71/SVER
29. Juni 2026
XXVIII. Gesetzgebungsperiode
Demokratikum – Erlebnis Parlament
Programm
Eröffnungsworte
Walter Rosenkranz – Präsident des Nationalrates
Vorstellung des Gesamtkonzeptes
Florian Kührer-Wielach – Kurator der Ausstellung „Blickwechsel. Das Erbe Altösterreichs“, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Präsentation der Ausstellung
Susanna Enk – Leiterin des Dienstes 5 - Demokratikum, Parlamentsdirektion
Abschlussworte
Walter Rosenkranz – Präsident des Nationalrates
Spaziergang durch die Stationen
Getränkeempfang
Susanna Enk (Leiterin des Dienstes 5 - Demokratikum, Parlamentsdirektion): „Blickwechsel. Das Erbe Altösterreichs“ erzählt von einem europäischen Erbe, das die Republik Österreich bis heute prägt; „Blickwechsel. Das Erbe Altösterreichs“ erzählt vom Zusammenleben, von Flucht, Vertreibung und Integration; vor allem aber erzählt „Blickwechsel. Das Erbe Altösterreichs“ von deutschsprachigen Menschen aus den Gebieten der ehemaligen Habsburgermonarchie.
Willkommen zur Präsentation des neuen Themenschwerpunkts des Parlaments! Mein Name ist Susanna Enk und ich begrüße Sie im Besucherzentrum, im Demokratikum – Erlebnis Parlament.
Begrüßen wir nun den Gastgeber und Initiator des Projekts, den Präsidenten des Nationalrates Walter Rosenkranz. (Beifall.)
Die Gestaltung dieses Themenschwerpunkts wäre ohne die zahlreichen Mitwirkenden nicht möglich gewesen: Ein großer Dank geht an den Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Herrn Florian Kührer-Wielach. (Beifall.)
Es ist mir außerdem eine Freude, die anwesenden Leihgeberinnen und Leihgeber zu begrüßen. – Vielen Dank an dieser Stelle.
Ebenso freuen wir uns über die Anwesenheit der zahlreich erschienenen Vertreterinnen und Vertreter der Landsmannschaften; namentlich und stellvertretend darf ich den Präsidenten des Verbands der deutschen altösterreichischen Landsmannschaften in Österreich, Herrn Norbert Kapeller, begrüßen. (Beifall.)
Zu guter Letzt möchte ich alle anwesenden aktiven und ehemaligen Mandatarinnen und Mandatare, die Vertreter des Diplomatischen Corps sowie die Mitarbeiter:innen der Parlamentsdirektion – ihnen gilt auch der Dank für die Mithilfe und Gestaltung dieses Themenschwerpunkts – begrüßen. (Beifall.)
Nun darf ich den Herrn Nationalratspräsidenten um seine Eröffnungsworte bitten.
Eröffnungsworte
Walter Rosenkranz (Präsident des Nationalrates): Sehr geehrte Damen und Herren! Werte Gäste! Schön, dass Sie heute alle hier sind – ich darf Sie im österreichischen Parlament sehr, sehr herzlich willkommen heißen!
Es gibt Themen der Geschichte, die weit über ihren historischen Zeitpunkt hinausreichen: Sie prägen Familien über Generationen hinweg, wirken in Biografien fort und beeinflussen das Selbstverständnis eines Landes bis in die Gegenwart – und vermutlich auch bis in die Zukunft. Zu diesen Themen gehören leider auch Geschichten der Flucht, der Vertreibung, des Heimatverlusts und des Neubeginns. Dass wir uns heute hier im Parlament zusammenfinden und uns mit diesem Kapitel österreichischer Geschichte befassen hat seinen guten Grund: Das Parlament ist ein Ort, an dem nicht nur Erinnerung an die Geschichte stattfindet, sondern das Parlament ist auch ein Ort, wo Geschichte vielfach auch gestaltet wurde und auch in Zukunft wird – so lange wir Gott sei Dank in einer Demokratie leben dürfen.
Vor diesem Hintergrund erhält die heutige Ausstellung eine besondere Bedeutung: Sie führt uns zurück in jene Regionen der ehemaligen Habsburgermonarchie, in denen deutschsprachige Gemeinschaften über Jahrhunderte beheimatet waren. Ich nenne vielleicht ein besonderes Jahr, 1526, die Schlacht bei Mohács: Ungarn, Böhmen, Mähren, Slowakei – all diese Länder kamen damals nur deswegen zur Habsburgischen Krone, weil halt eine Familie im Mannesstamm erloschen ist und einer in der Schlacht gefallen ist: König Ludwig II. Das war eigentlich in der Geschichte Österreichs auch immer so: Wären die Babenberger vor den Traungauern ausgestorben, dann würde die Republik vielleicht Steiermark heißen – wie auch immer. Die Geschichte bringt eben Wendungen, die man nicht planen kann.
Aber diese Geschichte, die wir heute hier im Parlament umreißen, erinnert an das kulturelle Wirken derjenigen in diesen Ländern, aber genauso – wie ich schon sagte – an die Flucht, an die Vertreibung und den schwierigen Weg in eine neue Heimat. Vor allem aber macht sie deutlich, dass diese Geschichte nicht außerhalb der Republik Österreich stattgefunden hat, sondern Teil unserer eigenen Geschichte geworden ist, speziell und vor allem seit 1918 und seit 1945 – gerade deshalb ist diese Ausstellung im Parlament am richtigen Ort. Und wir haben einen ganz besonderen Tag heute: Am 29. Juni 1954, also vor 72 Jahren, wurde während einer Sitzung des österreichischen Bundesrates das sogenannte Optionsgesetz durch den Bundesrat insoweit verabschiedet, als kein Einspruch gegen den Beschluss des Nationalrates vom 2. Juni beschlossen wurde. Dieses Gesetz eröffnete zahlreichen staatenlosen deutschsprachigen Vertriebenen aus den Gebieten der ehemaligen Donaumonarchie die Möglichkeit, durch eine Optionserklärung die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben.
Juristisch behandelt, na ja, ein Staatsbürgerschaftsgesetz, aber politisch war es weit mehr: Es war Ausdruck der Entscheidung, Menschen, die jahrelang vielfach zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Verlust und Neubeginn gelebt hatten, rechtliche Sicherheit und eine dauerhafte Perspektive in Österreich zu geben. Integration beginnt mit menschlicher Offenheit, sie braucht aber ebenso den Rechtsstaat und die Bereitschaft eines demokratischen Gemeinwesens, Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, eindrucksvoller kann man es nicht schildern, nämlich auch anhand der Wortwahl – und da greife ich die zwei Redner aus dem Bundesrat heraus; aber keine Sorge, die langen Reden erspare ich Ihnen, aber es gibt ein paar Zitate, die durchaus aus dem Blickwinkel der zeitlichen Nähe ein, wie man heute so schön sagt, anderes Wording zulassen.
Berichterstatter zu diesem Gesetzentwurf: Bundesrat Dr. Reichl von der SPÖ, aus der Steiermark, der sagt: „In dem Bundesgesetz, betreffend den Erwerb der Staatsbürgerschaft durch Volksdeutsche, kurz Optionsgesetz für Volksdeutsche genannt, wird der Versuch gemacht, das Flüchtlings- und das Volksdeutschenproblem in Österreich, welches noch ungefähr 90.000 Volksdeutsche mit ihren Angehörigen betrifft, zu entgiften und einer endgültigen Regelung zuzuführen.“
Also das, was immer noch – wenn ich mit den Angehörigen der Volksgruppen spreche – nachhängt, und vor allem, ich erinnere mich auch noch an die Veranstaltung im letzten Jahr betreffend die 80 Jahre, wo Sie, sehr geehrter Herr Kurator, ja auch erwähnt haben, wie die Bundesrepublik Deutschland, vor allem der Freistaat Bayern umgegangen ist, und was in Österreich ein bisschen – nennen wir es vorsichtig oder diplomatischer – suboptimal gelaufen ist. Oder ich zitiere jetzt Bundesrat Grundemann, ein oberösterreichisches Mitglied des Bundesrates: „Mehr als zehn Jahre ist es nun her, seit diese Völkerkatastrophe begann. Seitdem diese Menschen aus den Nachbarländern bei uns Aufnahme fanden, lebten Hunderte und Tausende dieser Menschen zum Teil noch unter wenig erfreulichen Verhältnissen und hausen auch heute noch in Barackenlagern unter dem Zeichen der Nichtzugehörigkeit zu den Menschen, in deren Land sie leben und in welches Land auszuwandern sie dieses Schicksal zwang.“ – Das sind die Worte, die eigentlich genau das wiedergeben, womit alle, die vertrieben waren, zu kämpfen hatten, weil Österreich, wie ich schon sagte, suboptimal darauf reagierte. Natürlich, es gab Sozialrechte, Arbeitsrechte, und so weiter, es gab natürlich etwas anderes, aber diese Thematik betreffend Staatsbürgerschaft konnte erst damals lückenlos geklärt werden.
Daher schlägt auch diese Ausstellung eine Brücke, ein Band zwischen Geschichte und Gegenwart. Sie erinnert uns daran, dass historische Entwicklungen nur selten eindimensional sind; sie kennt einfach keine einfachen Antworten, keine vorschnellen Urteile. Die Medaille hat zwei Seiten, gerade deswegen verlangt es Genauigkeit und die Bereitschaft, unterschiedliche Erfahrungen in ihrem jeweiligen historischen Zusammenhang zu verstehen.
Erst im Jänner dieses Jahres wurde hier im Parlament eine Ausstellung über die autochthonen Volksgruppen Österreichs eröffnet: Sie machte sichtbar, wie sehr kulturelle und sprachliche Vielfalt seit Jahrhunderten zum Wesen unseres Landes gehören.
Die heutige Ausstellung ergänzt diesen Blick – die andere Seite einer Medaille – auf eindrucksvolle Weise: Sie zeigt, dass auch die Geschichte der deutschsprachigen Altösterreicherinnen und Altösterreicher untrennbar zur Geschichte unserer Republik gehört. Viele von ihnen haben nach ihrer Ankunft in Österreich Familien gegründet, Unternehmen aufgebaut, Vereine getragen und am Wiederaufbau unseres Landes mitgewirkt. Ihr Beitrag ist Teil unseres gemeinsamen historischen Erbes. Es gehört zu den Aufgaben des Parlaments, solchen Entwicklungen Raum zu geben; politische Bildung erschöpft sich nicht in der Vermittlung parlamentarischer Verfahren, sie umfasst ebenso die Auseinandersetzung mit jenen historischen Erfahrungen, aus denen unsere demokratische Ordnung erwachsen ist.
Mein herzlicher Dank gilt an dieser Stelle – ich habe es schon ganz kurz angeschnitten – in eindrucksvoller Weise dem Kurator dieser Ausstellung, Herrn Florian Kührer-Wielach. Wir haben seinen Vortrag zur 80-Jahr-Gedenkfeier hier im Haus noch in Erinnerung gehabt, und da haben sich alle gedacht: Das würde der Richtige sein, um diese Ausstellung hier entsprechend zu kuratieren. Ich bedanke mich für die wissenschaftliche Konzeption und die sorgfältige Aufarbeitung dieses vielschichtigen Themas. Für mich ganz besonders beeindruckend: Als ich ihn zum ersten Mal gefragt habe: Wie schaut es denn aus mit dem Konzept? Da erklärte er mir alles, angefangen mit der Litfaßsäule - - Übrigens: Ich lese hier das Wort Transmigrant, das war mir bis jetzt in der Debatte auch noch unbekannt. Aber auch, was er betreffend Menschen gesagt hat: Es kommen zwischen 1 000 und 2 000 Menschen pro Tag hier in Haus. Womit kann man Menschen am besten – wie heißt es da in der Werbesprache? – abholen? Kinder muss man abholen, wo sie sind, sagt man in der Schule, sagt das Schulbusunternehmen: Man muss sie abholen.
Nein, es geht darum, um diese kleinen Stücke – jetzt noch im Zuge unserer kleinen Eröffnung hier ein wenig abseits stehend, aber dann in den Mittelpunkt rückend –, um Dinge der Kindheit, und ich bedanke mich ausdrücklich beim Leihgeber und seiner Familie dafür, dass man ein emotionales Interesse weckt an diesen Dingen, was eine Flucht wirklich bedeuten kann. Daher: Herzlichen Dank für Ihr Konzept! Ich glaube, es greift wunderbar.
Es ist auch ein Gebetbüchlein dabei: Es war einer der für meine Person schlimmsten Momente, als einmal in dieser Sendung „Bares für Rares“ eine Familie gekommen ist, die ein altes Gebetbuch gehabt haben und gefragt wurden: Warum trennen Sie sich? Sie haben gesagt: Ja, das braucht keiner mehr! Und wie ist es in die Familie gekommen? – Ja, das hat unsere Großmutter 1945 bei der Flucht vor den Russen aus Ostpreußen als einziges Gut, das ihr wichtig war, mitgenommen, und das verkaufen wir jetzt für die Reisekasse um 50 Euro. Na ja, da kann man bei einigen vielleicht auch mit einem Herzensbildungsprojekt mit der Erziehung beginnen.
Da ich schon bei der Danksagung für unseren Herrn Kurator war, darf ich ebenso Frau Susanna Enk und ihrem Team in der Parlamentsdirektion für die Vorbereitung und Umsetzung dieser Ausstellung danken. – Danke schön Ihrem gesamten Team, ganz große Arbeit, die Sie hier im Haus machen – abseits vom Kerngeschäft, was die Politik macht, nämlich Gesetze zu verabschieden. Sie erfüllen dieses Haus absolut mit Leben und erfüllen einen Bildungsauftrag, und das gehört absolut vor den Vorhang. – Danke schön. (Beifall.)
Zusammenfassend: Ich bin überzeugt, dass diese Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher zum Nachdenken anregen wird – vielleicht das eine oder andere Stück nicht bei „Bares für Rares“ zu verkaufen; das wäre schon ein großer Wert für eine Familie –, nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch darüber, wie Erinnerung Identität stiften und gegenseitiges Verständnis fördern kann. Der Beitrag, den Sie geleistet haben, der hier kursorisch angeführt ist, der viele Menschen erreichen soll, soll das widerspiegeln, was Sie an Leistungen für die Republik Österreich, für unsere freie, demokratische Republik Österreich geleistet haben. Dafür dieses Dankeschön des Parlaments in Form dieser Ausstellung. – Aber nicht als Eintagsfliege, sondern dass diese Beiträge auch dauerhaft hier bleiben, genauso, wie man in der Parlamentsbibliothek als eine der ersten Maßnahmen schon einmal Literatur, geschichtliche Literatur, aber auch Romane – das kommt ja alles in der Ausstellung vor – eben auch finden kann, es muss umfassend sein für alle Besucherinnen und Besucher, für die Älteren, aber vor allem auch für die Jungen, was es alles gegeben hat. Ich glaube, das kommt vielleicht manchmal sogar schon in der Schule ein wenig zu kurz – um es auch vorsichtig auszudrücken. (Beifall.)
Susanna Enk: Herzlichen Dank.
Gerne möchten wir Ihnen nun das Gesamtkonzept vorstellen und, wie der Herr Präsident schon gesagt hat, es freut uns außerordentlich, einen der versiertesten Kenner der Materie als Kurator gewonnen zu haben. Er hat es uns ermöglicht, das Thema in die österreichische Geschichte des Parlamentarismus einzuordnen und uns viele neue Facetten des Themas nähergebracht. Für viele der Kolleginnen und Kollegen, die an der Ausstellung gearbeitet haben, war das ein echter Blickwechsel. – Herr Florian Kührer-Wielach, bitte. (Beifall.)
Vorstellung des Gesamtkonzepts
Florian Kührer-Wielach (Kurator der Ausstellung „Blickwechsel. Das Erbe Altösterreichs“, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München): Herzlichen Dank für die sehr freundlichen Worte.
Sehr geehrter Herr Präsident Rosenkranz! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Nationalrates und Mitglieder des Bundesrates – sofern nicht hier, bitte die besten Grüße auszurichten! Sehr geehrter Herr Präsident des Verbandes der deutschen altösterreichischen Landsmannschaften in Österreich, lieber Norbert! Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Verbände und Vereine aus dem Inland und den Nachbarländern – es sind auch aus den Nachbarländern Vertreterinnen und Vertreter angereist! Sehr geehrte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen! Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Parlamentsdirektion! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Im Konzept für unser Vorhaben hieß es: Ziel der Maßnahme ist es, den bedeutenden Beitrag der deutschsprachigen Altösterreicherinnen und Altösterreicher für die österreichische Gesellschaft sichtbar zu machen und ihre Geschichte als integralen Bestandteil der europäischen Kultur zu begreifen, zumal der mitteleuropäischen. Es wird eine Lücke im Identitätsdiskurs der Republik Österreich geschlossen und gleichzeitig ein wesentlicher Beitrag zum grenzübergreifenden mitteleuropäischen Gedächtnis geleistet.
Die Herausforderung für uns war es nun, dieses Ansinnen mit Leben zu erfüllen und zur Umsetzung zu bringen. Es sei gleich vorweggenommen: Mit dem Startschuss vor rund einem Jahr durfte ich mich gemeinsam mit den vielen beteiligten Kolleginnen und Kollegen aus der Parlamentsdirektion auf eine der interessantesten beruflichen Reisen meines Lebens begeben, zu einem Thema, das mir einerseits sehr vertraut ist, dessen Facettenreichtum mich aber in den vergangenen Monaten mehrmals überrascht hat.
Wie also beginnen? – Es gibt einen naheliegenden Ausgangspunkt: Die Folgen des Zweiten Weltkrieges für die Hunderttausenden deutschsprachigen Altösterreicherinnen und Altösterreicher, die ab 1944 Flucht und Vertreibung erlebt und in Österreich ein neues Leben begonnen haben. Wie sich Republik und Gesellschaft zuerst zögerlich, aber Schritt für Schritt dazu bekannten, die deutschsprachigen Flüchtlinge und Vertriebenen formal und realpolitisch zu integrieren, lässt sich auch sehr gut an den Debattenprotokollen dieses Hauses nachvollziehen. Herzlichen Dank, Sie haben das vorhin schon demonstriert, wie der Sound war, den man damals so angewendet hat. Der war nicht immer nur angenehm. Schon eine zeitgenössische Studie stellte aber fest, dass die Aufnahme dieser Menschen kein Verlustgeschäft für die Republik war, sondern ihre Wertschöpfung viel zur Volkswirtschaft beitrug. So erfolgte in den 1950er-Jahren die juristische Gleichstellung, Berufsverbote wurden aufgehoben, die Beantragung der österreichischen Staatsbürgerschaft deutlich vereinfacht. – Das ist heute auch ein kleiner Gedenktag.
Die Vertriebenen begannen zu publizieren, sich in Vereinen und Verbänden zu organisieren, sie wurden – ohne ihre alte Identität abzulegen – zu Neuösterreicherinnen und Neuösterreichern. Rund jede zwanzigste Person, die im Jahr des Staatsvertrages über eine österreichische Staatsbürgerschaft verfügte, war vertrieben oder geflüchtet, das sind ungefähr 5 Prozent der Bevölkerung. – Schon diese Zahl zeigt die Bedeutung der deutschsprachigen Altösterreicher für die Zweite Republik.
Flucht und Vertreibungsereignisse stellen also einen zentralen Moment für unser Thema dar. Um Relevanz und Tragweite jedoch in vollem Umfang zu verstehen, sollten wir unseren Blick auf das Thema Altösterreich und sein Erbe noch einmal deutlich erweitern, denn viele in Gebieten der ehemaligen Donaumonarchie geborene Persönlichkeiten sind nicht als Flüchtlinge in die Zweite Republik gekommen, sondern schon nach 1918 in Österreich geblieben oder hierhergekommen: Beide Neuanfänge Österreichs als Republik wurden maßgeblich von Altösterreicherinnen und Altösterreichern mitgestaltet – man kann das hier auch nachsehen.
Pars pro toto sei hier auf die Olmützerin Olga Rudel-Zeynek verwiesen, die die erste Frau an der Spitze einer parlamentarischen Körperschaft weltweit war, als sie 1927 den Vorsitz im Bundesrat übernahm. Und wem ist schon bewusst, dass mit Karl Renner, Theodor Körner und Adolf Schärf die ersten drei Präsidenten der Zweiten Republik aus altösterreichischen Regionen stammten? Mir war das nicht bewusst, das habe ich auch so in der Schule nicht gelernt.
Ein grundlegender Aspekt unseres Projekts war somit die Auseinandersetzung mit dem Begriff des deutschsprachigen Altösterreichers, der deutschsprachigen Altösterreicherin, denn insbesondere die Brüche des 20. Jahrhunderts haben nicht nur Begrifflichkeiten verändert, sondern letztlich unsere gesamte europäische Gesellschaft. So stellt sich – um zu einem praktikablen und reflektierten Arbeitsbegriff zu kommen – die Frage: Wer sind die deutschsprachigen Altösterreicher überhaupt? Aber auch: Wer könnten sie noch sein? Wer hätten sie sein können? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Der Begriff liegt zwischen Herkunft, Sprache, Erinnerung und Zuschreibung. Im Mittelpunkt stehen deutschsprachige Menschen aus Herkunftsgebieten, die außerhalb der nach 1918 bestehenden Grenzen Österreichs lagen, aber eng mit der Geschichte des Landes verbunden waren, sowie ihre Nachkommen. Diese Menschen konnten selbstverständlich auch jüdischer Herkunft sein.
Erinnert sei hier beispielhaft an den aus Mähren stammenden Josef Redlich, der sich nicht nur als Rechtswissenschafter einen internationalen Namen gemacht hat, sondern auch Mitglied des Abgeordnetenhauses für das gemäßigt nationale deutsch-fortschrittliche Lager war: 1918 und 1931 bekleidete er das Amt des Finanzministers in Österreich, tatsächlich war aber sein Tschechisch so gut, dass er auch von der Tschechoslowakei angefragt wurde, ob er dort das Amt des Finanzministers bekleiden will – er hat sich aber für Österreich entschieden.
Mit der Radikalisierung der Zwischenkriegszeit und dem Nationalsozialismus wurden jedoch viele Lebenswege von Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt geprägt. Wachsender Antisemitismus zwang jüdische Altösterreicherinnen und Altösterreicher zur Emigration, viele wurden in der Schoah ermordet. Die nicht-jüdischen Altösterreicher wurden nun Volksdeutsche genannt – und wie wir gehört haben, auch noch lange, hinein bis in die Zweite Republik, in den parlamentarischen Debatten. Also wenn wir heute einen anderen Begriff verwenden, ist es gut so, aber es war eben sehr, sehr lange üblich, den Begriff Volksdeutsche zu verwenden.
Viele von ihnen setzten ihre Hoffnungen zunehmend auf ein starkes Deutschland. Auch in Österreich – und das ist wenig bekannt – gab es Bemühungen um diese Menschen, jedoch fehlten dem kleinen Land die Ressourcen. Außerdem konkurrierten hier deutschnationale und deutsch-österreichische Autoritarismen um das altösterreichische Erbe. Sehr stark waren die Altösterreicher auch in der Arbeiterschaft vertreten: Hier sei der aus einer banat-schwäbischen Familie stammende Koloman Wallisch erwähnt, der ab 1930 Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat war und 1934 als einer von neun Februarkämpfern zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Die sogenannten Volksdeutschen fanden sich also auf allen Seiten und in allen Lagern, wie auch andere Deutsche und andere Österreicher leider auch viel zu oft als NS-Kollaborateure, als Mitläufer, als Mitgerissene, aber auch im Widerstand.
Ab 1944/45 verband sich die Geschichte deutschsprachiger Altösterreicherinnen und Altösterreicher besonders mit Flucht, Vertreibung und Ankunft in Österreich – das ist eben unser Ausgangspunkt. Sie kamen aus verschiedenen Regionen der ehemaligen Donaumonarchie, wo sie bereits seit Jahrhunderten gelebt haben, teils lange bevor ihre Siedlungsgebiete unter habsburgische Herrschaft kamen, wie zum Beispiel die Deutschsprachigen in den böhmischen Ländern – Sudetendeutsche, die Siebenbürger Sachsen – die Zipser oder die Gottscheer. – Da gibt es übrigens auch eine schöne Karte, wo man das noch einmal genau anschauen kann.
Andere Gruppen wiederum entstanden unter den Habsburgern, als diese Menschen aus verschiedenen Teilen Mitteleuropas im Südosten Europas angesiedelt wurden. Dort wuchsen sie zu habsburgisch-österreichisch geprägten Gemeinschaften zusammen wie die Donauschwaben oder die Buchenlanddeutschen.
Die evangelischen Landler wiederum wurden im 18. Jahrhundert aus den österreichischen Kernlanden zwangsweise nach Siebenbürgen umgesiedelt – so jährt sich heute nicht nur der Beschluss für das Optionsgesetz 1954, genau heute vor 292 Jahren begann in Bad Goisern die brutale Transmigration der Landler nach Siebenbürgen. Nie lebten diese Gruppen isoliert, stets waren sie im engen Austausch mit anderssprachigen, anders konfessionellen und anders sozialisierten Menschen in ihren Siedlungsregionen. So lässt sich grosso modo sagen, dass dieses Zusammenleben bis weit in das 19. Jahrhundert relativ gut funktioniert hat. Gewiss spielt die verklärende Rückschau eine gewisse Rolle, aber die ist auch naheliegend, wenn man daran denkt, was das 20. Jahrhundert denn für diese Menschen gebracht hat. – All dies spielt bei unserem Projekt eine Rolle.
Sehr geehrte Damen und Herren, Sie sehen also: Wir haben es uns konzeptionell nicht leicht gemacht und sind uns bewusst, dass wir hier nur einen kleinen Ausschnitt einer sehr großen Geschichte zeigen können. Deswegen haben wir uns von bestimmten Prinzipien leiten lassen, die uns für eine adäquate Darstellung wichtig erscheinen, nämlich:
Erstens: Die demokratische Teilhabe zu zeigen, den für viele gewiss auch mental sehr weiten Weg von den Fanatismen zur Mitte des 20. Jahrhunderts hinein in eine demokratische Gesellschaft.
Zweitens, politische Entwicklungen und individuelle Perspektiven zu adressieren: Diese drücken sich vor allem auch in den Fluchtobjekten aus, die wir dankenswerterweise für unsere Vitrinen bekommen haben. Und schauen Sie bitte auch auf unsere schön gestaltete Themenseite auf der Website des Parlaments, da finden Sie Zeitzeugnisse unserer drei Leihgeber, denen ich sehr für die offene, auch selbstkritische, aber vor allem sehr berührende Art danke, das Schicksal ihrer Familien mit uns zu teilen.
Drittens war es uns sehr wichtig, zu zeigen, dass es sich bei der Geschichte der deutschsprachigen Altösterreicherinnen und Altösterreicher um eine Geschichte handelt, die uns alle betrifft: nicht nur, weil wir im ganzen Land ihre Spuren entdecken können, wenn wir den Blick ein wenig dafür schärfen, sondern auch, weil wir es nachfolgenden Generationen schuldig sind und weil sich auch im politischen Feld eine Vielfalt offenbart, die vielen vielleicht gar nicht bewusst ist.
So war meine Sorge sehr schnell verflogen, dass wir uns schwertun würden, das ganze politische Spektrum im altösterreichischen Erbe zu spiegeln. Konsultieren Sie am besten unsere Litfaßsäule, die Parlamentsbibliothek, den Medientisch und die Website, um die Vielfalt der parlamentarischen Persönlichkeiten mit altösterreichischem Hintergrund zu entdecken. – Für mich war da die eine oder andere Überraschung dabei.
Wichtig war uns deswegen auch, zu zeigen, dass die deutschsprachigen Altösterreicher nach ihrer letztlich gelungenen Integration und mehreren Generationen in Österreich nicht verschwinden. Aber dass sich die Anforderungen an die Gesellschaft ändern, dass die Perspektiven der Erlebnisgeneration gesichert werden müssen, aber auch eine Weiterentwicklung im Umgang mit dem Thema nötig ist, dafür müssen Forschung und Vermittlung zusammenspielen. Alle Phasen der Geschichte müssen bearbeitet werden – ohne Pauschalverurteilungen, ohne leichtfertige Rechtfertigungen und ohne Opferkonkurrenz –, denn neue Generationen haben neue Fragen, auch das wird hier reflektiert.
Für all diese Bereiche ist noch viel zu tun, Versäumtes ist aufzuholen, das Erbe zu sichern. Vor allem ist es wichtig, zu begreifen, dass es sich um kein Nischenthema handelt – man sieht das an diesem sehr vollen Raum –, sondern wir vielmehr an die Substanz der österreichischen Geschichte gegangen sind. Mit unserem Themenschwerpunkt „Blickwechsel. Das Erbe Altösterreichs“ – dazu gibt es auch eine wirklich wunderschöne Broschüre, die die meisten unserer Maßnahmen noch einmal zum Aufs-Nachtkästchen-Legen und Nachlesen bietet – haben wir hier im Parlament also Neuland betreten. Mein Dank gilt all jenen, die es ermöglicht haben, dass dies auf so angenehme und produktive Weise geschehen konnte, allen voran Herrn Präsidenten Dr. Rosenkranz, der dieses Projekt initiiert und wohlwollend begleitet hat und uns gleichzeitig jede Freiheit gelassen hat, diese Ausstellung wissenschaftlich fundiert, zeitgemäß und multiperspektivisch zu gestalten. (Beifall.)
Den vielen Kolleginnen und Kollegen aus den verschiedenen Bereichen und den verschiedenen Ebenen der Parlamentsdirektion – Frau Susanna Enk wurde schon gedankt – sowie auch den externen Kooperationspartnern und Leihgebern.
Um hier nicht den Fehler zu machen, jemanden zu vergessen, nenne ich jetzt noch stellvertretend für alle, die die Projektkoordination übernommen hatten, nämlich von der Dialogplattform Staat & Gesellschaft, David Pinchasov und Thomas Kassl. – Herzlichen Dank euch allen für die menschlich und fachlich äußerst angenehme Zusammenarbeit. Ich freue mich schon auf die kommenden Monate: Wir haben ja im Rahmen des Themenschwerpunkts noch einiges vor.
Besonderer Dank gilt meiner Familie, die heute – teils, soweit nicht auf Schulausflug – anwesend ist und die recht viele Wochenenden und Abende auf mich verzichtet hat, damit ich dieses Projekt als Kurator begleiten konnte. – Herzlichen Dank. (Beifall.) – Ich bin offensichtlich ein Meister der spannenden Rede, die Tochter schläft schon.
Gerne möchte ich zum Abschluss den Horizont noch einmal auf die europäische Ebene erweitern: Unser Blick fällt dabei auf einen weiteren wichtigen Themenschwerpunkt des Parlaments, auf das Thema des Minderheitenschutzes, auf die autochthonen Minderheiten, denn genau das sind die altösterreichischen Gruppen in unseren Nachbarländern. Auch da hilft ein Blickwechsel, und auch da gibt es noch viel zu tun. Der Dialog fällt aber leichter und kann auf Augenhöhe gelingen, wenn wir uns an die Empfehlung halten, die dem großen Temeswarer Österreicher Erwin Ringel zugeschrieben wird: Nur, wer sich selbst erkennt, wird reif für die Begegnung mit anderen. – Ich danke Ihnen herzlich. (Beifall.)
Susanna Enk: Vielen Dank für Ihre wie immer spannenden Eindrücke, Einblicke und Gedanken.
Präsentation der Ausstellung
Susanna Enk: Ich darf nun – ausgehend von dem inhaltlichen Gesamtkonzept – zur Umsetzung kommen, von der Geschichte ins Hier und Jetzt, kurz gesagt: von der Theorie in die Praxis.
Warum findet die Ausstellung hier statt? – Nun: Eine lebendige Demokratie verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, deshalb ist diese Ausstellung hier, in diesem lebendigen Haus, dem Parlament, so gut positioniert. Ab sofort werden unsere Gäste – im Vorjahr waren es immerhin 470 000 Personen – beim Eintritt ins Parlament hier an diesem Ausstellungsteil vorbeikommen, unmittelbar neben unseren Geschichtswänden, die die Entwicklung von Demokratie und Parlamentarismus erklären.
Die Litfaßsäule führt zurück in die alten Heimaten, zu Ansiedlung, Zusammenleben, politischer Teilhabe und kulturellen Prägungen, und weiter zu Flucht, Vertreibung, Integration und Erinnerung. Die Schauvitrinen erzählen von Kindern auf der Flucht, zeigen Erinnerungsstücke an die alte Heimat und die Suche nach Identität in der neuen Heimat – besonders nachdenklich stimmen da Einträge auf den Personalausweisen, zum Beispiel ex-enemy oder unter der Rubrik Staatsbürgerschaft: staatenlos. Mit diesem Bereich ist uns, so hoffen wir, die ansprechende Gestaltung fundierter Information gelungen, andererseits ist es ein sehr persönlicher, um nicht zu sagen emotionaler Zugang, denn das war uns wichtig: Herz und Hirn anzusprechen.
Sie haben auf Ihren Plätzen ein Programmblatt vorgefunden, darin ist auch dargestellt, wie wir das Thema hier vor Ort außerdem sichtbar machen. Ich werde nun auf die einzelnen Stationen eingehen und möchte Sie einladen, diese im Anschluss zu besuchen – die Kolleginnen und Kollegen freuen sich auf Sie.
Im Auditorium zeigen wir heute zum ersten Mal einen eindrucksvoll gestalteten Kurzfilm, gehen Sie danach gerne weiter in unsere wunderschöne Bibliothek, wo die Kolleginnen und Kollegen einen eigenen Bereich, ein historisches Regal zum Thema gestaltet haben. Am Weg vorbei in die Bibliothek stoßen Sie auf unseren Medientisch: Momente unserer Demokratie – wir freuen uns, Ihnen die zahlreichen neuen Beiträge zum Thema zeigen zu dürfen. Auch auf der Website des Parlaments wurde – wie Sie schon gehört haben – ein eigener Ausstellungsbereich, eine sogenannte Onlineausstellung gestaltet, wo Sie all das, was Sie hier sehen, finden, und noch viele vertiefende und erweiternde Aspekte. Sehr gerne können Sie im Anschluss auch diese Begleitbroschüre mitnehmen und schließlich können Sie im Shop Produkte passend zum Schwerpunktthema besichtigen.
Ich darf Sie jetzt schon einladen, wieder zu kommen und ab September an einer unserer Führungen teilzunehmen, dabei werden Sie bei einem Rundgang im Haus auf zahlreiche weitere Aspekte dieses Themenschwerpunktes stoßen, unter anderem auf ein eigenes Ausstellungselement in der Beletage. Gerne bietet Herr Kührer-Wielach auch sogenannte Kuratorenführungen an, wofür wir sehr dankbar sind. Kommen Sie mit Ihrer Familie, mit Freunden, kommen Sie als Mitglied Ihres Vereins in großen oder kleinen Gruppen – wir freuen uns auf Sie.
Auch für unsere vielen Schülergruppen wird dieser Bereich hier ein wichtiger Anknüpfungspunkt, ein wichtiger Ort werden: Ergänzend sind im Rahmen der Demokratiewerkstatt sogenannte Generationen-Workshops geplant, denn nur wer die Vergangenheit kennt und versteht, kann die Zukunft bewusst mitgestalten, denn erst der Blick zurück ermöglicht es uns, Entwicklungen nachzuvollziehen, Zusammenhänge zu erkennen und die Weichen für die Zukunft zu stellen.
Bevor ich nun den Herrn Präsidenten um seine Abschlussworte bitte, freue ich mich, dass ich Herrn Dr. Rüdiger Stix um sein Statement ersuchen darf, er vertritt – wie Sie alle wissen – mit großem Engagement die österreichischen Landsmannschaften. – Bitte. (Beifall.)
Statement
Rüdiger Stix (Vizepräsident des Verbands der deutschen altösterreichischen Landsmannschaften in Österreich): Kein Statement – auch wenn es natürlich eines ist –, sondern ein herzliches Dankeschön. Und es wurde ja schon gesagt: neue Generationen, neue Fragen. Wir werden – häufig aus sozialen Medien oder in meiner Arbeit als Professor, wo ich noch aktiv bin – immer wieder von jungen Menschen gefragt, von Schülerinnen, Studentinnen, Studenten: Wie ist das? Und: Ich habe doch von meiner Großmutter was gehört! Und ich sage: Ja, du bist – oder Sie sind – eine von uns!, und so. Dann kommt die Diskussion in eure Situation und es kommt dann die Frage, wer wohin gehört; da spitze ich manchmal ein wenig zu und sage: Bitte um Entschuldigung, dass wir die Republik Österreich gegründet haben!
Das brauche ich hier nicht zu erklären, das habt ihr genial gemacht: Die Litfaßsäule vor den klassischen Ausstellungsstücken. Ja, wir – also unsere Familien – haben die Republik gegründet nach der Zerschlagung im großen Krieg, wir, die deutschen Reichsratsabgeordneten, also die, die damals für uns im deutschen - - – pardon, ja, als deutsche Reichsratsabgeordnete im österreichischen Parlament, im österreichischen Reichstag gesessen sind, und ja, wir, aus den österreichischen Bundesländern – natürlich, fast zeitgleich, 2, 3 Stunden Unterschied, glaube ich, waren es –, inklusive Südtirol, Unterkärnten, Südsteiermark und Sudetenland als Bundesland, wir waren das; bitte um Entschuldigung, dass wir die Republik Österreich gegründet haben, und dann, vor 72 Jahren, netterweise auch Staatsbürger werden durften in dem Land, das wir gegründet haben.
Ich maße mir keinen Opferstatus an, ich bin Offizier aus dem Kalten Krieg, ich selber habe nie gelitten, nie gehungert, wurde nicht vertrieben und ich bin unendlich dankbar, dass diese Republik geschaffen worden ist. Ich bin unendlich dankbar, dass wir in Europa es geschafft haben, den Eisernen Vorhang zu entfernen; ich bin dankbar, dass wir am Weg zu einem Selbstverständnis sind, auch zu unseren Quellen – auch, wenn wir Gebetsbücher um ein Linsengericht verschwinden lassen, aus Dummheit; ich bin euch, die ihr hier mit uns daran arbeitet, dankbar, und ich bin unserem Präsidenten dankbar, dass er in seiner unendlich juristisch-diplomatisch klugen Art die beiden Punkte eben aufgeführt hat.
Ja, wir haben Österreich mit seiner ganzen politischen Bandbreite geschaffen – hier sind sehr viele angeführt worden, das reicht natürlich von Viktor Adler als Prager Deutscher Jude – er ist dann Protestant geworden – als die Ikone der Sozialdemokratie und verfassungsrechtlich natürlich mit dem Brünner Nationalitätenprogramm eigentlich bis heute; auf der anderen Seite Theodor Kardinal Innitzer nicht nur als Sozialminister, sondern als Landsmann, und dazwischen natürlich alle Bereiche – die sind dort alle aufgeführt, glaube ich, auf dieser Plakette.
Daher: Danke, dass Sie als Einstieg dieser Ausstellung, als Beginn, die Litfaßsäule für unser Österreich, für unsere Kultur, die deutsche Kultur Österreichs natürlich mit allen gemeinsam – mit den autochthonen Volksgruppen heute, und gemeinsam mit all denen, mit denen wir seit Jahrhunderten zusammengelebt haben: Ungarn, Tschechen, Kroaten und so weiter. Ich möchte niemanden auslassen, das wäre jetzt eine lange Diskussion. Dafür: Herzlichen Dank.
Und: Wir haben einen großen Weg vor uns – Ringel wurde schon genannt, ich möchte noch ein paar andere Österreicher wie Musil, der dann in Brünn wichtig geworden ist, und Sigmund Freud natürlich, Sudetendeutscher, in Erinnerung rufen, ohne sagen zu können, wer jetzt recht hat als Psychologe. Aber wir können nur uns selbst heilen, die österreichische Seele und die europäische Seele, wenn wir uns unserer Vergangenheit stellen, selbst, wenn das heißt, dass wir uns unserer eigenen Identität stellen müssen. – Danke schön. (Beifall.)
Abschlussworte
Walter Rosenkranz: Meine Damen und Herren! Es ist jetzt so weit, dass wir jetzt eine kleine Reise machen werden hier im Haus.
Ich bedanke mich für Ihr Erscheinen, vor allem bei den Repräsentantinnen und Repräsentanten der unterschiedlichsten Landsmannschaften, die hier zusammengefunden haben, einen gemeinsamen starken Verband gegründet haben, die hier ein Haus haben, das sogar Heimat heißt, also diese kleine Heimat in einer Großstadt in einer Republik Österreich, wo man zusammenkommen kann. Und ich kenne die Vertreterinnen und Vertreter, den einen schon länger, den anderen erst kürzer, ich kann aber allen, die – das ist auch so ein schönes Wort, ich mag es gerne – in dieser Community zusammenwirken, sagen, dass sie eines sind: Sie sind mir genauso herzlich willkommen, wie sie mit ihren Anliegen hartnäckig sind, das ist direkt proportional groß.
Ich habe bei meinem Büro eine Doppeltür, und immer, wenn Sie mit Ihren Interessen kommen, sind beide Flügel weit geöffnet. Ich hoffe, Sie sind sowohl bei meinen Vorgängern, als auch bei mir und meinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern noch immer gut aufgehoben, es ist eine wichtige Sache, die Geschichte Österreichs zu kennen, um auch in der Jetztzeit richtige Entscheidungen zu treffen.
Und es ist angesprochen worden: Ja, auch die autochthonen Minderheiten als andere Seite dieser Medaille gehören dazu. Ich glaube, mit gutem Gewissen: Wenn wir vorgeben, dann kommt der Punkt, wo unter Umständen auch das eine oder andere befreundete nachbarschaftliche Land die eine oder andere Maßnahme nicht mehr setzt, nicht mehr zulässt, beziehungsweise sie gar nicht mehr in den Köpfen der Menschen vorhanden ist. Und wenn das mit dieser Ausstellung auch bei der österreichischen Bevölkerung oder bei Touristinnen und Touristen, die hier sind, auf ein bisschen Interesse stößt, ein kleines Samenkörnchen des Interesses, vielleicht auch bei der einen oder anderen Schulgruppe, wo vielleicht die eine oder andere Lehrkraft sogar noch auf etwas draufkommt, dass es im Geschichtsunterricht gäbe – außer der Frage des sozialen Status in der Zunft der Metzger in einer deutschen mittelalterlichen Stadt, ohne Kenntnisse, ob es jemals Babenberger bei uns gegeben hat; ich habe meinen Sohn, 15 Jahre alt, abgefragt, was er davon weiß, und er hat gesagt: außer dem, was ich ihm erklärt habe, eigentlich nichts! –, da sage ich auch: danke!
Aber eines: Wir wollen diesen Beitrag leisten und wir tun es gerne, wir tun es gemeinsam nach dem Schwerpunkt, mit dem wir das jüdische Leben dargestellt haben, die autochthonen Minderheiten vor den Vorhang geholt haben, und jetzt auch die Altösterreicherinnen und Altösterreicher, damals noch als Volksdeutsche bezeichnet, jetzt in einer anderen Weise – aber wir wissen, um was es geht, das ist das Entscheidende dabei. – Danke für Ihr Erscheinen.
Ich möchte nicht sagen: Genießen Sie die Ausstellung, weil es nicht unbedingt das ist, was man unbedingt genießen kann, weil schlimme Erinnerungen damit verbunden sind; aber sehen Sie sie mit dem Stolz, der Ihnen anheim ist, das ist das, was Sie ja in sich tragen, sonst hätten Sie auch gar nicht diese Stärke, die Sie jetzt noch in Österreich repräsentieren. Schauen Sie sie sich mit dem Stolz an und mit ein bisschen Freude auf das, was Ihre Vorfahren für dieses Land, egal, ob es eine große Monarchie oder ob es eine kleine Republik war, geleistet haben. Herzlich willkommen noch einmal in diesem Haus. (Beifall.)
Der Hartnäckigste der Hartnäckigen kommt jetzt auch noch.
Dr. Rüdiger Stix: Danke, und ich könnte mich niederknien vor dir, wirklich. Vielen Dank dafür, wir wissen es wirklich zu schätzen.
Und es wurde nicht gesagt: Wir laden dich ganz offiziell hier wieder einmal ins Haus der Heimat ein und möchten dir für dieses Engagement, und dafür, dass wir jetzt hier verankert sind – wo es viele geben wird, die zu dem Thema vielleicht jetzt Zugang finden, die wir nie erreichen würden – unsere silberne Ehrennadel überreichen – sie ist nicht die wertvollste, aber eine ganz seltene Auszeichnung in Österreich. Herzlich willkommen im Haus der Heimat.
Walter Rosenkranz: Danke. (Beifall.)