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Parlamentskorrespondenz Nr. 62 vom 24.02.2003

Format:
Entdeckungen und Begegnungen
Stichworte:
Parlament/Entdeckungen und Begegnungen

OPFER IM KAMPF FÜR DEMOKRATIE UND FREIHEIT

Koloman Wallisch (1889 - 1934) und Felix Kanitz (1894 - 1940)

Wien (PK) - Wer das Parlamentsgebäude durch das Tor IV verlässt, kann neben dem Eingang eine Gedenktafel für den sozialdemokratischen Politiker Koloman Wallisch sehen. Die Tafel wurde im Zuge der Renovierung der reichsratsstraßen-seitigen Front des Parlamentsgebäudes abgenommen. Sie wurde im November 2003 wieder angebracht, ergänzt um eine Erinnerung an den sozialdemokratischen Bundesrat Felix Kanitz, der am 29. März 1940 im Alter von 46 Jahren im KZ Buchenwald starb. (Eine Kurzbiographie über Felix Kanitz siehe PK Nr. 609 vom 17. September 2001.)

KOLOMAN WALLISCH (1889 - 1934)

Koloman Wallisch wurde am 28. Februar 1889 im ungarischen Lugos als 10. Kind einer ungarschwäbischen Familie geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters musste Wallisch die Schule verlassen und sich am Bau verdingen. Dort absolvierte er später eine Maurerlehre und ging daraufhin auf die Walz, die ihn in verschiedene Städte der Donaumonarchie führte. 1910 wurde er zum Militär eingezogen, wo er seine dreijährige Dienstzeit absolvierte. Nur wenig später wurde er wegen des ausgebrochenen Weltkrieges abermals zu den Waffen gerufen und diente in der Folge bis zum Kriegsende in der K.&.K-Armee.

Schon in seiner Jugend der Arbeiterbewegung angehörend, machte ihn das Fronterlebnis endgültig zum engagierten Sozialdemokraten. Bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Krieg begab er sich in das nächstgelegene Arbeiterheim und stellte sich der Partei zur Verfügung.

Als im März 1919 die ungarische Räterepublik ausgerufen wurde, war Wallisch ein Befürworter dieses politischen Experiments. Er unterstützte die Regierung um Belá Kun und Georg Lukács, votierte aber strikt für eine Abgrenzung der Sozialdemokratie von der Kommunistischen Partei. Ähnlich Maxim Gorki vertrat er ein Konzept eines sozialistischen Pluralismus, in dem alle linken Weltanschauungen in einen solidarischen Wettstreit treten sollten. Doch bereits im August 1919 wurde die Räterepublik von der Reaktion niedergeschlagen, woraufhin Wallisch, wie auch alle anderen Exponenten der Linken, aus Ungarn flüchten musste. Er ließ sich mit seiner Familie zunächst im slowenischen Maribor nieder, ehe er 1920 nach Österreich kam.

Dort wurde er im Februar 1921 Bezirksparteisekretär der österreichischen Sozialdemokratie in Bruck an der Mur, wo er sich rasch das Vertrauen der dortigen Arbeiterschaft erwarb, die in ihm einen kompromisslosen Anwalt ihrer Anliegen erkannte. Bald schon wurde seine unermüdliche Tätigkeit mit der Wahl in den steiermärkischen Landtag belohnt.

Wallischs Beliebtheit begründete sich dabei nicht nur auf seine enorme rhetorische Begabung, sondern auch auf sein Bestreben, allen Menschen ein Ombudsmann zu sein. Dass er überdies noch ein gefragter Harmonikaspieler war, der nach politischen Versammlungen gerne zum Tanz aufspielte, vermochte seine Popularität noch zu steigern.

Dafür freilich hasste ihn die Rechte umso mehr. Bereits im November 1929 wurde ein Attentat auf ihn verübt, dem er aber unverletzt entkam. Im Jahr darauf wurde er bei der letzten Nationalratswahl der Ersten Republik zum Abgeordneten gewählt. Wallischs entschlossene Haltung zeigte sich erneut im September 1931, als es seiner Koordination zu verdanken war, dass der nazistische Pfrimerputsch durch das rasche Handeln der Arbeiterschaft schon nach wenigen Stunden zusammenbrach. Für die Rechte wurde Wallisch darum nur noch mehr zum "Bolschewik", von dem sie behauptete, er habe als Politkommissar während der Räterepublik in Ungarn unzählige Menschen eigenhändig gefoltert oder gar ermordet. Die Arbeiterschaft aber nahm derlei Lügen gar nicht erst zur Kenntnis, und die steirischen Sozialdemokraten wählten Wallisch 1933 zu ihrem Landesparteisekretär.

Dass seine Gegner ihn zu Recht fürchteten, bewies Wallisch zuletzt während der Ereignisse des Februar 1934, als er als einziger sozialdemokratischer Spitzenfunktionär der Offensive das Wort redete. Konsequenterweise war der Widerstand der Brucker Arbeiter auch einer der längstanhaltenden. Schließlich musste aber auch Wallisch das Scheitern der Bemühungen einsehen, die Demokratie vor Dollfuß zu retten. Dies umso mehr, als in Wien jeder Widerstand zusammengebrochen war; Wallisch versuchte, sich mit seinen Getreuen abzusetzen.

Er war nun ein Gejagter. Die Regierung setzte eine Belohnung von 5.000 Schilling auf seinen Kopf aus und beschrieb ihn in einem Steckbrief als "brutal". Zuletzt nur noch von wenigen Schutzbündlern begleitet, versteckte sich Wallisch auf einer Almhütte, wurde jedoch verraten und am 18. Februar 1934 verhaftet. Trotz seiner Immunität als Abgeordneter machte ihm die Regierung Dollfuß einen Standgerichtsprozess und verurteilte ihn nur wenige Stunden nach der Verhaftung zum Tode. Noch vor Mitternacht wurde das Urteil vollstreckt, wobei Wallisch, als sein Hals in die Schlinge des Henkers fiel, noch "Freiheit" rief. Im Gefängnis, das zu diesem Zeitpunkt mit einer großen Zahl an Arbeitern und fortschrittlichen Bürgern gefüllt war, erklang daraufhin die "Internationale" als Tribut an den sozialdemokratischen Politiker.

Die Regierung wollte weitere Sympathiekundgebungen für Wallisch verhindern und ließ ihn anonym in Leoben begraben. Seit dem italienischen Sozialisten Cesare Battisti hatte Österreich damit erstmals wieder einen seiner eigenen Abgeordneten ums Leben gebracht. (Schluss)

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