LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:09

Im Erstentwurf für das Großprojekt an der neuen Ringstraße aus dem Jahr 1865 ging Architekt Theophil Hansen von zwei getrennten Gebäuden, Herrenhaus und Abgeordnetenhaus, aus.

Auf dem Platz des heutigen Palais Epstein sollte das Herrenhaus entstehen. Hansen hatte dafür eine Brunnenanlage mit imposanter Siegessäule geplant, auf deren Spitze "Austria" thronen sollte. Er wollte, dass die weibliche Personifikation der österreichischen Monarchie "in erhabener Gestalt ihre ankommenden auserwählten Söhne" begrüßt und den Parlamentariern das Ideal des gemeinsamen Staatswesens vor Augen führt.

Austria – eine Provokation?

Hansens Austria war der antiken Statue der Athene Parthenos des griechischen Künstlers Phidias nachempfunden. Auch als nach dem Ausgleich mit Ungarn und der Erlassung der "Dezemberverfassung" 1867 beschlossen wurde, Herrenhaus und Abgeordnetenhaus in einem gemeinsamen Parlamentsgebäude zu vereinen, behielt Hansen den Plan des Austria-Brunnens bei.

Ende der 1870er-Jahre entschied man gegen eine Austria als Repräsentationsfigur vor dem Parlamentsgebäude. Es wurde befürchtet, dass diese als Zeichen der Vorherrschaft des deutschsprachigen Teils der Monarchie missverstanden werden könnte.

Pallas Athene: Die diplomatische Lösung

Um möglichen Protesten nationaler Gruppierungen aus dem Weg zu gehen, fiel die Wahl auf Pallas Athene als Brunnenfigur. Dennoch wollte man bei der Ausgestaltung des Gebäudes auf Austria als Personifikation des Gesamtstaates nicht verzichten.

Austria präsentiert sich nun gleich zweifach: Als zentrale Figur des Glasmosaikfrieses über dem Haupteingang unterhalb der Attika lädt sie, wenn auch verborgen hinter hohen Säulen, in das Haus ein. Im Inneren des Gebäudes begegnet sie den BesucherInnen ein zweites Mal in einem Fries über dem Eingangstor im Atrium vor der Säulenhalle.

 

Dennoch ist Austria präsent

Die Austria auf dem Glasmosaik von Eduard Lebiedzki präsentiert sich mit den Insignien des österreichischen Kaisertums. In ihr verknüpft sich dynastische Tradition mit konstitutioneller Regierungsform. Austria sitzt auf einem prächtigen Thron umgeben von Blumenranken. Majestätisch nimmt sie die Huldigungen der 17 im Reichsrat vertretenen Kronländer entgegen. Sie wird von einem Posaunenengel begleitet. Ein Putto zu ihren Füßen hält das österreichische Wappen mit dem kaiserlichen Doppeladler.

Die Kronländer treten ebenfalls in weiblicher Form auf und verweisen als Überbringerinnen der Landeskronen und Wappen auf das Ideal eines auf den Traditionen der habsburgischen Dynastie beruhenden, gemeinsamen Territoriums.

Auch im Vestibül repräsentiert eine thronende Austria den österreichischen Gesamtstaat. Der Fries, von Alois Hans Schramm gestaltet, zeigt Austria als Siegesgöttin mit dem Lorbeerkranz und dem geflügelten Helm des Hermes, dem Zeichen für die Verwirklichung von Träumen. Mit Reichsapfel, Kaiserkrone, den stilisierten Schwingen des Wappenadlers im Hintergrund und dem Löwen zu ihren Füßen demonstriert sie die Macht und Bedeutung der Habsburger Monarchie.

Zu Austrias Rechten schwören Krieger den Treueeid, zu ihrer Linken bringen Frauen Opfergaben: Sie symbolisieren die militärische und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Monarchie. Auch diese Austria demonstriert die angestrebte Verbindung von dynastischen Herrschaftstraditionen und bürgerlichen Tugenden als ein in die Zukunft weisendes "nationales" Projekt. Die Darstellung verstand sich als Friedensbotschaft, erscheint aus heutiger Sicht aber als eine kriegerische Interpretation der Vaterlandsliebe.

In beiden Fällen diente das abstrakte Ideal der weiblichen Figur dazu, der Gemeinschaft des Gesamtstaates Sinn zu verleihen.

Frauen als Repräsentationsfiguren - Austrias Höhenflug

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfreute sich die Figur der Austria zunehmender Beliebtheit. Sie schmückte Bauten und Plätze in Form von Plastiken oder Gemälden.

Zu sehen ist sie unter anderem in der damals neu erbauten Halle des Nordbahnhofes, auch auf dem Giebel des Telegrafenamtes und des Justizpalastes.

In ganz Europa gewannen mit der Durchsetzung bürgerlich-liberaler Herrschaftsformen weibliche Personifikationen von Nation, Republik und bürgerlicher Freiheit an Bedeutung.

Anstelle des Herrscherbildes und männlicher Heroen verkörperten nun die weiblichen Allegorien das Bild der modernen Nation, der bürgerlich-liberalen Herrschaftsform.

Austria, Symbol des Herrscherhauses

Im Vielvölkerstaat Österreich war eine auf nationaler Symbolik beruhende Repräsentation des modernen Gesamtstaates problematisch. Die Austria wurde stets mit der Vorstellung deutsch-österreichischer Vorherrschaft verbunden.

"Austria" bedeutete "domus Austria" (Haus Österreich), abgeleitet vom territorialen Namen für "Osten", "östlich liegende Mark". Dieser Name war seit dem 14. Jahrhundert eine gebräuchliche Sammelbezeichnung für die von den Habsburgern beherrschten Gebiete.

Allegorien der Austria waren traditionell dem Kaiserhaus zugeordnet. Erst in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts begann sich die Austria von der Beziehung zur Dynastie zu emanzipieren.

Austria Constitutionella – eine Bürgerliche

Am Vorabend der Revolution 1848 trat eine neue Austria als Symbolfigur des aufstrebenden Bürgertums auf. Sie trug nicht mehr den Erzherzogshut, sondern die Mauerkrone als Zeichen des Bürgertums.

Die "Austria Constitutionella" war nach den Worten des Schriftstellers und Politikers Ferdinand Stamm (1813-1880) ab nun "die würdige Kaiserbraut im Festgewand des 15. Märzes", dem Tag, an dem der Kaiser unter dem Druck der Revolution die Ausarbeitung einer Verfassung angekündigt hatte.

Die mit der Mauerkrone geschmückte Austria hält in der rechten Hand einen Speer als Zeichen der Herrschaft, mit der Linken präsentiert sie den kaiserlichen Doppeladler mit den Wappen der Kronländer.

Sie hatte sich aus der Rolle einer bloßen Personifikation der Territorien des österreichischen Herrscherhauses emanzipiert und war nun selbst die Vertretung des konstitutionellen Gesamtstaates.