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Parlamentskorrespondenz Nr. 358 vom 14.05.2007

Themenfelder:
Parlament allgemein/Bildung
Format:
Entdeckungen und Begegnungen
Stichworte:
Parlament/Geschichte/Epstein/Glöckel/Bühler

Gleiche Bildungschancen für alle: Der Schulreformer Otto Glöckel

Das Epstein war auch Wirkungsstätte von Karl und Charlotte Bühler

Wien (PK) – In unserer Rubrik "Entdeckungen und Begegnungen" bringen wir heute einen Beitrag über Otto Glöckel, den großen Schulreformer, sowie über Karl und Charlotte Bühler, deren psychologische Forschungen weit über die Schulreform hinaus wirksam wurden. Zwei Gedenktafeln am Palais Epstein erinnern an ihr Wirken. In unregelmäßiger Folge erscheinen in dieser Rubrik neben den Beiträgen über den figuralen Schmuck am Parlament historische Reportagen über Reden, die Geschichte machten sowie über den Weg zum Wahlreform des Jahres 1907.

"Eine neue Schulorganisation ist entstanden, das innere Wesen der Schule hat sich von Grund auf geändert. Das ist das Werk der Sozialdemokraten, die in Wien 1919 zur Herrschaft gelangten. In der Sorge um die Jugend, in der Erkenntnis, dass die Demokratie sich erst dann voll entfalten kann, wenn das Volk eine möglichst demokratische Ausbildung genossen hat, ging die Gemeinde planmäßig und wohlüberlegt vor. Solange die Sozialdemokraten in der Bundesregierung saßen, waren von dort Anregungen zum Schulumbau ausgegangen." Mit diesen Worten charakterisierte ein Mann die Modernisierung des Schulwesens, der diese selbst an vorderster Front initiiert und durchgesetzt hatte. Otto Glöckel zählte in der Ersten Republik zu den politischen Schwergewichten seiner Partei und wird zu Recht auch heute noch als einer der wichtigsten Impulsgeber für eine vorbildliche Bildungslandschaft angesehen.

Erste Prägung

Otto Glöckel wurde am 8. Februar 1874 im niederösterreichischen Pottendorf geboren. Schon in seiner Jugend machte er die Erfahrung, dass Bildung ein Privileg der Besitzenden war. Die Kinder armer Leute konnten nur dann einen entsprechenden Bildungsweg einschlagen, wenn sie die Fürsprache des jeweiligen Pfarrers besaßen, was allerdings kaum der Fall war, wenn die Eltern des Kindes eine politische Ausrichtung hatten, die der Kirche nicht genehm war. Glöckel hatte mehr Glück als viele seiner Zeitgenossen, seine Eltern, selbst Lehrer, ermöglichten ihm den Besuch der Lehrerbildungsanstalt, sodass Glöckel 1892 den Lehrberuf auszuüben begann.

Er arbeitete als Hilfslehrer auf der proletarischen Schmelz, wo er seine bisherigen Erfahrungen eindrucksvoll bestätigt sah. Die Arbeiterkinder, die gezwungen waren, ihren Familien beim Broterwerb zu helfen, waren oft so übermüdet, dass sie im Unterricht einfach einschliefen. Glöckel war nicht bereit, diese Ungerechtigkeiten hinzunehmen und trat 1894 der Sozialdemokratischen Partei bei, um sich sogleich dem Sozialdemokratischen Lehrerverein anzuschließen, der sich um Karl Seitz und Paul Speiser gebildet hatte.

Dieser gab eine eigene Zeitung, die "Freie Lehrerstimme", heraus und forderte eine grundlegende Umgestaltung des Schulwesens. Damit freilich zogen sich die linken Lehrer den Unmut des katholisch dominierten Unterrichtswesens zu, und es konnte nicht verwundern, dass Glöckel 1897 gemeinsam mit anderen Aktivisten des Vereins aus dem Schuldienst entlassen wurde. Allein die Unterstützung der Partei, die ihm eine Arbeitsstelle in ihren Reihen zuwies, sicherte Glöckel fortan den Unterhalt.

1897 hielt aber auch ein schönes Erlebnis für Glöckel bereit, er lernte seine Ehefrau Leopoldine kennen, die im 12. Wiener Gemeindebezirk als Handarbeitslehrerin wirkte. Leopoldine Glöckel (1871-1937) sollte ihren Mann in der Folge bei seinem reformerischen Wirken tatkräftig unterstützen und als Mitglied des Wiener Gemeinderates (1919-1934) und Landtages (1922-1934) selbst maßgebliche politische Akzente setzen.

Im Parlament

Die nächsten zehn Jahre war Glöckel unermüdlich für die Ziele der Partei tätig, und so konnte es nicht verwundern, dass die Sozialdemokraten ihren führenden Theoretiker auf dem Gebiet des Bildungswesens 1907 in den Reichsrat entsandten. Glöckel kandidierte im Wahlkreis Joachimsthal im böhmischen Riesengebirge und setzte sich mit einem Vorsprung von rund 600 Stimmen gegen seinen deutsch-radikalen Widersacher durch. 1911 wurde er mit einem Vorsprung von rund 100 Stimmen wiedergewählt.



Für jemanden, der im Streben nach Wissen die höchste Tugend sah, musste der Ausbruch des Weltkrieges 1914 eine furchtbare Katastrophe sein, und im Gegensatz zu so manchem Parteikollegen engagierte sich Glöckel von Anfang an für die Beendigung des sinnlosen Völkermordens, was ihm im Mai 1915 – wiewohl als Abgeordneter eigentlich immun – eine Anklage vor dem Militärgericht einbrachte. Doch zu diesem Zeitpunkt war der "Hurra-Patriotismus" der ersten Stunde schon verflogen, die Militärs wagten es nicht, einen populären Mandatar auf diese Weise mundtot zu machen. Glöckel blieb auf freiem Fuß und widmete sich wieder seiner theoretischen Arbeit, die 1917 in dem Buch "Das Tor zur Zukunft" ihren bemerkenswerten Ausdruck fand. In diesem Werk legte Glöckel noch zu Zeiten der Monarchie den Grundstein für seine spätere Tätigkeit im Rahmen der Wiener Schulreform.

Mit dem Untergang Habsburgs musste sich Österreich politisch neu organisieren. Im Oktober 1918 konstituierte sich aus den Reihen der ehemaligen Reichsratsabgeordneten eine provisorische Nationalversammlung, der auch Glöckel angehörte. Kurze Zeit später, im November 1918, trat er als Unterstaatssekretär im Innenministerium in die Regierung ein.

Dort freilich fühlte er sich nicht wirklich wohl, und so war er erleichtert, als die Sozialdemokraten die ersten Wahlen in der neuen Republik gewannen. Sie stellten weiterhin den Regierungschef, und Otto Glöckel übernahm im März 1919 das Unterrichtsressort.

Der Weg zur neuen Schule

Endlich fand er die Gelegenheit, seine inhaltlichen Überlegungen, die er später noch in weiteren Publikationen -  "Die österreichische Schulreform" (1923), "Drillschule, Lernschule, Arbeitsschule" (1928), "Die Entwicklung des Wiener Schulwesens seit 1919" (1929) – konkret ausformulieren sollte, in die Praxis umzusetzen. Vom ersten Moment an erwies sich Glöckel in seinem neuen Amt als ein Verfechter der Gesamtschule und Gegner von Bildungsprivilegien sowie als Kämpfer gegen die kirchliche Vormachtstellung in den öffentlichen Schulen. Sein Ziel war unter anderem die Demokratisierung der Schule (organisatorische und inhaltliche Mitbestimmung der Lehrer, Eltern und Schüler) und eine Abkehr von der reinen Lernschule (Drillschule). Bereits seine ersten Schritte hatten Signalwirkung: In seinem Erlass vom 22. April 1919 sichert er Frauen den freien Zugang zu den Universitäten. Besondere Bedeutung hatte auch der sogenannte Glöckel-Erlass, in dem die verpflichtende Beteiligung der SchülerInnen am Religionsunterricht sowie das tägliche Schulgebet abgeschafft wurden.

Doch viel Zeit war Glöckel als Ressortverantwortlichem nicht gegönnt. Bereits im Sommer 1920 zerbrach die große Koalition, und bei den Wahlen zum neuen Nationalrat – Glöckel kandidierte wie 1919 für den Wahlkreis Währing/Döbling – fiel die Sozialdemokratie auf Rang zwei zurück. Es bildete sich eine Bürgerblockregierung, und im Oktober 1920 schied Glöckel daher aus der Regierung aus. Wiewohl er bis 1934 Abgeordneter bleiben sollte, verlegte Glöckel den Schwerpunkt seines Wirkens nunmehr auf die Ebene der Wiener Kommunalpolitik, wo unter Bürgermeister Jakob Reumann ein überaus bemerkenswertes Reformprogramm umgesetzt wurde. Bis 1934 wirkte Glöckel als geschäftsführender Präsident des Wiener Stadtschulrats an diesem großen Aufbauwerk führend mit. Im Zentrum seines Tuns stand dabei die "Wiener Schulreform".

Die große Schulreform

Die Wiener Schulreform gilt als eines der wichtigsten Reformprojekte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit Hilfe von Schule und Erziehung sollte ein neuer Mensch geschaffen werden, der die Zwänge des 19. Jahrhunderts hinter sich lassen würde.

Die Sozial- und Bildungspolitik im "Roten Wien" der Ersten Republik Österreichs befand sich in einer Aufbruchstimmung: Neben der Schulreform wurde das Volksbildungswesen ausgebaut, Kindergärten und Horte geschaffen und erstmals Erziehungsberatungsstellen eingerichtet. Dabei stellte sich die Frage nach einer praxisnahen Psychologie und Pädagogik und einer Neuorientierung der Psychologie der Schülerpersönlichkeit. Die althergebrachten Ausbildungsmodelle konnten da nicht mehr genügen, in die pädagogische Theorie und Praxis flossen deshalb immer mehr die Erkenntnisse der Psychologie ein. Neben Beiträgen der Wiener Schule der Psychologie unter Karl und Charlotte Bühler war die Wiener Schulreform hauptsächlich das Werk der Individualpsychologie Alfred Adlers. Die Individualpsychologie mit ihrem zentralen Begriff Gemeinschaftsgefühl entsprach dem Bedarf der sozialdemokratischen Schulreformer an praktisch anwendbarem pädagogischem und psychologischem Wissen im Erziehungsbereich und unterstützte deren reformpädagogische Konzepte.

Das wichtigste Ziel der Wiener Schulreform war dabei die Schaffung eines der neuen demokratischen Republik angemessenen Schulsystems mit demokratischem Erziehungsstil, Gemeinschaftsgesinnung und gleichen Bildungschancen für alle Kinder, unabhängig von Geschlecht und Herkunft.

Im Zuge der Reform wurden die Schulverwaltungen demokratisiert, der Lehrbetrieb modernisiert, die Lehrpläne überarbeitet, die Lehrerausbildung erneuert und Ansätze einer Schülerselbstverwaltung verwirklicht. Der Volksschulunterricht umfasste die drei Prinzipien: Arbeitsunterricht (Arbeitsschule), Gesamtunterricht und Bodenständigkeit. Die innere Schulreform baute auf der psychologischen Forschung über die Kinderseele auf, nicht zuletzt auf den Arbeiten von Charlotte Bühler. Der Religionsunterricht wurde fakultativ. Die Herausgabe einer Reihe neuer Bücher begründete den Ruf der "Wiener Schulbuchkultur". Viele der leitenden ErzieherInnen, Schuladministratoren, LehrerInnen, SozialarbeiterInnen und SozialwissenschaftlerInnen wandten dabei die Individualpsychologie in Theorie und Praxis an.

Im Mittelschulbereich war Carl Furtmüller, ein Freund Adlers, tätig, der auch enger Mitarbeiter in Glöckels Reformabteilung war. Die Individualpsychologie eignete sich in der Pädagogik besonders für die Beurteilung der Schülerpersönlichkeit und das Erkennen und Korrigieren von Fehlhaltungen. Anstatt Verbot und Strafe förderte sie das Verständnis für die Fehlhaltungen der SchülerInnen und die dahinter verborgenen Lebensleitlinien, um eine adäquate Hilfestellung durch die LehrerInnen überhaupt zu ermöglichen. Am neu geschaffenen Pädagogischen Institut der Stadt Wien hielt Adler von 1923 bis 1926 wöchentliche Vorlesungen zum Thema "Schwererziehbare Kinder". Bei den "Bezirksschullehrerkonferenzen" von 1921 bis 1932 wurden regelmäßig individualpsychologische Themen wie "Die Schulklasse - eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft" behandelt. Im Rahmen des Versuchsschulwesens zur Erprobung neuer Lehrmethoden wurde 1931 von der Stadt Wien eine individualpsychologische Hauptschule eröffnet. Eine ihrer Neuerungen war die Einführung der "Klassenbesprechungen".

Die neuen Schulpsychologen- und Erziehungsberatungsstellen wurden von individualpsychologisch ausgebildeten Ärzten und Pädagogen gemeinsam betrieben. Dieses Modell erregte weit über die Stadtgrenzen Wiens hinaus Aufsehen und fand bald Nachahmung in Deutschland und in der Schweiz. Selbst in Skandinavien wurden einzelne Aspekte der Glöckelschen Schulreform aufgegriffen. Ironischerweise sollten Austrofaschismus und Nationalsozialismus dazu führen, dass die Kernpunkte der Wiener Schulreform ihren Weg bis nach Großbritannien und in die USA fanden, propagierten doch jene Protagonisten der Reform, die dem Faschismus entkommen waren, ihre Lehre auch in ihren jeweiligen Gastländern.

Ende und Wirkung

Angesichts dieser grundlegenden Umwälzung war Glöckel den Reaktionären ein besonderer Dorn im Auge, und so kann es nicht verwundern, dass sie im Zuge der Ereignisse des Februar 1934 Otto Glöckel aus seinem Büro im Palais Epstein heraus verhafteten und umgehend ins Anhaltelager Wöllersdorf verbrachten, wo er ungeachtet seines angegriffenen Gesundheitszustandes monatelang festgehalten wurde. Erst der internationale Protest sorgte dafür, dass die Regierung ihn kurz vor Weihnachten 1934 freiließ.

Gleichwohl hat Glöckel die schwere Haft nicht lange überlebt. Gezeichnet von der mannigfachen Pein erlag er im Juli 1935, gerade einmal 61 Jahre alt, seinen Leiden. Seinem Begräbnis auf dem Meidlinger Friedhof folgten tausende Trauergäste, die damit gegen die Diktatur demonstrierten, aber auch unterstrichen, was ihnen das große Werk des Reformators bedeutet hatte. Nach dem zweiten Weltkrieg griff die Gemeinde Wien auf Glöckels Arbeiten umgehend wieder zurück, und in der Ära Kreisky wurden viele seiner innovativen Ansätze endlich auf Bundesebene umgesetzt. Glöckel ist damit auch heute noch hochaktuell, nicht zuletzt mit seiner grundlegenden Forderung nach Einführung einer einheitlichen Schule aller Sechs- bis Vierzehnjährigen.

Karl und Charlotte Bühler im "Mekka der Psychologie"

Das Palais Epstein war aber nicht nur Ausgangspunkt der Glöckelschen Schulreform, woran seit den 50er Jahren eine Gedenktafel erinnert. Hier arbeiteten von 1922/23 bis 1934 auch Karl und Charlotte Bühler; seit 1995 weist eine Gedenktafel darauf hin. Im engen Zusammenhang mit der Schulreform wurde hier ihr psychologisches Institut aufgebaut. Charlotte Bühler gilt als eine der wichtigsten Psychologinnen des 20. Jahrhunderts, ihre Bedeutung liegt auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychologie. Karl Bühler wird zwar vielfach als ihr in ihrem Schatten stehender Mann gesehen, hat aber auf dem Gebiet der Sprachtheorie Hervorragendes geleistet.

Am 27. Mai 1879 in Meckesheim (nahe Heidelberg) geboren, studierte Karl Bühler zunächst Medizin und war ab 1903 – nach Ablegung der Doktorprüfung – als Arzt und Assistent tätig. Zudem absolvierte er ein Psychologiestudium, das er 1906 ebenfalls mit der Promotion abschloss. Ab 1913 war Karl Bühler außerordentlicher Professor in München. In dieser Zeit lernte er Charlotte Malachowski kennen, die 1915 im Zuge ihrer Dissertation über Denkprozesse nach München gekommen war und die Vorlesungen von Edmund Husserl, aber auch von Karl Bühlers Chef Oswald Külpe besuchte und nach Bühlers Veröffentlichungen diesen auch persönlich kennenlernte. 1916 heirateten die 22jähige Studentin und der 37jährige Professor, und ab dieser Zeit verliefen Leben und Denken der beiden parallel. In ihrer Wohnung in Schwabing stellten sie selbst die Schreibtische nebeneinander.

Charlotte Bühler wurde am 20. Dezember 1893 in Berlin als älteres von zwei Kindern einer jüdischen Intellektuellen- und Architektenfamilie geboren. Dieser Hintergrund machte es auch möglich, dass die junge Charlotte Malachowski das Gymnasium und die Universität besuchen konnte. Nach ihrer Promotion – summa cum laude – zum Doktor ("Doktorin" gab es damals nicht!) der Philosophie in München im Jahr 1918 wandte sich Charlotte Bühler der Psychologie zu, um sich nur zwei Jahre später zu habilitieren.

Seit 1918 in Dresden, Karl Bühler als Psychologie-Professor an der Technischen Hochschule, Charlotte Bühler als Privatdozentin ebendort, kam das Paar 1922 nach Wien, damals eine Art Konzentrationspunkt des Weltgeistes und nicht zuletzt der Psychologie; zu letzterer sollten Charlotte und Karl Bühler wichtige Beiträge leisten. Sigmund Freud hatte hier die Psychoanalyse entwickelt, viele seiner bahnbrechenden Werke waren bereits Klassiker (z.B. Traumdeutung – 1900; Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie – 1905; Totem und Tabu – 1913; Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse – 1917), weitere sollten folgen (Das Ich und das Es – 1923; Das Unbehagen in der Kultur – 1930). 1920 war Alfred Adlers Praxis und Theorie der Individualpsychologie erschienen. Robert Musil arbeitete am "Mann ohne Eigenschaften", dessen erste beide Teile Anfang der 30er Jahre erscheinen sollten. Charlotte Bühler hatte sich bereits in Dresden, 1921, mit der Veröffentlichung ihres Werks "Das Seelenleben des Jugendlichen" einen Namen gemacht und für Wien empfohlen. Bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten arbeitete das Ehepaar in Wien – und das Jahr 1938 war eine brutale und furchtbare Zäsur, nach der nicht allein die österreichische und Wiener Welt eine andere war.

Karl Bühler war in Wien Professor für Psychologie und Leiter des Psychologischen Instituts – zu jener Zeit eine der modernsten Einrichtungen dieser Art in der ganzen Welt. Der Stadt Wien war daran gelegen, dass ihre Schulreform auf der Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse erfolgen sollte, und die beiden Gelehrten widmeten sich ihrer Aufgabe mit aller Kraft, unterbrochen nur von Forschungsaufenthalten in den USA. Charlotte Bühler trieb ihre jugendpsychologischen Forschungen voran und wertete Tagebücher von Jugendlichen aus, entwickelte – zusammen mit Hildegard Hetzer und Lotte Schenk – Kleinkindertests, die bis heute verwendet werden.

Charlotte Bühler war beruflich gerade in London, als Österreich an Nazi-Deutschland angeschlossen wurde. Karl Bühler wurde am 23. März von der GESTAPO verhaftet und im April von der Universität entfernt; man warf ihm Philosemitismus und Unterstützung des Schuschnigg-Regimes vor. Es gelang seiner Frau, ihn freizubekommen, und die Familie – das Paar hatte einen Sohn und eine Tochter – fand sich in Oslo im Exil wieder. Karl Bühler folgte einem Ruf in die USA, während Charlotte zunächst in Norwegen blieb und lehrte. Kurz bevor die Nazis Norwegen besetzten, folgte Charlotte Bühler ihrem Mann in die USA, wo sie eine Professur in Minnesota annahm.

Beide fühlten sich in den USA aber nicht wohl; Charlotte Bühler soll lange Zeit nur unter Tränen von Wien gesprochen haben. Karl Bühler vollendete in Amerika sein wissenschaftliches Werk, das in seiner Ernstnahme der Rolle biologischer Prozesse für die Funktionsweise des menschlichen Gehirns seiner Zeit ebenso voraus war wie in der Erkenntnis der Kreativität des menschlichen Denkens. Charlotte Bühler wurde, zusammen mit Carl Rogers und Abraham Maslow, Mitbegründerin der humanistischen Psychologie.

Karl Bühler starb am 24. Oktober 1963 in Los Angeles. Charlotte Bühler kehrte 1971 nach Europa – zu ihrem Sohn Rolf Dietrich Bühler nach Stuttgart – zurück, wo sie am 3. Februar 1974 starb.

(Fotos: Parlamentsdirektion)

(Schluss)

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