LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:08
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Eine Rundumerneuerung für die Pferdegespanne am Parlamentsdach

Das Haus auf dem Dach des Parlaments, das für Irritationen unter TouristInnen und BürgerInnen und für so manche erstaunte Blicke sorgte, hatte einen ganz einfachen Zweck: Es diente der Restaurierung jener acht Pferdegespanne, die seit mehr als einem Jahrhundert auf dem Parlamentsdach thronen und Wind und Wetter trotzen.

Was bedeuten die Pferdegespanne?

Bei den Pferdegespannen handelt es sich um Quadrigen – Gespanne, die von vier Pferden gezogen werden. Diese werden von der Siegesgöttin Nike gelenkt. Am Dach des Parlaments befinden sich rechts und links jeweils vier bronzene Quadrigen. Für Theophil Hansen, den Architekten des Parlaments, symbolisierten sie den Triumph der parlamentarischen Aktivitäten. Nach den Entwürfen Hansens Ende des 19. Jahrhunderts modellierte Bildhauer Vincent Pilz die Quadrigen, die in weiterer Folge von Carl Turbain in Bronze gegossen wurden. In den ursprünglichen Entwürfen war eine Vergoldung der Quadrigen vorgesehen, diese wurde jedoch aus Kostengründen nicht realisiert.

Eine Quadrige ist rund 8,3 Tonnen schwer, hat eine Grundfläche von 4 mal 5,5 Metern und eine Höhe von ungefähr 5 Metern.

Gründe für die Restaurierung

Klimatische und atmosphärische Einflüsse hatten so große Schäden an der Statik der 120 Jahre alten Bronzegüsse und an der Oberfläche verursacht, dass sich ein umfassendes Service als dringend notwendig erwies. Da die Quadrigen einen Transport voraussichtlich nicht überstanden hätten und auseinandergebrochen wären, entschied man sich dafür, sie vor Ort zu restaurieren und dafür "einzuhausen".

Pferdegespanne in äußerst schlechtem Zustand

Dass die Entscheidung, die Figuren nicht abzuheben, richtig war, zeigte sich gleich nach Beginn der Restaurierungsarbeiten an der ersten Quadriga. So hatte man zwar bei Voruntersuchungen festgestellt, dass die Eisenkonstruktion rostig war, aber dass fast sämtliche Verbindungselemente "auf Null abgerostet" und auch die übrigen Schrauben ziemlich angegriffen waren, realisierte man erst bei der schrittweisen Zerlegung der immerhin acht Tonnen schweren Figurengruppe. Der äußerst schlechte Zustand erklärte auch die Restaurationszeit für eine Quadrige von ungefähr einem halben bis einem Jahr.

"Quadrigen hielten aus Gewohnheit zusammen"

Warum die Quadrigen überhaupt noch zusammengehalten haben? "Aus Gewohnheit", meinte die Leiterin des Restauratorenteams Mag.a Elisabeth Krebs, und weil die Außenhülle doch noch relativ stabil war. Aber auch der Bronzeguss wies an vielen Stellen Schäden auf. Das Hauptproblem war Krebs zufolge, dass die Eisenteile durch das Rosten ihr Volumen vergrößert hatten und dadurch die Bronze an mehreren Stellen aufgeplatzt war. Zusätzlich machten sich äußerliche Verwitterungen bemerkbar: die Bronzeschicht war bereits merklich dünner geworden und der äußerst grobporige Guss hatte den Korrosionsprozess und das Eindringen von Regenwasser ins Innere der Plastiken begünstigt. Von der Originaloberfläche war kaum noch etwas zu sehen, das sichtbare Grün war massiv abkorrodierte Bronze.

Trotz Allem: Keine unmittelbare Einsturzgefahr

Auch wenn keine unmittelbare Gefahr bestand, dass einzelne Teile abstürzen würden, 120 Jahre Wind und Wetter und die Schäden des Zweiten Weltkriegs hatten ihre Spuren hinterlassen, da half auch die schriftliche Garantie des Gießers Turbain aus dem Jahr 1883 nichts, wonach die Bronzeplastiken 2000 Jahre halten sollten.

Wissenschaftliche Begleitung der Restaurierung

Die äußerst aufwendigen und diffizilen Restaurierungsarbeiten an der ersten Quadriga, die im August 2001 abgeschlossen werden konnten, wurden von naturwissenschaftlichen Untersuchungen des Instituts für Silikatchemie und Archäometrie in Wien begleitet. Zudem haben die RestauratorInnen alle Schäden und relevanten herstellungstechnischen Details dokumentiert und sämtliche Arbeitsschritte fotografisch und schriftlich festgehalten. Die letzte Quadriga wurde im Sommer 2009 fertig restauriert.