Vergleicht man diese Zahl mit der demographischen Entwicklung – das heißt, unter Betrachtung der Geburtenrückgänge und des verstärkten Zugangs von Jugendlichen zu berufsbildenden Schulen –, so stellt man fest, es gibt im Gewerbe kein Lehrstellenproblem. Vor diesem Hintergrund ist die Frage zu stellen, was mit Forderungen nach einem Abbau von Jugendschutzbestimmungen oder nach Senkung der Lohnnebenkosten erreicht werden soll, wenn das Gewerbe ausreichend Lehrlinge bekommt und aufnimmt. In dieser Hinsicht besteht in der Lehrlingsausbildung ein Strukturproblem. Wir sollten uns verstärkt Modelle überlegen – und diese auch umsetzen –, nach denen die freigewordenen Kapazitäten in der Industrie wieder belegt werden. Damit würde auch die Qualität der Ausbildung steigen. Denn es ist unbestritten, daß die Durchfallsquote bei Lehrabschlußprüfungen von Lehrlingen aus dem Gewerbe viel höher ist.
Meine Damen und Herren! Wir haben in der Steiermark vor kurzem eine – ich möchte fast sagen: peinliche – Auseinandersetzung mit Wirtschaftskammerpräsident Mühlbacher gehabt. Kollege Weilharter! In diesem Falle stimme ich mit dir völlig überein; das ist zwar höchst selten, aber in diesem Falle besteht völlige Übereinstimmung. Alle im Land waren sich einig, daß die Lehrwerkstätte in Fohnsdorf nach der § 30-Möglichkeit weitergeführt werden soll, um den betroffenen Lehrlingen weiterhin diese hochqualifizierte Ausbildung zu ermöglichen. Die Steiermärkische Landesregierung hat einstimmig die Finanzierung beschlossen, das Arbeitsmarktservice Steiermark hat die finanziellen Mittel dafür bereitgestellt. Nur Wirtschaftskammerpräsident Mühlbacher hat sich in seiner kleingreißlerischen Denkungsweise eingebildet, er müsse dieses sinnvolle Projekt verhindern.
Es ist trotzdem anders gekommen. Ich möchte mich bei Ihnen, Herr Bundesminister, sehr herzlich dafür bedanken, daß Sie diesem Projekt dennoch Ihre Zustimmung gegeben haben! (Bundesrat Weilharter: In dieser Beziehung war er nicht seiner Meinung!) Das ist richtig. (Zwischenruf bei der ÖVP.) Das ist die Denkungsweise des Herrn Mühlbacher. Diese Verunsicherung hat auch Herr Mühlbacher zu verantworten.
Wir dürfen bei der Berufsausbildung nicht lediglich darauf schauen, daß alle Lehrstellensuchenden einen Lehrplatz erhalten, sondern wir müssen unbedingt etwas in Richtung Qualitätsverbesserung der Ausbildung unternehmen. Sinnlose Lehrstellenförderungsmodelle nach dem Gießkannenprinzip werden uns in diesem Punkt nicht weiterhelfen.
Betrachtet man die Lehrabschlußprüfungsergebnisse in der Steiermark – sie unterscheiden sich nur unwesentlich von denen in anderen Bundesländern –, so stößt man auf erschreckende Zahlen. Im Lehrberuf Elektroinstallateur fielen bei der Lehrabschlußprüfung mehr als 41 Prozent der Gewerbelehrlinge durch. Im übrigen Gewerbe und im Bereich der Tourismus- und Freizeitwirtschaft liegt die Durchfallsquote bei rund 25 Prozent. Diese Zahlen belegen, daß es gerade in jenen Branchen, deren Vertreter ständig die Beseitigung von Ausbildungsvorschriften und eine Verkürzung der Berufsschulzeit verlangen, die miserabelsten Ausbildungsbedingungen gibt.
Meine Damen und Herren! Diese Ergebnisse zeigen, daß die Kontrolle der Ausbildungsqualität durch die Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammer nicht ausreichend vorhanden ist. Dies wird plausibel, wenn man bedenkt, daß sich die Unternehmer de facto selbst kontrollieren.
Was die Lehrlingsstellen manchmal vom Schutz der Lehrlinge halten, wird anhand von Aussagen des Leiters der Lehrlingsstelle in der steirischen Wirtschaftskammer vom April des vergangenen Jahres deutlich. Dr. Kallab bezeichnete die Lehrlinge als "Nasenbohrer", welche "die ganze Nacht bechern". Dies wurde in einer großen steirischen Tageszeitung veröffentlicht. Es ist das ein Beweis mehr dafür, daß eine Verlagerung der Kontrolle der Ausbildungsqualität weg von den Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammern und hin zu einer unabhängigen Behörde, die paritätisch zu besetzen wäre, unumgänglich ist.
Daß ein Ausbildungssystem mit so hohen Qualitätsansprüchen auch hohe Kosten verursacht, ist uns bewußt. Unser Lösungsansatz ist es, die Finanzierung der beruflichen Bildung durch einen Lastenausgleich zu gewährleisten. Da bei der bestehenden, einzelbetrieblichen Finanzierung der Lehrlingsausbildung auftretende Fehlentwicklungen durch die Betriebe selbst nur in geringem
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