74/SVER
29. September 2026
XXVIII. Gesetzgebungsperiode
Lesesaal
Programm
Eröffnungsworte
Walter Rosenkranz – Präsident des Nationalrates
Impulsgespräch
Vladimír Mlynár – Vorsitzender im Volksgruppenbeirat für die slowakische Volksgruppe
Attila Somogyi – Vorsitzender im Volksgruppenbeirat für die ungarische Volksgruppe
Podiumsdiskussion und Lesung
Didi Drobna – Autorin
Kerstin Istvanits – Lehrerin, Literaturwissenschaftlerin, Autorin
Jaqueline Scheiber – Autorin
Moderation
Thomas Kassl – Dialogplattform Staat & Gesellschaft, Parlamentsdirektion
Musik
Richard Cibula – Violine
László Rácz – Klavier
Die Veranstaltung beginnt mit der musikalischen Darbietung des Stückes „Ungarischer Tanz Nr. 5“ von Johannes Brahms, dargebracht von Richard Cibula und László Rácz.
(Beifall.)
Thomas Kassl (Moderation, Dialogplattform Staat & Gesellschaft, Parlamentsdirektion): „Ungarischer Tanz Nr. 5“ von Johannes Brahms. – Vielen Dank an Richard Cibula an der Violine und László Rácz am Klavier für diesen temperamentvollen Auftakt! Die beiden Musikvirtuosen werden uns auch durch den weiteren Abend begleiten.
Meine sehr geehrte Damen und Herren! Dámy a páni! Hölgyeim és Uraim! Herzlich willkommen! Vitajte! Üdvözöljük! Ich begrüße Sie recht herzlich zur dritten Ausgabe der Veranstaltungsreihe Literatur am Ring in diesem Jahr. Wo könnte man besser über Literatur und Volksgruppen sprechen als hier im Lesesaal der Parlamentsbibliothek?
Der Abend steht erneut im Zeichen der autochthonen Volksgruppen in Österreich. Wir rücken heute die Volksgruppe der Slowaken und der Ungarn thematisch in den Mittelpunkt. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund 50 Jahre Volksgruppengesetz 2026 und des Themenschwerpunkts „Wir sind Demokratie“, der zur Sichtbarmachung der Volksgruppen im Parlament beitragen soll. Hier darf ich vor allem die Ausstellung im Auditorium des Parlamentes erwähnen, und in diesem Hohen Haus wurde heuer am 7. Juli 2026, exakt 50 Jahre nach dem Beschluss des Volksgruppengesetzes, die Novelle des Volksgruppengesetzes vom Nationalrat beschlossen. Erstmals werden alle sechs Volksgruppen ausdrücklich genannt und verfassungsrechtlich abgesichert.
Mein Name ist Thomas Kassl. Ich bin stellvertretender Leiter der Abteilung Dialogplattform Staat & Gesellschaft in der Parlamentsdirektion, und ich darf Sie durch den heutigen Abend begleiten. Herzlich willkommen, schön, dass Sie da sind! (Beifall.)
Zu Beginn freut es mich, die zahlreichen Ehrengäste, die unter uns sind, begrüßen zu dürfen:
Ein herzliches Willkommen gilt unserem Gastgeber, dem Präsidenten des Nationalrates, Herrn Walter Rosenkranz. (Beifall.)
Ebenso herzlich begrüße ich Herrn Parlamentsdirektor Roland Weinert. (Beifall.)
Ein herzliches Willkommen allen anwesenden Vertreterinnen und Vertretern der Volksgruppenbeiräte. Besonders willkommen heiße ich heute den Vorsitzenden des slowakischen Volksgruppenbeirates, Herrn Vladimir Mlynár, und des ungarischen Volksgruppenbeirates, Herrn Attila Somogyi. (Beifall.)
Mein Gruß gilt außerdem den anwesenden aktiven und ehemaligen Abgeordneten zum Nationalrat, den Mitgliedern des Bundesrates sowie den Vertreterinnen und Vertretern des diplomatischen Corps.
Es freut mich sehr Dienstleiterin Susanna Enk, Abteilungsleiterin Michaela Brunner aus dem Bundeskanzleramt sowie die anwesenden Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter der Parlamentsdirektion zu begrüßen.
Besonders aber freue ich mich auf unsere drei Autorinnen, deren Texte und Gedanken uns heute begleiten werden. Unter uns sind Didi Drobna, eine mehrfach ausgezeichnete Autorin, geboren in Bratislava und aufgewachsen in Wien (Beifall), Kerstin Istvanits, Literaturwissenschaftlerin und Autorin, geboren in Oberpullendorf und Lehrerin an der HTL Pinkafeld, und als Burgenlandungarin schreibt sie auf Deutsch und Ungarisch (Beifall), sowie Jaqueline Scheiber, studierte Sozialarbeiterin, Autorin und Podcasterin, sie ist mit Deutsch und Ungarisch aufgewachsen. – Herzlich willkommen! (Beifall.)
Sehr geehrter Herr Präsident, ich darf Sie nun um Ihre Eröffnungsworte bitten.
Eröffnungsworte
Walter Rosenkranz (Präsident des Nationalrates): Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus den Volksgruppenbeiräten! Sehr geehrte Vertreter der Diplomatie! Geschätzte Podiumsgäste! Liebes Publikum! Ich darf Sie alle sehr herzlich willkommen heißen, willkommen zur heutigen Veranstaltung „Literatur am Ring: Schöne Worte | Szép szavak“, um es auf Ungarisch zu sagen, oder „Pekné slová“, wie es auf Slowakisch heißt. Um schöne Worte soll es am heutigen Abend in der letzten von drei Veranstaltungen aus der Reihe Literatur am Ring im Zeichen des vor 50 Jahren beschlossenen Volksgruppengesetzes also gehen.
Slowakisch und Ungarisch – man könnte es kaum besser ausdrücken als ein slowakischer Geiger und ein ungarischer Tastenflitzer mit einem ungarischen Tanz komponiert von einem echten Hamburger. Sie haben es aber bemerkt, ganz zum Schluss hat der Geiger ein bisschen improvisiert, und das war dann so der Moment, wo es eher schon in die Beine gegangen ist, wo man sich vorstellen kann, hier zu tanzen.
„Schöne Worte“ – vielleicht kommt Ihnen der Titel der heutigen Literatur-am-Ring-Ausgabe wie ein Kontrast zu den klaren Worten vor, die wir in unserer ersten Veranstaltung von Vertretern und Vertreterinnen der Roma und Romnja, der Burgenlandkroatinnen und -kroaten gehört haben und die zu Recht vehement eingefordert wurden sowie zu den starken Worten der zweiten Veranstaltung, die sich der langen rechtlichen Traditionslinie des Minderheitenschutzes aus Sicht der Kärntner Sloweninnen und Slowenen, sowie der Volksgruppe der Tschechinnen und Tschechen gewidmet haben.
Denken Sie bei den schönen Worten des Titels heute aber nicht nur an deren literarische Qualität. Verstehen Sie das Motto als Aufforderung zu aufrichtigen, zu interessierten, zu ehrlichen und individuellen Worten. Die schönen Worte können am Beginn einer Entwicklung stehen. Sie können uns motivieren, den Weg in die praktische Umsetzung anstoßen. Wir können uns mit ihnen bestätigen, uns versichern, dass der Weg, auf dem wir unterwegs sind, auch der richtige ist. Es ist keinesfalls aalglatter Schönsprech, sondern soll wie alles Schöne ins Gemüt, ins Herz gehen. Man muss sich die schönen Worte auch leisten können, so wie es vielleicht auch Vertreterinnen und Vertreter jüngerer Generationen aus den Volksgruppen heute tun, die aus einer anderen Perspektive auf ihre Geschichte, die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern blicken und blicken können. Man muss sich die schönen Worte aber auch leisten wollen.
Ein Zitat: Es ist nicht schwer, einem Menschen Wertschätzung zu zeigen, man muss ihn lediglich für voll nehmen, wie es Didi Drobna formuliert hat. Man kann und will also – und das wird durch die Arbeit und das Schaffen unserer Podiumsgäste heute deutlich – die Anerkennung auf individueller Ebene in den Mittelpunkt stellen. Deshalb danke ich unseren Podiumsgästen, die heute sich und ihre Geschichte und ihre Geschichten in den Mittelpunkt stellen. Danke an Jaqueline Scheiber, an Kerstin Istvanits und Didi Drobna.
Einen großen Dank auch an den Eingangsmoderator Thomas Kassl aus der Dialogplattform Staat & Gesellschaft, der uns durch den Abend führen wird. Er und sein Team – Frau Dienstleiterin, Herr Abteilungsleiter – haben für dieses gesamte Projekt des Parlaments die Volksgruppen vor den Vorhang zu holen bis heute so erfolgreiche Arbeit geleistet und sie werden es auch in Zukunft machen – nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen.
An ihn, Herrn Kassl, darf ich jetzt für die weitere Moderation das Wort weitergeben. – Bitte schön. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen Dank, Herr Präsident.
Wir setzen gerne im Programm fort, und ich bitte jetzt den Vorsitzenden im slowakischen Volksgruppenbeirat, Herrn Vladimir Mlynár, und den Vorsitzenden im ungarischen Volksgruppenbeirat, Herrn Attila Somogyi, zum Gespräch zu mir. – Bitte.
Impulsgespräch
Thomas Kassl: Ich würde gerne mit Ihnen beginnen, Herrn Mlynár. Die Anerkennung der slowakischen Volksgruppe erfolgte in Österreich 1992. Viel weiter zurück reicht Ihr Wirken und Tun in und um Wien. Ein besonderes Augenmerk wird ja dabei auf den Spracherhalt und damit auf den Erhalt der Identität gelegt. Die Möglichkeiten zur schulischen Fort- und Weiterbildung sind ja an der Komenský-Schule im 3. Wiener Gemeindebezirk gegeben. Sie scheint so etwas wie die Kaderschmiede für junge Menschen mit slowakischer und tschechischer Herkunft zu sein, aber eben nicht nur.
Jetzt meine Frage an Sie: Wie erreicht denn der Beirat junge Menschen und ermutigt sie, das Leben der Volksgruppe mitzugestalten?
Vladimír Mlynár (Vorsitzender im Volksgruppenbeirat für die slowakische Volksgruppe): Ja, die Herausforderungen heute sind nicht unbedingt der Mangel an unterschiedlichen Möglichkeiten, sondern eher die Vielfalt der Möglichkeiten, die die junge Generation hat. Es ist so, dass für die Slowaken wichtig ist, dass sie die Identität weiterhin pflegen, und das geht nur über die Sprache. Die Sprache ist der Schlüssel. Deswegen wie erwähnt ist es uns wichtig, dass wir auch Schulvereine haben, dass wir in der Komenský-Schule nach wie vor die slowakische Sprache aktiv pflegen können, aktiv lernen können.
Was den Volksgruppenbeirat betrifft, so gab es die Einrichtung früher hauptsächlich, um die Anliegen der Volksgruppe weiterzugeben. Heutzutage muss der Volksgruppenbeirat eine neue Rolle erfüllen. Das muss ein Forum sein, wo Innovationen passieren, wo man genau diese Fragen – wie adressiert man die junge Generation? – sehr wohl diskutieren soll. Das ist zum Beispiel durch Digitalisierung. Nur so, wenn wir uns auf der gleichen Ebene wie die Kinder und Jugendlichen bewegen, die unterschiedliche Identitäten in ihren Leben haben – ob das jetzt die Identität in einer Plattform ist oder auch Identitäten zwischen unterschiedlichen Sprachen –, erreichen wir sie. Wichtig ist, dass wir sie abholen, wir erreichen die junge Generation nur dann, wenn wir auf die Anliegen kommen und auf die Bedürfnisse, die die junge Generation hat, und auf die eingehen wollen.
Thomas Kassl: Vielen Dank für Ihr erstes Statement.
Ich würde da gerne fortsetzen und vielleicht einen Gedanken weiterspinnen, weil ja die Volksgruppen in Österreich auch die Möglichkeiten eröffnen, den Blick durch das Fenster zum Nachbarn zu schärfen. Ich denke da insbesondere an die Grenzregionen, die ja als besonders fruchtbarer Boden für Austausch, für gemeinsame Initiativen gelten. Bekannt sind da Kooperationen in Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft. Wie fließen hier die grenzüberschreitenden Initiativen ineinander? Welche neuen Räume gilt es hier vielleicht noch zu eröffnen?
Vladimír Mlynár: Man muss sagen, dass zwischen Wien und Bratislava, zwischen diesen zwei Regionen, die kürzeste Verbindung zwischen zwei Hauptstädten in Europa besteht, vielleicht sogar der Welt, das weiß ich nicht, und diese Grenze zwischen den zwei Staaten trennt nicht mehr, sondern verbindet. Sie verbindet unsere gemeinsamen Projekte, wie in Kultur, Sport, aber auch in anderen Bereichen, und da entstehen neue Möglichkeiten, die diese Grenzregion bietet.
Wir müssen schauen, dass wir diese Grenzregion nicht wieder kaputtassimilieren, würde ich sagen, sondern, dass die slowakische Sprache nach wie vor hier auch in der Grenzregion bleibt und hier zu einem normalen Zustand führt. Es ist uns wichtig, dass wir in dieser Grenzregion Projekte umsetzen, dass hier mehr entsteht als nur das, was bis jetzt geschah.
Thomas Kassl: Wunderbar.
Vladimír Mlynár: Letztendlich ist uns wichtig, dass die Slowaken nicht zur Vergangenheit gehören, quasi als historische Betrachtung, sondern die slowakische Volksgruppe auch für Österreich ein Zukunftskonzept ist und dass wir als Volksgruppe einfach einen wertvollen Beitrag für diese Gesellschaft leisten. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen Dank, das ist einen kräftigen Applaus wert. (Beifall.)
Ich darf das Mikrofon weiterreichen. Herr Attila Somogyi, zu meiner ersten Frage: Am vergangenen Wochenende wurde ja das Haus der Volksgruppen in Oberwart eröffnet. Ich durfte selbst der Eröffnung beiwohnen. Ein österreichweit einzigartiges Projekt eint jetzt im Burgenland die ansässigen Volksgruppen unter einem Dach. Es sind dies Voraussetzungen, die man sich auch in Wien wünschen würde. Wir haben ja bereits die Komenský-Schule angesprochen. Wie verbindet man jetzt die Gegebenheiten? Wie schafft man den Spagat zwischen dem Burgenland und Wien? Wir haben sozusagen im Burgenland die Anerkennung der ungarischen Volksgruppe 1976, in Wien 1992. Wie verbindet man, wenn man so sagen möchte, das Traditionelle mit dem Neuen?
Attila Somogyi (Vorsitzender im Volksgruppenbeirat für die ungarische Volksgruppe): Ja, dieses Projekt ist natürlich einzigartig und ein sogenanntes Jahrhundertprojekt im Burgenland, das es gelungen ist, zu verwirklichen, aber gleich, wenn wir hier in das Parlament hereinkommen – ich bin vorhin mit meinem Bekannten durch diese Ausstellung durchgegangen, die ich jedem empfehle, sich nachher noch anzuschauen –, haben wir die Antwort schon darauf. Ich bin selber Geograf und daher freut es mich immer, wenn ich Karten sehe. Schauen Sie sich dieses Mischgebiet an, das die heutige Grenze Burgenland-Ungarn ausmacht. Da sehen wir, das war schon immer mehrsprachig, und da haben wir eine Parallele zu Wien. Wien war auch immer mehrsprachig. Einsprachigkeit ist heilbar, sagt man immer, und wir sollten eigentlich nur das tun, was unsere Großelterngeneration immer schon gemacht hat: auf den anderen zugehen. Diese Zeit ist ganz wichtig, die leben wir im Burgenland seit Neuestem auch wieder vor.
Es gibt seit 1992 auch das zweisprachige Bundesgymnasium für die kroatische und für die ungarische Volksgruppe. Die Roma wurden 1995 als Volksgruppe anerkannt, leider Gottes sehr spät. Im Burgenland war das immer natürlich. Wir hatten früher auch noch die jüdische Bevölkerungsgruppe. Das hängt auch sehr viel mit der ungarischen Geschichte zusammen, denn der erste ungarische König Stephan hat schon gesagt: Mein Land ist so reich, so viele Sprachen man in ihm spricht! – Das wollen wir weiterleben und wieder aufleben lassen.
Wenn man jetzt vom sogenannten autochthonen Kernland, die Ungarn leben ja seit über tausend Jahren im Gebiet des heutigen Burgenlandes, den Bogen weiter spannt, so sind viele, auch meine Familie, nach Wien gezogen, meine Kinder gehen jetzt in Wien in die Schule. Unser Wunsch wäre natürlich, dass das eigentlich klar und normal sein sollte, dass sie auch hier in ihrer Muttersprache weiterlernen können. Momentan besteht die Möglichkeit nur sehr eingeschränkt, ein paar Projekte gibt es schon, die da eine Ausnahme bilden, aber es sollte eigentlich Standard sein. Ich bringe immer die Schweizer als Beispiel. Von dem, wie die Schweiz ihre Volksgruppen behandelt, sind wir noch weit entfernt, aber das wäre vielleicht ein ideales Ziel. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt. Und weil wir gerade Bratislava gehört haben, auch das Dreieck nach Budapest: Das ist nach den Wirtschaftswissenschaftlern die Region Europas mit dem größten Wachstumspotenzial, und das ist nicht nur kulturell, sondern natürlich auch wirtschaftlich für uns wichtig.
Um noch einmal vom Burgenland den Bogen nach Wien zu spannen: Hier in Wien würden wir uns natürlich auch so etwas wünschen wie zum Beispiel ein zweisprachiges Bundesgymnasium oder ein Haus der Volksgruppen, wo es natürlich ist - - nicht nur in der Familie, denn das größte Problem momentan, um die Sprache und die Kultur weiterzugeben, ist halt, dass man keine Schule hat. Auch ein österreichisches Kind lernt nicht nur zu Hause Deutsch, sondern jeder von uns, der Kinder hat, weiß, das ist eine Aufgabe im Deutschunterricht. Daher ist es natürlich ganz wichtig, dass wir diese Volksgruppensprachen auch in der Schule fördern und vereinsmäßig natürlich sowieso.
Thomas Kassl: Vielen Dank. Also das große Potenzial, das wir in Österreich sozusagen sehen können, haben wir durch die autochthonen Volksgruppen und natürlich auch grenzüberschreitend.
Meine daran anschließende zweite Frage wäre noch einmal zurückkommend auf die Novellierung des Volksgruppengesetzes: Damit ist wahrscheinlich auch eine gewisse Erwartungshaltung im Sinne eines Fortkommens verbunden. Mit welche Erwartungen, welchen notwendigen Schritten sehen Sie dem entgegen?
Attila Somogyi: Ja, das Volksgruppengesetz in Österreich 1976 ist natürlich einmal eine Riesensache gewesen. Für uns als ungarische Volksgruppe war das quasi die Im-Nachhinein-Anerkennung. Für die Burgenländer war es immer klar, dass die Ungarn natürlich ein Teil des Burgenlandes sind. Unser Bundesland ist ja unvorstellbar ohne diese Volksgruppe, weil das Burgenland ja 1 000 Jahre zu Ungarn gehört hat, 1921 zu Österreich gekommen ist. Wenn wir dann in Wien das Volksgruppengesetz anwenden würden - - denn die ungarische Volksgruppe ist seit 1992 hier autochthon anerkannt wie die slowakische, aber die Ungarn, sage ich einmal, waren nicht in der Zahl wie die Tschechen und die Slowaken hier in Wien vorhanden – als viel größere Gruppe –, und sie waren nicht imstande hier eine Privatschule zu machen. Hut ab davor, dass die Slowaken und die Tschechen die Eigeninitiative ergriffen haben und sich eine Privatschule gemacht haben. Aber natürlich sollte das auch die Aufgabe des Staates sein, wie es halt die Bildung im Allgemeinen auch ist, und da muss man dazusagen, dass sich natürlich die Lebensumstände stark geändert haben.
In den Siebzigerjahren waren wir noch stark landwirtschaftlich geprägt und die Großfamilie hat funktioniert, da hat man oft nicht einmal einen Kindergarten am Land gebraucht, weil die Kinder zu Hause mit den Großeltern und mit den Eltern aufgewachsen sind, natürlich auch mit ihnen gesprochen haben. Heute ist das ganz anders, wir wissen das. Meine Familie ist auch ein Beispiel: Die Kinder sind schon in Wien in den Kindergarten gegangen, am Wochenende, wenn wir zu Hause sind, reden sie mit der Oma Ungarisch, sonst mit mir zu Hause Ungarisch, meine Frau spricht Deutsch, die Kinder kriegen also beide Sprachen mit, aber was natürlich fehlt, ist die schulische Ausbildung. Damit man die Sprache richtig gut anwenden kann, brauchen wir da eine Erweiterung beim Volksgruppengesetz weg – vom Territorialprinzip.
Es gibt in Österreich auch Binnenmigration vom Burgenland in die Hauptstadt, und bei den Wienern möchte ich noch einmal dazusagen: Jeder zweite Wiener ist nicht in Wien geboren. Das heißt, die jungen Volksgruppen sind da nicht alleine. Also auch die deutschsprachigen Wiener – bei denen stellt sich natürlich die Frage des Sprachgebrauches nicht, aber es ist eine Stadt mit einem Riesenpotenzial. Und wenn man dieses Potenzial – da komme ich wieder zurück zum Vlado – pflücken will und dem Staat nutzbar machen will, dann wäre es sogar sehr geschickt, wenn wir dieses Eisen schmieden, solange es heiß ist. Das heißt, die Kompetenzen unserer Kinder besser machen, in der Schule lernbar machen. Sie werden sehr viel – nicht nur kulturell – für uns bringen. Fast jeder Künstler in Österreich hat irgendwie einen Background, Mehrsprachigkeit. Denken wir nur an unseren Nobelpreisträger in Literatur, Kunst und sonst irgendwo! Das ist so kreativ, das sollten wir nicht liegen lassen. Machen wir es wie die Schweiz: Heben wir die Volksgruppensprachen dorthin, wo sie hingehören! (Beifall.)
Thomas Kassl: Wunderbar, ein schönes Schlusswort von Herrn Attila Somogyi.
Ich glaube, die Volksgruppen haben die Kräfte gebündelt. Ich glaube, es ist dort adressiert und schon angeklopft, wo es hingehört. Ein paar Meter müssen wir noch gehen, aber wir halten das gemeinsam durch und kommen dann hoffentlich auch gemeinsam durch das Ziel. – Vielen Dank für das tolle Interview und den Austausch. Danke vielmals. (Beifall.)
Bevor wir uns den literarischen Perspektiven zuwenden, bitte ich nun die Musiker um das zweite Musikstück. Der slowakisch-österreichische Violinist Richard Cibula tritt als Solist und auch als Kammermusiker auf. László Rácz am Klavier entstammt der legendären ungarischen Rácz-Familie und ist selbst Teil des László-Rácz-Quartetts. Wir hören nun „Liebesleid“ von Fritz Kreisler. – Viel Vergnügen.
Es folgt die musikalische Darbietung des Stückes „Liebesleid“ von Fritz Kreisler, dargebracht von Richard Cibula und László Rácz.
(Beifall).
Thomas Kassl: Vielen Dank für das soeben gehörte Musikstück.
Podiumsdiskussion und Lesung
Thomas Kassl: Ich freue mich, die heutigen Protagonistinnen Didi Drobna, Jaqueline Scheiber und Kerstin Istvanits am Podium zu begrüßen. Nach klaren Worten und starken Worten gibt es diesmal zum Abschluss also schöne Worte – szép szavak, pekné slová. Sprache hat eben etwas Schönes und etwas Magisches, wie Ondřej Cikán auf unserer letzten Veranstaltung festgestellt hat. Sprache, und damit zusammenhängend die Geschichten, die sie erzählt, setzen ja etwas in Bewegung. Sie ermöglichen etwas so Wesentliches, nämlich das Nachvollziehen und die Anerkennung des Gegenübers. Der Mensch lernt von Geschichten, wie Frau Istvanits in einem Vorgespräch meinte. Dafür, dass wir heute Abend von Ihren Geschichten lernen dürfen, bedanke ich mich schon im Voraus bei Ihnen allen.
Frau Drobna, ich würde gerne mit Ihnen beginnen und unser Gespräch starten. Sie erzählen in Ihrem Buch „Ostblockherz“ eine Geschichte von Ihrem Weg in den Westen und von dem Ihrer Familie. Sie erzählen von gemeinsamen Schwierigkeiten, aus der ehemals tschechoslowakischen sozialistischen Republik kommend, in Österreich, in Wien Fuß zu fassen. Sie erzählen vielschichtig, auf individueller, familiärer und gesellschaftlicher Ebene. Gleich zu Beginn schreiben Sie, durchaus doppeldeutig, wie ich es verstehe, Sie hätten unterwegs im Westen die Sprache verloren. Wie haben Sie die Sprache, wie haben Sie Ihre Sprache wiedergefunden?
Didi Drobna (Autorin): Erstmals guten Abend, meine Damen und Herren! Ich freue mich sehr, heute hier sein zu können und ich fühle mich sehr geehrt, dass meine Geschichte und meine Literatur ein bisschen die Brücke von Österreich zur slowakischen Volksgruppe bauen kann.
Ja, unterwegs im Westen habe ich ein bisschen die Sprache verloren – meine Muttersprache ist Slowakisch –: Wie kann man sich das vorstellen? – Meine Familie ist kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Österreich ausgewandert. Es war, so viel kann ich Ihnen verraten, nicht immer alles so einfach, und da kam natürlich als Erstes der Auftrag von meinen Eltern an mich, die kleine Didi: Lern Deutsch! Schau, dass du ankommst! Schau, dass du einen Platz findest in diesem neuen Land!
Sprache ist natürlich immer der Schlüssel zum Ankommen. Sprache ist der Schlüssel zur neuen Kultur, zur Integration, zum Verständnis, und ich habe diesen Auftrag von meinen Eltern so gewissenhaft angenommen wie eine olympische Sportlerin. Ich habe mir so viel Mühe gegeben und habe ganz flink Deutsch gelernt. Das ist natürlich großartig gewesen und hat mir sehr viel geholfen, aber die andere Seite der Medaille ist, wenn man etwas Neues lernt, man manchmal auch etwas Altes ein bisschen vergessen muss, und so ist es mir mit meiner Muttersprache ergangen, aber das sei gesagt: Viele, viele Jahre später habe ich dann ein bisschen zurückgefunden und finde, es geht sich beides gut aus. Man kann eine schöne Muttersprache haben und man kann aber auch eine neue Herzenssprache haben und eine neue Sprache, in der man lebt und arbeitet und seine Literatur schreibt wie ich, und das ist für mich heute das Deutsche. (Beifall.)
Thomas Kassl: Ich würde sehr gerne nachfragen, weil Sie gesagt haben, die Sprache des Herzens, und Ihr Buch heißt „Ostblockherz“: Was ist denn für Sie das Ostblockherz?
Didi Drobna: Diese Frage hatte ich befürchtet, die war natürlich aufgelegt. Ja, was ist denn jetzt dieses Ostblockherz? – Darüber habe ich viel nachgedacht. Meine Damen und Herren, wenn Sie an den Ostblock denken, an diesen Ort, den es ja eigentlich gar nicht gibt, aber es gibt so viele Bilder und so viele Stereotype zu diesem Begriff, dann haben Sie vielleicht viele verschiedene Vorstellungen dazu, die alle vielleicht damit zu tun haben, dass es an diesem Ort sehr taffe Leute gibt, sehr fleißige Leute, die vielleicht ein bisschen hart und emotional vielleicht ein bisschen unterkühlt sind. Ja, das stimmt, aber diese Leute haben auch sehr viel Leidenschaft. Sie haben einen großen Willen, sich einen Weg zu finden, wo es noch keinen gibt. Sie glauben an sich, die Gemeinschaft und das Morgen, und das, diese beiden Dinge, verbindet für mich das Ostblockherz – das Harte und das Weiche, das Starke und auch das Sanfte. Ich glaube, so gesehen, schlägt in uns allen ein bisschen ein kleines Ostblockherz.
Thomas Kassl: Vielen Dank.
Frau Scheiber, Ihr Buch „dreimeterdreißig“ erzählt von einer Beziehung, von Verlust und Trauer, einer Beziehung zwischen Klara und dem aus Ungarn stammenden Balázs, die an vielen Stellen erst eine Sprache für ihre Erfahrungen und eine Sprache füreinander finden müssen.
Bevor wir jetzt näher darauf eingehen, darf ich Sie bitten den Text, den Sie einleitend für uns vorbereitet haben, auch vorzutragen.
Jaqueline Scheiber (Autorin): Von mir auch herzlich willkommen! Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Ich darf heute auch eine Premiere für mich erleben, nämlich auch einen Teil aus dem Buch auf Ungarisch übersetzt zu lesen. Das ist das erste Mal, dass ich auf Ungarisch vor Publikum lesen darf, aber zuerst der Einfachheit halber auf Deutsch.
Zur Einordnung: Wir befinden uns in dem Buch gerade in der Kennenlernphase von Klara und Balázs. Sie hatten ein, zwei Treffen miteinander und Balázs beginnt gerade zu erzählen und sich zu öffnen über seine Kindheit, ein kurzer Dialog beim Abendessen:
„‚Na ja‘, setzte Balázs an. ‚Ich war vier, als der Eiserne Vorhang fiel.‘ Und dann sprudelte es aus ihm heraus. Die Videoaufnahmen von ihm als Kind in der Badewanne mit der Mutter, die Geburt der Zwillinge und sein junger Vater, den er öfter betrunken als nüchtern erlebt hatte. Er deutete Gewalt an, hielt sie aber beschwichtigend in einem Nebensatz klein. ‚Da ist ihm auch mal die Hand ausgerutscht, das sagt man doch so, oder?‘ Er erzählte von den neuen Fernsehsendern, vor denen sie gebannt saßen, und dass er sich nicht für den Schwimmverein geeignet fühlte, erzählte von der Großmutter, die die besten Lángos der Welt machte, fingerdick mit Sauerrahm und Käse darüber gerieben, und davon, wie sie ihn manchmal ohne seine Schwestern auf Wanderungen mitnahm. Er erzählte von der schlichten Wohnung und der ausgebrannten Autokarosserie im Hinterhof, in der er mit acht das erste Mal an einer Zigarette zog. Er erzählte auch von den Gerüchen, Paprika und Fett, Palatschinken und Vanille, den Farnbüschen im Garten der Großmutter, in denen sie sich versteckten, davon, dass immer viele Menschen bei ihnen ein und aus gingen, dass man sich kannte im Dorf, die Familie groß war, dass in der Enge trotzdem alles möglich zu sein schien, wie dicht die Frauen in seiner Familie nach ihren Scheidungen zusammengerückt waren und wie aus wenig immer viel entstanden war.
‚Es war alles da, damals fand ich das schön. Ich vermisse manchmal, dass es keinen Vergleich mit anderen Umständen gibt und dadurch so viele Fragen aufkommen‘, sagte Balázs abschließend wie eine Entschuldigung. [...]
‚Weißt du, es lag nicht an den Menschen, sondern an dem Land. Verstehen konnte ich das aber erst, als ich das Land verlassen habe.‘
‚Mhhh.‘ Klara schob sich aufgerollte Nudeln in den Mund. Ihr war aufgefallen, wie wenig sie eigentlich über eine Gesellschaft wusste, die keine zwei Autostunden von Wien entfernt existierte. Sie schämte sich. Dafür, dass sie sich Balázs gegenüber intellektuell überlegen gefühlt hatte. So weit hatte sie vor Kurzem noch nicht gedacht, war einfach einem Bauchgefühl gefolgt, diesem schüchternen Mann, der eines Abends vor ihr auf der Straße gestanden war. Und jetzt bekam eben dieser Mann, der nur eine zweidimensionale Abbildung einer Fantasie gewesen war, Volumen.“
„‚Hát‘ – kezdett bele Balázs. ‚Négyéves voltam, amikor megszünta vasfüggöny.‘ És aztán csak úgy ömlött belőle szo. A videófelvételek, amelyeken gyerekként az anyjával ül a fürdőkádban, az ikrek születése és a fiatal apja, akit gyakrabban látott részegen, mint józanul. Célzást tett az erőszakra, de enyhitésképen egy mellékmondatnyira zsugorította. ‚Olyankor néha eljárt a keze, így mondják, nem?‘ Mesélt az új tévécsatornákról, amelyek előtt megbabonázva ültek, és arról, hogy nem érezte magát az úszóegyesületbe valónak, mesélt a nagymamájáról, aki a világ legjobb lángosát sütötte, ujjnyi vastagon tejföllel és ráreszelt sajttal, és arról, ahogy néha a húgai nélkül magával vitte kirándulni. Mesélt az egyszerű lakásról és a hátsó udvarban álló kiégett autókarosszériáról, amelyben nyolcévesen svivta el az elsö cigarettát.
Mesélt az illatokról is, paprika és zsír, palacsinta és vanília, a páfránybokrokról a nagymamája kertjében, amelyek között bujkáltak, arról, hogy náluk mindig sokan jártak ki-be, hogy ismerték egymást a faluban, nagy volt a család, hogy a szűkösségben mégis minden lehetségesnek tűnt, milyen szorosan összezártak a nők a családjában a válásuk után, és hogyan lett a kevésből mindig sok.
‚Mindenünk megvolt, akkoriban ezt szépnek találtam. Néha hiányolom, hogy nincs összehasonlítás más körülményekkel, és ez sok kérdés merül fel‘ – mondta Balázs zárásképp, mintha bocsánatot kérne. [...]
‚Tudod, nem az embereken múlt, hanem az országon. Megérteni viszont csak akkor tudtam, amikor elhagytam az országot.‘
‚Mhhh.‘ Klara feltekert tésztát tolt a szájába. Feltűnt neki, milyen keveset tud valójában egy olyan társadalomról, amely autóval két órányira sincs Bécstől. Szégyellte magát. Azért, mert intellektuálisan fölényben érezte magát Balázzsal szemben. Nemrég még nem gondolt ilyen messzire, egyszerűen egy megérzést követett, ezt a félénk férfit, aki egy este ott állt előtte az utcán. És most épp ez a férfi, aki addig csak egy fantázia kétdimenziós ábrázolása volt, térfogatot kapott.“
Danke. (Beifall.)
Thomas Kassl: Frau Scheiber, die Welt von Balázs, Sie kennen sie, sie ist Ihnen nicht unbekannt, auch die Zweisprachigkeit. Sie haben auch die Einfachheit vorgetragen, die Einfachheit, die aber auch sehr reich macht, wo man mit sehr wenig auskommt und doch so viel hat, dass es eigentlich reicht. Sie hatten auch das Glück, die zweite Sprache sozusagen zu erlernen. Ihre Mutter ist ja nach der Grenzöffnung nach Österreich gekommen. Sie haben die Sprache dann auch erlernt. Inwieweit hat denn Ihre Biografie und die Biografie Ihrer Mutter konkret auf das Buch eingewirkt und sozusagen die Charaktere darin auch geprägt?
Jaqueline Scheiber: In gewisser Weise natürlich sehr, vor allem, als ich mir dann schließlich in den Kopf gesetzt habe, meinen ersten Roman zu schreiben, habe ich mich mit der Frage beschäftigt, was mir vielleicht auch in der Literatur fehlt, und das war schon auch immer eine Art Heldengeschichte einer Figur, die ein bisschen unter dem Radar fliegt, wie es auch Balázs tut und wie ich das auch schon oft mit Ungarisch sprechenden Menschen in meiner Umgebung, in meinen Begegnungen erlebt habe. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass gerade diese Nähe zu Österreich auch diese Gefahr der Assimilierung birgt und dieses Hadern und auch diese Fragen des Übergangs in eine wohlhabendere Gesellschaft, gerade im Fall von Balázs vielleicht sogar eines sozialen Aufstieges, und die Sehnsucht nach der Kultur und nach dem Bekannten und vielleicht auch rückblickend das Entdecken des Reichtums dieser Kultur, nachdem man sie verlassen hat. All das, habe ich versucht, eben in dieser literarischen Figur zu verarbeiten und zu zeigen und auch zugänglich zu machen, und da sind natürlich sehr viele Einflüsse, die ich erlebt, beobachtet, gefühlt habe, auch mit eingearbeitet worden.
Thomas Kassl: Wie verwenden Sie Ihre beiden Sprachen? Das würde mich jetzt persönlich sehr interessieren. Wo verwenden Sie sie? Leben beide gleichwertig parallel, oder wie verwenden Sie zum Beispiel das Ungarische und wann?
Jaqueline Scheiber: Ja, leider leben nicht beide Sprachen gleichwertig. Ich bin ja schon in Österreich geboren und aufgewachsen und habe hier meine Schulbildung genossen, und das Ungarische war insofern für mich die längste Zeit ausschließlich eine Familiensprache. Also der restliche Teil der Familie ist eben immer in Ungarn gewesen, ich habe meine Sommer in Ungarn verbracht, und ich habe das Ungarische ganz lange für eine unnütze Sprache gehalten, insofern, als ich in der Schule eben bemerkt habe, okay, andere Fremdsprachen werden angesehener behandelt – wenn man Französisch kann oder wenn man Englisch gut spricht. Ich habe erst als erwachsene Person bemerkt, dass das Ungarische mir auch ganz viele Türen öffnet und seitdem freue ich mich noch bewusster, es auch außerhalb des familiären Kontextes einzusetzen.
Thomas Kassl: Frau Istvanits, ich würde Sie jetzt gerne auch in das Gespräch mit hineinnehmen. Ob die Grenze ein Ort der Begegnung oder Abwendung und Abschottung ist, schreibt Wolfgang Müller-Funk, hängt von jenen ab, die dort leben. Als Burgenlandungarin, Frau Istvanits, haben Sie in einem Bundesland Ihren Mittelpunkt, das auch als eine Region der Vielfalt betrachtet werden kann, wenngleich man sich vielleicht nicht immer so definiert hat. Als Wissenschafterin, als Lehrerin, als Bibliothekarin haben Sie auch Ungarische Fachdidaktik unterrichtet. Sie sind ja zweisprachig aufgewachsen und im Vorgespräch haben Sie erzählt, dass diese Hinwendung zur Sprache, die Vertiefung des Ungarischen ein schrittweiser, dann aber ein bewusster Entschluss war. Vielleicht können Sie uns diesen Weg kurz skizzieren.
Kerstin Istvanits (Lehrerin, Literaturwissenschaftlerin, Autorin): Sehr gerne. Auch von mir einen schönen, guten Abend! Szep jó estét kívánok! Ja, bei Sprache geht es, glaube ich, immer um sehr viel Persönliches. Das ist immer ganz eng verbunden mit Identität. Sie haben es angesprochen, ich als Vertreterin von der autochthonen burgenlandungarischen Gruppe kann das vielleicht kurz an meinem Beispiel verdeutlichen: Ich bin aufgewachsen in einem Umfeld, wo es normal war, mehrere Sprachen zu hören, mehreren Sprachen zu begegnen. Es war für mich Teil des Alltags, dass ich gehört habe, dass meine Mutter mit ihren Eltern, also mit meinen Großeltern, auf Ungarisch gesprochen hat – im burgenländischungarischen Dialekt. Ich habe das als Kind immer mitgehört, und ich war dann einmal auch bisschen aufmerksam, als ich meine Mutter gehört habe, als sie ihre Eltern gefragt hat: Na ja, warum sprecht ihr denn nicht Ungarisch mit den Enkelkindern? Woraufhin die Antwort war: Na ja, aber die antworten dann ja auf Deutsch. Allein die Tatsache, dass wir auf Deutsch geantwortet haben, hat ja impliziert, dass wir verstanden haben, worum es gegangen ist.
Für mich war diese Sprachmelodie immer sehr vertraut, ich hatte das Glück, dass ich in einer Zeit die Bildungslandschaft durchgegangen bin, in der das Ungarische gefördert wurde. Es wurde in der Volksschule bereits auf spielerische Art und Weise angeboten und ich bin dann ins zweisprachige Bundesgymnasium gegangen. Das war eine bewusste Entscheidung, ich wollte das machen. Als ich auf ein Sprachlevel gekommen bin, wo ich einfach sicher war, wo ich merkte, ich kann mich ausdrücken, ich kann so kommunizieren, habe ich zu meinen Großeltern gesagt: So, ab jetzt reden wir nur mehr Ungarisch! – Das hat ihnen, glaube ich, auch große Freude bereitet.
Für mich persönlich war das rückblickend einfach sehr, sehr wertvoll, denn so habe ich Sprache erlebt und Sprache verwendet im Alltag. Da ging es jetzt nicht um wissenschaftliche Diskussionen, da ging es einfach um das Leben, und das ist, glaube ich, immer das ganz Wichtige bei Sprache: dass wir Sprache verwenden, denn wenn wir Sprache nicht in einem natürlichen Kontext gebrauchen, dann wird es schwierig, und bei dieser Situation sind wir auch. Ich denke, dass wir alle mit mehreren Sprachen konfrontiert sind. In der heutigen Welt geht es eigentlich gar nicht anders. Mehrsprachigkeit ist global gesehen ja Standard. Oft hatte ich den Eindruck, wenn mich Leute gefragt haben, in welchen Sprachen ich spreche und denke, dass das irgendwie fast exotisch war. Im Prinzip ist es das aber nicht. Für mich war es normal, und ich denke, es ist auch natürlich, dass mehrere Sprachen parallel bestehen, und natürlich ist es auch so, dass nicht jede Sprache immer auf dem gleichen Level präsent ist. Es wird in Situationen teilweise so sein, dass eine Sprache einfach dominanter ist, dass Sie sich mit gewissen Personen in der einen Sprache lieber unterhalten, aber dass Sie immer einen gemeinsamen Weg finden.
Thomas Kassl: Vielen Dank. Frau Istvanits, Sie haben ja auch etwas mitgebracht und ich darf Sie jetzt bitten, uns aus Ihrem Buch auch etwas vorzutragen, damit wir auch hören, wie Sie schreiben, wie Ihre Poesie klingt.
Kerstin Istvanits: Zur Erklärung: Ich habe Ihnen einen Mix aus Lyrik und einen Teil einer Kurzgeschichte mitgebracht. Die Texte sind im Band Junge Literatur Burgendland Volume 7 in der Edition Lex Liszt 12 erschienen.
Sie hatten vorhin das Thema Burgenland als Grenzregion angesprochen, und ich glaube, da passt einfach das folgende Gedicht:
Ich lese es zuerst auf Ungarisch vor und dann gibt es eine deutsche Übersetzung, weil es mir eben auch wichtig ist, dass die Mehrheitsbevölkerung das Ganze versteht.
„Határmenti terület“
„Határ
itt
– Burgenland
ott
– Magyarország
jönni és menni
– ide és oda
származni
– innen és onnan
Itthon otthon lenni.
Határtalan?“
„Grenzgebiet“
„Grenze
hier
– Burgenland
dort
– Ungarn
kommen und gehen
– hierher und dorthin
abstammen
– von hier und von dort
Hier daheim zu Hause sein.
Grenzenlos?“
„Értékes teremtés“
„természetes kincs
a természet kincs
a kincs természetes.“
„Wertvolle Schöpfung“
„natürlicher Schatz
die Natur ist ein Schatz
der Schatz ist natürlich.“
Ja, so zu den Themen Grenze, Burgenland, Grenzregion – was macht das mit den Leuten? – Natürlich, die Grenze ist offen, wir haben alle Möglichkeiten. Ich bin in der Generation aufgewachsen, wo es einfach möglich war, Auslandsaufenthalte, Auslandssemester im benachbarten Land zu absolvieren. Aber ich merke, diese Grenze, ist teilweise noch immer in den Köpfen und sie werden das einfach bemerken, dass das ein Prozess ist. Ich denke, es gibt hier auch viele, viele Möglichkeiten, wo sehr viel Austausch stattfindet und wo diese Grenze – wie im Vorfeld auch einmal gesagt worden ist – eigentlich als Brücke fungieren kann.
Ich darf Ihnen noch einen Teil von einer Kurzgeschichte präsentieren. Der Titel lautet: „Női táskák“ – Damenhandtaschen.
„Ort: Budapest, wo die Donau nie weit weg ist und das Stadtbild bestimmt, wo alles im Fluss ist ... werden manchmal einige junge Frauen aus der Bahn geworfen, in anderen Worten, sie erleben stürmische Wogen und aufpeitschende Fluten. Dann ist Zeit für ein Treffen, um alles, jeden und jede ausführlich zu analysieren.
Der Treffpunkt ist in solchen Fällen klar: Café Jedermann-frau-allerlei, welches eine Atmosphäre eines Wohnzimmers aufweist. Der Name des Cafés ist maßgebend für die Zeit, in der wir leben. Ein Zeitalter, in dem man sich ohne Tätowierungen selbst in der Sauna nackter als nackt fühlt. Ein Zeitalter, in dem altmodische Beziehungen belächelt, aber doch ersehnt werden.
Erika taucht als Erste auf, kein Wunder, schließlich ist Pünktlichkeit ihr Credo. Danach trudeln Írisz, Viola, Kamilla und Rózsi ein. Jede mit Geschichten und Erlebnissen, die es nun gilt zu teilen.
Der Kellner, alternativ im Styling, kommt zum Stammtisch der jungen Frauen, um die Bestellung aufzunehmen:
‚Sziasztok! Mit kértek?‘
Erika: ‚Egy söld teát kérnék.‘
Írisz: ‚Nekem is, de ha lehetséges a jázmin fajtából.‘
Viola: ‚Egy cappucinó-t kérek.‘
Kamilla: ‚Egy csipkebogyó teát kérnek szépen.‘
Rózsi: ‚Nekem pedig lesz egy laktózmentes, koffeinmentes kávé.‘“
„‚Grüß euch! Was darf es denn sein?‘
[...] ‚Ich hätte gerne einen Grüntee.‘ [...] ‚Auch für mich, aber bitte [...] Jasmin.‘ [...] ‚Einen Cappuccino, bitte.‘ [...] ‚Ich hätte gerne einen Hagebuttentee‘. [...] ‚Und für mich bitte einen laktosefreien, koffeinfreien Kaffee.‘“
„Der Kellner bringt die Getränke, die Frauen sind schon in ihre Gespräche vertieft, doch alles ist nun nicht für unsere Ohren bestimmt.
Im Gegenzug bekommen wir Einblick in die Handtaschen der Frauen gewährt und die Handtasche einer Frau ist das Äquivalent zu einem offenen Buch.
Erika: vajszínű“ – butterfarben –, „alles sehr geordnet und gut verstaut, ein kleines Täschchen mit edlen Ornamenten verziert, diverse Schminksachen beinhaltend, welche die Schönheit der Frau heraufbeschwören oder unterstreichen sollen, ein dünner Taschenkalender, gerade ausreichend, um die wenigen wirklich wichtigen Termine immer bei der Hand zu haben, eine große Geldbörse in einem Format, das anderen als Handtäschchen reicht, gefüllt mit Kreditkarten, Bankomatkarten, das Smartphone in der eleganten Silikonhülle, ein kompakter Schlüsselbund mit den Schlüsseln zur stilvollen Altbauwohnung, ein Päckchen Taschentücher, um die Tränen zu trocknen, wenn die Beziehung zum Prinzen vom Modus on auf off wechselt.
Írisz: fekete“ – schwarz –, „schwarzes Leder, klassisch, zeitlos“.
(Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen, herzlichen Dank für Ihren Lesebeitrag. Ich würde jetzt gerne wieder zu Ihnen zurückkehren, Frau Drobna, und ein Zitat voranstellen von Hans Magnus Enzensberger: „Fremde sind umso fremder, je ärmer sie sind.“
Bei Ihrer Migrationsgeschichte, die Sie geschildert haben, würde man das sozusagen fast auch spiegeln können. Gleichzeitig charakterisiert der ökonomische Blick aber auch die gegenseitige Wahrnehmung von Ost und West. Für Ihre Großeltern war ja Ihr Vater der furchtlose Anführer, der die Familie in den reichen Westen gebracht hatte, in die demokratische, kapitalistische Freiheit. Auch Ihre Mutter habe geahnt, dass es in der Welt da draußen mehr gab für Sie und für Ihre Familie. Was war denn dieses Mehr? Und hat es den Vorstellungen und Ansprüchen standgehalten?
Didi Drobna: Ja, das ist eine sehr gute Frage. Ich würde alle Damen und Herren dazu einladen, meine Mama, die heute hier persönlich anwesend ist, vielleicht später im Gespräch selbst zu fragen, aber ich kann einmal versuchen, die Frage für die Familie zu beantworten. Was ist denn dieses Mehr, das man sich vorstellen kann? – Als Allererstes fallen einem dazu natürlich ökonomische Aspekte ein. Natürlich hat man vom Osten auch neidvoll in den Westen geblickt und hat sich gedacht: Na ja, kapitalistische Wahlfreiheit ist schon etwas Feines! Also der Höhepunkt der Gefühle für meine Oma war, dass es verschiedene Waschmaschinen gab, wo man frei wählen konnte. Das mag jetzt natürlich sehr banal klingen, aber wenn man dann tiefer blickt, sagt das natürlich schon sehr viel aus. Es sagt zum Beispiel, dass es ein sehr kleines Leben ist, wenn man keine Wahlfreiheit hat. Und ich glaube, das war es schlussendlich, was meine Eltern dazu bewogen hat, diesen abenteuerlichen Weg in den Westen zu bestreiten. Sie wussten nicht genau, was es da draußen geben muss, aber sie haben verstanden, dass es mehr sein muss, dass es irgendwo ein bisschen mehr Freiheit, ein bisschen mehr Wahlmöglichkeiten, ein bisschen mehr individuellen Gestaltungsfreiraum geben muss. Das war vielleicht ein vages Gefühl, aber sie waren mutig genug, das einfach zu probieren. Das ist, finde ich, auch eine sehr typische europäische Geschichte: Man ist mutig genug, einfach mal loszulegen und etwas zu probieren.
Thomas Kassl: Mutig genug, loszulegen, auch loszulassen und sich auf etwas Neues auch einzulassen.
Didi Drobna: Auch das, ja. Natürlich, man muss dann auch loslassen und in diesen Nebel des Ungewissen hineinschreiten.
Thomas Kassl: Vielen Dank einmal für Ihr Statement, ich komme dann noch einmal auf Sie zurück.
Frau Istvanits, Sie haben erzählt, dass sich bei Ihren Großeltern die westlichen Konsumgüter tatsächlich in der Sprache manifestiert haben. Für alle technischen Errungenschaften wurden die deutschen Wörter benutzt, die man im Ungarischen dann eingebaut hat. Tatsächlich wird ja auch Bildung in gewisser Weise konsumiert, auch hier spielt das gestiegene Angebot eine große Rolle. Viele Jugendliche, viele Schülerinnen und Schüler pendeln, um im Burgenland eine zweisprachige Schule zu besuchen, um eine zweisprachige Matura zu absolvieren und somit in Österreich auch studieren und die besseren ökonomischen Chancen wahrnehmen zu können.
Das Gefälle ist also fast 40 Jahre nach der Grenzöffnung immer noch groß. Wie erleben Sie diese Dynamik im burgenländischen Schul- und Bildungswesen? Welche Richtungen und Entwicklungen werden hier eingeschlagen?
Kerstin Istvanits: Ich kann da einerseits aus der persönlichen Biografie berichten: Als ich im Gymnasium war, hatten wir einen sehr abwechslungsreichen Mix in einer sehr kleinen Klasse. Das heißt, Individualisierung – ein Schlagwort in unserer Bildungslandschaft – war damals schon gang und gäbe in diesem Setting. Wir waren einige, die Volksgruppenangehörige waren, wo man einfach merkt, dass der Sprachgebrauch sehr wohl vorhanden ist, aber in eingeschränktem Ausmaß. Wir hatten Schulkolleginnen und -kollegen, die aus Ungarn abstammten und wir hatten auch Klassenkolleginnen und -kollegen, die aus rein deutschsprachigen Familien abstammten, die wirklich von null auf die Sprache Ungarisch erlernten. Das alles in einem Klassenverband, was für Lehrpersonen natürlich eine große Herausforderung ist, da allen Ansprüchen gerecht zu werden. Aber ich habe einfach erlebt, wenn diese verschiedenen Gruppierungen in der Balance sind, dann funktioniert dieses Sprachenkonzept einfach wunderbar, denn da lernt man voneinander und man lernt miteinander und man wächst in die Sprache hinein.
Mittlerweile hat sich da einiges geändert. Es ist natürlich auch immer eine Frage, welche Sprachen werden gelernt. Meine Beobachtung ist, dass das sehr viel damit zusammenhängt, welches Prestige rechnet man einer Sprache an. Wie gesagt, in meiner Schulzeit war dann eben auch die EU-Erweiterung, das heißt, das Ungarische wurde sehr forciert, war sehr, sehr positiv im Blick. Mittlerweile hat sich das dann auch geändert, ist meine Beobachtung, es hat sich politisch ja auch einiges getan. Teilweise ist es leider auch so, dass Kinder – obwohl aus Familien mit Volksgruppenbackground – sich dazu entscheiden, nicht mehr das Ungarische zu lernen. Im Gegenzug ist aber die Gruppe aus Ungarn sehr, sehr stark geworden, die aus den benachbarten Städten einfach pendeln, weil eben dieses Potenzial erkannt wird, den Kindern eine Schulbildung in Österreich zu ermöglichen. Somit erlernen die Kinder Deutsch, haben auch den Ungarischunterricht und es stehen ihnen dann alle Wege offen.
Ich denke, dass es immer wichtig ist, eine Balance zu haben, denn dann funktioniert dieses Konzept von Sprachenlernen am besten und dann sind auch die Anliegen der autochthonen Volksgruppe noch im Blickfeld.
Thomas Kassl: Vielen Dank für Ihr Statement.
Frau Drobna, ich komme noch einmal zu Ihnen zurück und würde da gerne einhaken, der Weg von Ost nach West, verbunden auch mit Leistung, mit Funktionieren, auch mit dem Begriff der First Immigrant Daughter: Ich kann mir vorstellen, da lag auch ganz viel Verantwortung auf Ihren Schultern. Da mussten Sie sehr viel leisten. Ich habe es schon erwähnt, da wurde auch sehr viel von Ihnen erwartet. Gab es dafür auch eine Rückmeldung zu dem, was Sie getan haben. Gab es so etwas wie einen Response? Gab es einmal ein Lobeswort, vielleicht auch dafür, wofür Sie eingestanden sind, was Sie auch gezogen haben, im wahrsten Sinne des Wortes?
Didi Drobna: Von wem?
Thomas Kassl: Ich spreche jetzt Ihr Werk an, das Sie sozusagen ja als Antwort beziehungsweise als Ihre ganz vielen offenen Fragen an Ihren Vater richten.
Didi Drobna: Wie Sie schon richtig gesagt haben, der Begriff Eldest Immigrant Daughter – auf Deutsch: älteste Tochter einer Familie mit Migrationshintergrund – ist jetzt so ein soziologisch-psychologischer Begriff, der seit Kurzem ganz stark in den Fokus rückt. Warum tut er das? – Weil man immer mehr versteht, welche ganz spezifische und sehr große und tragende Rolle diese erstgeborenen Migrantentöchter eigentlich für die Integration leisten. Und so war das auch in unserer Familie. Also mir war das als Kind natürlich nicht bewusst, aber auch ich hatte als kleine Erwachsene in diesem Familienunternehmen, wenn man das so sagt, recht bald einen Job und nicht nur einen.
Ich hatte als älteste Migrantentochter viele verschiedene Hüte auf. Das war als allererstes natürlich die Übersetzerin, die Diplomatin, die Babysitterin von jüngeren Geschwistern, die Brückenbauerin. Ganz, ganz viele erste Male habe ich da erlebt, viele Pioniertätigkeiten wahrgenommen und mir ist das erst sehr, sehr viele Jahre später so richtig bewusst geworden, was für eine Drehscheibe ich eigentlich in der Familie war, um sie auch auszurichten auf die neue Kultur, das neue Land, weil ich natürlich mit dem schnellen Spracherwerb und dem Schulbesuch schon ein Bein drin hatte. Ich habe mit leichtgetan und ich habe das auch irgendwie als meine persönliche Aufgabe wahrgenommen, alle anderen quasi mitzuziehen, mit ins Leo zu ziehen. Das sagt sich jetzt so leicht, aber es ist natürlich ziemlich gewichtig und ziemlich schwer, und das habe ich auch so ein bisschen in diesem Roman niedergeschrieben.
Es war für mich dann auch im Nachklapp – bei den Präsentationen und Veranstaltungen und Gesprächen – ganz, ganz spannend, wie unfassbar groß das Echo auf genau das war. Wie viele Menschen da auf mich zugekommen sind, vor allem natürlich Frauen, viele von Ihnen erstgeborene Migrantentöchter, aber auch einfach älteste Töchter, große Schwestern oder andere Menschen, die eine tragende Rolle in der Familie gespielt haben, die gemeint haben: Ja, die Verantwortung ist enorm und da lastet viel auf jungen Schultern, und diese Rollen für die Integration und für das Ankommen von Familien in einer neuen Kultur werden sehr, sehr unterschätzt. Ich bin froh, dass ich mit meinem Buch da ein bisschen ein Schlaglicht darauf leuchten konnte. Vielleicht kann man das in Zukunft ein bisschen mehr mitnehmen, auch in Schulen und in der Integration.
Thomas Kassl: Ich danke Ihnen für die Offenheit und auch für das Vertrauen, das wir ja vorhin auch schon besprochen haben, und dass Sie uns auch so tief blicken lassen und auch teilhaben lassen an Ihrer Geschichte. Wir kommen dann auch gerne noch zu dem Beitrag, wo ich Sie dann bitten werde, auch aus Ihrem Buch zu lesen.
Ich würde jetzt noch gerne zu Frau Scheiber kommen: In Ihrem Roman, Frau Scheiber, hätte Balázs eigentlich auch eine – nämlich seine – Geschichte zu erzählen, bloß wird er aus Verlegenheit oder aus Überkorrektheit hier nicht gefragt. Er verschmilzt also immer mehr mit seinem Umfeld. Schleichend vollzieht sich hier also eine Art Assimilation.
In Ihrem aktuellsten Buch setzen Sie sich auch mit den Migrationserfahrungen und Ansichten Ihrer Mutter auseinander. Sie haben erzählt, dass für sie diese Migrationsgeschichte eigentlich nicht mit besonders viel Emotionalität verbunden ist. Ist das vielleicht auch eine Art Luxus, über diese emotionalen Seiten von Migration nachzudenken oder nachdenken zu können, oder sehen Sie da vielleicht in Ihrer Generation vielmehr eine Verantwortung diesbezüglich?
Jaqueline Scheiber: Für mich war es in der Arbeit an meinem letzten Buch „Schwimmen / Schweben“, ein Essay über das Schwimmen, und in weiterer Folge bin ich ins Gespräch mit meiner Mutter gekommen, die in Ungarn im Jugendnationalteam geschwommen ist, und das war ein Anlass, um uns über ganz viele Dinge zu unterhalten, wo natürlich auch für mich lange Leerstellen waren und Fantasien waren einer Prägung, vielleicht auch einer Bewertung. Ich glaube, es ist, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ein bisschen beides. Also natürlich ist es ein großer Luxus, weil es im Umkehrschluss bedeutet, dass es für mich in meinem Leben nicht um die existenzielle Aufrechterhaltung des täglichen Lebens geht, sondern diese schwere, intensive und bedingungslose Arbeit, die meine Mutter geleistet hat, dazu führen konnte, dass ich heute ein Leben führe, in dem ich mir Gedanken über Dinge machen darf, anstatt jeden Tag mit den Händen anzupacken.
Gleichzeitig halte ich es in meiner Position und auch mit der Fähigkeit, daraus Gedanken und Sätze und Bücher zu bilden, die vermitteln sollen, die verbinden sollen, die Menschen die Möglichkeit geben sollen, vielleicht auch Lebensrealitäten nachzuvollziehen, die sie nicht selbst erlebt haben, auch als ein Stück Notwendigkeit, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen und vielleicht auch, an manchen Stellen Emotionalität zu konstruieren oder zu erweitern, an denen es vielleicht, insbesondere für meine Mutter oder meine Familie, nicht den Raum oder die Notwendigkeit gab, diese Gefühle auszuleben oder auszusprechen.
Thomas Kassl: Sie leben ja in Wien. Ihre Mutter lebt auch in Wien. Ist sie auch da, oder?
Jaqueline Scheiber: Nein, meine Mutter lebt in Niederösterreich, aber sie ist heute auch da, ja.
Thomas Kassl: Schön.
Frau Drobna, ich darf noch einmal auf Sie zurückkommen. Ich würde sozusagen auch darum bitten, dass wir jetzt aus Ihrem Buch diese Stelle lesen beziehungsweise, dass Sie uns vorlesen, wo wir auch sozusagen eine gewisse Grundfreiheit vor Augen geführt bekommen, nämlich die Grundfreiheit der Fantasie. Durch und mit ihr öffnen sich ja Räume, auch literarische Räume, in denen Dinge ausprobiert werden können, manchmal auch ungestraft. Also unsere Fantasie ist ja grenzenlos, wenn man so möchte. Ich darf Sie jetzt bitten, aus „Ostblockherz“ vorzulesen.
Didi Drobna: Ich habe Ihnen hier eine ganz kurze Stelle mitgebracht, die eine kleine Anekdote ist, die aber sehr viel im Kleinen über das Große erzählt und die Ihnen eigentlich gleich die große Tragweite von Hausaufgaben erklären wird, und Sie werden gleich verstehen, worauf ich hinauswill.
„Ich erinnere mich an eine Episode aus meiner frühen Kindheit. Wir waren bei den Großeltern zu Besuch, als zufällig die Nachbarn reinplatzten. In Großmutters überschaubarer Küche war es eng, doch sie fand für alle einen Platz und kochte Kaffee um Kaffee. Die Erwachsenen sprachen über dies und das, bis ich kleiner Fratz aus Langweile und Geltungsdrang die Bombe fallen ließ.
‚Wisst ihr eigentlich, dass ich in Wien zur Schule gehe?‘
Alle Köpfe schnallten zu mir rüber. [...] Dann ließen mich die geschockten Blicke meiner Eltern realisieren, dass ich das nicht hätte ausplaudern dürfen. Zu diesem Zeitpunkt wussten nur unsere engsten Angehörigen über unser Doppelleben Bescheid. Die Angst vor der Staatspolizei saß allen noch zu tief in den Knochen.
‚Du gehst in Wien zur Schule?‘
‚Drüben, oder wie?‘
‚In Österreich?‘
Meine Eltern sahen sich mit erhobenen Augenbrauen an.
‚Ja, es stimmt. Wir haben drüben Arbeit‘, sagte Mutter dann.
‚Eine Mietwohnung haben wir auch‘, fügte Vater hinzu.
‚Und einen roten Opel‘, ergänzte Großmutter.
Die Nachbarn waren überfordert von all den Neuigkeiten.
‚Und ich geh dort in die dritte Klasse Volksschule‘, wiederholte ich.
‚Und wie ist das so‘, fragte die Nachbarin an meine Eltern gewandt. ‚Im Westen?‘
‚Super‘, antwortete ich vorlaut. ‚Vorgestern haben wir einen Ausflug in den Zoo gemacht.‘
‚In den Zoo?‘
‚Das ist noch gar nichts‘, mischte sich Vater ein. ‚Erzähl ihnen, was du als Hausaufgabe aufhast.‘
‚Als Hausaufgabe‘“, Papa? „‚Das ist doch ur fad!‘
‚Sag’s Ihnen‘“, Didi.
‚Ja, gut. Also ich muss eine Bildergeschichte schreiben. Über einen Vogel, der aus seinem Nest fällt. Ur fad, sag ich doch.‘
‚Eine Bildergeschichte?‘
‚Na, man hat halt mehrere Bilder, die was zeigen, und dann schreibt man eine Geschichte dazu.‘
Ich hatte noch nie zuvor derart großes Staunen in den Gesichtern von Erwachsenen gesehen.
‚Das macht ihr in der Schule?‘“
Mhm.
„Mein Vater legte noch einen drauf. ‚Und davor‘“, Didi, „‚was hast du davor schreiben müssen?‘
‚Eine Fantasiegeschichte?‘
‚Eine Fantasiegeschichte!‘, wiederholte Vater triumphierend. ‚Könnt ihr euch das vorstellen? Eine Fan-ta-sie-ge-schich-te!‘
Ich verstand so gar nicht, was vor sich ging. Mehrere Erwachsene waren wegen der Deutsch-Hausaufgaben einer Drittklässlerin aus dem Häuschen.“
Fantasie, hauchte Vater.
„‚Stell dir das vor!‘, sagte Großmutter.
Der Nachbar schüttelte ungläubig den Kopf.
‚Wahnsinn‘, hauchte die Nachbarin. ‚Sachen gibt’s.‘
‚Das hast du noch nicht gesehen. Die Kinder sollen kreativ sein, sich Sachen ausdenken. Und die besten Geschichten werden mit Stickern benotet.‘
Hier fühlte ich mich mit meiner Expertise gefordert. ‚Die besten bekommen sogar Korksticker. Oder Leuchtsticker, die leuchten im Dunkeln. Die sind super!‘
‚Und die schlechten Aufsätze, was kriegen die?‘
‚Ja, die kriegen nur einen Stempel. Oder die Frau Lehrerin schreibt was hin.‘ ‚Aha. Was zum Beispiel?‘
‚Da steht dann: ›Du musst noch etwas üben.‹‘
Vollkommen überfahren ließen sich die Nachbarn Kaffee nachschenken.
‚Ja, da staunt ihr, was?‘, sagte Vater.
Die Nachbarin runzelte die Stirn: ‚Du musst noch etwas üben?‘
Der Nachbar hakte bei mir nach: ‚Es gibt keine Noten?‘
‚Doch, schon, im Zeugnis. Aber nicht auf jede Hausaufgabe.‘
Die beiden leerten ihre Tassen. Danach ließen sie mich noch viele weitere Geschichten über die Schule im Westen berichten.“ Ich freute mich über die Aufmerksamkeit. Es gefiel mir, im Mittelpunkt zu stehen, „auch wenn ich nicht verstand, warum sich Erwachsene plötzlich für Kindersachen interessierten. Auch meine Eltern lauschten, ihre Augen glänzten, und immer wieder lachten sie begeistert.
Erst viele Jahre später blubberte diese Erinnerung in mir wieder hoch, und ich erkannte, dass es die fehlende Rigidität war, die alle überraschte. Kreativität im Unterricht, ohne ständigen Leistungsdruck, das kannte keiner von ihnen. [...]
Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich zum ersten Mal, ob mich das beeinflusste, Schriftstellerin zu werden. Um Fantasiegeschichten zu schreiben. Aber vor allem, um frei und kreativ zu sein und das zu tun, was in der Welt meiner Eltern nicht möglich war.“
Danke schön. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen Dank. Sich etwas vorzustellen, was noch nicht ist, aber was sein soll, sich in andere empathisch hineinzuversetzen, ist ja nebenbei auch eine Grundvoraussetzung von Politik.
Ich darf und muss an dieser Stelle leider schon zu unserer bewährten Abschlussrunde kommen.
Wenn ich Sie jetzt, Frau Istvanits, in Ihrer Fantasie weiterschweifen lasse – und die Frage würde ich jetzt allen stellen –: Wo geht es denn hin, was ist denn wichtig für ein geglücktes Leben? Was ist denn noch zu tun, was braucht es für ein gedeihliches Miteinander in unserer Gesellschaft?
Kerstin Istvanits: Ich glaube, wir haben da jetzt in den Textpassagen ganz viel Inspiration bekommen und ich wünsche mir Kreativität. Ich glaube, Kreativität in vielen Bereichen kann uns wirklich weiterbringen. Wenn ich daran denke, wie das Motto unserer heutigen Veranstaltung lautet: „Schöne Worte | Szép szavak“: Ich glaube, da steckt schon sehr, sehr viel drinnen, denn schöne Worte können und sollen berühren und schöne Worte können etwas bewegen, und ich glaube, das ist einfach in allen Angelegenheiten bezüglich der Volksgruppen wichtig. Das wünsche ich mir, dass das von den Angehörigen der Volksgruppen und auch von der Mehrheitsbevölkerung angenommen wird, dass sich hier ein Kreis schließt. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen Dank, kräftigen Applaus!
Frau Scheiber, möchten Sie fortsetzen beziehungsweise darf ich Sie darum bitten?
Jaqueline Scheiber: Ich halte Empathie für eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir uns gegenseitig entgegenbringen können. Ich glaube, es ist wichtig, sich als Individuum zu begreifen und die eigenen Grenzen zu verstehen, und gleichzeitig ist es umso wichtiger, sich innerhalb eines Kollektivs zu begreifen und innerhalb vieler Kollektive. Diese Mischung aus Gemeinsam-Sein und Neugier und Empathie anderen Menschen und anderen Lebensrealitäten, anderen Lebenswegen entgegenzubringen, fördert zwangsläufig ein gutes und vor allem, wie eingangs schon gesagt wurde, reiches Miteinander – wenn wir uns gegenseitig zuhören und mit Interesse begegnen. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen Dank.
Frau Drobna, Ihr Abschlussstatement dazu.
Didi Drobna: Ja, was kann ich da noch Kluges hinzufügen? Es wurde schon viel gesagt. Wir haben ja dieses Jahr das große Jubiläum des Volksgruppengesetzes, und ich glaube, wir sind hier schon sehr gut unterwegs. Es hat sich wahnsinnig viel getan, es sind viele Dinge zum Positiven gewendet worden, es werden Schätze gehoben und wir sind im Gespräch miteinander. Ich glaube, es wäre aber auch ganz großartig für die Zukunft, wenn wir begreifen, dass es bei den Volksgruppen nicht nur darum geht, etwas zu bewahren, sondern dass es für die Zukunft auch darum geht, etwas lebendig zu halten. Das geht über gemeinsame Räume, gemeinsame Sprache, gemeinsame Kultur, gemeinsame Literatur und Musik und einfach Vielfalt. Wenn wir hier offen in die Zukunft schreiten, dann, glaube ich, gibt es kein Hindernis, das uns aufhalten kann. (Beifall.)
Thomas Kassl: Vielen herzlichen Dank unseren drei Autorinnen Didi Drobna, Jaqueline Scheiber und Kerstin Istvanits – und ich bitte noch einmal um einen kräftigen Applaus. (Beifall.)
Vielen Dank für Ihre Teilnahme und dass Sie Ihre Gedanken und Beiträge mit uns geteilt haben und vor allem dafür, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind.
Bevor wir jetzt, meine sehr geehrten Damen und Herren, das letzte Musikstück hören, noch einige organisatorische Informationen: Wir haben im Parlamentsshop, der für Sie heute geöffnet ist, auch die Bücher unserer Gäste zum Verkauf. Unsere Autorinnen signieren Ihre Exemplare im Anschluss sehr gern. In der Bibliothek finden Sie den Fachbereich zu Volksgruppen mit einer sorgfältigen Literatur- und Zeitschriftenauswahl sowie aktuell eine Archivvitrine, die uns den Beschluss zum Volksgruppengesetz präsentiert. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden vor Ort sein und stehen natürlich auch gerne für Rückfragen zur Verfügung.
Ebenso ist auch die Ausstellung "Wir sind Demokratie" im Auditorium geöffnet – dazu laden wir Sie auch herzlich ein.
Weitere Informationen zum Themenschwerpunkt finden Sie auch auf der Parlamentswebseite.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen. Wir laden Sie jetzt im Anschluss recht herzlich zum Getränkeempfang ein. Bleiben Sie gerne bei uns, kommen Sie miteinander ins Gespräch. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend!
Den musikalischen Abschluss gestalten Richard Cibula und László Rácz mit „Songs My Mother Taught Me“ von Antonin Dvořák in der Bearbeitung von Fritz Kreisler.
Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend! Príjemný večer! Szép estét! (Beifall.)
Es folgt die musikalische Darbietung des Stückes „Songs My Mother Taught Me“ von Antonin Dvořák / Fritz Kreisler, dargebracht von Richard Cibula und László Rácz.
(Beifall.)