LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:10

Sie tragen schweres Gebälk, stützen Balkone, Gesimse und Portale mit eleganter, gelassener Leichtigkeit: Karyatiden, weibliche Stützfiguren, die im 19. Jahrhundert überaus beliebt waren.

Ihre mythologische Herkunft und ihre Bedeutung sind umstritten.

Nach der Theorie des römischen Schriftstellers Vitruvius geht der Name Karyatiden auf die Stadt Karyai in Lakonien zurück. Die Frauen dieses Ortes sollen wegen ihrer Unterstützung für den persischen Feind verhaftet und zu öffentlicher Arbeit verpflichtet worden sein. Unter Hinweis auf ihre Dienstbarkeit als Lastenträgerinnen seien sie deshalb in der Architektur als Stützfiguren eingesetzt worden.

Eine andere Legende besagt, dass die Karyatiden auf Jungfrauen zurückgehen, die beim Fest der Artemis im Tempel von Karyai tanzten.

Vorfahrinnen der modernen Models

Sie vermitteln ästhetischen Genuss und erotisieren die Erscheinung der Gebäude, die sie schmücken. Im 20. Jahrhundert verschwanden Frauenfiguren generell und damit auch Karyatiden und Koren fast vollständig aus der Architektur.

Sie wechselten auf Reklametafeln, in Magazine und andere Medien, wo sie als Werbeträgerinnen zu Objekten von Sehnsucht und Begierde wurden. Man kann Karyatiden also als Vorfahrinnen der Werbe-Models von heute sehen.

Allseits beliebt, allerorts zu finden

Nicht erst in der griechischen Klassik hielten weibliche Stützfiguren Einzug in die Architektur: Man kennt sie auch aus der älteren vorderasiatischen und der ägyptischen Kunst.

Im Parlamentsgebäude finden BetrachterInnen Karyatiden in unterschiedlichen Varianten.

Für die beiden Sitzungssäle des Herren- und des Abgeordnetenhauses hatte der Architekt Theophil Hansen weibliche und männliche Stützfiguren für die darüber liegenden Galerien vorgesehen.

Die Anlehnung an die antiken Karyatiden- bzw. Korai-Plastiken beschränkt sich bei diesen Figuren allerdings auf ihre Gesichtszüge und Kopfbedeckung. Mit entblößter Brust und einem mit der Hand gerafften Tuch um die Hüften, weichen sie von den antiken Vorbildern ab. Die untere Körperhälfte, zu einem viereckigen Pfeiler abstrahiert, erinnert an antike Hermen.

Viel stärker ist der Bezug zur Antike bei den weiblichen Stützfiguren an der Außenseite des Parlamentsgebäudes. Als Stützen für die Vordächer der Zugänge zu den beiden historischen Sitzungssälen des Herren- und des Abgeordnetenhauses wählte Hansen Karyatiden-Nachbildungen der Korenhalle des berühmten Erechtheion-Tempels auf der Akropolis.

Die jeweils vier Frauenpaare gleichen den weiblichen Figuren des antiken Palastes weitgehend. Paarweise angeordnet, tragen sie lange, in weichen Falten fallende Gewänder und unterscheiden sich nur in Beinstellung und Armhaltung. Sie wirken unangestrengt und leicht, als ob sie die schwere Last ganz ohne Mühe tragen könnten.

Oft in Wien zu finden

Die österreichischen Architekten und Baumeister des 19. Jahrhunderts bedienten sich gerne der Karyatiden und Koren, um ihre Werke zu ornamentieren.

Die weiblichen Gebälkträgerinnen begegnen uns in den unterschiedlichsten Formen und Kontexten: bei den Zugängen zum Parlament mit langen Gewändern bekleidet als würdevolle Jungfrauen, als Schönheiten mit entblößter Brust in den historischen Plenarsälen wie auch im Großen Saal des Wiener Musikvereins oder als leicht gewandete Torwächterinnen privater Paläste, wie etwa beim Palais Pallavicini in Wien.