Nationalrat, XXII.GP Stenographisches Protokoll 132. Sitzung / Seite 40

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Wo wir gravierende Probleme haben – und ich möchte das schon sehr offen anspre­chen –, das ist in Wien, wo nicht wir die Hauptverantwortung tragen. (Abg. Faul: Ken­nen Sie die Wiener Situation?) – Ja, ich kenne die Situation in Wien sehr, sehr gut, Herr Kollege Faul, weil ich permanent an Schulen bin, und deshalb weiß ich auch, dass oftmals das, was hier im Haus gesagt wird, an vielen Schulstandorten nicht zutrifft, aber wo es zutrifft, das ist mitunter in Wien. Das möchte ich Ihnen sagen.

Heute hat eine Abgeordnete des Wiener Landtages eine interessante Aussendung ge­macht, und die möchte ich Ihnen, meine Damen und Herren, Hohes Haus, nicht vor­enthalten. Darin wird nämlich eine Reform der Kooperativen Mittelschule verlangt, und zwar reden wir da von jener Form der Kooperativen Mittelschule, die von der Sozialde­mokratie in Wien eingeführt wurde, nämlich die horizontale Kooperation, also das, was auch unter dem Titel Gesamtschule firmiert. Man kooperiert sehr stark, vermengt und vermanscht mitunter zwischen AHS-Unterstufe und Hauptschule. In der Aussendung wird also eine Reform dieser Kooperativen Mittelschule verlangt – und es heißt hier wörtlich in dieser Aussendung –:

„Diese sei vom Stadtschulrat heftig beworben worden, vor allem sollte in der Öffentlich­keit das Gefühl vermittelt werden, das Kind ginge nicht mehr in die zur ,Restschule‘ herabgesunkene Hauptschule.“

Das könnten ja meine Worte sein, sind es aber nicht, denn es handelt sich, wie bereits gesagt, um die Aussendung einer Wiener Abgeordneten. Und dann heißt es hier wei­ter:

„Dieser Missstand“ – so diese Abgeordnete – „gehöre abgeschafft, die KMS sei eine Mogelpackung, bei der man lediglich das ,Türschild ausgewechselt‘ habe.“

Es steht hier zu lesen: „Im Zusammenhang mit der PISA-Studie sprach sich die Man­datarin dafür aus, dass auch Teilergebnisse veröffentlicht werden sollten. Es könne sein, dass Wien noch schlechtere Ergebnisse als der gesamtösterreichische Durch­schnitt produziere.“

Wissen Sie, wer das gesagt hat? – Die grüne Gemeinderätin Susanne Jerusalem! Ich stimme ihr zu, meine Damen und Herren; sie hat vollkommen Recht mit diesen Aus­sagen! Das, was in Wien teilweise an Experimenten mit den Kindern gemacht wird, ist aus unserer Sicht nicht zu akzeptieren. Sie gaukeln den Kindern und den Eltern hier etwas vor, was nicht der Realität entspricht.

Wir haben ein sehr gutes Bildungssystem. Ich bin weit davon entfernt, in der Frage der gemeinsamen Schule eine ideologische Auseinandersetzung zu führen. Es gibt ge­meinsame Schulmodelle, die hervorragend funktionieren, aber auch dort, wo wir ein im Äußeren differenziertes Bildungssystem im Sinne der Hauptschule und der AHS-Unter­stufe haben, nämlich im ländlich strukturierten Raum, wo diese Differenzierung und auch die innere Differenzierung an der Hauptschule mit den Leistungsgruppen ge­macht wird, funktioniert das System.

Anders wäre es ja nicht denkbar, dass über 50 Prozent der Maturantinnen und Matu­ranten über die Hauptschule zur Reifeprüfung kommen. Wo das System nicht funktio­niert, meine Damen und Herren von der Sozialdemokratie, ist in Wien. Wir sollten uns dieser Frage einmal ernsthaft und ohne ideologische Scheuklappen stellen, sollten uns dieser Frage widmen. (Abg. Dr. Niederwieser: Dann legen Sie Ihre Scheuklappen ab!)

Was nichts bringt, lieber Kollege Niederwieser, ist, den Kindern zu sagen, ihr geht in eine Kooperative Mittelschule, die im Übrigen eine ganz eigenartige Form, nämlich die schlechteste Form von Gesamtschule ist, in der es keine innere Leistungsdifferenzie­rung gibt, wo Kinder entweder unter- oder überfordert sind, wo wir massive Probleme


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