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Parlamentskorrespondenz Nr. 508 vom 27.06.2001

Format:
Veranstaltungen
Stichworte:
Parlament/Ausstellung/Rosa Jochmann

GEDENKEN AN ROSA JOCHMANN

Ausstellungseröffnung im Hohen Haus

Wien (PK) - Nationalratspräsident Heinz Fischer eröffnete heute aus Anlass des 100. Geburtstages der österreichischen Widerstandskämpferin, moralischen Instanz und langjährigen Abgeordneten Rosa Jochmann (1901-1994) im Hohen Haus eine Ausstellung, in der das Leben und Wirken der grossen Sozialistin und Antifaschistin dargelegt wird. An der Veranstaltung nahmen zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teil, darunter der ehemalige Nationalratspräsident Leopold Gratz, die ehemaligen Minister Kurt Steyrer und Franz Hums, Bundesratsvizepräsidentin Anna Elisabeth Haselbach sowie zahlreiche ehemalige und aktive Abgeordnete. Fischer sagte zu Beginn seiner Ausführungen, er sei erfreut, wie zahlreich das Publikum der Einladung Folge geleistet habe, und Rosa Jochmann habe sich das auch verdient. Ihre Biographie könne er als bekannt voraussetzen, sagte der Nationalratspräsident, der stellvertretend jene Anekdote erzählte, nach der die kleine Rosa Jochmann ein Bild von Karl Marx anbetete, weil sie diesen ob seiner Erscheinung für den Herrgott hielt. Und in der Tat sei Jochmann auch von christlichen wie auch sozialdemokratischen Tugenden geprägt worden, wie ihre Fähigkeiten zur selbstlosen Hilfe, zur Treue und auch zu Begeisterung gezeigt hätten.

Während der Jahre des Faschismus habe sie anderen Trost gespendet und Mut zugesprochen, und es sei bekannt, wie großartig sie sich in Ravensbrück verhalten habe. Mit 44 endlich wieder frei, habe sie sich sofort dem Aufbau der Partei, der sie so viel gegeben hat, gewidmet, und selbst nach ihrer Pensionierung sei ihr Arbeitseifer nicht erlahmt. Im Gegenteil, ihre Aufklärungsarbeit sei ein ganzes Kapitel, über welches man viel erzählen könnte.

Mit dieser Ausstellung werde an eine Frau erinnert, auf die ganz Österreich stolz sein könne, eine vorbildliche Demokratin und eine Person, die besser als manche mit dieser Zeit umgehen konnte, die zwar einerseits niemals vergaß, die aber andererseits keinen Hass und keine Versteinerung fühlte, sondern ein warmes Herz besaß, stets diskussionsbereit einfach Zeugnis ablegte. Vor Rosa Jochmann, schloss Fischer, hege er aus all diesen Gründen "ganz großen Respekt".

Der Bezirksvorsteher von Simmering, Abgeordneter a.D. Otto Brix, ging auf das Wirken seiner Bezirksgenossin Jochmann im gemeinsamen Heimatbezirk ein und meinte, es sei gerade in dieser Zeit wichtig, ihre Worte und ihr Leben in Erinnerung zu bringen. Angesichts der enormen Verdienste Jochmanns und ihres Lebenslaufes sei es ein "Akt der Verachtung", dass die FPÖ der Anbringung einer Gedenktafel an ihrem Wohnhaus nicht zugestimmt habe, vor allem, wenn man weiß, was sie erdulden musste. Jochmann sei die Menschenwürde stets das Wichtigste gewesen, betonte Brix, der sodann Bundespräsident Klestil zitierte: Mit Worten hat es begonnen. Worte, so Brix, könnten Ressentiments hervorrufen, "und Ressentiments wollen wir nicht und hat auch Rosa Jochmann nie gewollt."

Der Vorsitzende des Bunds Sozialistischer Freiheitskämpfer, Abgeordneter a.D. Alfred Ströer, überbrachte die Grüße von Altnationalratspräsident Anton Benya und dankte Heinz Fischer für die Gelegenheit, die langjährige Vorsitzende der Freiheitskämpfer an diesem Ort würdigen zu können. Er erinnerte an eine Begebenheit, die dem Zeitzeugen Franz Danimann widerfahren war, als er eine Direktorin einer Schule nach dem Grund fragte, weshalb sie ihn eingeladen habe. Sie habe, so antwortete die Pädagogin, als Schülerin einen Vortrag von Rosa Jochmann gehört, und dieser habe sie so beeindruckt, dass sie sich damals geschworen habe, wenn sie einmal die Möglichkeit habe, eine solche Veranstaltung auszurichten, dann werde sie das tun. Heftigen Applaus erntete Ströer, als er den Forderungen Professor Burgers, man solle mit der Diskussion über die NS-Zeit enden, eine scharfe Absage erteilte. Der BSF werde vielmehr weiter im Sinne von Rosa Jochmann informieren und aufklären.

Ex-Frauenministerin Barbara Prammer würdigte das Wirken der Politikerin Jochmann, dabei exemplarisch auf ihre Tätigkeit als Gewerkschafterin, Abgeordnete und Antifaschistin eingehend. Es sei das grosse Vermächtnis Jochmanns, dass man nicht nur "niemals vergessen" dürfe, sondern dass man auch wachsam sein müsse, betonte Prammer, die sich den Dankeswünschen der Vorredner anschloss.

Umrahmt wurde die Veranstaltung durch eine Lesung aus den Werken Jochmanns sowie durch die Darbietung von Arbeiterliedern, die das Ensemble "DoReMiFaSo" vortrug.

LEBEN UND WIRKEN DER ROSA JOCHMANN

Rosa Jochmann wurde am 19. Juli 1901 in Wien geboren und schloss sich bereits in früher Jugend der Arbeiterbewegung an. Seit 1915 als Arbeiterin beschäftigt, engagierte sie sich in der Gewerkschaft der Chemiearbeiter, deren Sekretärin sie 1925 wurde. 1932 übernahm sie das Amt der Zentralsekretärin der Sozialistischen Frauen, ein Jahr später wurde sie in den Bundesparteivorstand der Sozialdemokraten gewählt. Nach dem Verbot der Arbeiterorganisationen arbeitete sie in der Illegalität und wurde dafür vom austrofaschistischen Regime mehrere Monate in Polizeihaft genommen. 1939 von der Gestapo verhaftet, wurde sie im April 1940 in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht, wo sie bis zum Untergang des Nationalsozialismus eingesperrt war.

Nach der Rückkehr aus der KZ-Haft wurde sie Vorsitzende der SPÖ-Frauen, stellvertretende Vorsitzende der SPÖ und, 1948, Vorsitzende des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus, letzteres ein Amt, welches sie bis zu ihrem Tod bekleidete. Überdies wirkte Jochmann von 1945 bis 1967 als Abgeordnete zum Nationalrat. Noch bis ins hohe Alter reiste Jochmann unermüdlich durch zahllose Schulen, um als Zeitzeugin von den Ereignissen 1938 bis 1945 zu berichten und aufklärerisch zu wirken. Durch ihre unermüdliche Tätigkeit erwarb sie sich Respekt weit über die Parteigrenzen hinaus und galt als unbestrittene moralische Instanz der Republik. Sie starb am 28. Jänner 1994.

Die Ausstellung gliedert sich in die Abschnitte "Raues Leben in Simmering" (über die Jugend Jochmanns), "Wir kommen wieder" (Widerstand gegen den Faschismus), "Unsere Blockova Rosl" (die Jahre im KZ), "Niemals Vergessen" (nach dem Ende des NS-Terrors), "Nie zusehen, wenn Unrecht geschieht" (die Jahre als Abgeordnete), "Wir haben eine Welt zu gewinnen" (Jochmann als Frauenpolitikerin), "Trotz alledem" (Jochmann und der BSF), "Doch die Menschen liebe ich über alles" (das Vermächtnis der Rosa Jochmann). Die Exhibition ist allen Besuchern des Parlaments zugänglich und soll danach auch in den Bundesländern gezeigt werden.

(Schluss)

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