LETZTES UPDATE: 25.05.2016; 15:57
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Parlamentskorrespondenz Nr. 566 vom 25.05.2016

Themenfelder:
Wirtschaft/Soziales
Format:
Parlamentarische Materialien
Stichworte:
Nationalrat/Berichte/Tourismus

Heimischer Tourismus trotzt lauer Konjunktur

Tourismusbericht 2015: Neuer Rekordstand bei Nächtigungen, Rückgang bei verstärkten Grenzkontrollen befürchtet

Wien (PK) - Österreichs Tourismusbetriebe haben im Vorjahr alle Erwartungen übertroffen. Mit 135,2 Millionen Nächtigungen wurde 2015 ein neuer Rekord erzielt. Die realen Ausgaben von ausländischen TouristInnen im Land rangierten mit 38,4 Millionen Euro ebenfalls auf einem Höchststand - trotz der "eher mäßigen konjunkturellen Erholung im Euro-Raum", heißt es im Tourismusbericht zum vergangenen Jahr ( III-268 d.B.). Ohne die gestiegenen Umsätze gleich mit einer Gewinnsteigerung gleichsetzen zu wollen, betont Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, der Tourismus habe einmal mehr bewiesen, ein "starker Konjunkturmotor, der Wachstum und Arbeitsplätze im Land sichert", zu sein. Weiterhin als große Herausforderung bezeichnet Mitterlehner aber den Herkunftsmarkt Russland. 2017 habe man daher gemeinsam mit russischen Partnern als das "Österreichisch-Russische Tourismusjahr" ausgerufen, um bei einer Reihe von Veranstaltungen die Beziehungen zu verbessern.

Bei aller positiven Einschätzung der Tourismusentwicklung nennt der Bericht doch konkrete Gefahren für den Aufschwung, darunter verstärkte Grenzkontrollen im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik bzw. das Außerkraftsetzen des Schengenraums. Nicht nur habe dies Einfluss auf die Reiserouten, auch die Nachfrage nach touristischen Angeboten sinke aufgrund gesamtwirtschaftlicher Effekte infolge der Einschränkung des Freihandels.

Trendwende bei Nächtigungen

Durch den Anstieg bei Tourismusexporten und Einnahmen im Binnenreiseverkehr wuchs der touristische Gesamtumsatz 2015 um real 3,7% (nominell 5,6%) auf 21.5 Mio.€. Der Rückstand zum Höchstwert 2008 habe sich auf 4,8% verringert, wird im Bericht die Situation der Tourismuswirtschaft beschrieben. Im EU-Vergleich konnten außerdem Marktanteilsgewinne verzeichnet werden. Verglichen mit 42 Ländern weltweit verkleinerte sich der Marktanteil (MA) bei den nominellen Tourismusexporten zwar auf 2,27% (-3,8% Rückgang), doch wurden erstmals seit dem Rezessionsjahr 2009 reale Gewinne verbucht (MA +1,2% gegenüber 2014).

Der Nächtigungszuwachs von insgesamt +2,5% wird auf die überdurchschnittlich starke Nachfrage durch Gäste aus dem Inland und benachbarten Herkunftsländern zurückgeführt. Allerdings entwickelte sich nach dem -1,2% Rückgang 2014 auch bei Personen aus entfernteren Gebieten die Buchungslage positiv (+2,2%): Spitzenreiter hier waren Gäste aus China (+41,1%), aus arabischen Ländern in Asien (+36,5%) und aus den USA (+12,3%). Den höchsten relativen Nächtigungsrückgang  gab es mit -34% bei russischen Reisenden. Generell wird eine verstärkte Internationalisierung am Reisemarkt beobachtet, weswegen das Wirtschaftsressort laut Bundesminister Mitterlehner die Österreich Werbung (ÖW) mit einem Sonderbudget von vier Millionen Euro bei Marketingaktivitäten in Fernmärkten unterstützt. Die Wirtschaftskammer will ebenfalls 600.000 € beisteuern. Das Gesamtbudget der ÖW, gespeist aus Beiträgen von Wirtschaftsministerium und Wirtschaftskammer, betrug 2015 50 Mio.€.

Der Euro-Raum wird dennoch als der wichtigste Herkunftsmarkt für die heimische Tourismuswirtschaft gesehen. Angesichts der schwächelnden Konjunktur wird hier dieses und nächstes Jahr kein Wirtschaftswachstum über 1,5% angenommen; ähnlich verhält es sich mit den Wachstumsprognosen für Deutschland und Österreich. Die Mittel- und osteuropäische Staaten Tschechische Republik, Ungarn, Polen, Slowakei und Slowenien punkten nach Expertenmeinung als einzige in der Europäischen Union mit befriedigenden Wachstumsraten von jeweils 3%. Gemessen an den Nächtigungszahlen nahm Deutschland 2015 mit über 50 Millionen den ersten Platz ein. An zweite Stelle traten österreichische UrlauberInnen mit insgesamt 36 Mio. Nächtigungen, Platz drei ging an die Niederlande (9 Mio.), gefolgt von der Schweiz, dem Vereinigten Königreich, Italien, Belgien, Tschechien, Russland und Frankreich.

Volkswirtschaft braucht Tourismusgewerbe

Zur zahlenmäßigen Erfassung des Tourismus in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung erstellen Statistik Austria und Wirtschaftsforschungsinstitut seit 2002 das sogenannte Tourismus-Satellitenkonto, das überdies Prognosen für Jahre ohne schon erfasste Daten beinhaltet. Demnach wird für 2015 mit einer deutlichen Zunahme der direkten Tourismuswertschöpfung um 5,1% gerechnet, womit der Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei 5,5% liegen dürfte. Für 2016 wird ein BIP-Anteil von 5,4 erwartet. Gemeinsam mit der indirekten Tourismuswertschöpfung (nicht-tourismusspezifische Waren und Dienstleistungen) kommen die Schätzungen in beiden Jahren sogar auf 7% des BIP.

Abgesehen von einem verlangsamten Wachstum der Weltwirtschaft würden verstärkte Grenzkontrollen über einen längeren Zeitraum als Folge der Flüchtlingsbewegungen den Tourismus am meisten negativ beeinflussen, mahnen die Experten von Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO), Statistik Austria und der Tourismusschule MODUL. Die Behinderung des Warenverkehrs bewirke nämlich Kostensteigerungen und Einkommenseinbußen, die wieder vom Reisen abhielten.

Spartourismus und Luxushotellerie

Zur Angebotsfrage wird im Tourismusbericht bemerkt, schon seit längerem sei ein rückläufiger Trend beim realen Aufwand je Nächtigung zu beobachten, woraus sich der Schluss ergibt, immer mehr Reisende würden aus Spargründen zum Billigurlaub tendieren. Ungeachtet dieser qualitativen Verminderung der touristischen Nachfrage weist das Top-Segment der heimischen Hotellerie (5/4-Sterne) dem Bericht zufolge einen stetigen Zuwachs im Bettenangebot aus und beansprucht mit 56,3% innerhalb der Hotelkategorien den größten Marktanteil, was wiederum mit einer "Tendenz zur Wahl höherwertiger Quartiere" erklärt wird. Niedrigpreisige Beherbergungsbetriebe (2/1-Sterne) registrierten im letzten Jahr erstmals seit 2000 wieder leichte Zuwächse, Rückgänge verzeichneten 2015 erneut die 3-Sterne-Hotels. Für mehr touristisches Wachstum empfehlen die Fachleute, neben einer qualitätsgetriebenen Steigerung des realen Aufwands je Nächtigung auch, den Rückgang bei der Aufenthaltsdauer abzubremsen. Gegenüber 2014 sank die Zahl der Übernachtungen pro Unterkunft um 2,3% auf 3,4; 1990 betrug der entsprechende Durchschnittswert noch 4,9 Nächtigungen. Vor allem Gäste aus weit entfernten Ländern wie China bleiben eher kurz an einem Ort.

Individualisiertes Reisen: Privatunterkünfte und Buchungsplattformen

Der Wettbewerb intensiviert sich nicht nur zwischen den gewerblichen Unterkünften, Privatunterkünfte wie AirBnB, Wimdu oder 9flats mischen auch immer kräftiger im Tourismusmarkt mit, wodurch neue Zielgruppen erreicht werden. Anders als Hotels oder Pensionen sind diese Unterkunftgeber aber nicht mit gesetzlichen Vorschriften, Auflagen und Prüfpflichten zur Unterbringung von UrlauberInnen konfrontiert. Um Wettbewerbsverzerrungen vorzubeugen, unterliegt die private Zimmervermietung in Österreich dennoch klaren Regeln. Die direkte Vermittlung und Kontrolle dieser Rechts- und Steuervorschriften gestaltet sich allerdings häufig schwierig, heißt es im Bericht.

Nicht einfach findet die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) auch den Umgang mit Buchungsplattformen wie Booking.com. Infolge von Zugeständnissen der Plattformen, die aus BWB-Sicht für mehr Dispositionsfreiheit der Unternehmen bei Preisgestaltung und Zimmervergabe sorgen sollten, hält die Behörde vorerst keine weiteren Maßnahmen für notwendig (siehe auch Parlamentskorrespondenz Nr. 207/2016). Sie räumt aber ein, die Situation in Europa sei uneinheitlich, das hätten in Deutschland und Frankreich die Verbote von Bestpreisklauseln, wie sie von Buchungsplattformen gerne eingefordert werden, gezeigt. Die Österreichische Hotelliervereinigung (ÖHV) und die Wirtschaftskammer wollen zum einen den Gang zum Kartellgericht prüfen, zum anderen beschäftigen sich ÖHV und WKO intensiv damit, innovative Antworten auf die Frage der individualisierten Beherbergung zu finden.

Wien weiterhin Marktführer

Bis auf das Burgenland, wo der Tourismus im Vorjahr stagnierte, verlief die Nächtigungsentwicklung in allen Bundesländern positiv. Wien, die Steiermark, Oberösterreich und Salzburg gewannen sogar Marktanteile. Die Bundeshauptstadt konnte dank eines jährlichen 4,2%-Wachstums seit dem Jahr 2000 ihren Anteil am gesamtösterreichischen Nächtigungsvolumen überhaupt auf 10,6% erhöhen. Leichte Verluste beim Marktanteil mussten dagegen Kärnten (MA 9,01%) und Tirol (MA 1,8%) hinnehmen. Insgesamt zog es die meisten Urlauber ins dicht besiedelte Gebiet, wo es um 5,2% mehr Übernachtungen gab als 2014, während in den ländlichen Regionen die Steigerung mit 1,9% eher bescheiden ausfiel.

Branche hängt von ÖHT-Krediten ab

Die betriebliche Tourismusförderung des Bundes, die im Auftrag des Wirtschaftsministeriums (BMWFW) von der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT) abgewickelt wird, ist weiterhin die wichtigste Stütze im touristischen Förderwesen. Für günstige Kreditvergaben an Beherbergungsbetriebe wurden 2015 68 Mio. € bereitgestellt. Für das Jahr 2016 hat das Wirtschaftsressort der ÖHT fast 230 Mio. zur Vergabe zinsgünstiger Kreditmittel gewährt, zumal Unternehmen der Tourismusbranche bei gewöhnlicher Kreditfinanzierung immer noch mit einem Zinssatz von 3% belastet werden, obwohl der EZB-Leitzins zuletzt unter null lag.

Die Basisförderung durch Bund bzw. ÖHT bildet die Haftungsübernahme zur Besicherung von Investitionskrediten, da die Finanzierungsbereitschaft bei Banken wegen der regulatorischen Bestimmungen gemäß Basel III gebremst ist - trotz verbesserter Eigenkapitalquote in der Hotellerie bzw. einer erhöhten Bonität. Begrüßt werden in diesem Zusammenhang die zusätzlichen Impulse durch Mittel der Europäischen Investitionsbank, die über direkte Haftungen durch den Bund von der ÖHT mit einer Kreditfinanzierungsschwelle von 700.000 € sehr zinsgünstig angeboten werden. Dennoch erkennt die Tourismusbank eine Verlangsamung der Investitionstätigkeit; im Jahr 2015 habe sie gerade ausgereicht, die Abschreibungen zu ersetzen. Die meisten Aufwendungen dienten der Betriebsvergrößerung und der Qualitätsverbesserung.

Schwankende Nachfrage bestimmt Arbeitsmarkt im Tourismus

Die Tourismusbranche bildet die Entwicklung am österreichischen Arbeitsmarkt im Vergrößerungsglas ab: Einem Anstieg der unselbständig Beschäftigten auf 5,9% (+2,6%) stand im Vorjahr mit 12,5% eine kräftig erhöhte Arbeitslosenrate (+7,6%) gegenüber, erläutert das Sozialministerium im Bericht. 58% der insgesamt 202.943 Beschäftigten waren Frauen, als weiteres Charakteristikum im Beherbergungs- und Gaststättenwesen wird das niedrige Durchschnittsalter angegeben. Ausgiebig nutzt der österreichische Tourismus die Liberalisierung des europäischen Arbeitsmarkts - die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte hat um 6,5% zugenommen, während die Zahl von InländerInnen in der Branche um 0,4% abnahm. Im Steigen begriffen sei auch die geringfügige Beschäftigung.

Das Institut für Höhere Studien hält fest, aufgrund des Schwankens touristischer Nachfrage im Jahresverlauf würden sich automatisch die Beschäftigungsstände saisonal verändern. Im Rahmen der Kontingente zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs im Tourismus erhielten 2015 erneut Drittstaatenangehörige, KroatInnen und AsylwerberInnen befristete Beschäftigungsbewilligungen für offene Stellen; im Sommerkontingent standen 824 Plätze, im Winterkontingent 1.190 Plätze zur Verfügung. Der Jahresdurchschnittsbestand an sofort verfügbaren offenen Stellen im Tourismus lag bei 4.390. Für 469 Lehrstellensuchenden gab es 1.485 offene Lehrstellen. Wirtschaftsministerium, Arbeitsmarktservice, Bildungsinstitute und Wirtschaftskammer versuchen Jugendliche mit verschiedenen Initiativen zur Berufsorientierung den Tourismusbereich schmackhaft zu machen.

Zur Flexibilisierung der Arbeitszeit beschloss der Gesetzgeber letztes Jahr die kollektivvertragliche Möglichkeit der Ruhezeitverkürzung für Saisonbetriebe auf acht Stunden samt längeren Durchrechnungszeiten (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 1386/2015). (Schluss) rei