LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:09
Diese Seite vorlesen lassen Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Das Dach - ein Gesamtkunstwerk

Auch das Dach des Parlaments ist ein Kunstwerk: Der Architekt Theophil Hansen hat beim Bau des Gebäudes kein Detail außer Acht gelassen.

Genau durchdachtes Konzept

Das Dach aus der "Vogelperspektive"

Die Dachkonstruktion zeigt deutlich die architektonische Gliederung von Hansens Parlamentsgebäude. Nirgendwo erkennt man das Symmetriekonzept des Architekten, das die verfassungsrechtliche Ordnung widerspiegelt, deutlicher als aus der "Vogelperspektive".

Der Herrenhaustrakt, der heute die Sitzungssäle von Nationalrat und Bundesrat beherbergt, und der Abgeordnetenhaustrakt sind durch den Mittelbau gleichzeitig verbunden und getrennt.

Das Dach als Kunstwerk

Die von der Ringstraße her sichtbaren Flächen der einzelnen Dächer sind mit antiken Formen verziert, sogar die Schornsteine wurden künstlerisch gestaltet. Die einzelnen Figurengruppen links und rechts der Hauptachse stehen jeweils unter einem besonderen Motto, wobei dem Herrenhausflügel das Thema "Justiz", dem Abgeordnetenhausflügel das Thema "Innere Verwaltung" zugeordnet ist.

Auch hier orientierte sich Hansen an griechischen Vorbildern. Statuen und Reliefs stellen Tugenden und Staatsaufgaben sowie Kronländer, Flüsse und Städte dar. Die Reliefs werden jeweils von themenverwandten Statuen umrahmt. Die acht Quadrigen des Dachs symbolisieren den Triumph des Parlamentarismus über den Absolutismus.

Das Dach als Lichtquelle

Architekt Hansen arbeitete bei seinem Konzept auch mit zahlreichen Glasflächen im Dach, die für zusätzlichen Lichteinfall sorgen sollten. Dies ist sowohl bei den Sitzungssälen als auch bei den Räumlichkeiten entlang der Hauptachse deutlich zu erkennen.

Für die Plenarsäle wurden in Nordböhmen kunstvolle Glasdecken hergestellt. Eine weitere Glasdecke oberhalb dieser Kunstwerke sollte diese schützen. Zwischen diesen beiden Glasdecken befinden sich die Beleuchtungskörper.

Die Dachböden wurden ursprünglich zu einem großen Teil von den Ventilatoren und den Oberlichtschächten in Anspruch genommen und dann im Laufe der Zeit aufgrund der akuten Platznot im Parlamentsgebäude nach und nach zu Büroräumlichkeiten ausgebaut.

Die Giebel und ihre Akrotere

Die Seitenblöcke sind etwas niedriger als der Mittelbau des Parlamentsgebäudes. Wie der Zentralportikus sind auch sie mit Giebeln versehen, besitzen aber keinen Reliefschmuck.

Laut Hansen sollen die Flügel und die Saalbauten jene parlamentarischen Richtungen darstellen, in denen sie wirksam sein sollen – in der Tätigkeit verschiedener Ministerien.

Für das Herrenhaus wählte man das Thema "Justiz" nach dem Entwurf von Hugo Härdtl. Für das Abgeordnetenhaus entwarf Johannes Benk das Thema "Innere Verwaltung".

Giebel des Herrenhauses

Im "Justiz-Giebel" bildet Justitia den Mittelpunkt der Gruppe. Sie erinnert in ihrer Darstellung an die beiden Figuren des Athenebrunnens, "ausübende und gesetzgebende Gewalt". Neben ihr befinden sich zwei Eroten (Darstellungen des Liebesgottes Eros), die mit älteren Männergestalten kommunizieren.

Der linke Giebelzwickel ist insofern interessant, als man dort neben einem jungen Mann, auf den eine Frau zeigt, ein Rutenbündel bemerkt. Damit wird auf den strafenden Aspekt der Justiz hingewiesen, da das Rutenbündel ("fasces") im alten Rom Zeichen der Machtbefugnis und Strafgewalt hoher Beamter war.

Giebel des Abgeordnetenhauses

Auch die "innere Verwaltung" beherrscht als Frauengestalt das Zentrum des Giebels. Sie wird ebenfalls von zwei Eros-Gestalten flankiert. Der rechts stehende hält ein Füllhorn in Händen, das Reichtum und Wohlstand symbolisieren soll.

Der Giebel leitet zur Gruppe "Gewerbe und Handel" über, die aus drei Personen besteht. Auf der linken Seite schließen die Allegorien "Kunst und Wissenschaft" an den Eroten an, erkennbar an den Attributen der geöffneten Schriftrolle und der Lyra.

Im Giebelzwickel liegt eine Allegorie der Kunstindustrie, dargestellt mit einer Amphore.

Auf den großen und kleinen Giebeln befinden sich außerdem sogenannte Akrotere - plastische Figuren oder Ornamentaufsätze, die über dem Giebelscheitel oder den Giebelecken von antiken Tempeln aufgestellt wurden.

Eine Hommage an die Regionen, Tugenden und Staatsaufgaben

An beiden kubischen Saalbauten sowie an den beiden Längsseiten des Mittelbaus sind Friesplatten verlegt. Durch sie soll ein einheitliches Gestaltungsbild vermittelt werden.

Eine nackte weibliche Figur mit Flügeln steht auf Akanthusblättern, aus denen geschwungene Kelche und Ranken wachsen. In ihren Händen hält sie Siegespalmen, das Attribut der Siegesgöttin.

Attiken und Reliefs

Dem Betrachter sticht auch gleich die aufwändige ornamentale Gestaltung der Attiken der beiden Saalblöcke ins Auge.

Nach Plänen Hansens sollte die Attika mit thematischen Anspielungen auf die Monarchie geschmückt sein, ähnlich den anderen Gebäudeteilen.

Zwischen den Quadrigensockeln ist ein ganzes Band von Reliefs zu sehen: 50 insgesamt. Sie versinnbildlichen die Kronländer, Flüsse und Städte der Donaumonarchie.

Über diesen Reliefs ragen 44 allegorische Figuren – jede von ihnen 2,2 Meter hoch – auf, die die ideale Personifikation menschlicher Tugenden, verschiedener Industrie- und Gewerbezweige sowie einzelner Berufe darstellen.

Besonderes Augenmerk hat Theophil Hansen den acht Quadrigensockeln geschenkt. Sie schließen die Attiken der beiden Saalbauten ab. Auf ihnen sind 16 Reliefs angebracht, die von je zwei Statuen flankiert werden.

Darstellung der Bereiche des öffentlichen Lebens

Nach Hansens Plänen soll jedes Relief mit zwei Gestalten einen Wirkungsbereich des öffentlichen Lebens darstellen, in dem sich die abgebildeten Persönlichkeiten verdient gemacht haben.

So flankieren beispielsweise Augustus und Theseus das Relief "Wohlstand" auf dem Herrenhaus. Am Abgeordnetenhaus wird "Wissenschaft" von den Forschern Archimedes und Marcus Terentius Varro umgeben.

Die Quadrigen

Hoch auf den Attiken der beiden Saalbauten ragen die Quadrigen frei gegen den Himmel, jeweils vier auf dem Herrenhaus und vier auf dem Abgeordnetenhaus. Diese Pferdegespanne sollen den Triumph der parlamentarischen Tätigkeit symbolisieren. Die Quadrigen wurden nach dem Entwurf des Bildhauers Vincenz Pilz als Bronzegüsse gefertigt.

Bereits im August 1883 konnte die erste Quadriga aufgesetzt werden, 1885 wurde die letzte platziert. Die Göttin Nike steht in einem einachsigen Wagen mit niederem, halbrunden Wagenkasten. Dessen Vorderseite ist mit dem Doppeladler der Monarchie geschmückt. Die Quadrigen vermitteln durch ihre Gestaltung eine große Dynamik. Verstärkt wird dieser Eindruck auch noch durch die kraftvolle Gestaltung der Pferde.

Renoviert zwischen 2000 und 2009

Carl Turbain, der die acht Pferdegespanne seinerzeit in Bronze goss, garantierte schriftlich, dass die Quadrigen 2000 Jahre Bestand haben würden. Dennoch mussten sie schon nach rund 100 Jahren einer umfassenden Restaurierung unterzogen werden, die in den Jahren 2000 bis 2009 vorgenommen wurde. Seither erstrahlen die Quadrigen wieder in neuem Glanz.