Nationalrat, XXI.GP Stenographisches Protokoll 24. Sitzung / Seite 45

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Ich möchte heute zur Bildungspolitik Stellung nehmen. Wenn man zuerst die Aussagen von FPÖ und ÖVP gehört hat, dann glaubt man, dass im Bildungsbereich in Österreich alles in Ordnung sei, dass es sich tatsächlich um ein Bildungsparadies handeln würde. Es ist de facto so, dass die Lehrerinnen und Lehrer gute Arbeit leisten, aber sie müssen auch mehr Unterstützung bekommen.

Auch wenn es heißt, dass es genug Möglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler gibt, den Beruf zu finden, den sie sich auch tatsächlich ausgesucht haben die Realität ist anders. Die Statistiken beweisen etwas anderes. Zum Beispiel ist in jeder fünften berufsbildenden höheren Schule die Klassenzahl überzogen, in den AHS ist das in jeder zehnten Klasse der Fall. Das ist der Stand von Herbst 1999. Das gilt besonders für die technischen Schulen, das gilt besonders für die Ausbildungen für EDV, für Elektronik und auch für Nischen wie höhere technische Lehranstalt für Möbel und Innenausbau.

Der Trend zu den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen ist allerdings nichts Neues, den gibt es schon sehr lange, und sehr viele geeignete Schülerinnen und Schüler müssen jedes Jahr abgewiesen werden. Dass diese Jugendlichen dann nicht in Statistiken aufscheinen, liegt darin, dass sie in ihrer Verzweiflung irgendeine andere Richtung suchen, die sie sich gar nicht wirklich gewünscht haben. Es scheint mir paradox zu sein, wenn in den Unterstufen Berufsorientierung angeboten wird und die Schülerinnen und Schüler dann ganz einfach im Regen stehen gelassen werden.

Problematisch ist diese Situation auch im Hinblick auf die Drop-out-Raten  das zeigt sich als Folge daraus  in den ersten Klassen dieser berufsbildenden höheren und mittleren Schulen. Man muss sich einmal vorstellen: Nach der ersten Klasse verlässt ein Viertel der Schülerinnen und Schüler wieder die Schule, weil sie einen falschen Zweig gewählt haben, weil sie einen falschen Zweig wählen mussten, da nicht genügend Platz für sie vorhanden war.

Damit die Jugendlichen nicht ganz im Regen stehen bleiben und nicht ins Nichts gestoßen werden, wurde Gott sei Dank jener unselige Paragraph, der den Schülerinnen und Schülern verwehrt, die erste Klasse bei mehreren Nicht genügend zu wiederholen, für einige Jahre aufgeschoben. Meine Damen und Herren! Das ist zu wenig. Dieser Paragraph gehört aufgehoben. (Beifall bei der SPÖ.)

Dieser Paragraph wendet sich gegen eine Altersgruppe, nämlich die 14- bis 16-Jährigen, die  wie Sie sich vielleicht auch noch erinnern können  in diesem Alter auch andere Interessen haben und sozusagen ihre Fühler ausstrecken, um die Welt zu erkunden. Schlimm wäre es, wenn die Jugendlichen das nicht tun würden!

Hinzu kommt dann auch noch die Schnittstellen-Problematik. Es gibt unterschiedliche Anforderungen von den Schulen her. Die Schüler und Schülerinnen kommen in zu große Klassen, sie haben schlechte Noten, sind frustriert und verlassen diese Schule, in die sie gegangen sind, häufig wieder. Von einer modernen Pädagogik, meine Damen und Herren, erwartet man aber, dass sie unterstützend ist, dass sie nicht bestrafend und schon gar nicht ausgrenzend ist! (Beifall bei der SPÖ.)

Das heißt aber nicht, dass die SPÖ gegen Leistung ist. Leistung ist etwas ganz Wichtiges. Aber  und das ist der große Unterschied  wir gestehen den Jugendlichen zu, dass sie die Möglichkeit einer Entwicklung haben. Entwicklung ist also das Schlagwort  aber nicht von heute auf morgen, nicht so, dass alle gleich gedrillt werden und nur dieselbe Entwicklungsmöglichkeit haben, sondern sie sollen sich gemäß ihrer eigenen Geschwindigkeit entwickeln können. Die Jugendlichen sind in ihrer Buntheit und in ihrer Unterschiedlichkeit ein wichtiger Impuls für unsere Gesellschaft.

Das alles müsste umgesetzt werden. Es müsste eine neue Dynamik in das Schulwesen kommen, es müssten Förderkurse angeboten werden, nicht nur im fachlichen Bereich, sondern auch in den so genannten Schlüssel-Qualifikationen, in den sozialen Kompetenzen, Konfliktlösungsstrategien, Kommunikationstechniken und dergleichen. Dazu brauchen wir aber Werteinheiten,


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