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Parlamentskorrespondenz Nr. 134 vom 05.03.2007

Themenfelder:
Frauen/Bundesrat
Format:
Entdeckungen und Begegnungen
Stichworte:
Parlament/Frauen/Rudel-Zeynek

Olga Rudel-Zeynek - eine Pionierin im Parlament

Weltweit erste Frau an der Spitze einer gesetzgebenden Körperschaft

Wien (PK) – Unweit des Empfangssalons des Parlaments mit seiner eleganten Galerie der Nationalratspräsidenten, im Vorzimmer des Sitzungssaals des Bundesrats, stößt der interessierte Besucher, die interessierte Besucherin auf ein Porträt von Olga Rudel-Zeynek. Die christlich-soziale Politikerin war in der Ersten Republik zweimal Vorsitzende des Bundesrats und damit weltweit die erste Frau an der Spitze einer gesetzgebenden Körperschaft. Dennoch ist Olga Rudel-Zeynek heute in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.



Olga Rudel-Zeynek entstammte einer altösterreichischen, katholisch geprägten Beamtenfamilie und wurde am 28. Jänner 1871 in Olmütz (Olomouc), im Nordosten der heutigen Tschechischen Republik, als Olga Zeynek geboren. Ihr Vater, Gustav Zeynek, war dort Direktor der Lehrerbildungsanstalt. Später zog die Familie aus beruflichen Gründen nach Troppau um.

Zeynek erhielt die in guten Familien übliche Erziehung für Mädchen. Sie absolvierte eine Bürgerschule und besuchte anschließend eine Höhere Töchterschule im Ursulinen-Kloster in Freiwaldau. 1892 übersiedelte ihre Familie – mittlerweile war ihr Vater in den Ritterstand erhoben worden – nach Wien. Dort heiratete Olga von Zeynek 1897 den Offizier Rudolf Rudel. An seiner Seite lebte sie in verschiedenen Garnisonsstädten der österreichisch-ungarischen Monarchie, etwa in Trient, Lemberg, Ödenburg (Sopron) und Tarnopol.

Der Kriegsbeginn überraschte Zeynek in Graz, wo sie Verwandte besucht hatte und wo sie sich schließlich auch niederließ. Sie begann sich karitativ zu betätigen, verteilte etwa Lebensmittel an Bedürftige, half ehrenamtlich in einer Kriegsküche und wurde in katholischen Frauenverbänden aktiv. Gleichzeitig begann sie, Märchen und Erzählungen zu verfassen, die in verschiedenen steirischen Zeitungen erschienen. 1918 wurde ihre Ehe geschieden.

Nach der Ausrufung der Republik und der Zuerkennung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts engagierte sich Rudel-Zeynek im Wahlkampf für die Konstituierende Nationalversammlung, blieb jedoch vorerst ohne Mandat. Dafür gelang ihr im Mai 1919 der Einzug in den steiermärkischen Landtag, in dem sie eine rege Tätigkeit entfaltete. Mehrere Berichte Rudel-Zeyneks von Wahlversammlungen zeugen von der großen Skepsis, die damals Frauen in der Politik entgegengebracht wurde.

Ende 1920 konnte Rudel-Zeynek schließlich doch in den Nationalrat wechseln, nachdem Abgeordneter Kaspar Hosch zuvor sein Mandat zurückgelegt hatte. In der darauf folgenden II. Gesetzgebungsperiode (1923-1927) war sie sogar die einzige bürgerliche Abgeordnete im Hohen Haus. Bis Mai 1927, als ihr Mandat erlosch, kämpfte sie unter anderem für die Interessen einzelner Frauenberufsgruppen, für eine bessere Mädchenbildung, für Kinder- und Jugendschutz und gegen Frauenarbeitslosigkeit und "sittliche Verwahrlosung". Manche ihrer Initiativen, wie ein Alkohol-Abgabeverbot an Jugendliche, sind heute noch aktuell.

Parallel zu ihrer parlamentarischen Tätigkeit war Rudel-Zeynek auch in der christlichsozialen Partei – etwa als Mitglied der Bundesparteileitung – und in diversen Frauenorganisationen aktiv und nahm auch an internationalen Kongressen und Beratungen teil.

1927 kandidierte Rudel-Zeynek nicht mehr für den Nationalrat, stattdessen entsandte der steiermärkische Landtag sie am 21. Mai 1927 in den Bundesrat, dessen Mitglied sie bis zu seiner Auflösung Ende April 1934 blieb. Zweimal, vom 1. Dezember 1927 bis zum 30. Mai 1928 und vom 1. Juni bis zum 30. November 1932, führte sie turnusgemäß den Vorsitz in der Länderkammer.

Rudel-Zeynek war, wie die damals amtierende Bundesratspräsidentin Sissy Roth-Halvax im Juni 2006 festhielt, während ihrer politischen Tätigkeit als "Biene des Parlaments" bekannt. Dennoch war es in den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit, eine Frau an die Spitze der Länderkammer zu berufen. Das zeigt auch ein Ausschnitt aus ihrer Antrittsrede: "Dass ich heute auf diesem Platze stehen darf, danke ich der bei uns in Österreich in jeder Hinsicht durchgeführten Demokratie und ich hoffe und bitte, dass Sie als echte Demokraten der Tätigkeit der ersten Frau, die an die Spitze einer parlamentarischen Körperschaft berufen worden ist, Ihre kollegiale Unterstützung gewähren werden", wandte sie sich an das Plenum.

Ein halbes Jahr später meinte ihr Nachfolger Richard Steidle etwas gönnerhaft: "Wenn es eines Beweises für die Eignung der Frau zu solch öffentlicher Würde bedurft hätte, unsere Kollegin Frau Rudel-Zeynek hat ihn erbracht."

Für ihre Tätigkeit in der Ersten Republik, vor allem für ihr soziales Wirken, wurde Rudel-Zeynek mehrfach ausgezeichnet. So erhielt sie 1931 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 1932 das päpstliche Ehrenkreuz "Pro Ecclesia et Pontifice" und 1935 das Bürgerrecht der Stadt Graz. Zu den Organisationen und Vereinen, in denen sie aktiv war, zählten u.a. der Verein der Witwen und Waisen nach öffentlichen Beamten in Graz, der Katholische Frauenverein der werktätigen christlichen Liebe und der Verein "Fest der Treue". Überdies war Rudel-Zeynek Vizepräsidentin der Zentralstelle für Kinderschutz und Jugendfürsorge in Wien und österreichische Ehrendelegierte der Internationalen Vereinigung für Kinderhilfe in Genf. "Abgeordnete haben die Pflicht, sich zu plagen, wer Ruhe und Bequemlichkeit liebt, suche einen anderen Beruf", schrieb sie schon 1921 über ihr Selbstverständnis als Parlamentarierin.

Nach der Ausschaltung des Parlaments in Österreich Mitte der 30-er Jahre verlegte sich Rudel-Zeynek verstärkt auf karitative Tätigkeiten und ging auch ihrer schriftstellerischen Tätigkeit weiter nach. Dem "Ständestaat" stand sie dabei durchaus positiv gegenüber, wie Andrea Ertl in einer Broschüre der Parlamentsdirektion schreibt. Vor den Gefahren des Nationalsozialismus warnte sie hingegen bereits Anfang der 30-er Jahre. Später äußerte sie sich über die Zeit der NS-Herrschaft: "Wir mussten schweigen, durften kein Wort der Kritik, keine eigene Meinung äußern; so wurden wir hart und voll Bitterkeit."

Rudel-Zeynek erlebte noch die Wiedererrichtung des freien Österreich, doch verzichtete sie weitgehend auf politische Aktivitäten. Sie legte aber großen Wert darauf, anlässlich der Wahlen im November 1945 vor allem die Frauen aufzufordern, zur Wahlurne zu gehen und ihr demokratisches Recht wahrzunehmen. Im August 1948 starb die politische Pionierin schließlich an den Folgen eines Schlaganfalls.

Das Porträt im Vorzimmer des Sitzungssaals des Bundesrats stammt von Helga Druml. Die in Villach geborene und in Nötsch im Gailtal aufgewachsene Malerin arbeitet gern mit Ausschnitten und mit Kontrasten und rückte auch bei dem im Jahr 2006 entstandenen Bild das zentrale Motiv an den Rand. Es zeigt Rudel-Zeynek sitzend an ihrem Schreibtisch, hinter ihr, im Zentrum, ein schwarzhaariger Bub mit Victory-Zeichen. Er soll an das Engagement Rudel-Zeyneks für Kinder erinnern, wie überhaupt das Porträt zahlreiche Symbole enthält.

Eine umfassende biographische Skizze über Rudel-Zeynek – mit einer Reihe von Quellenhinweisen – hat Andrea Ertl für eine von der Parlamentsdirektion im Jahr 2003 herausgegebenen Broschüre verfasst. Diese Broschüre ist im Volltext auf der Homepage des Parlaments im Virtuellen Lesesaal (Menüpunkt Service und Kontakt) abrufbar. (Schluss)

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