11.50.15

Abgeordnete Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ)|: Herr Präsident! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuseherinnen und Zuseher! Es wurde heute schon viel von Veränderung gesprochen, und wir erleben auch jetzt im Parlament Verände­rungen. Auch wenn mir persönlich nicht alle Veränderungen, von denen ich heute gehört habe, die ich auch in den letzten Minuten hier im Hohen Haus erlebt habe, gefallen, so bin ich dennoch der festen Überzeugung, dass Veränderung das einzig Be­ständige im Leben ist. Ich habe diesen Spruch auch sehr lange als Bildschirm­schoner auf meinem Parlamentslaptop gehabt.

Für mich gibt es ab morgen auch eine Veränderung. Ich werde heute meine letzte Rede hier im Parlament halten, nach genau 15 Jahren 3 Monaten und einem Tag Tätigkeit hier im Hohen Haus. Morgen werde ich in Niederösterreich als Landesrätin für Gesundheit und soziale Verwaltung mit Kinder- und Jugendwohlfahrt angelobt. Ich sehe meiner neuen Aufgabe mit viel Freude, viel Neugier und viel Zuversicht entgegen, nicht wissend, was es genau werden wird.

Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, genauso war es aber auch vor 15 Jahren 3 Monaten und einem Tag, als ich hier in das Hohe Haus eingezogen bin. Niemand weiß – auch viele neue Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete wissen das nicht –, was genau von einem Abgeordneten, einer Abgeordneten erwartet wird. Niemand weiß genau, wie sich das gestalten wird. Ich kann Ihnen nur sagen: Die Wege entstehen im Gehen, und ich bin in den letzten 15 Jahren viele Wege gegangen – viele gerade Wege, auch manchmal einen Irrweg, aber wir sind immer nach vorne gegangen.

Ich habe in den letzten 15 Jahren viele, viele Schülerinnen und Schüler und auch viele andere Besucherinnen und Besucher bei uns im Hohen Haus begrüßen dürfen. Es ist von den jungen Menschen sehr oft die Frage gekommen: Was haben Sie denn eigentlich gelernt, bevor Sie Abgeordnete geworden sind? Was muss man denn eigentlich als Abgeordneter oder als Abgeordnete können? – Und ich habe dann oft zu ihnen gesagt: Nichts. (Heiterkeit bei Abgeordneten von SPÖ und FPÖ.) Dann war das große Staunen da. Sie haben sich gedacht: Was gibt es denn da? In Österreich ist doch Ausbildung eine ganz, ganz wichtige Voraussetzung dafür, um überhaupt Karriere machen zu können.

Ich habe ihnen immer gesagt: Das ist das Schöne an der Demokratie. Jede und jeder kann politisch tätig werden, wenn er genug Engagement mitbringt und vor allem – geschätzte Damen und Herren, davon bin ich wirklich überzeugt! – die Menschen mag. (Beifall bei SPÖ, ÖVP, NEOS, Liste Pilz sowie bei Abgeordneten der FPÖ.) Wenn man die Menschen nicht mag, dann sollte man diesen Job nicht machen – ganz einfach.

Dann habe ich ihnen gesagt: Aber dann, liebe Schülerinnen und Schüler, muss man viel lernen. Man muss lernen, Gesetze zu lesen. Man muss lernen, sich selbst sehr gut zu organisieren. Man muss die Usancen des Hauses lernen – das wünsche ich auch allen neuen Kolleginnen und Kollegen. Man muss lernen, die eigenen Anliegen zu den Anliegen von vielen zu machen, damit sie in Anträge oder bestenfalls in Beschlüsse münden. Man muss lernen, harte Diskussionen zu führen, um seinen Standpunkt zu vertreten, aber immer wertschätzend und respektvoll anderen Meinungen gegenüber zu bleiben. Man muss lernen, Kompromisse zu schließen, denn das ist Demokratie. Man muss lernen, den eigenen Wählerinnen und Wählern zu erklären, warum man einen Kompromiss mitbeschlossen hat – das werden auch die freiheitlichen Kollegin­nen und Kollegen noch lernen. Man muss lernen, zu netzwerken.

Man muss lernen, mit dem roten Lamperl am Rednerpult umzugehen, und es ist sehr schwer, in 2 oder 3 Minuten seine Standpunkte zu einem Thema, für das man brennt, auch tatsächlich rüberzubringen. Und wenn man da nicht aufpasst, dann schimpfen die Ordner. Das weiß der Gerald, und das wird in Zukunft der Markus wissen. Also ganz wichtig: Man muss lernen, mit dem roten Lamperl umzugehen.

Man muss auch lernen, eine Balance zwischen der Wahlkreisarbeit und der Arbeit hier im Parlament zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass das wichtig ist, vor allem, damit man die Bodenhaftung nicht verliert, damit man auch in Zukunft das Ohr immer beim Wähler und bei der Wählerin hat.

Dabei muss einem als Abgeordneter immer bewusst sein, dass alles, was wir hier im Hohen Haus beschließen, Auswirkungen auf jeden Menschen in Österreich hat. Es muss uns auch bewusst sein, dass wir alle – und das war mir vom ersten Tag an, als ich in das Hohe Haus eingezogen bin, immer bewusst – eine sehr, sehr große Verant­wortung haben. Wir haben eine große Verantwortung, weil wir es sind, gemeinsam mit den Journalistinnen und Journalisten, die in diesem Land Meinungen bilden, weil wir es sind, die das Zusammenleben in unserer Republik gestalten. Ich denke da an eine große Sozialdemokratin, nämlich Barbara Prammer, die einmal Folgendes gesagt hat: „Es geht nicht darum, jedem Trend der Zeit nachzulaufen, sondern vielmehr darum, unsere Überzeugungen zum Trend der Zeit zu machen.“ (Beifall bei der SPÖ.)

Geschätzte Damen und Herren, geschätzte Zuseherinnen und Zuseher, genau darum geht es, davon bin ich überzeugt. Es ist von ganz großer Bedeutung, mit welcher Haltung man Politik macht. Ich sage immer: Das Tun kommt von der Haltung. Es ist von großer Bedeutung, welches Menschenbild zugrunde liegt, auf dessen Basis wir die Gesellschaft und das Zusammenleben gestalten.

Mein Zugang war immer der: zuzuhören, den Menschen zuzuhören. Ich bin überzeugt davon – und ich rede gerne, das wissen alle (Heiterkeit bei Abgeordneten der SPÖ) –, dass das Zuhören wichtig ist. Wenn man immer nur selber spricht, weiß man nie, was der andere denkt, und man kann sich auch nicht weiterentwickeln. Davon bin ich über­zeugt.

Mein Zugang war immer, die Menschen ernst zu nehmen, allen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen und sie in ihrem Menschsein ernst zu nehmen. Ich lebe gerne in einer Gesellschaft – das hat Christian Kern einmal gesagt –, in der wir stolz darauf sind, auf die Schwächeren nicht zu vergessen. Ich bin stolz darauf, in einer Gesell­schaft zu leben, in der Solidarität gelebt wird. Ich verstehe unter Solidarität immer, dass sie dann beginnt, wenn ich etwas tue, das nicht mir nützt, sondern dir. – Das ist für mich Solidarität. Für mich ist es auch wichtig, in einer chancengerechten Welt zu leben, in der alle Menschen ihr Leben gestalten können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich blicke mit sehr viel Dankbarkeit auf die letzten 15 Jahre zurück, und ich blicke auch mit sehr viel Freude zurück – Freude auch deswegen, weil ich seit 2009 die Bereichssprecherin für Menschen mit Behinderung sein durfte. Wir haben in dieser Zeit einiges für Menschen mit Behinderungen erreicht. Es waren große Schritte, obwohl es sich vielleicht klein anhört. Wir haben zum Beispiel die Unfallversicherung für Menschen in Einrichtungen für Beschäftigungstherapie ge­meinsam beschlossen; viele von euch waren ja dabei. Wir haben das Problem bei Arbeitserprobungen gemeinsam gelöst. Wir haben das Inklusionspaket beschlossen und erst vor Kurzem das Erwachsenenschutz-Gesetz wieder bestätigt bekommen.

Ich denke, gerade der heutige Welt-Downsyndrom-Tag ist eine gute Gelegenheit, um daran zu erinnern, dass Selbstbestimmung und Teilhabe ein Menschenrecht sind. (Beifall bei SPÖ, ÖVP, NEOS und Liste Pilz.)

Inklusion darf kein Schlagwort bleiben. Ich bitte alle, die im Hohen Haus vertreten sind, auch in den nächsten Jahren auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen nicht zu vergessen. Wie gesagt: Inklusion ist ein Menschenrecht.

Ich blicke auch mit Dankbarkeit darauf zurück, dass es in meinem sozialdemo­krati­schen Klub möglich war, bei einem sehr schwierigen Gesetz nach dem eigenen Ge­wissen abstimmen zu dürfen, ohne dass man dafür in Ungnade gefallen ist. Das ist auch keine Selbstverständlichkeit – ein herzliches Dankeschön dafür!

Ich danke allen im sozialdemokratischen Klub. Ich danke den Kolleginnen und Kolle­gen, ich danke euch, meine Freundinnen und Freunde, für die Freundschaft, die ich erfahren durfte. Ich danke aber auch allen anderen Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir in vielen, vielen Stunden in Ausschüssen debattiert haben, gemeinsam um gute Lösungen für die Menschen gerungen haben. Ich danke allen Klubsekretärinnen und Klubsekretären des sozialdemokratischen Nationalratsklubs, stellvertretend für alle Frau Dr.in Gabriele Kotzegger, die mich viele, viele Jahre ganz, ganz gut begleitet hat. Ich danke meinen parlamentarischen MitarbeiterInnen Stefan Hofstetter und Eva-Maria Gschöpf, die mich gut organisiert haben – ein herzliches Dankeschön dafür! Ich danke auch den Funktionärinnen und Funktionären der Sozialdemokratischen Partei in meinem Wahlkreis dafür, dass ich viele Jahre lang die Spitzenkandidatin sein durfte.

Ich danke auch allen Wählerinnen und Wählern für das große Vertrauen, das sie mir seit 15 Jahren entgegenbringen. An dieser Stelle möchte ich allen, die mir die Vorzugs­stimme für das Nationalratsmandat gegeben haben, sagen: Ich kann Ihnen allen versprechen, ich werde auch in Niederösterreich Politik nach meiner Haltung und nach meinem Wertesystem machen, denn ich bin überzeugt davon, dass Haltung das Tun bestimmt.

Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Es ist ein sehr bewegender Augenblick, nach so vielen Jahren auszusteigen. Ich gehe aber auf eine neue, große Herausforderung zu, die ich, wie schon gesagt, mit Neugier und Freude erwarte. Ich wünsche Ihnen allen, geschätzte Kolleginnen und Kollegen aller Fraktionen, dass Sie auch in Zukunft harte Diskussionen führen werden, aber ich wünsche Ihnen dabei wirklich von Herzen Wertschätzung – denn das ist der Wettstreit und das ist eben auch Politik.

Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute und dass Sie sich jeden Tag dessen bewusst sein mögen, wie groß Ihre Verantwortung in diesem Haus ist, wie groß die gemeinsame Verantwortung von uns allen ist, die wir in der Politik tätig sind – zum Wohle aller Menschen in Österreich. (Anhaltender, stehend dargebrachter Beifall bei der SPÖ sowie Beifall bei ÖVP und FPÖ sowie bei Abgeordneten von NEOS und Liste Pilz. – Abg. Schieder überreicht Abg. Königsberger-Ludwig einen Blumenstrauß.)

12.00

Präsident Mag. Wolfgang Sobotka: Sehr geehrte Frau Abgeordnete, ich darf mich auch im Namen des Hohen Hauses ganz, ganz herzlich für deine Arbeit hier im Plenum, in den Ausschüssen und draußen in den Wahlkreisen bedanken. Ich weiß, wie umfänglich sich dein Einsatz letzten Endes auch gestaltet hat.

Ich wünsche dir im Namen aller für deine neue Herausforderung viel, viel Glück. Ich wünsche dir, dass du mit dem, was du dir vornimmst – auf die Menschen zuzugehen, mit Haltung, in deiner besonderen Art –, auch in deiner neuen Position erfolgreich sein kannst. – Alles Gute und herzlichen Dank! (Beifall bei ÖVP, SPÖ und FPÖ sowie bei Abgeordneten der NEOS.)

Zu Wort gemeldet ist Abgeordneter Loacker. – Bitte.