RN/57
13.36
Bundesminister für Bildung Christoph Wiederkehr, MA: Sehr geehrte Mitglieder des Bundesrates! Sehr geehrte Zuseherinnen und Zuseher! Sprache ist der Schlüssel für erfolgreiche Bildung, und die deutsche Sprache ist die Eintrittskarte in unsere Gesellschaft. Deutsch ist auch kein Wahlfach, Deutsch ist verpflichtend. Ich erwarte mir und wir dürfen uns als Gesellschaft zu Recht erwarten, dass alle Schülerinnen und Schüler die deutsche Sprache beherrschen.
Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass wir – aufgrund von unterschiedlichen gesellschaftlichen Dynamiken – in ganz Österreich große Defizite haben, dass die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrscht wird. Und weil sehr gerne vor allem auf Wien hingewiesen wird: Heute gab es neue Daten, aus denen ersichtlich ist, dass alle Ballungsgebiete in Österreich diesbezüglich besonders gefordert sind, an Stelle Nummer eins Wels. Wels hat einen freiheitlichen Bürgermeister. Ich würde es nicht zu seiner Verantwortung machen und sagen, dass er daran schuld ist, dass Wels die meisten außerordentlichen Schülerinnen und Schüler hat. Das sind gesellschaftliche Dynamiken – durch Migration, durch Social Media, durch massive Ablenkungen durch digitale Medien und auch durch Corona.
Die Ursache ist nicht politisch, aber es zu bekämpfen, nämlich gute Maßnahmen zu setzen, ist unsere gemeinsame politische Verantwortung, der der Bundesrat heute nachkommen wird, indem dieses große Paket beschlossen wird. Das ist ein Paket der Aufholjagd, um Deutsch allen Kindern in der Schule entsprechend zu vermitteln.
Es ist auch Neuland – es geschieht nämlich erstmals –, dass wir die Sommerferien für jene Kinder, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, verkürzen. Wir geben diesen Kindern einen Startvorteil, damit sie das nächste Schuljahr besser bewältigen können. Neun Wochen Sommerferien in Österreich sind relativ lang – womit ich nicht eine neue Debatte aufmachen will –, und für jene Schülerinnen und Schüler, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, sind zwei Wochen verpflichtender Startvorteil aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Instrument, damit diese lernen, die deutsche Sprache zu beherrschen. Wir wissen ja auch, dass viele der betroffenen Schülerinnen und Schüler sonst neun Wochen hindurch im Sommer die deutsche Sprache überhaupt nicht verwenden würden, und das ist nicht gerecht im Hinblick auf die Bildungschancen von diesen Kindern und Jugendlichen.
Die Sommerschule, die verpflichtend eingeführt wird, ist natürlich, wie Sie erwähnt haben, eine große organisatorische Herausforderung, nämlich dahin gehend, ausreichend Schulstandorte und ausreichend Personal zu finden. Wir haben deshalb die Entscheidung getroffen, sie schrittweise verpflichtend einzuführen, nämlich mit kommendem Sommer für all jene Schülerinnen und Schüler, die in Deutschförderklassen waren – das heißt jene Kinder, die die deutsche Sprache noch gar nicht beherrschen –, und erst im darauffolgenden Jahr für diejenigen, die nur in Deutschförderkursen waren, das heißt noch einen Förderbedarf haben. Damit haben wir schrittweise auch Feedback angenommen, um so die logistische Herausforderung gut meistern zu können.
Wir machen die Bundesschulstandorte auf, damit dürfen diese verwendet werden, und wir schauen ganz massiv darauf, dass wir ausreichend Personal finden. Wir haben ein attraktives Angebot für bestehende Lehrkräfte mit über 60 Euro pro Stunde, die man dazuverdienen kann, oder der Möglichkeit, dann unter dem Jahr weniger zu arbeiten. Wir werden die nächsten Tage, wenn es beschlossen ist, auch einen Brief an pensionierte Lehrkräfte ausschicken, um sie über die Möglichkeit zu informieren, einen Beitrag für die Bildung in Österreich zu leisten, wenn sie wollen, und wir öffnen diesen Bereich auch für Personen beispielsweise aus der Erwachsenenbildung oder Personen, die Deutsch als Zweitsprache woanders vermitteln, sodass diese auch im Sommer in der Schule arbeiten können.
Ich bin zuversichtlich, dass wir es mit diesen Maßnahmen schaffen werden, ausreichend Lehrkräfte zu finden. Aber natürlich: Jedes große Projekt, das angegangen wird, ist eine große Herausforderung, aber die müssen wir im Sinne der Stärkung der Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen gemeinsam meistern.
Ein genauso großer Schritt ist die Flexibilisierung der Deutschförderung. Ich als Bildungsminister bin der Auffassung, dass die Schulen und die Lehrkräfte am Standort sehr gut wissen, wie sie die Deutschförderung gestalten können. Autonomie heißt aber nicht die Freiheit zu schlechten Leistungen, sondern Autonomie heißt die Eigenverantwortung, zu besseren Leistungen zu kommen, als wenn etwas politisch straff normiert vorgegeben wird. Deshalb wird auch da bewusst der Weg angeboten, dass man in die Autonomie hineinoptieren kann: Wenn man nämlich bessere Ansätze hat, kann man ein besseres Modell wählen; wenn es diese besseren Ansätze am Schulstandort nicht gibt, gibt es ein bestehendes Modell, das verwendet werden soll.
Das sind die zwei wichtigen Säulen, auf denen wir für die Deutschförderung aufbauen. Natürlich ist das nicht genug: Es wird in der Elementarpädagogik weitere Maßnahmen benötigen, und wir haben ja auch schon Maßnahmen gesetzt, indem wir beispielsweise die Ressourcen für die Deutschförderung in den Schulen verdoppelt haben.
Gleichzeitig ist diese Novelle auch eine Flexibilisierung für die Schulen, ein Schritt Richtung weniger Bürokratie. Beispielsweise wurde auch erwähnt, dass es nur noch einen verpflichtenden Sprachstandstest pro Jahr geben soll. Das ist sinnvoll. Einige medizinische Beispiele mit Sezieren und anderem wurden ja schon genannt. Für mich ist dieser Test, der Mika-D-Test, ein Röntgen, mit dem wir sehen, wo etwas nicht in Ordnung ist, wo der Bruch ist. Aber dann gleich darauf, wenn man weiß, dass der Knochen noch gebrochen ist, nochmals ein Röntgen zu machen – wenn man es eh weiß! –, ist vielleicht nicht so sinnvoll. Aber das Röntgen dann wieder zu machen, wenn man glaubt: Vielleicht ist es ja schon besser, aber wir sind noch nicht ganz sicher!, ist, glaube ich, der richtige Ansatz. Das heißt, wir schaffen nicht das Röntgen ab, sondern wir machen es treffsicherer, um so die frei werdenden Ressourcen für die Deutschförderung selber zu verwenden, um so auch mehr Erfolg zu bewerkstelligen.
Einen Punkt der Novelle möchte ich noch herausgreifen, der noch nicht so oder nur am Rande erwähnt worden ist, der aber besonders wichtig ist, nämlich mehr Praxiserfahrung der Lehramtsstudierenden, damit sie schon während des Studiums den Schulalltag hautnah und ehrlich mitbekommen, indem sie nämlich auch bei Elterngesprächen mit dabei sein können, auch bei Klassenkonferenzen mit dabei sein können, um so besser auf die Schule und den Alltag in der Schule vorbereitet zu sein. Damit sehe ich ein sehr umfassendes, ein sehr vielversprechendes Paket und bitte um Zustimmung.
Ich erlaube mir auch noch einen Exkurs zu einem tagespolitischen Thema, weil es auch aufgebracht worden ist – mit dem Ziel, die Öffentlichkeit mittels dieser Bühnenfunktion zu informieren, aber auch Sie persönlich zu überzeugen. Denn ich selber habe auch sehr viel Lateinhintergrund: Ich selbst habe zwar nicht Latein unterrichtet, habe aber Latein sechs Jahre in Langform genossen; mein Vater ist Altphilologe, hat Latein und Altgriechisch studiert, dementsprechend ist das auch im Haushalt immer ein großes Thema gewesen. Ich habe in der Schule nicht nur über den gerechten Krieg und über Cicero gelernt und gelesen, sondern auch mit Liebesgedichten, die relativ unanständig waren, in der achten Klasse übersetzen aus Latein gelernt. (Bundesrätin Steiner-Wieser [FPÖ/Sbg.]: ... Griechen!)
Mich persönlich hat Latein gar nicht gestört, ich habe sogar relativ gerne übersetzt – über das Ausmaß kann man aber reden. Genau das machen wir jetzt, denn ich habe in meiner humanistischen Bildung auch gelernt, dass das humanistische Gymnasium kein Selbstzweck ist, sondern der Humanismus dient der Humanitas, nämlich der Wissenschaft und dem Ansatz, was uns Menschen befähigt, ein eigenständiges, ein selbstständiges Leben führen zu können und – zweitens – einen Mehrwert zur Gesellschaft beitragen zu können.
Und obwohl ich noch nicht so alt bin – 35 – hat sich dieser Rahmen seit meiner Schulzeit schon massiv verändert: In meiner Schulzeit gab es keine Social Media, in denen online falsch und wahr kaum mehr zu unterscheiden war; es gab keine Deepfakes, mit denen man Politikern irgendetwas in den Mund legen konnte, ohne dass erkennbar war, ob es wahr oder falsch ist; es gab noch keine künstliche Intelligenz. Die Zeiten haben sich selbst seit meiner Schulzeit so massiv gewandelt, dass wir die Frage stellen müssen, ob die Schülerinnen und Schüler, die heute in der Schule sind, mit den gleichen Methoden wie vor 50 Jahren auf die heutige Zeit vorbereitet werden können.
Ich möchte das nicht bestreiten und stehe auch dahinter. Ich gehe gar nicht so weit und sage: Schaffen wir Latein ab! – Es gibt andere Stimmen, die das wollen; ich bin das nicht. Ich verteidige Latein auch (Beifall der Bundesrätin Steiner-Wieser [FPÖ/Sbg.]), ich sage aber, dass wir es in einem sinnvollen Ausmaß reduzieren müssen, um Platz für neue Themen zu schaffen, um die jungen Menschen, die nächste Generation, auf unser heutiges komplexes Leben vorzubereiten, ihnen nämlich Medienbildung mitzugeben, denn dort ist die Auseinandersetzung der Wahrheit in der heutigen Zeit und nicht nur in der Auseinandersetzung philologischer Natur über Cicero. Beides ist relevant und beides kann miteinander zusammenhängen, aber wir müssen den jungen Menschen Platz geben, Raum geben für diese neuen Kompetenzen und diese neuen Themen und wir müssen diesen neuen Themen mehr Platz geben.
Allen, die betreffend die Gewichtung Sorgen haben, kann ich eines sagen: Latein wird nach dieser Reform noch immer mehr Stunden haben als Informatik, Künstliche Intelligenz, Medienbildung und Demokratiebildung gemeinsam. Mich wundert, warum es nicht Stimmen gibt, die sagen, dass wir viel weiter gehen müssen, dass wir eigentlich viel mehr Raum geben müssen. Ich glaube, die Debatte ist auch noch nicht zu Ende, weil sich unser Schulsystem laufend wandeln muss, um die nächste Generation gut auf das Leben vorzubereiten. – Dem fühle ich als Bildungsminister mich verpflichtet.
Ich freue mich über Debatte und Diskurs – das gehört in einer Gesellschaft dazu –, mein Anliegen ist aber auch, viele von Ihnen für die Ansicht zu gewinnen, dass dies eine sanfte, moderate Anpassung unseres Schulsystems an die jetzige Zeit ist – ganz im Sinne der humanistischen Bildung, der Humanitas –, damit die Menschen gut auf das Leben vorbereitet sind, und bitte auch dafür um Unterstützung. (Beifall bei ÖVP, SPÖ und Grünen sowie der Bundesrätinnen Deutsch [NEOS/W] und Steiner-Wieser [FPÖ/Sbg.].)
13.46
Präsident Markus Stotter, BA: Herzlichen Dank.
Als Nächste zu Wort gemeldet ist Bundesrätin Margit Göll. Ich erteile dieses.
Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 65 Abs. 2 GO-BR autorisiert.