Suche

Seite 'PK-Nr. 378 /2009' teilen



Copy to Clipboard Facebook Twitter WhatsApp E-Mail
Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Parlamentskorrespondenz Nr. 378 vom 05.05.2009

Themenfelder:
Parlament allgemein
Sachbereich:
Festsitzungen, Gedenkveranstaltungen, Porträts von Mandataren
Stichworte:
Parlament/Gedenkveranstaltung/Neugebauer

Fritz Neugebauer: Gedenken heißt Verpflichtung zum Handeln

Wortlaut der Rede bei der Gedenkveranstaltung im Parlament

Wien (PK) – Die Parlamentskorrespondenz dokumentiert den Wortlaut der Rede, die der Zweite Präsident des Nationalrats, Fritz Neugebauer, bei der Gedenkveranstaltung im Parlament gehalten hat.

Das heutige Beisammensein ist von zwei wesentlichen Elementen geprägt: Einerseits vom Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, andererseits von der Botschaft für Gegenwart und Zukunft als klare Absage an Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der 5. Mai bietet dazu die beiden historischen Anknüpfungspunkte: Am 5. Mai 1945 sind die ersten amerikanischen Einheiten im Konzentrationslager Mauthausen eingetroffen, am 5. Mai 1949 haben in London 10 Staaten den Europarat und damit die zentrale europäische Institution für den Schutz der Menschenrechte gegründet.

Seit 1998 kommen am 5. Mai auf Grund einer Entschließung des Nationalrates Vertreter der obersten Organe der Republik, Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften, Repräsentantinnen und Repräsentanten von Religionsgemeinschaften und Opferverbänden sowie Organisationen der Zivilgesellschaft zusammen, um den Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus zu begehen.

Heute ist nicht irgendein Jahrestag, er ist mit Sicherheit der erste und wichtigste unter den Gedenktagen, den die Republik begeht. Es ist die Schärfung der Erinnerung an DIE Katastrophe europäischer Menschheitsgeschichte, die, wie Erika Weinzierl formulierte, den "Einbruch der Unmenschlichkeit in die zivilisierte Welt" bedeutete.

"Die kaltblütige, willkürliche und systematische Vernichtung von Millionen hilfloser Zivilisten ... ist eine Geschichte, für die uns die Worte fehlen.... Diese Taten übersteigen jedes Maß, sie spotten jeder Beschreibung, ihre Einzelheiten machen uns sprachlos." - Diese Aussage seitens des Anklägers im Eichmann-Prozess Gideon Hausner ist aus der Unmittelbarkeit des Erlebten nachvollziehbar, aber Sprachlosigkeit ist keine Methode, den Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begegnen.

Seien wir uns der Gefahr bewusst: Erinnerungen – auch an Gräueltaten - werden schwächer, verblassen mit der Zeit und irgendwann merkt man, dass man damit leben kann. Das ist die wirkliche Gefahr! Es war daher richtig, dass Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky deutliche Worte der Mitschuld vieler Österreicher an der Shoa anlässlich seines Besuches 1993 in Jerusalem gesprochen hat, so wie es auch wichtig und richtig war, dass Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel die Initiative für die Einrichtung des Allgemeinen Entschädigungsfonds und des Versöhnungsfonds gesetzt hat.

Gedenken bedeutet die Verpflichtung, Zeugnis abzulegen. Viele, die heute mit uns diese Stunde begehen, haben es übernommen, "Zeugen von Zeugen" zu sein, wie dies Elie Wiesel so prägnant genannt hat.

Gedenken bringt eine ganz konkrete und zukunftsgerichtete Verantwortung mit sich, die Verantwortung für Bildung und Erziehung. Niemand wird als Verteidiger der Menschenrechte geboren. Es sind die Vorbilder, die wirken. Der Umgang der Erwachsenen mit der Aufarbeitung unterschiedlicher Standpunkte ohne Gewalt und ohne Diffamierung – in Wort und Schrift - prägt beispielgebend die heranwachsende Generation. Der Satz: "Der Friede beginnt im eigenen Haus" hat volle Gültigkeit.

Die Forderung von Erziehung zu mündigen Bürgern lautet deshalb: Erziehung zur Kritikfähigkeit, Erziehung zu gegenseitigem Respekt und Erziehung zur Mitverantwortung.

Diese Mitverantwortung hat mit der Gründung des Europarates ein klares Zeichen für Menschenrechte gesetzt und ist Ausdruck des Ringens um Antworten auf das, was Europa in seine dunkle Zeit geführt hat.

Die Europäische Menschenrechtskonvention ist die Antwort auf die vollkommene Entrechtung von Millionen Menschen, die keine Rechtsordnung zu ihrem Schutz anrufen konnten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist zu ihrem Garanten geworden und hat Vorbildwirkung in der ganzen Welt entfaltet.

Seien wir uns bewusst: Gedenken ist mehr als Erinnerung. Gedenken heißt Verpflichtung zum Handeln. Gedenken heißt Aufbegehren gegen Gleichgültigkeit. Menschenrechte müssen täglich neu gelebt, neu erkämpft werden. Und als Christ füge ich hinzu: Der erste Schritt zur Wahrung der Menschenrechte ist die Nächstenliebe.

HINWEIS: Fotos von der Gedenkveranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im Fotoalbum: www.parlament.gv.at

(Schluss Wortlaut Neugebauer/Forts. Reisenberger)