RN/58
13.46
Bundesrätin Margit Göll (ÖVP, Niederösterreich): Sehr geehrter Herr Präsident! Geschätzter Herr Minister! Werte Kolleginnen und Kollegen! Werte Zuseherinnen und Zuseher! Liebe Besucherinnen und Besucher! Das Thema Sprachentwicklung beschäftigt mich als Pädagogin eigentlich schon viele Jahrzehnte, und so möchte ich heute auch ausschließlich als Pädagogin zu Ihnen sprechen. Als Pädagogin weiß ich, dass Sprache der Schlüssel für eine gelungene Integration ist, aber natürlich auch die Grundvoraussetzung dafür ist, sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden und sich auch in unserer Gemeinschaft gut zu integrieren. Aus dieser Perspektive sage ich ganz klar: Sprache ist das wichtigste Instrument für jedes Lernen. Ohne Sprache gibt es kein Verstehen, ohne Verstehen gibt es kein Mitkommen und ohne Mitkommen gibt es keine fairen Bildungs- und Ausbildungschancen für unsere Kinder.
Die Maßnahmen, die wir heute hier diskutieren, sind natürlich höchst notwendig, denn wir wissen: In den Städten, in den Ballungszentren spricht fast die Hälfte aller Kinder nicht so gut Deutsch – unsere Taferlklassler sind damit gemeint –, um dem Unterricht auch gut folgen zu können. Ich habe in der letzten Woche einige Gespräche mit Volksschuldirektor:innen geführt, und sie haben mir einige Punkte aufgezählt, warum das so ist. Wir reden auch davon, dass Kinder vor der Volksschule zwei Jahre lang in den Kindergarten gehen und dass dieser Sprachförderunterricht im Kindergarten nicht wirklich gut gefruchtet hat. Wir haben heute auch gehört: Kinder sind sehr mit digitalen Medien beschäftigt – nicht nur anderssprachige Kinder, das bemerke ich auch bei unseren eigenen Kindern; auch da müssen wir ansetzen. Und wir müssen vor allem eines tun, nämlich die Eltern ganz stark in die Pflicht nehmen. Wenn Kinder einige Stunden im Kindergarten oder in der Volksschule sind, reicht das natürlich nicht aus, eine Sprache, unsere deutsche Sprache, gut zu erlernen.
Eine erzählte mir auch vom Fall – das ist heute auch schon angesprochen worden –, dass Kinder in dritter Generation ihre Muttersprache nicht ausreichend gut können. Somit können sie auch eine weitere Sprache nicht gut erlernen. Darüber haben wir heute auch schon gesprochen.
Und wir sehen wie gesagt auch, dass es für viele Kinder eben nicht ausreicht, zwei Jahre den Kindergarten zu besuchen, wenn zu Hause in der anderen Sprache kommuniziert wird, wenn sich Gruppen im Kindergarten und in der Volksschule bilden, wenn zu Hause in der anderen Sprache ferngeschaut wird und die Gespräche, die Familiengespräche ausschließlich in der anderen Sprache stattfinden. Das sind natürlich Realitäten, vor denen wir im Interesse unserer Kinder die Augen nicht verschließen dürfen. Wir müssen da wahrscheinlich noch sehr viele Maßnahmen setzen. Diese Maßnahmen sind ein erster und wichtiger Schritt, und wir werden bei der Evaluierung auch schauen, was der Unterschied zu vorher ist.
Kinder, die dem Unterricht sprachlich nicht folgen können, geraten sehr früh ins Hintertreffen. Sie verlieren vor allem Sicherheit, sie ziehen sich zurück; nicht, weil sie weniger intelligent sind oder weil sie weniger können, sondern ganz einfach deswegen, weil ihnen die Sprache fehlt. Genau deshalb brauchen wir eine starke, verbindliche, wirksame Deutschförderung.
Ich habe mich 2017, als die Deutschförderklassen begonnen haben, für die zusätzliche Einführung einer solchen Klasse in der Volksschule in Gmünd angestrengt und habe dann auch den Zuschlag bekommen. Ich war auch beim Unterricht dabei und habe zwei verschiedene Gruppen erkennen können: Zum einen gibt es Kinder, die das sehr gut angenommen haben, auch gemeinsam mit den Eltern, die das natürlich sehr unterstützt haben. Es gab aber auch die anderen Kinder, die davon nicht so begeistert waren und die das eher abgelehnt haben, weil es ihrer Kultur nicht so entsprach. Aber im Großen und Ganzen hat es natürlich den Kindern doch mehr geholfen.
An dieser Stelle möchte ich mich auch bei allen Pädagoginnen und Pädagogen wirklich sehr herzlich bedanken, weil ich im Unterricht auch gesehen habe, wie anstrengend und herausfordernd es ist, wenn man eine Klasse mit Kindern mit 20 verschiedenen Sprachen hat, diese Förderung gut hinzubekommen. – Herzlichen Dank für eure Arbeit. (Beifall bei ÖVP und SPÖ.)
Sehr geehrte Damen und Herren, eine zweite Maßnahme, die mir auch sehr wichtig erscheint, ist die verpflichtende Sommerschule, und da hätte ich jetzt eine Bitte an Sie, Herr Minister, nämlich dass wir andenken, auch im ländlichen Raum Sommerschulen zu organisieren. Das ist aufgrund der Mobilitätsfrage natürlich ein bisschen schwieriger. Ich darf ein Beispiel bringen: Im Bezirk Gmünd haben wir drei Sommerschulen. Auch in kleineren Gemeinden gibt es Kinder, die die Sommerschule besuchen müssen. Wir sollten das deshalb auch bei den Verkehrskonzepten mitdenken, sodass das auch gut funktioniert.
Es ist richtig, dass die Sommerschule zur Deutschförderung verpflichtend ist, das wurde auch schon angesprochen, das ist aber nicht als Strafe zu sehen, sondern wirklich als Unterstützung für die Kinder, auch für ihren weiteren Weg, und natürlich auch als Unterstützung für die Eltern. Ich habe es schon erwähnt: Die Eltern müssen da ganz stark in die Pflicht und ins Boot geholt genommen werden. Bildung gelingt nur gemeinsam.
Jetzt möchte ich einen kleinen Einblick geben, was ich so beobachtet habe. Ich habe von 2015 bis 2017 als Bürgermeisterin eine syrische Familie in meiner Gemeinde gut betreut. Es gibt auch das Sprichwort: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Und ich habe gemerkt, in diesen kleinen Strukturen, wenn viele Menschen zusammenhelfen, gelingt Integration hervorragend. Bei diesen vier Kindern ist es wirklich hervorragend gelungen. Ich weiß schon, das gelingt nur in kleinen Strukturen und nicht in einer Großstadt wie Wien, aber auch da sollten wir diese soziale Komponente vielleicht mitdenken. Es gibt ganz viele Menschen, die auch hier unterstützend helfen.
Ein ganz wesentlicher Punkt, den ich noch ansprechen möchte, ist die Schulautonomie. Es ist – das wurde wie gesagt schon angesprochen – ein gutes Modell, weil Lehrerinnen und Lehrer am besten wissen, wo die Kinder mit Blick auf die Sprache stehen, wo sie ansetzen sollen, wie sie unterstützen und fördern sollen. Das soll individuell, flexibel und an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder orientiert passieren. Dass Deutschförderklassen und Deutschförderkurse als Mindeststandard festgeschrieben sind und gleichzeitig schulautonom umgesetzt werden können, das ist der richtige Weg.
Ein weiterer wichtiger Schritt – das ist auch schon angesprochen worden – ist die einmalige Testung. Das finde ich auch richtig, weil eine Pädagogin oder ein Pädagoge immer weiß, wo das Kind gerade steht, und auch dahin gehend handeln wird. Und bei der einmaligen Testung weiß ich ja sofort, wo das Kind steht, und ich kann die gewonnene Zeit für die Förderung selbst in Anspruch nehmen.
Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, es braucht weniger Zeit für Bürokratie und mehr Zeit für Förderung. Diese Maßnahmen stärken unser österreichisches Schulsystem, sie machen unser Schulsystem leistungsfähiger, aber auch autonomer. Wir bauen Bürokratie ab und wir stärken damit eines, nämlich das Fundament unserer Sprache. Ich bitte daher um Zustimmung. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei ÖVP und SPÖ.)
13.55
Präsident Markus Stotter, BA: Weitere Wortmeldungen dazu liegen nicht vor.
Wünscht noch jemand das Wort? – Ja, bitte, Herr Bundesrat Ruf.
Die angezeigte Rede ist noch nicht nach § 65 Abs. 2 GO-BR autorisiert.