapitel, er war ein von Menschen getragenes System, das entrechtete, verfolgte, deportierte und ermordete. Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden nicht nur getötet, man nahm ihnen ihre Namen, ihre Geschichte und ihre Identität. Man wollte sie auslöschen, als hätten sie nie existiert. Darum, meine Damen und Herren, ist es unsere moralische Verantwortung, den beispiellosen Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus niemals zu relativieren, niemals zu verharmlosen und niemals zu vergessen.
Seit über 30 Jahren trägt der Nationalfonds der Republik Österreich dazu bei, dass diese Erinnerung lebendig bleibt. Wir tun das mit Tausenden Projekten, mit Zehntausenden Zeichen der Anerkennung, mit Staatsbürgerschaften für Nachkommen. Das sind gelebte Zeichen der Verantwortung, Zeichen, dass sich ein Staat seiner Geschichte stellt, Zeichen einer klaren Haltung.
Hinter all diesen Zeichen stehen Menschen, denen wir ausdrücklich unseren Dank aussprechen wollen: den Mitgliedern des Komitees und des Kuratoriums, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Gedenkdienerinnen und den Gedenkdienern, unseren Partnerorganisationen und all jenen, die sich in diesen Projekten engagieren. Ihre Arbeit für den Nationalfonds ist Arbeit an der Erinnerung, und diese kann man gar nicht genug schätzen. Danke dafür. (Beifall.)
Aber, meine Damen und Herren, Erinnerung darf nicht stehen bleiben. Sie muss sich weiterentwickeln, sie muss neue Formen finden, neue Wege gehen und eine neue Sprache sprechen. In einer Zeit, in der Desinformation, Verzerrung und Leugnung in digitalen Räumen immer mehr Platz gewinnen, braucht es Klarheit und den Mut zur Wahrheit.
Wenn wir weiterdenken, sehen wir, wir werden leider auch einmal ohne die unmittelbaren Stimmen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auskommen müssen. Dann liegt es an uns, nicht nur Fakten weiterzugeben, sondern zu handeln und unsere Haltung sichtbar zu machen, denn Erinnerung ist kein starres Ritual, sie lebt. Sie lebt besonders dann, wenn junge Menschen sie zu ihrer eigenen Sache machen. Wenn Schülerinnen und Schüler Biografien erforschen, Stolpersteine pflegen, digitale Projekte entwickeln, dann wird Erinnerung lebendig.
Deshalb stellen wir uns im Nationalfonds der zentralen Herausforderung: Wie gedenken wir in Zukunft? Wie gelingt es uns, Erinnerung und Digitalisierung in Einklang zu bringen, sodass Gedenken nicht im Alltagsrauschen untergeht, sondern mit Würde und Haltung sichtbar bleibt? Mit diesen Fragen wird sich die Nationalfonds-Konferenz im Juni unter der Vision Gedenken neu denken beschäftigen – ein entscheidender und notwendiger Schritt für die Zukunft des Erinnerns.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir können das dunkelste Kapitel unserer Geschichte nicht ungeschehen machen, aber wir können entscheiden, mit welcher Haltung wir diesem begegnen: mit einer Haltung, die klar sagt: Wir schauen hin, wir widersprechen, wir stehen auf.
Die Worte: Nie wieder!, sind ein Auftrag – an jede Generation, an jede Demokratie, an jeden von uns. Wenn wir erinnern, schützen wir nicht nur die Würde der Vergangenheit, wir verteidigen die Menschlichkeit der Gegenwart, wir gestalten die Zukunft des Erinnerns.
Lassen Sie uns daher heute nicht nur gedenken! Lassen Sie uns ein Versprechen abgeben: ein Versprechen, dass wir wachsam bleiben, dass wir hinsehen und wenn nötig das Wort ergreifen, dass wir Menschlichkeit über Gleichgültigkeit stellen, damit aus Erinnerung Verantwortung und aus Verantwortung Haltung wird! – Vielen Dank. (Beifall.)
Margit Laufer: Herzlichen Dank für Ihre Worte!
Wir waren die, die Glück gehabt haben: Diese Worte stammen von Hedi Schnabl Argent, und sie beschreibt damit ihre Geschichte, die sie uns jetzt auch gleich näherbringen möchte.
1929 wurde Hedi Schnabl Argent in Schwechat, in der Nähe von Wien geboren, und sie hat dann schon als junges Mädchen Antisemtismus und Ausgrenzung verspüren müssen. Ein Teil ihrer Familie und sie konnten nach Großbritannien fliehen, wo sie bis heute lebt. Sie ist heute hier, um die Gedenkrede für uns zu halten, ihre Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die zeigt, dass jeder Mensch die Wahl hat. – Meine Damen und Herren: Hedi Schnabl Argent. (Beifall.)
Gedenkrede
Hedi Schnabl Argent (Vor dem Nationalsozialismus Geflüchtete): Danke. – Meine Damen und Herren! Schüler, Schülerinnen! Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass es keine guten oder schlechten Menschen gibt, nur normale Menschen, die Schlechtes oder Gutes tun können. Nicholas Winton, der viele jüdische Kinder gerettet hat, schrieb einmal: Sei nicht zufrieden, nichts Schlechtes zu machen! Schau, jeden Tag etwas Gutes zu tun!
Da wir heute zur Erinnerung an sechs Millionen ermordete Juden zusammenkommen und weil der Antisemitismus in der Welt wieder stärker und bedrohlicher geworden ist, ist es vielleicht der richtige Moment, auch vom Guten zu sprechen. Meine Geschichte hat Gutes und Schlechtes.
Eines Tages in Österreich im Jahre 1933, als ich vier Jahre alt war, gehe ich mit meinem Vater spazieren. Es ist ein herrlich schöner Tag, die Sonne scheint. Mein Vater war ein Strafverteidiger und hat seinen Beruf geliebt. Wir sind auf unserem Weg nach Hause, als ein Mann, der meinem Vater Geld schuldet, uns anhält und schreit: Einen dreckigen Juden bezahle ich nicht! Dann spuckt er meinen Vater an und läuft weg.
Ich weine, und mein Vater versucht, mich zu trösten. Er erklärt mir, dass Juden nicht dreckig sind, aber dass es Menschen gibt, die Juden nicht mögen, und das heißt Antisemitismus. Das ist ein neues Wort für mich, ich habe es noch nie gehört, aber ich verstehe, was es heißt: Es heißt, dass Leute mich nicht mögen, weil ich Jüdin bin.
Ich bin ein Einzelkind, aber ich habe einen Cousin, der Bubi heißt. Wir nennen ihn Bubi, auch als er schon ein großer Bub ist. Es macht ihm nichts aus. Er ist immer sehr lieb, und er ist eher ein großer Bruder als ein Cousin. Wir verbringen unsere Freizeit zusammen und sind glückliche Kinder, abgesehen von dem, was die Schule angeht.
An meinem ersten Schultag, als ich sechs Jahre alt bin, nennt mich jemand eine dreckige Jüdin, und ich lerne, wie sich Antisemitismus anfühlt, nicht nur, was er bedeutet. Es fängt mit Worten an, aber auf Worte folgen bald auch Taten. Niemand will mit mir spielen, weil ich Jüdin bin. Ich muss immer hinten in der Klasse stehen oder sitzen, weil ich Jüdin bin. Ich werde nie für Mannschaftsspiele oder schöne Sachen, die in der Schule vorgehen, gewählt, weil ich Jüdin bin. Ich habe den Unterricht sehr gern, aber ich gehe nicht gern in die Schule.
Dann, eines Tages, verändert sich alles. Ein Mädchen namens Gerti kommt auf mich zu und fragt: Willst du mit mir spielen? Ich sage: Oh ja! Dann spielen wir zusammen, und bald spielen wir jeden Tag miteinander, und Gerti ist meine erste Freundin.
Eines Tages frage ich Gerti: Wieso spielst du eigentlich mit mir? Weißt du nicht, dass ich Jüdin bin? Gerti antwortet: Meine Mutter hat gesagt, es spielt keine Rolle, was man ist, solange man lieb und ehrlich ist! Sie hat gesagt, ich muss nicht tun, was alle anderen tun, ich muss tun, was ich richtig finde!
Ich habe Gerti und ihre Mutter schon immer für zwei der mutigsten Menschen gehalten, denen ich je begegnet bin. Es ist nicht leicht, das Richtige zu tun. Für Gerti wäre es einfacher gewesen, sich wie die anderen Kinder zu benehmen und so zu tun, als ob sie die schlimmen Dinge nicht bemerken würde, denn die anderen Kinder hören auf, mit ihr zu spielen, weil sie mit mir spielt. Gerti und ihre Mutter sind Menschen, die Gutes tun.
Der Tag, der unser Leben für immer verändern wird, ist der 13. März 1938. Wir sind bei unseren christlichen Nachbarn und hören Radio, wortlos, verzweifelt, weil wir sicher sind, dass der Anschluss unmittelbar bevorsteht. Ich bin acht Jahre alt, aber ich verstehe, was vorgeht. Ich sehe meine geliebte Frau Dr. Grete Richter und ihre Eltern weinen, voller Hilflosigkeit. Was werden sie jetzt tun? Österreich wird nie wieder dasselbe Land sein. Wie werden sie jetzt ihr anständiges Leben weiterführen?
Dann sehe ich, wie mein normalerweise hoffnungsvoller Vater aufsteht, sich an die Stirn schlägt und mit einer zitternden Stimme, die ich noch nie gehört habe, sagt: Es geht nicht darum, wie wir Juden leben werden, es geht um unsere Existenz!
Mein Vater hatte recht. Ich wurde am nächsten Tag von der Schule verwiesen, innerhalb einer Woche wurde die Kanzlei meines Vaters von einem Nazianwalt übernommen, wir wurden noch vor Ende des Monats von einer Nazifamilie aus unserer Wohnung vertrieben, und schließlich wurden 17 Mitglieder unserer eigenen Familie im Holocaust ermordet.
Mein Vater wird jetzt regelmäßig mitten in der Nacht aufgeweckt und in seinem Schlafanzug auf die Straße gebracht, um Gehsteige und öffentliche Toiletten zu putzen. Er macht das alles, aber als der Befehl kommt, „Dreckiger Jude“ auf ein jüdisches Schaufenster zu pinseln, weigert er sich. Ein Mann in Naziuniform marschiert mit ihm weg, und mein Vater denkt, er sei auf dem Weg nach Dachau, aber der Mann bringt meinen Vater nach Hause und sagt zu meiner Mutter: Geben Sie acht auf ihn! Meine Mutter antwortet: Sie sind ein mutiger Mann!
Ich habe gelernt, dass es selbst in den schlimmsten Zeiten Menschen gibt, die Gutes tun können. Unsere christlichen Nachbarn sind auch Menschen, die äußerst mutig sind und Gutes tun.
Als ich einen kleinen Unfall habe, bringt mich Frau Dr. Richter ins Krankenhaus, wo man sie kennt, wo aber Juden nicht mehr hingehen dürfen. Sie riskiert ihren Posten und eine harte Bestrafung, um meinen rechten Mittelfinger zu retten. Sie sagt, dass ich Elfi Binks heiße und eine Verwandte bin. Nach dem Krieg besucht Dr. Richter uns in England. Sie denkt, dass ihre beiden Eltern aus Scham gestorben sind – Scham davor, was aus Österreich geworden war.
Ein besonderer Morgen erscheint erst wie jeder andere Morgen: Wir frühstücken zusammen, bevor mein Vater zur Arbeit geht. Er ist von einer großen Anwaltskanzlei angenommen worden – inoffiziell und vorübergehend als Assistent. Heute hat mein Vater eine Zeitung gekauft, so wie er es immer tut, und er liest sie, während er seinen Tee mit Zitrone trinkt. Er gibt uns wie immer einen Abschiedskuss und hinterlässt die Zeitung für meine Mutter. Wir sehen ihm durchs Fenster nach und meine Mutter setzt sich mit der Zeitung wieder nieder. Da sieht sie es sofort auf der Titelseite: Dort steht der Name meines Vaters. Er hat einen Mann verteidigt, der beschuldigt worden war, einen gefälschten Pass zu haben. Mein Vater hat zum Richter gesagt: In einem Land, das die Verfolgung von Menschen legalisiert, kann es nicht ein Verbrechen sein, einen Pass zu fälschen, um dieser Verfolgung zu entgehen. – In der Zeitung steht, dass mein Vater verhaftet werden wird, und so war es: Er hat seine sechs Wochen Strafe verbüßt, hier in Wien, in der Rossauer Kaserne. Er hat sich erniedrigen lassen, doch hat er einen Befehl verweigert: einem jüdischen Mitgefangenen zur Belustigung der Gefängniswärter eine Ohrfeige zu geben. Erstaunlicherweise überlebt er das, weil ein Wärter ihn wegführt und wieder in seine Zelle einsperrt.
Der Tag der versprochenen Freilassung war auch der Tag der schlimmsten judenfeindlichen Taten in Wien: das Novemberpogrom, die Kristallnacht, 9. auf 10. November 1938. Derselbe Wärter versteckt meinen Vater für zwei Tage in einem Kohlenkeller, bis alles wieder mehr oder weniger ruhig ist. Mein Vater kommt zurück, schmutzig und mager, aber er kommt zurück. Die meisten seiner Freunde und Kollegen sind verschwunden. Dieser Wärter kannte meinen Vater als angesehenen Anwalt. Wir hoffen, dass er für seine guten Taten nie bestraft wurde!
Meine Mutter, mein Vater und ich kommen am 17. Juli 1939 nach England. Wir gehören zu den wenigen, die Glück gehabt haben. Bubi und seine Eltern und unsere Großmutter, die mit ihnen gelebt hat, hatten kein solches Glück.
In den letzten Jahren habe ich eine Gruppe von jungen Österreichern kennengelernt. Sie sagen mir, dass sie nicht mehr jung sind, aber für mich werden sie immer jung bleiben. Sie sind Archäologen und Historiker; einer von ihnen ist ein Krankenpfleger und einer ist der Urgroßcousin von Gerti, meiner ersten Freundin. Sie sind heute alle hier. (Beifall.) Sie haben mir geholfen, mich mit meinem Vaterland zu versöhnen. Sie machen viel Gutes!
Zusammen haben wir einen Gedenkstein für Bubi am Friedhof in Wels aufgestellt. Bubi ist am 5. Mai 1945 aus Gunskirchen befreit worden und ist einen Tag später im Krankenhaus Wels gestorben – zwei Monate vor seinem 17. Geburtstag. Auf seinem Gedenkstein steht der Anfang von einem Gedicht von Heinrich Heine: „Mein Kind, wir waren Kinder, / Zwei Kinder, klein und froh.“
Thank you for inviting me to speak here today and for listening to my – very halting – German. I would like to think that this event is a tribute to my parents, Lisa and Max Schnabl. Thank you very much! (Lang anhaltender, stehend dargebrachter Beifall.)
Das Streichtrio des Alma-Rosé-Instituts an der mdw intoniert Variationen aus dem String Trio von Gideon Klein.
(Beifall.)
Margit Laufer: Wir haben soeben die String-Trio-Variationen des Pianisten und Komponisten Gideon Klein gehört. Gideon Klein wurde ebenfalls ins KZ Auschwitz deportiert und ist dort wenige Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers erschossen worden.
In Österreich können junge Menschen unter Ausnahmen im Alter von 17 Jahren den Gedenkdienst absolvieren. Die meisten Stellen, wo sie das machen können, befinden sich in Europa, es gibt aber auch Gedenkdienststellen in Australien, in Südamerika oder auch in Südafrika; die Stellen, wo man diesen Gedenkdienst absolvieren kann, sind also wirklich weltweit verstreut. Durchgeführt wird dies von einer der beiden Trägerorganisationen: dem Verein Gedenkdienst oder dem Verein Österreichischer Auslandsdienst. Es ist eine Form des Auslandsfreiwilligendienstes und kann auch auf den Zivildienst angerechnet werden. Die Dauer liegt zwischen sechs und zwölf Monaten und es sind vor allem junge Menschen, junge Männer, die sich für diesen Dienst melden.
Wir wollen jetzt in einer Gesprächsrunde über die Erfahrungen aus dem Gedenkdienst sprechen. Dazu bitte ich jetzt Gregor Ribarov, Andrzej Kacorzyk, Noah Elias Jakovljević und Brigitte Landesmann zu mir. – Danke schön. (Beifall.)
Podiumsgespräch
Margit Laufer: Ich darf Ihnen die Personen kurz ein bisschen näher vorstellen:
Noah Jakovljević ist 20 Jahre alt und hat vor zwei Jahren seinen Gedenkdienst in Porto in Portugal absolviert. Er hat dort als Tourguide gearbeitet, aber dann auch selbst eine Ausstellung kuratiert, über die er uns gleich mehr erzählen wird. Er ist in Oberösterreich aufgewachsen – in Asten, in der Nähe der Holocaustgedenkstätte Mauthausen – und ist sozusagen sehr früh mit dem Thema Holocaust in Berührung gekommen.
Von dort – aus Oberösterreich beziehungsweise Porto, wo Sie waren – blicken wir dann nach Italien. Dort war Brigitte Landesmann. Nachdem sie ihren Beruf als Kardiologin aufgegeben hat, ist sie nach Rom an die Fondazione Museo della Shoah gegangen und hat dort ihren Gedenkdienst absolviert.
Ich begrüße Andrzej Kacorzyk. Er ist seit 2012 stellvertretender Leiter des staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. – Sie sind für das Internationale Zentrum für Bildung über Auschwitz und den Holocaust verantwortlich. Schön, dass Sie bei uns sind.
Und Gregor Ribarov – ich habe es vorhin schon gesagt – ist jetzt am österreichischen Rechnungshof tätig. Er war 2002/2003 Gedenkdiener in Berlin am Anne-Frank-Zentrum und hat dort auch mit sehr vielen jungen Menschen gearbeitet. Er war auch Obmann des Vereins Gedenkdienst, einer der beiden Trägerorganisationen.
Herr Ribarov, ich möchte bei Ihnen beginnen, Ihr Gedenkdienst liegt in dieser Runde schon am längsten zurück. Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen. Ich habe gesagt, Sie waren in Berlin – eigentlich wollten Sie dort ja gar nicht hin, das war eher ein Zufall, dass Sie nach Berlin gekommen sind. Was haben Sie dort gemacht?
Gregor Ribarov (Ehemaliger Gedenkdiener, Rechnungshof Österreich): Mein Verein, der Verein Gedenkdienst, hat damals sehr viel Wert darauf gelegt, die richtigen Personen an die richtigen Stellen zu schicken. Mich hat im Rahmen einer internationalen Austauschorganisation, mit der ich selber ein Jahr in Panama verbringen durfte, viel Jugendarbeit begleitet. Dieser Aspekt der Jugendarbeit hat die Leute im Verein dazu bewegt, zu sagen: Möchtest du nicht nach Berlin, am Anne-Frank-Zentrum gibt es eine Wanderausstellung, die in ganz Deutschland unterwegs ist?
Das Konzept von dieser Ausstellung ist ein Peer-Konzept: Jugendliche werden ausgebildet, qualifiziert, diese Ausstellung mit anderen Jugendlichen zu besuchen, sie durch die Ausstellung zu begleiten und gemeinsam über die Geschichte Anne Franks und die Lehren oder die Learnings, die man aus dieser Geschichte für heute ziehen kann, zu reflektieren: wie Ausgrenzung heute funktioniert, wie man als Gesellschaft leben möchte und bestimmte Grundwerte unserer Demokratie verteidigt. Das ist eigentlich der Hintergrund, warum ich nach Berlin gegangen bin.
Margit Laufer: Aber Sie waren ja nicht nur in Berlin. Sie haben die Wanderausstellung angesprochen: Wohin haben Sie Ihre Wege noch geführt?
Gregor Ribarov: Das war ganz Deutschland: von Süddeutschland – Bayern – bis Schleswig-Holstein, aber ein Schwerpunkt war auch das ehemalige Ostdeutschland, also Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Das war für mich auch sehr prägend, einfach deshalb, weil ich dort in kleinen Gemeinden war, wo es für Jugendliche wirklich nicht viel zu tun gab.
Schon damals – das war eben 2002/2003 – haben Gruppen, die man sozusagen dem rechtsextremen Spektrum zuordnen würde, versucht, in diese Lücke zu stoßen und dort so etwas wie Jugendarbeit zu machen. Deswegen war es besonders wichtig, dass wir dort mit Ausstellungsprojekten präsent waren, um den Jugendlichen einfach auch zu zeigen, dass sie wichtig sind und wie sie teilhaben können. Diese Tätigkeit hat mir auch wirklich sehr viel zurückgegeben.
Weil wir ja davon sprechen: Das Parlament hat dieses Jahr diesen Schwerpunkt „teilhaben teilsein“ – das war auch im Rahmen meines Gedenkdienstes eine ganz wichtige Erfahrung, dass man jungen Leuten eben die Möglichkeit geben soll, sich auch mit diesem Thema zu beschäftigen und etwas für sich mitzunehmen.
Margit Laufer: „teilhaben teilsein“ – das bringt uns zu Ihnen, Herr Jakovljević. Sie waren in Porto, ich habe es angesprochen, und haben dort als Tourguide gearbeitet. Besonders bei Ihnen war, dass Sie auch Teil der jüdischen Gemeinde dort waren. Erzählen Sie uns: Wie haben Sie Ihre Zeit in Porto erlebt?
Noah Elias Jakovljević (Gedenkdiener und Auslandsdiener des Jahres 2025, Österreichischer Auslandsdienst): Prinzipiell möchte ich anmerken, dass ich in Portugal sowohl im Holocaustmuseum als auch im Jüdischen Museum und in der Synagoge gearbeitet habe. Das war auch ein Großteil meiner Arbeit: das Geben von Touren und das Mithelfen im Alltag – sei es das Schleppen der Gebetsbücher, das Mitkochen für einen Schabbateintopf oder alle anderen Tätigkeiten, die im Museum anfallen könnten –; es gab aber auch das Mitfeiern der jüdischen Feiertage, denn ich möchte betonen, dass ich zu einer fremden Gemeinde gegangen bin, mich aber am Ende von einer Familie verabschiedet habe.
Eine Sache, die so ziemlich jeder Gedenkdiener erlebt hat, ist, dass man extremst viel zurückbekommt. Auch wenn man viel gibt, kommt immer viel mehr zurück – auch in Form von Nächstenliebe. Das hat eben auch die Arbeit in Porto so speziell gemacht.
Margit Laufer: Und darüber hinaus auch das Inhaltliche: Sie haben auch eine Ausstellung über Simon Wiesenthal kuratiert. Wie kam es dazu?
Noah Elias Jakovljević: Die Museumsdirektion gab mir den Auftrag, eine Ausstellung zu kuratieren. Nach langem Überlegen kam ich auf die Idee, eine Ausstellung über Simon Wiesenthal und die Gedenkstätte Mauthausen zu machen – da ich in der Nähe aufgewachsen bin und Simon Wiesenthal dort inhaftiert war und ich den Schülern einfach näherbringen wollte, was es in Österreich gibt, denn die meisten Besucherinnen und Besucher haben eher nur an die Vernichtungslager in Polen gedacht und Österreichs Rolle war den Schülern eben oft auch nicht bewusst. Zudem habe ich eine kleine Powerpoint gestaltet, in der ich aus demselben oder einem sehr ähnlichen Winkel ein Foto gemacht habe und das dann mit einem Schwarz-Weiß-Foto verglichen habe, damit die Schüler auch davon ein besseres Bild bekommen.
Margit Laufer: Wie hat damals Ihr Umfeld, Ihr Freundeskreis reagiert, als Sie nach der Matura gesagt haben, dass Sie ein Jahr nach Porto gehen und den Gedenkdienst absolvieren?
Noah Elias Jakovljević: Die Freunde haben sich sehr gefreut, bei der Mama gab es eine kleine Träne, weil ich das Land verlasse. Im Allgemeinen kam aber immer sehr viel Unterstützung aus der Familie. Die meisten haben sich gewundert, weil ihnen nicht bewusst war, dass man so etwas überhaupt machen kann. Im Nachhinein haben mir viele Freunde erzählt, dass sie am liebsten auch einen Gedenkdienst gemacht hätten.
Margit Laufer: Frau Landesmann, Sie haben sich nach Ihrer aktiven Berufslaufbahn als Kardiologin für den Gedenkdienst entschieden; Sie haben sich entschieden, nach Rom zu gehen. Was hat Sie dazu bewegt?
Brigitte Landesmann (Gedenkdienerin, Österreichischer Auslandsdienst): Die Geschichte hat schon früher angefangen. Ich habe davon gehört – 1992 war der erste Gedenkdiener in Auschwitz – und ich fand das ganz toll und habe mir gedacht: Wahnsinn, ich würde das so gerne machen, schade, dass das für mich nicht geht. – Ich habe dann auch versucht, alle jungen Menschen in meiner Umgebung, meinen Neffen dazu zu bewegen, aber irgendwie war ich da nicht sehr erfolgreich.
Dann war ich in Pension und hatte Zeit, tagsüber Radio zu hören. Auf Ö1, in „Punkt eins“, wurde über den Gedenkdienst geredet und auch darüber, dass es im Zuge der Novelle des Freiwilligengesetzes und im Sinne der Gleichbehandlung auch möglich ist, dass Personen jeden Alters und jeden Geschlechts daran teilnehmen. Ich bin sofort zum Computer gegangen und habe eine Nachricht geschrieben: Ist das möglich? Geht das?, und habe das vom Auslandsdienst bestätigt bekommen. Das war sozusagen mein Einstieg.
Man muss auch dazusagen, dass es – wenn man auch ein gewisses Alter hat – sehr schwierig ist, ohne eine Institution im Rahmen einer Institution tatsächlich ehrenamtlich mitarbeiten zu können. Das hat mir der Auslandsdienst eben auch ermöglicht.
Margit Laufer: Sie konnten auch aus Ihrer vorherigen Tätigkeit schon sehr gut Italienisch und ihre Übersetzungskenntnisse waren dann in Rom sehr gefragt. Was haben Sie dort genau gemacht?
Brigitte Landesmann: Die Fondazione Museo della Shoah, das Schoahmuseum, ist eine kleine Institution, die eigentlich nur für das echte Museum, das geschaffen werden soll, vorbereitet. Die haben eine unheimlich große Anzahl von Tätigkeiten: Sie sind nicht nur ein Museum – sie haben in dem einen Jahr, in dem ich dort war, drei Ausstellungen organisiert, davon eine sehr große über den Jahrestag der Befreiung, der Aufgabe der Konzentrationslager; sie haben Verbindungen mit der La Sapienza, der Universität in Rom, mit anderen Gedenkstätten; sie bilden Lehrer aus, wie man über den Holocaust spricht; sie organisieren Veranstaltungen für Schüler aller Altersgruppen; sie machen Reisen zu Gedenkstätten; es gibt das Archiv. Es ist also ein breites Spektrum von Möglichkeiten, und ich durfte da überall mitarbeiten – ein bisschen wissenschaftlich mitarbeiten und eben auch übersetzen. Ich habe den Katalog der Ausstellung und die Ausstellungspaneele und so übersetzt, also ein breites Spektrum.
Margit Laufer: Ein breites Spektrum und sozusagen auch die andere Seite – als jemand, der von der Museumssicht kommt –, diese Sicht bringen Sie ein, denn auch bei Ihnen im Museum in Auschwitz-Birkenau arbeiten Gedenkdienerinnen und Gedenkdiener aus Österreich. In welchen Bereichen setzen Sie denn da ganz bewusst auf Personen aus Österreich?
Andrzej Kacorzyk (Vizedirektor, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau): Gedenkdiener aus Österreich sind schon sehr lange in der Gedenkstätte Auschwitz. Ich kann mich nicht mehr an die Zeit ohne Gedenkdiener erinnern. Ich kann also sagen, sie sind ein Teil der Geschichte von Auschwitz als Gedenkstätte. Sie sind in verschiedenen Bereichen tätig. Wir sind eine große Institution mit vielen Abteilungen, und sie sind meistens im digitalen Archiv gewesen, wo sie mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern arbeiten. Jetzt versuchen wir aber, die Zeit in Auschwitz zweizuteilen. Wir tun alles, um den Gedenkdienern zu ermöglichen, die Gedenkstätte umfassender kennenzulernen, das heißt auch die Bildung oder auch die Arbeit mit unseren Restauratoren – das ist auch immer sehr interessant, wie man die originalen, materiellen Spuren der Auschwitzer Geschichte für die Zukunft erhalten kann; das sind zum Beispiel viele persönliche Gegenstände –, dann arbeiten sie auch in der Bibliothek, in der Ausstellungsabteilung und auch in unserem Verlag.
Sehr oft können unsere Gedenkdiener die polnische Sprache und das ist auch sehr wichtig für uns. Einerseits können sie die Sprachkenntnisse ein bisschen auffrischen, und andererseits haben wir auch mehr Möglichkeiten der Arbeit, zum Beispiel bei der Korrektur der Texte im Archiv oder auch im Verlag. Unsere Gedenkdiener – unsere, Entschuldigung, das sind eure, oder eigentlich am meisten unsere - - (Margit Laufer: Gemeinsamen!) –, unsere gemeinsamen, gehören zu der Gruppe der Freiwilligen. Organisatorisch stehen sie auf gleicher Ebene.
Es gibt dann auch die Möglichkeit, an den Gedenkzeremonien teilzunehmen. Das ist nicht nur interessant, sondern diese Zeremonien öffnen die Herzen, auch wegen der Anwesenheit von Überlebenden. Es kommt immer eine ziemlich große Gruppe von Überlebenden zu jeder Gedenkzeremonie: am 27. Januar, die Befreiung von Auschwitz, am 2. August, der Gedenktag an die in Auschwitz ermordeten Sinti und Roma, und am 14. Juni, der Nationale Gedenktag für die Opfer der Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen.
Das sind manchmal auch wirklich die wichtigsten Minuten im Leben der jungen Leute, wenn sie die Überlebenden treffen und sich auch um die Überlebenden kümmern. Faszinierend sind diese Links, diese Verbindungen zwischen den Generationen: über 90-jährige Überlebende, die als Kinder in Auschwitz eintrafen, und junge Leute, die im 21. Jahrhundert geboren sind. Das sind die Möglichkeiten bei uns.
Margit Laufer: So besonders diese Begegnungen, die Sie beschreiben, auch sind, werden diese Begegnungen leider auch immer weniger. Was bedeutet es für die Erinnerungskultur, dass die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen weniger werden, dass dieser persönliche Kontakt, wie Sie ihn beschreiben, der so wertvoll ist, nicht mehr so aufrechterhalten werden kann?
Andrzej Kacorzyk: Das ist eine neue Herausforderung und auch eine neue Aufgabe für uns und für jüngere Generationen. In der Gedenkstätte Auschwitz verfügen wir über Hunderttausende von verschiedenen historischen Gegenständen. Die haben diese tiefe emotionale und auch historische Bedeutung. In jedem Schuh, in jedem Koffer, in jedem Gegenstand, in jedem Papierdokument können wir eine Geschichte entdecken.
Meiner Meinung nach ist es natürlich nicht möglich, dass die Gegenstände die Rolle der Überlebenden übernehmen, nein. Die Leute aber, auch die jungen Leute des 21. Jahrhunderts, sind die Zeugen, sie können Zeugen für die Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs werden.
Margit Laufer: Um diese Geschichten auch weiterzutragen, sozusagen. Wir wollen auch noch auf die Situation der Gedenkdienerinnen und Gedenkdiener schauen. Herr Ribarov, Sie waren in Berlin, Sie haben auch von der Wanderausstellung erzählt. So positiv die Erfahrungen waren, von denen Sie drei alle berichtet haben, es gab auch negative Erfahrungen – Sie haben es vorhin schon angesprochen – in Ostdeutschland. Was macht das mit einem jungen Menschen, wenn es Widerstand, wenn es Gegenwind gegen die Arbeit gibt?
Gregor Ribarov: Ich kann da jetzt natürlich nur für mich sprechen, aber mich hat es eigentlich in dem Gedanken und meinem Impetus, der immer schon da war, bestärkt. Ich habe das Glück, über den Verein Gedenkdienst sehr viele Geschichten zu hören, so wie wir sie heute von Frau Schnabl Argent gehört haben. Ich glaube, um diese Geschichten geht es. Die Geschichten haben mir immer gezeigt: Erinnern muss mehr als nur ein Ritual sein, es muss darum gehen: Was können wir für das Heute mitnehmen, damit es so etwas niemals wieder geben kann? Bei diesen Zwischenfällen, die es bei den Ausstellungseröffnungen in Ostdeutschland teilweise gab – da wurden Flugblätter verteilt, auf denen man die Geschichte der Anne Frank infrage gestellt hat: hat es den Holocaust überhaupt gegeben?; die waren sehr professionell gemacht, muss man sagen, das waren also keine Lausbubenstreiche, sondern wirklich mit professionellem Layout und so weiter –, habe ich mir in diesen Momenten gedacht: Ich mache genau das Richtige. Es hat mich eher darin bestärkt, eben diese Jugendarbeit mit den Peer-Guides weiterzumachen und denen zu zeigen: Es ist wichtig, dass man sich damit beschäftigt, es ist wichtig, dass man dafür eintritt und diese Dinge auch gut einordnen kann.
Margit Laufer: Herr Jakovljević, Sie haben in Ihren Ausstellungen keine Flugzettel erlebt, aber auch Sie haben erlebt, dass nicht alle Menschen mit den Geschichten, die Sie zu transportieren hatten, einverstanden waren.
Noah Elias Jakovljević: Ja, es gab diverse Vorfälle, zum Beispiel Schüler, die den Hitlergruß zeigten oder probierten, Marschlieder wie „Erika“ zu singen. Das Wichtigste ist eben, die Diskussion zu suchen und auch zu verstehen, woher deren Gedankengut kommt. Auch mich hat es bestärkt, dieses Gespräch zu suchen. Das ist auch das Einzige, was man machen kann, denn es liegt schlussendlich an der Bildung und ich will die jungen Menschen damit erreichen. Als Gedenkdiener muss ich eben auch die Stimme für die Menschen sein, die ihre verloren haben. Das ist das Allerallerwichtigste: diese Menschen mit Fakten zu konfrontieren und ihnen zu erklären, warum es nicht richtig ist.
Es gibt natürlich auch immer wieder negative Vorfälle, die einfach geschehen und wogegen man nichts machen kann, beispielsweise hatte ich einmal eine Dame, die während der einstündigen Tour immer hinten geblieben ist, nicht viel kommentiert hat, und als wir aus dem Museum herausgegangen sind, hat sie gesagt: Ist eh alles gefälscht, denn es gab damals keine Kameras. – Da denkt man sich: Wo schnappen diese Menschen diese Ideen auf? Bei der Jugend weiß ich es mittlerweile. Durch den Algorithmus in den sozialen Medien ist es sehr leicht, sich hinter einem Bildschirm zu verstecken und Sachen zu kommentieren. Man bleibt anonym und man weiß nicht, welchen Schaden man anrichtet. Auch dagegen muss man arbeiten. (Beifall.)
Margit Laufer: Wie geht man auch als Museum genau mit diesen Situationen um, mit der Anonymität, mit den Algorithmen, die vieles infrage stellen, wenn man doch gleichzeitig, wie Sie es angesprochen haben, jenen eine Stimme geben möchte, die ihre Stimme verloren haben?
Andrzej Kacorzyk: Wir haben diese sozialen Medien, die sind natürlich nicht völlig frei, kann man sagen. Das heißt, man kann eigentlich alles sagen, aber unsere Antwort ist, immer an der Seite der Wahrheit zu bleiben – das heißt: ohne politische Kommentare, ohne zusätzliche Emotionen zu zeigen, nur mit der Wahrheit zu antworten. Wenn Sie unseren Social-Media-Auftritt beobachten oder ihm folgen, dann sehen Sie, dass wir eigentlich eine Linie haben: Ohne irgendwelche zusätzlichen Kommentare oder Emotionen antworten wir nur mit konkreten Fakten und mit einer ganz konkreten Antwort. Das ist unsere Antwort. Natürlich korrigieren wir alles, was falsch ist. Es geht einerseits um historische Fakten und zweitens auch um aktuelle Ereignisse, zum Beispiel wenn jemand provoziert oder so etwas in der Art tut, dann müssen wir natürlich auf diese Weise reagieren.
Margit Laufer: Das Motto ist also: Fakten liefern und einordnen.
Herr Ribarov, das Erinnern erlebt auch einen Wandel, darüber haben wir schon gesprochen, und auch die Geschichte der Anne Frank als ganz spezielle Geschichte ist ein Zeichen, wie sich dieses Erinnern verändert. Wie nehmen Sie das wahr?
Gregor Ribarov: Ja, also für mich stellt sich das so dar, wie es eh schon erwähnt wurde. Wir haben die Herausforderung, dass diese persönlichen Begegnungen mit den Zeitzeug:innen immer seltener werden. Was mich positiv stimmt, ist eben, so wie ich es vorhin schon gesagt habe, dass man mit den Geschichten, die hier aufgeschrieben, aufgenommen werden, weiterarbeitet.
Ich glaube, diese Geschichten eröffnen einfach einen persönlichen Zugang zu dem Thema, zu der Zeit. Das ist es auch, was das Tagebuch der Anne Frank so besonders macht, und was auch in diesen Projekten der Wanderausstellung immer wieder zu sehen war: Die Jugendlichen können sich mit Anne und ihren Geschichten aus dem Tagebuch identifizieren und dadurch wird für sie diese Situation ein Stück weit realer und nachvollziehbar. Ich glaube, wenn man die Geschichten erhält – in welcher Form auch immer sie dann weitererzählt werden –, dann haben wir auch in Zukunft eine gute Chance, dieses Gedächtnis aufrechtzuerhalten.
Margit Laufer: Herr Jakovljević, Sie sind die dritte Generation nach dem Holocaust. Selbst Ihre Mutter hat Ihren Urgroßvater, der aus dem KZ geflohen ist, nur als Kind kennenlernen dürfen. Was macht das mit einer Familiengeschichte, wenn dieses Wissen von Generation zu Generation leider weniger wird?
Noah Elias Jakovljević: Das Einzige, was ich tun kann, ist, gegen das Vergessen zu arbeiten und noch all die Informationen zu sammeln, die ich kriegen kann. Das kann ich auch nicht nur für mich tun, sondern eben auch für andere. Das Arbeiten im Archiv, das bewusste Arbeiten gegen das Vergessen war auch eine der schönsten Arbeiten, denn es geht uns mittlerweile allen sehr leicht von den Lippen, zu sagen: Never again!, oder: Never forget!, aber man sollte sich die Frage stellen: Was machen wir eigentlich wirklich dagegen und wie wollen wir solche Sachen aufarbeiten?
Margit Laufer: Lohnt es sich, Frau Landesmann, wenn es um diese ganz persönlichen Geschichten geht, dann auch weiter in die Vergangenheit zu gehen? Auch Sie sind in Ihre familiäre Vergangenheit gegangen, sind dafür auch in die Ukraine gereist und haben dort eine ganz besondere Erinnerungskultur – ein bisschen eine andere als in Österreich – kennenlernen dürfen. Inwiefern war sie anders?
Brigitte Landesmann: Ja, ich bin ins ehemalige Transnistrien, also nicht diese Provinz Moldawiens, die russisch dominiert ist, sondern das ist ein geografischer Begriff für ein Areal zwischen Bug und Dnjestr, gereist. Das Gebiet war zwischen 1941 und 1944 von den Rumänen und Deutschen besetzt und dort wurden massive Lager errichtet. Das waren keine richtigen Vernichtungslager, es gab also keine Gaskammern oder Krematorien, aber es sind an die 400 000 Menschen dort gestorben – an Hunger, an Krankheiten, an Kälte, an all diesen Dingen. Das betraf also Hunderttausende Leute dort und meine Eltern waren dort auch und ich wollte dort hinfahren und mir das anschauen. Was ich gefunden habe, sind Leute, die – anders als bei uns, wo keiner etwas gesehen oder gewusst hat und wo im Nachhinein alle entsetzt waren, was da alles passiert ist – wirklich sehr empathisch waren. Das ist eine Gegend, die sehr in der Peripherie liegt und aufgrund der Landflucht meistens alte Leute leben.
Als ich dort war, haben sich die Leute dann versammelt, wir sind zusammengesessen, und dann haben entweder die, die es erlebt haben, oder deren Kinder erzählt. Die haben das sehr wohl auch miterlebt und waren empathisch und es war nicht so – also das kann man nicht hundertprozentig sagen – ein Mitläufertum. Ich habe von Überlebenden auch gehört, dass sie nur mithilfe der Bauern, die ihnen eben auch geholfen haben, überlebt haben und dass sie diese Erinnerung auch irgendwie schätzen.
Was ich zum Gedenken noch sagen wollte: Es ist ganz wichtig, dass wir gedenken, dass wir wissen, was passiert ist, dieses Wissen braucht es unbedingt, aber ich glaube, was wirklich wichtig ist, um es weiterzutragen, ist, es in die Gegenwart zu transportieren. Ereignisse wiederholen sich nicht, die Geschichte wiederholt sich nicht per se in den Ereignissen, aber diese Prozesse sind sehr wohl wiederholbar. Ich habe auch viel in Archiven gearbeitet und wenn man da so nachschaut oder vergleicht, merkt man, dass es einem manchmal so vorkommt wie ein Drehbuch, als ob sich Dinge abspulen würden. Ich glaube, dass die jungen Leute das wissen müssen, aber dass man sie auch auf die Gegenwart hinweist: Was passiert jetzt, wo wir stehen in diesem Drehbuch?
Margit Laufer: Wie kann man das am besten machen?
Brigitte Landesmann: Na ja, zum Beispiel: Wenn diese rechtspopulistischen Parteien alte Dinge wieder als neue Ideen verkaufen und Begriffe verwenden, die sehr wohl für die, die es wissen, belastet sind, wissen die Jungen das gar nicht, die wissen gar nicht, was damit gemeint ist. Ich glaube, da sollte man ihnen zeigen, was diese Ähnlichkeiten sind und wo es endet, wenn wir nicht dagegen auftreten. Es muss nicht so enden, es wird hoffentlich nicht so enden, aber es ist möglich, denn so ist das gelaufen. Der Holocaust hat nicht von heute auf morgen stattgefunden, da gab es viele, viele, viele Schritte davor. Diese Schritte: Wenn wir uns anschauen, wo wir jetzt sind, und wenn wir uns anschauen, wo wir waren, als wir gegen das Ausländervolksbegehren demonstriert haben – wir wären froh gewesen, wenn wir so weit gewesen wären, wie wir jetzt sind –, und wie weit wir nun schon darüber hinaus sind. (Beifall.)
Margit Laufer: Eine kurze Nachfrage dazu: Braucht es aber auch im Sinne des Gedenkdienstes einen Ort oder ein verstärktes institutionelles Erinnern?
Brigitte Landesmann: Danke für den Hinweis! Ich finde es wirklich beschämend, dass wir immer noch kein Holocaustmuseum haben. Rom hat eines, Porto hat eines – vielmehr hätte doch Österreich als ehemaliges Täterland ein Holocaustmuseum notwendig. (Beifall.)
Margit Laufer: Wir wollen Sie noch aussprechen lassen.
Brigitte Landesmann: Die jetzige Regierung hat es im Programm, aber was ist es konkret: Es ist eine Machbarkeitsstudie – die gibt es noch gar nicht! – angeregt worden, von der es soweit ich weiß noch kein Ergebnis gibt. Es ist noch nichts – es geht ja um Inhalt, Finanzierung – geplant. Es sind bloß Worte und es wird schon seit längerer Zeit davon geredet. Ich glaube, dass das ganz, ganz wichtig wäre, nicht nur als Ort des Gedenkens, sondern auch der Forschung, der Verbreitung, als ein zentraler Ort der Erinnerung, an dem man das auch festhält, gerade, weil Österreich so an diesen Verbrechen beteiligt war. Österreich, Wien waren das Experimentierfeld für den Nationalsozialismus, das war viel weiter fortgeschritten als in Deutschland. Die Enteignungen, die Wohnungsräumungen, all das ist in Wien viel weiter gewesen. All das gilt es, irgendwie auch zu zeigen – und auch die Schritte, wie es weitergeht.
Margit Laufer: Entschuldigung! – Kommen wir abschließend auch wieder auf den Gedenkdienst zurück, denn darum geht es ja, darüber haben wir gesprochen, über Ihre Erfahrungen, wie er ist.
Andrzej Kacorzyk: Darf ich noch ganz kurz etwas ergänzen?
Margit Laufer: Bitte nur ganz kurz, denn wir wären schon am Ende dieser Runde, aber ich gebe Ihnen gerne noch einmal kurz das Wort.
Andrzej Kacorzyk: Auschwitz, Oświęcim, ist nur 4 Stunden von Wien entfernt und wir haben seit ein paar Jahren auch eine sehr gute österreichische Ausstellung, gewidmet den Opfern aus Österreich in Auschwitz, und es wird fantastisch, wenn die Zahl der Besucher - - Wir sind jetzt in den verschiedenen Institutionen, in der internationalen Jugendbegegnungsstätte, in unserem Hostel in der Gedenkstätte Auschwitz, an anderen Stellen imstande und haben Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zu verbessern und zu intensivieren.
Margit Laufer: Im Grunde geht es darum, diese Geschichten weiterzuerzählen, denn dann bleibt auch das Erinnern aufrecht.
Ich darf Ihnen ganz herzlich danken, dass Sie Ihre Erfahrungen geteilt haben, und ich darf jetzt noch einmal zum Ende dieser Gedenkveranstaltung den Präsidenten des Bundesrates Markus Stotter um seine Abschlussworte bitten. (Beifall.)
Abschlussworte
Markus Stotter (Präsident des Bundesrates): Sehr geehrter Herr Bundespräsident! Sehr geehrte Frau Schnabl Argent! Sehr geehrte Damen und Herren! Der 5. Mai ist in Österreich ein Tag des Innehaltens und des Erinnerns. Er führt uns eindringlich vor Augen, wohin Ausgrenzung, Hass und Menschenverachtung führen können, und ermahnt uns zugleich, dass Demokratie und Menschenrechte niemals selbstverständlich sind.
Die bewegenden Worte von Hedi Schnabl Argent haben uns auf eindrucksvolle Weise gezeigt, wie früh Ausgrenzung beginnt und wie tief sie in das Leben eines Menschen eingreift. Ihre persönliche Geschichte, die sie in ihrem Buch „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte“ so eindringlich schildert, macht Geschichte begreifbar. Sie verleiht den Fakten ein Gesicht und dem Erinnern eine besondere emotionale Tiefe. Dafür gilt Ihnen unser aufrichtiger Dank! (Beifall.)
Ihre Stimme spannt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und erreicht nun die letzte Generation, die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch persönlich erleben darf. Gerade für die junge Generation ist es entscheidend, zuzuhören, um die Erinnerungen weiterzutragen und zugleich das Verständnis füreinander sowie die Vielfalt unseres Zusammenlebens zu stärken.
Im Zentrum der diesjährigen Gedenkveranstaltung steht der Gedenkdienst als eine der wichtigsten tragenden Säulen der österreichischen Erinnerungsarbeit. Junge Menschen, die sich hier engagieren, halten die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus lebendig. Mit ihrem Einsatz setzen sie ein klares Zeichen für Menschlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität.
Die Beiträge des heutigen Podiumsgesprächs haben eindrucksvoll vor Augen geführt, wie vielfältig und bedeutend diese Arbeit ist. Mein besonderer Dank gilt den Gedenkdienerinnen und Gedenkdienern sowie allen Diskutantinnen und Diskutanten, die ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben. Sie machen sichtbar, dass Erinnerungsarbeit kein abstrakter Auftrag ist, sondern gelebte Praxis – getragen von Engagement, Mut und Überzeugung. Durch ihren Einsatz an Holocaustgedenkstätten weltweit setzen sich junge Österreicherinnen und Österreicher unmittelbar mit der Schoah auseinander. So wird das: Nie wieder!, nicht nur erinnert, sondern verinnerlicht – als Auftrag für die Zukunft unseres Landes.
Die Beschäftigung mit dem Holocaust schärft den Blick für die Gefahren von Ausgrenzung und stärkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und unsere Gesellschaft aktiv mitzugestalten.
Zugleich müssen wir mit großer Sorge feststellen, dass antisemitische Vorfälle in vielen westlichen Gesellschaften in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Antisemitismus richtet sich dabei nicht nur gegen Jüdinnen und Juden, sondern untergräbt die Grundwerte unserer Demokratie und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt. Besonders beunruhigend ist, dass sich diese Entwicklungen zunehmend unter jungen Menschen zeigen und vermehrt auch im schulischen und universitären Umfeld sichtbar werden. Darauf weist unter anderem die seit 2018 durchgeführte Antisemitismusstudie des Parlaments hin, die als wichtiges Instrument des Monitorings dient und auch 2026 erneut durchgeführt wird.
Gerade an jenen Orten, an denen Wissen vermittelt und Werte geformt werden, braucht es eine klare Haltung, fundierte Aufklärung und eine nachhaltige Bildungsarbeit. Es braucht Menschen, die widersprechen, wenn Grenzen überschritten werden, und Institutionen, die Verantwortung übernehmen!
Diese Entwicklungen machen deutlich, wie wichtig es ist, junge Menschen frühzeitig mit der Geschichte des Holocaust vertraut zu machen und sie in ihrer gesellschaftlichen Mitverantwortung zu stärken. Wissen, Empathie und persönliches Engagement sind entscheidend, um Vorurteilen und Hass nachhaltig entgegenzutreten.
Die jungen Gedenkdienerinnen und Gedenkdiener, von denen wir heute gehört haben, stehen beispielhaft für diese Haltung. Sie zeigen: Erinnerungsarbeit ist lebendig und sie hat Zukunft!
Mein herzlicher Dank gilt auch den Musikerinnen und Musikern des Streichtrios des Alma-Rosé-Instituts. Ihre Darbietung hat dieser Gedenkveranstaltung einen würdigen und berührenden Rahmen gegeben. Musik vermag auszudrücken, wofür Worte manchmal nicht ausreichen. Sie verbindet, sie erinnert und sie lässt uns innehalten.
Erinnern allein genügt nicht! Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen und die Zukunft achtsam zu gestalten. Möge dieser Gedenktag uns dazu ermutigen, Haltung zu zeigen, wachsam zu bleiben und aktiv für eine offene, demokratische und menschenwürdige Gesellschaft einzutreten. In diesem Sinne: Erinnern wir! Aber noch viel wichtiger: Handeln wir! – Herzlichen Dank! (Beifall.)
Margit Laufer: Herzlichen Dank, Herr Stotter.
Mit einem letzten Stück von Hans Gál des Streichtrios des Alma-Rosé-Instituts wollen wir diese Gedenkveranstaltung heute auch schließen. Ich darf Sie einladen, während der musikalischen Begleitung noch einmal innezuhalten, sich Gehörtes noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Wir haben heute viel über das Erinnern und auch die Zukunft des Erinnerns gehört!
Meine Damen und Herren, es war mir eine Ehre, Sie heute durch diese Gedenkveranstaltung begleiten zu dürfen! Auf Wiedersehen! (Beifall.)
Das Streichtrio des Alma-Rosé-Instituts an der mdw intoniert zum Abschluss der Gedenkveranstaltung Capriccio aus Serenade for String Trio Op. 41 von Hans Gál.
(Anhaltender Beifall.)
Schluss der Gedenkveranstaltung: 12.26 Uhr