Nationalrat, XX.GP Stenographisches Protokoll 78. Sitzung / Seite 211

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Herr Kollege Schweitzer! Ich gebe Ihnen recht: Wir gehen, was die Begabungsförderung betrifft, sicher konform und werden Ihrem Antrag auch noch einmal unsere Zustimmung geben.

Meine Damen und Herren! Es ist mir ein echtes Anliegen und wir Liberalen halten es für sehr notwendig , anstelle, wie bisher üblich, von "Begabtenförderung" zu sprechen, konsequent den Terminus "Begabungsförderung" zu verwenden. (Beifall beim Liberalen Forum.)

Wir sehen zum Beispiel nicht ein, warum die musikalischen oder sozialen Fähigkeiten eines behinderten Kindes weniger förderungswürdig sein sollen als eine intellektuelle Hochleistung. Da der bisher übliche Ausdruck "Begabtenförderung" außerdem signalisiert, eine Art Intelligenzprämie zu sein, sollte er aus dem Sprachgebrauch genommen werden.

Meine Damen und Herren! Um die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Aufgaben, die uns im kommenden Jahrtausend gestellt werden, zu bewältigen, benötigen wir nicht nur eine intellektuelle Elite, sondern eine ganze elitäre Generation, nämlich Menschen, die ihre intellektuellen, musischen und sozialen Begabungen als Geschenk annehmen, pflegen und in sozialer und ethischer Verantwortung auch umsetzen können. In diesem Sinne kommt der Begabungsförderung gerade heute ein zentraler Stellenwert in der Schul- und Bildungspolitik zu.

Für uns Liberale ist es dabei allgemein wichtig, daß die Mobilisierung aller Begabungen und deren gezielte Förderung in sozialem Kontext steht. Denn nur wenn ein Kind seine Hochbegabung als ein Vorrecht, größere gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, begreift und darin nicht nur eine Freikarte für den Zutritt zur gesellschaftlichen Elite sieht, erfüllt Begabungsförderung seinen eigentlichen politischen Sinn. (Beifall beim Liberalen Forum.)

Wir sehen das Ziel der Begabungsförderung darin, daß auf die Begabungen jedes einzelnen Kindes oder Schülers gezielt eingegangen wird. Deshalb fordern wir Liberalen auch eine innere Differenzierung im Schulsystem. Das heißt zum Beispiel, daß dem begabten Kind  durchaus im Klassenverband  Freiräume eingeräumt werden sollen, sein individuelles Lerntempo und das Ausmaß der zusätzlichen, über die Normerwartung hinausgehenden Lehrinhalte selbst zu bestimmen.

Eigene "Sonderschulen für Schwerstbegabte" einzurichten, wie Karl-Heinz Gruber die von konservativer Seite immer wieder geforderten Hochbegabtenschulen treffend charakterisiert hat, scheint auch uns kein guter Weg zu sein, weil dadurch die soziale Isolierung gefördert wird, wiewohl das Lernen sozialer Verantwortung gefragt wäre.

Meine Damen und Herren! Wir können uns daher vorstellen, daß ein Kind, das in der Lage ist, den Lernstoff eines Jahres in kürzerer Zeit zu absolvieren, innerhalb des Schuljahres die Möglichkeit erhält, seine spezifischen Fähigkeiten weiterzubilden und dies vielleicht auch mit einem Auslandsaufenthalt und dem Erlernen einer Sprache zu verbinden. (Beifall beim Liberalen Forum.)

Sie sehen also, daß aus unserer Sicht Begabungsförderung nicht die Entwicklung neuer Curricula oder gar neuer Schulen ist, sondern eher ein Mehr an Flexibilität bestehender Einrichtungen. Die Ideologie, daß alle Kinder in einer Klasse grundsätzlich das gleiche zu lernen haben, sollte der Zielsetzung weichen, viel Phantasie aufzubringen, um den unterschiedlichen Begabungen und Bildungserwartungen junger Menschen gerecht zu werden. (Beifall beim Liberalen Forum.)

Abschließend möchte ich mich noch kurz mit dem Antrag betreffend Aussetzung der Rechtschreibreform befassen. Sich jetzt mit der Sinnhaftigkeit dieser Reform zu befassen, halte ich für überholt, denn die Zeit ist im wahrsten Sinn darüber hinweggegangen.

Herr Kollege Schweitzer! Einer zehnjährigen Diskussion zwischen staatlich autorisierten Expertenkomitees aus allen deutschsprachigen Ländern und Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten folgte eine Neuregelung der Rechtschreibung, die am 1. Juli 1996 beschlossen wurde. Die gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung sieht vor,


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