Parlamentskorrespondenz Nr. 655 vom 27.08.2012

AVISO: Gert Voss liest Mark Twain im Parlament

Wien (PK) – Der von den Vereinten Nationen proklamierte "Internationale Tag der Demokratie" am 13. September 2012 wird im Parlament mit einer besonderen Veranstaltung begangen. Schauspieler Gert Voss liest um 17.00 im Historischen Sitzungssaal aus Texten von Mark Twain über den Parlamentarismus und das politische System in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Anlass ist die Präsentation des Buches "Bewegte Zeiten – Mark Twains Reportagen aus dem Parlament 1898-1899" mit diesen Texten in Originalsprache und in deutscher Übersetzung. Umrahmt wird die Lesung vom Streicherensemble "die reihe".

Politisch brisante Zeiten Ende des 19. Jahrhunderts

"Hier im Wien der letzten Tage des Jahres 1897 herrscht eine Aufregung, die das Blut in Wallung versetzt und einem kaum noch Ruhe gönnt. Die Atmosphäre knistert geradezu vor politischer Elektrizität. Alle Gespräche sind politisch; jedermann erinnert an einen Generator mit abgewetzten Kontakten, der, angesprochen auf die politische Lage, alsbald blaue Funken versprüht. Ein jeder hat seine Ansicht und tut sie auch unverblümt und hitzig kund, der Fülle dieser Meinungen entnimmt man jedoch nichts als Verwirrung und Ratlosigkeit. Denn in Wahrheit versteht kein Mensch die derzeitige politische Lage, noch lässt sich ihr Ausgang vorhersagen." So leitet Mark Twain seine Reportage "Bewegte Zeiten in Österreich" über die politische Situation im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein.

Der amerikanische Schriftsteller hielt sich knapp zwei Jahre in der Metropole der österreichischen-ungarischen Monarchie auf und besuchte auch das Parlament. Seine Eindrücke dort fasste er in zwei Texten zusammen. Er beschreibt etwa eine überaus turbulente Reichsratssitzung, die fast zwei volle Tage und eine Nacht dauerte. In dieser Sitzung hielt der Abgeordnete Dr. Otto Lecher eine zwölfstündige Rede, um die Abstimmung über eine von der Opposition heftig bekämpfte Sprachenverordnung hinauszuzögern und zu verhindern.

Den Moment, als der Vorsitzende dem Abgeordneten Lecher das Wort erteilte, schildert Mark Twain wie folgt:

"Darauf brach ein so wilder, stürmischer und ohrenbetäubender Lärm los, wie er auf unserem Planeten nicht mehr zu hören war, seit die Komantschen zum letzten Mal mitten in der Nacht eine weiße Siedlung überfallen haben. Geschrei von der Linken, Geschrei von der Rechten, Schreiduelle auf allen Seiten zugleich, und über den Köpfen ein Durcheinander wild fuchtelnder, wütend drohender Arme und Hände. Aus der Mitte dieses donnernden und tosenden Sturms erhob sich Dr. Lecher; gelassen und gesammelt und mit einer Körperlänge gesegnet, die ihn alle anderen überragen lies. Er begann seine zwölfstündige Rede."

Parlamentarische Vergangenheit in zeitgenössischer Reflexion

Neben den beiden Texten Mark Twains in Deutsch und Englisch enthält das vom Parlament herausgegebene Buch Erläuterungen zum Autor, zum historisch-politischen Umfeld jener Zeit, zur Situation der österreichischen Presse und nicht zuletzt zum Antisemitismus im Abgeordnetenhaus sowie erstmals gesicherte biografische Daten der erwähnten Abgeordneten. Die Präsentation findet im Historischen Sitzungssaal des Parlaments statt, am Ort des seinerzeitigen, von Mark Twain beschriebenen Geschehens. (Schluss)

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