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Aneignung des Parlamentsgebäudes durch die National­sozialisten

Das Parlamentsgebäude beherbergte nach der Ausschaltung des Nationalrats durch die Regierung Engelbert Dollfuß am 4. März 1933 formal weiterhin zunächst den Bundesrat und nach Inkrafttreten der Maiverfassung des Jahres 1934 den Bundestag. Diese scheinparlamentarische Nutzung kam mit der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland zu einem Ende.

Als frühere Hauptstadt der Habsburgermonarchie besaß Wien eine große Anzahl öffentlicher Repräs­en­ta­ti­ons­gebäude, die nach der NS-Machtübernahme einer Neubestimmung zugeführt werden sollten. Dies galt auch für das Parlamentsgebäude: Zunächst wurde es zum Sitz des Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich umfunktioniert. Ab 1940 nutzte es die Wiener NSDAP als Gauhaus, bis es im Luftkrieg teilweise zerstört wurde.

Hauptquartier der Angliederungsbehörde

Die siebenjährige Nutzung des Parlamentsgebäudes durch nationalsozialistische Einrichtungen begann am 17. März 1938, fünf Tage nach dem „Anschluss“, mit der Ernennung Josef Bürckels zum Be­­auf­trag­ten Adolf Hitlers für die Volksabstimmung in Österreich und zum kommissarischen Leiter der NSDAP. Nach der Volksabstimmung wurde er Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, später übernahm er das Amt des Gauleiters und Reichsstatthalters von Wien.

Als Dienststelle wählte Bürckel mit dem Par­la­ments­ge­bäu­de einen großen und repräsentativen Bau im Stadt­zent­rum. Von diesem Hauptquartier aus wurde die Be­völ­ker­ung mit nationalsozialistischer Propaganda überzogen, galt es doch, eine möglichst hohe Zustimmung zum „An­schluss“ zu erreichen. Ein Bericht im gleichgeschalteten „Neuen Wiener Tagblatt“ vom 22. März illustriert die pro­pa­gan­distischen Mühen der Nazis: „Das Parlament ist kaum wiederzuerkennen, so hat es sich nach Oesterreichs toter Zeit wieder verlebendigt. […] Da ist kein Zimmer, das nicht von Beamten, Werbeschriften und -bildern, Zeitungs­bergen und Schreibmaschinengeklapper erfüllt wäre.“

Die Bedeutung des Gebäudes als Amtssitz wuchs mit den zahlreichen Ämtern, die Bürckel innehatte. Sein Nach­folger Baldur von Schirach machte das Parlament zur Parteizentrale der NSDAP und erklärte es zum Gauhaus.