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Parlamentskorrespondenz Nr. 144 vom 01.03.2012

Themenfelder:
Bildung
Sachbereich:
Ausschusssitzungen des Nationalrats
Stichworte:
Unterrichtsausschuss/Neue Mittelschule

Neue Mittelschule wird Regelschule, Hauptschule läuft 2018/19 aus

Historische Reform, richtiger Schritt oder ideologisches Projekt?

Wien (PK) – Die "Neue Mittelschule" – derzeit noch Schulversuch – tritt ab dem Schuljahr 2012/13 schrittweise bis 2018/19 an die Stelle der Hauptschule. Die neuen Schulen werden individuelle Förderungen, Unterricht in Schülergruppen und Teamteaching anbieten. Organisation und Übertritt in andere Schularten regelt eine SchOG-Novelle, Unterricht und Leistungsbeurteilung eine SchUG-Novelle – die Zustimmung zum Regierungsentwurf inklusive Abänderungen erfolgte im Unterrichtsausschuss mit der Mehrheit der Regierungsparteien unter Berücksichtigung von S-V-Abänderungsanträgen mit der Verankerung des Pflichtfachs "Ernährung und Haushalt" ( 1631 d.B.), womit ein diesbezügliches Verlangen des BZÖ ( 1804/A [E]) miterledigt wurde, das auf gesundheitliche Probleme der SchülerInnen infolge falscher Ernährung reagieren wollte. Der Antrag der Grünen für eine "wirklich neue Mittelschule" mit Unterricht auf Basis des AHS-Unterstufenlehrplans ( 1762/A [E]) blieb ebenso in der Minderheit wie ein G-Abänderungsantrag auf Fortsetzung bestehender NMS-Schulversuche und ein BZÖ-Abänderungsantrag zugunsten des Werkunterrichts. Im weiteren Verlauf der Ausschusssitzung beantragte die FPÖ, mehr Personal zur Unterstützung behinderter Schüler einzusetzen, dieser Antrag wurde dem Unterausschuss zugewiesen. Vertagt wurden FPÖ-Anträge auf bessere Bildungsangebote für islamische Mädchen und auf Begleitung von Kindern auf dem Schulweg durch Erwachsene. 

Neue Mittelschule ersetzt Hauptschule schrittweise bis 2018

Abgeordneter Elmar Mayer (S) sah die Übernahme der Neuen Mittelschule aus dem Schulversuch in das Regelschulwesen als einen historischen und entscheidenden Reformschritt, mit dem erstmals seit 50 Jahren ein neuer Schultyp mit neuen pädagogischen Inhalten geschaffen werde. Die Neue Mittelschule - für die 230 Mio. € zusätzlich zur Verfügung stehen - werde die Kluft zwischen AHS und Hauptschule verringern, zeigte sich Mayer überzeugt, merkte aber zugleich an, dass für ihn damit der Zug zur gemeinsamen Schule der 10 bis 14-Jährigen keineswegs abgefahren sei. Die Übernahme der Neuen Mittelschule in das Regelschulwesen sei vielmehr ein Schritt in diese Richtung. Zwei Abänderungsanträge der Koalitionsparteien, die Abgeordneter Mayer vorlegte, enthalten formale Korrekturen, Anpassungen und Klarstellungen, eine – letztlich mit S-V-G-B-Mehrheit getroffene -   Ausschussfeststellung zielt auf die Absicherung der sechs zusätzlichen Unterrichtsstunden für die Neue Mittelschule auch im Regelschulsystem.   

Abgeordneter Werner Amon (V) sprach ebenfalls von einem beachtlichen schulreformatorischen Schritt, der eine neue Art der Pädagogik und individuelle Förderungsmöglichkeiten statt der bisherigen Leistungsgruppen bringe, ohne das Leistungsprinzip außer Kraft zu setzen. Das ist eine ordentliche Schulreform, die breite Zustimmung finden sollte, führte Amon aus.

Abgeordneter Harald Walser (G) lehnte das Gesetzespaket hingegen ab und warnte vor einer "fatalen Fehlentwicklung". Die Neue Mittelschule widerspreche dem, was SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern versprochen wurde, weil die SPÖ vor der ÖVP "in die Knie gegangen" sei, formulierte Walser. Diese Schule bringe, wenn man von den sechs zusätzlichen Unterrichtsstunden absehe, einen Rückschritt gegenüber der Hauptschule, kritisierte Walser und plädierte dafür, die Stärken der Hauptschule, etwa die Förderung der manuellen Fähigkeiten der Kinder, zu erhalten. Die den Eltern und SchülerInnen in Aussicht gestellte Gleichstellung mit der AHS komme nicht, das wesentliche Problem bestehe im Unterschied zwischen den Lehrplänen der Neuen Mittelschule und der AHS Unterstufe, was den Übertritt aus einer Neuen Mittelschule in eine AHS-Unterstufe erschwere. "So schaut die Schule des 21. Jahrhunderts nicht aus", sagte Walser. Um Härten für bestehende NMS-Schulversuche zu vermeiden, brachte Walser einen Abänderungsantrag ein, der die Fortsetzung der Schulversuche bis zur achten Schulstufe ermöglicht, blieb damit aber in der Minderheit.

Abgeordnete Anna Franz (V) entgegnete Walser mit dem Hinweis darauf, dass das gute Modell der Neuen Mittelschule auch für die notwendige Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schultypen sorge. Froh zeigte sich die Rednerin über den neuen Pflichtgegenstand "Ernährung und Haushalt", da zu viele Kinder unter Übergewicht und Diabetes leiden.

Abgeordnete Ursula Haubner (B) sah ebenfalls kein "Jahrhundertwerk", sondern einen Kompromiss zwischen SPÖ und ÖVP und unterstützte den Abänderungsantrag der Grünen. Haubner sah aber auch positive Elemente, etwa die stärkere Einbindung der Eltern und die Ergänzung der Leistungsbeurteilung um eine schriftliche Beurteilung, zudem stimmte sie auch der Ausschussfeststellung zur Aufrechterhaltung der sechs zusätzlichen Unterrichtseinheiten zu. Das Problem der unterschiedlichen Bezahlung von AHS-Lehrern und Hauptsschullehrern sollte rasch gelöst werden, verlangte Haubner und deponierte den Unmut vieler SchülerInnen und LehrerInnen an der Überschreitung der oftmaligen Klassenhöchstschülerzahl von 25.

Abgeordneter Walter Rosenkranz (F) räumte ein, dass man von einer Schulreform sprechen könne, gab aber zu bedenken, dass viele Lehrer, Eltern und Schüler das Angebot der Neuen Mittelschule gar nicht wollten und wandte sich gegen das "ideologische Projekt der SPÖ", eine gemeinsame Ganztagsschule zu schaffen. Man hätte die Evaluierung des Schulversuchs Neue Mittelschule abwarten sollen, statt sich darauf zu verlassen, dass dieses Modell "schon funktionieren" werde.

Abgeordneter Elmar Mayer (S) zeigte sich enttäuscht wegen der aus seiner Sicht kleinlichen Kritik der Opposition und argumentierte in seiner Replik mit der zu erwartenden neuen Unterrichtskultur in der Neuen Mittelschule und der besseren Chancengleichheit für die Kinder für die Reform.

Abgeordneter Franz Riepl (S) sprach von einer Verbesserung des Bildungssystems, die das derzeit Machbare bringe, ohne zu verschweigen, dass man auch darüber hinaus gehende Wünsche haben könne. Der erreichte Fortschritt rufe bei Eltern und Lehrern positive Reaktionen hervor, sagte Riepl, der insbesondere auch die Zusammenarbeit von Hauptschullehrern und AHS-Lehrern in einer Schule als einen Fortschritt sah.

Abgeordnete Katharina Cortolezzis-Schlager (V) setzte auf eine ergebnisorientierte Schulautonomie und richtete die Bitte an die Unterrichtsministerin, die Entwicklung der Neuen Mittelschule wissenschaftlich zu begleiten und deren Ergebnisse zu evaluieren.

Abgeordneter Stefan Petzner (B) unterstrich das Eintreten des BZÖ für die Neue Mittelschule und für eine gemeinsame Schule der 10 bis 14-Jährigen. Am vorliegenden Kompromiss von SPÖ und ÖVP sei die Einbeziehung der Erziehungsberechtigten positiv, die Reform bringe insgesamt Schritte in die richtige Richtung und eine Modernisierung, die Neue Mittelschule bleibe als "Mischform" aber unvollendet, weitere Reformschritte müssen folgen, sagte Petzner, der eine teilweise Zustimmung seiner Fraktion im Plenum ankündigte.

Abgeordneter Werner Amon (V) wies darauf hin, dass sich die vorliegende Reform an den Ergebnissen der Schulversuche orientiere und unterstrich das Anliegen, jedem Schüler der Neuen Mittelschule die Möglichkeit zu geben, die Ziele des AHS-Lehrplans erreichen zu können.

Auch Bundesministerin Claudia Schmied sprach von einem guten bildungspolitischen Schritt, dem weitere folgen sollen. Mit der Neuen Mittelschule sei auf der Sekundarstufe etwas in Bewegung gekommen, das positive Resonanz hervorrufe. Wichtig sei es, die Ressourcen zu sichern, die die Neue Mittelschule für ihre Entwicklung brauche, sagte die Ressortleiterin. Diese Ressourcen seien im Rahmen der mittelfristigen Budgetplanung gesichert, sagte Schmied. Auch werden keinerlei Ressourcen aus den AHS abgezogen, hielt die Ministerin fest. Die Verordnung für die Lehrpläne der Neuen Mittelschule, die dem Realgymnasium entsprechen, gehen demnächst in Begutachtung, kündigte die Ministerin an, die sich unglücklich über die Anträge der Opposition zeigte und erklärte, dass beim textilen und technischen Werken keinerlei Stundenkürzungen vorgesehen seien. Die bestehenden Modellversuche zur Neuen Mittelschule können weitergeführt werden, sicherte die Ministerin zu. Der gemeinsame Einsatz unterschiedlicher Lehrer und deren gemeinsame Fortbildung sah die Ministerin als vorteilhaft an und kündigte die Lösung des Problems der unterschiedlichen Bezahlung im Rahmen des neuen Dienst- und Besoldungsrechts an. Auch werde die Neue Mittelschule weiter evaluiert und wissenschaftlich begleitet. Eltern- Lehrer- Schülergespräche werden positiv aufgenommen, berichtete die Ministerin, die sich nachdrücklich zur stärkeren individuellen Förderung der Schüler bekennt.

FPÖ drängt auf mehr Stunden für sonderpädagogischen Förderbedarf

Für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf stehen an Integrationsschulen zu wenige LehrerInnen zur Verfügung, klagte in der Ausschussdebatte FPÖ-Abgeordneter Walter Rosenkranz und verlangte in einem Entschließungsantrag seiner Fraktion ( 1231/A(E)) einen realistischeren und bedarfsgerechteren Zuteilungsschlüssel sowie eine Anpassung des geltenden Berechnungsmodells für personelle Ressourcen, wobei die FPÖ auch den Einsatz von Kräften außerhalb des Lehrpersonals vorschlägt. – Der Antrag wurde nach positiven Wortmeldungen von Seiten aller Fraktionen auf Vorschlag des Abgeordneten Werner Amon (V) dem Unterausschuss zur baldigen und ausführlichen Diskussion unter Beiziehung von Experten einstimmig zugewiesen.   

Abgeordnete Gartelgruber für bessere Ausbildung islamischer Mädchen 

Auf die spezifische Ausbildungsprobleme islamischer Mädchen will FPÖ-Abgeordnete Carmen Gartelgruber gezielter eingehen. Sie verlangte die Aufnahme des Religionsbekenntnisses der SchülerInnen in die Bildungsdokumentation und eine Ausbildungsdatenbank, die den Ausbildungsweg über das nach Ende der Pflichtschule hinaus dokumentiert. Dazu kommen spezielle Bildungs-, Berufs– und Integrationsberatungsangebote für moslemische Mädchen und deren Eltern ( 544/A[E]). - Dieser Antrag wurde nach ablehnenden Wortmeldungen der Abgeordneten Harald Walser (G) und Stefan Petzner (B), die sich entschieden dagegen wandten, das Religionsbekenntnis zu einem zentralen Erhebungsmerkmal der Bildungsdokumentation zu machen und vor einer Spaltung der Gesellschaft und der Stigmatisierung von Menschen mit bestimmten Religionsbekenntnissen warnten, auf Vorschlag des Abgeordneten Josef Auer (S) mit S-V-Mehrheit vertagt. Abgeordneter Werner Amon (V) riet dazu, die mit dem Antrag angesprochenen Probleme ernst nehmen und verwies dabei auf die Vorbereitung integrationsfördernder Maßnahmen durch die Unterrichtsministerin und den Integrationsstaatssekretär.

Kinder auf dem Schulweg: FPÖ für Pilotprojekt "Pedibus"   

FPÖ-Abgeordnete Edith Mühlberghuber erläuterte ihren Abgeordnetenkollegen im Unterrichtsausschuss das Schweizer Projekt "Pedibus": Schulkinder legen ihren Schulweg in Begleitung von Erwachsenen zu Fuß zurück, lernen Straßenverkehrsregeln und verbessern zugleich ihr Sozialverhalten ( 966/A(E)). - Auch dieser Antrag wurde mit der Mehrheit der Koalitionsparteien vertagt, nachdem sich Abgeordneter Werner Amon (V) dafür ausgesprochen hatte, zu erheben, welche Projekte nach diesem Schweizer Vorbild in Österreich bereits bestehen. (Schluss)