Nationalrat, XXII.GP Stenographisches Protokoll 124. Sitzung / Seite 81

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Zeitungen steht!) Das ist interessant, dass Sie das wirklich so aufbringt. Das sind Fakten!

Ich erzähle weiter, denn ich bin am Wort. – Diese Menschen haben nur eine Chance, zu Geld zu kommen, indem sie möglichst viel und auf Akkord arbeiten. (Abg. Neudeck: Viel arbeiten für weniger Geld!) Der Lohn für 1 Kilo Erdbeeren, den diese Personen erhalten, beträgt 25 Cent. Sie wissen wahrscheinlich ungefähr, wie lange Sie, wie lange wir, wie lange ich brauchen würden, um 1 Kilo Erdbeeren zu ernten. Nehmen wir einmal an, die brauchen 5 Minuten für 1 Kilo – das ist nicht schlecht! Dann heißt das: 3 € pro Stunde im Akkord. Nehmen wir einmal an, die sind doppelt so schnell – 24 Kilo pro Stunde. Das müssen Sie einmal schaffen, diese 24 Kilo Erdbeeren! Dann ergibt das 6 € pro Stunde. Kost und Logis werden von diesem Lohn noch immer abgezogen. Können Sie sich das vorstellen?

Der interessante Punkt ist jedoch nicht allein der, was diese Personen hier in Öster­reich verdienen, denn das ist sehr viel für sie, denn in Polen verdienen sie noch weniger. Ich habe mit einem Vertreter der polnischen Botschaft gesprochen, der hat gesagt: In Polen erhält man ein Viertel davon – 25 Zloty –, ungefähr ein Viertel von 25 Cent. Und er sagt weiters: In Polen macht das kein Pole/keine Polin mehr, weil das zu wenig wäre! Die könnten von diesen 25 Zloty nicht leben. Darum versuchen sie natürlich, nach Österreich zu kommen. In Polen werden Menschen aus der Ukraine, aus Belarus und, und, und eingesetzt für diese 25 Zloty.

Ich habe versucht, Ihnen einen Vorgang klarzumachen, der real existiert, der mit der Dienstleistungsrichtlinie noch nichts zu tun hat und wo man nur in den seltensten Fällen draufkommt, zu welch erbärmlichen Bedingungen Menschen hier in Österreich arbeiten müssen oder auch in Polen, denn die Bedingungen in Polen für die Leute aus der Ukraine und Belarus sind nicht besser, sondern noch erheblich schlechter.

Was ändert die Dienstleistungsrichtlinie? – Der Beschäftige in Österreich braucht die Leute nicht mehr im österreichischen Betrieb zu beschäftigen. Da wird es eine polnische Firma geben, die wird sie zu den polnischen Konditionen, zu den 25 Zloty, nach Österreich schicken. (Abg. Rädler: Da würden sie nicht kommen! Keine Sozial­dramatik bitte! – Abg. Dr. Pirklhuber: Das ist überhaupt keine Sozialdramatik, sondern Realität!) Und Herr Bartenstein als Arbeitsminister sagt: Wir haben alles unter Kon­trolle!

Das sind Realitäten, das sind Perspektiven, die drohen, und damit ist niemandem ge­holfen, auch nicht den Menschen in der Landwirtschaft, wenn Sie das noch einmal ein bisserl bedenken, was sich da international gesehen abspielt und nicht nur in Bezug auf Österreich. Der polnische Attaché hat mir auch gesagt: Wir können mit unseren zu polnischen Bedingungen produzierten Erdbeeren auf den Exportmärkten nicht mehr konkurrenzfähig sein, weil die in China noch weniger zahlen als wir in Polen. Das sind Realitäten, die Sie durch derartige Maßnahmen nur verschärfen. (Bundesminister Dr. Bartenstein: Bei uns gibt es keine chinesischen Erdbeeren!)

Es gibt keine chinesischen Erdbeeren? – Sie haben eine Ahnung! In Österreich viel­leicht nicht, aber in der Bundesrepublik Deutschland. Dort ist der ganze Markt über­schwemmt! Sie werden es schon noch merken. Es kommen schon noch die chinesi­schen Erdbeeren, meinetwegen auch die marokkanischen nach Österreich, auch wenn Sie das nicht für möglich halten.

Der springende Punkt, meine Damen und Herren, ist einfach: Die Dienstleis­tungs­richtlinie bringt das europäische Sozialmodell und das Wirtschaftsmodell zur Explosion! (Beifall bei den Grünen und bei Abgeordneten der SPÖ.)

 


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